Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited Stand: 2007-04-05

Metzger, Martin, (1928-): Grundriß der Geschichte Israels. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 1988, 135-148.

7. Kapitel:  Unter der Macht Babylons

1. Das Ende des Staates Juda (605-587)

Quellen: Tagebuch der Könige Judas: 2Kön 24,1.2a.10-17; Notizen aus eigener Kenntnis des Deuteronomisten: 25,18-21.27-30; die »Baruchbiographie«: Jer 26. 36.27-29.37-45; 2Kön 25,1-12.22-26 geben einen Auszug aus der Baruchbiographie. - Der Prophet Ezechiel (Kap. 1-32 zumeist zwischen 593 und 587, ab Kap. 33,21ff zumeist nach 587); die Klagelieder. - Die Lachischbriefe: ANET S. 321-322; TGI² Nr. 45; Auszüge aus der babylonischen Chronik: TGI2 Nr. 44, und aus babylonischen Listen: TGI² Nr. 46.

Lit.: E. Janssen, Juda in der Exilszeit, 1956; A. Parrot, Babylon und das Alte Testament, 1957 (Bibel und Archäologie 111); H. Donner, Herrschergestalten in Israel, 1970, S. 96ff; A. Malamat, The Last Kings of Judah and the Fall of Jerusalem, IEJ 18, 1968, S. 137-156; M. Noth, Die Katastrophe von Jerusalem im Jahre 587 v. Chr., 1958 (Aufsätze zur biblischen Landes- und Altertumskunde I, S. 111-132).

Die Vorherrschaft Ägyptens über Palästina-Syrien war nur von kurzer Dauer. Nachdem Assur-uballits Versuch, Harran zurückzugewinnen, gescheitert war und damit die Assyrer endgültig aufgehört hatten, eine Rolle in der Politik der Großmächte zu spielen, einigten sich die Babylonier und Meder, die die Nachfolge des assyrischen Reiches antraten, über die Abgrenzung ihrer Einflußsphären. Den Medern wurde Ostkleinasien und das iranisch-armenische Hochland zugesprochen, den Babyloniern das ganze Zweistromland und die Vorherrschaft über Palästina-Syrien. Das mußte zu einer Auseinandersetzung zwischen Babyloniern und Ägyptern führen, da beide die Herrschaft über Palästina-Syrien beanspruchten. Die Entscheidung fiel im Frühsommer des Jahres 605, als die Ägypter bei Karkemisch am Eufrat von Nebukadnezzar, dem Kronprinzen von Babylon, der die Truppen an Stelle seines erkrankten Vaters führte, geschlagen und in der Provinz Hamat völlig aufgerieben wurden. Damit kam Palästina-Syrien unter babylonische Herrschaft. Jojakim von Juda wurde zum Vasallen Nebukadnezzars, der nach dem Tode seines Vaters am 15./16. August 605 den Thron bestieg und in den folgenden Jahren in verschiedenen kleineren Feldzügen damit beschäftigt war, seine Herrschaft in Syrien zu festigen. Nach drei Jahren kündigte Jojakim Ne- <136:> bukadnezzar die Vasallentreue, wahrscheinlich nach einer zweiten Schlacht zwischen Ägyptern und Babyloniern, die im Jahre 6o1/6oo vor den Toren Ägyptens stattfand und unentschieden verlief. Nebukadnezzar unternahm zunächst keine entscheidenden Schritte gegen Juda, er entbot lediglich babylonische, aramäische, moabitische und ammonitische Streifscharen zu geringfügigeren Störaktionen. Erst im Dezember 598/97, offenbar als die Nachricht vom Tode Jojakims eintraf, setzte Nebukadnezzar seine Truppen in Marsch mit dem Ziel, Jojachin, den Sohn und Nachfolger Jojakims, der die Politik der Unabhängigkeit von Babylon fortzusetzen gewillt war, abzusetzen, ehe er seine Herrschaft konsolidieren konnte. Nach kurzer Belagerungszeit und ohne nennenswerten Widerstand kapitulierte Jerusalem am 16. März 597 .

Um die Verhältnisse in Juda neu zu ordnen und ein Aufflackern des Widerstandes gegen Babylon zu verhindern, setzte Nebukadnezzar Jojachin ab und ließ ihn samt Familie und Hofstaat sowie die obersten Beamten, den Adel, die Facharbeiter (vor allem wohl Festungshandwerker) und die wehrfähigen Männer Jerusalems - nach Jer 52,28 insgesamt 3023 Personen - nach Babylon deportieren, erhob schweren Tribut aus dem Tempel- und Palastschatz und setzte Mattanja, den Onkel Jojachins, einen Sohn Joschijas, als König ein. Als <137:> Zeichen seines Verfügungsrechtes über den neu eingesetzten König änderte Nebukadnezzar den Namen Mattanja in Zidikija. Das alles bedeutet, daß Nebukadnezzar Juda zunächst nicht als Provinz dem Babylonischen Reich eingliederte, sondern als Vasallenstaat unter einem eigenen König bestehen ließ.

Zidikija hielt einige Jahre die Vasallentreue. Bald aber gewannen Kreise auf ihn Einfluß, die eine schnelle Wendung der Lage zugunsten Judas erhofften. Der Prophet Jeremia wurde als Verräter gebrandmarkt, als er vor einem Abfall von Babylon warnte und zur Unterwerfung unter den Willen Gottes und damit zur Treue gegenüber dem von Gott als Werkzeug benutzten König von Babylon aufrief (Jer 27-29). Unter dem Druck der öffentlichen Meinung und dem Einfluß seiner Ratgeber beging schließlich Zidikija, offenbar im Vertrauen auf ägyptische Hilfe, die Torheit, das Vasallenverhältnis zum König von Babylon zu kündigen. Nebukadnezzar beantwortete diesen Abfall durch einen Feldzug gegen Juda, der im 9. Regierungsjahr Zidikijas (589) begonnen wurde. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, besetzten die babylonischen Truppen in kurzer Zeit das gesamte Gebiet Judas. Dabei wurden, wie Ausgrabungen erkennen ließen, zahlreiche Siedlungen zerstört und Festungsanlagen geschleift. Außer Jerusalem vermochten die beiden Festungen Lachisch und Aseka den Angreifern am längsten zu trotzen (Jer 34,7). In einem der Tortürme von Lachisch wurden auf Tonscherben geschriebene Meldungen von Außenposten an den Festungskommandanten von Lachisch gefunden. Eine dieser Meldungen gibt Nachricht vom Fall der Festung Aseka: »Wir achten auf die Signalzeichen von Lachisch ... die (Zeichen) von Aseka sehen wir nicht (mehr).« Im Verlauf des Jahres 588 v. Chr. wurde Lachisch erobert und, wie der Ausgrabungsbefund zeigt, durch Brand zerstört.

Abb. 17 Ostrakon 2 von Lachisch.

Der Text lautet. »An meinen Herrn Ja'osch. Es möge hören lassen Jahwe meinen Herrn Friedensnachrichten Tag für Tag! Was ist dein Diener (wenn nicht) ein Hund, daß sich erinnerte mein Herrn seines Dienstes? Daß Jahwe offenbare dem ... eine Angelegenheit, die ich nicht kenne.«

 

Nur für kurze Zeit mußte Nebukadnezzar die Belagerung Jerusalems unterbrechen, um ein ägyptisches Heer, das Zidikija zu Hilfe eilte, zurückzuschlagen (Jer 37). Nach anderthalbjähriger Belagerung, als <138:> die Besatzung durch Hunger und Seuchen geschwächt war, gelang es den Babyloniern, am 29. Juli 587 eine Bresche in die Festungsmauer zu schlagen und in die Stadt einzudringen. Zidikija machte den Versuch, in das Ostjordanland zu entkommen, wurde aber von den Babyloniern bei Jericho gefangengenommen und nach Ribla in Syrien, wo sich Nebukadnezzar aufhielt, gebracht. Vor den Augen Zidikijas ließ Nebukadnezzar dessen Söhne hinrichten, Zidikija ließ er blenden und gefangen nach Babylon führen. Etwa einen Monat nach der Eroberung Jerusalems zerstörten die Babylonier, offenbar auf Befehl Nebukadnezzars, den Königspalast und andere Großbauten Jerusalems durch Brand und schleiften die Befestigungsanlagen. Beim Brand des Tempels wurde höchstwahrscheinlich auch die Bundeslade, das alte Heiligtum des Zwölfstämmeverbandes, vernichtet. Auf alle Fälle wird sie später nie mehr erwähnt. Mit der Zerstörung des Tempels wollte Nebukadnezzar alle Hoffnungen, die sich an das Heiligtum hätten knüpfen und zu neuen Aufständen führen können, zunichte machen.

Unter der Bevölkerung nahmen die Babylonier eine soziale Umschichtung vor. Die Angehörigen der Oberschicht und des Adels, die nach der Deportation von 597 noch im Lande verblieben waren (nach Jer 52,29 handelt es sich dabei um 832 Personen), wurden nach Babylon verbannt. Eine weitere Deportation von 745 Personen erfolgte im Jahre 582 (Jer 52,30), so daß die Zahl der nach Babylon Deportierten insgesamt 46oo betrug. Im Lande verblieben vor allem die unteren Schichten der Landbevölkerung. Dabei ist anzunehmen, daß die Babylonier die Bevölkerung, die keinen Grundbesitz hatte, mit dem Besitztum des deportierten Landadels belehnten. Die Deportation der Oberschicht bedeutete für Juda zweifellos einen empfindlichen Verlust. Zahlenmäßig handelte es sich dabei jedoch nur um einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung. Die große Masse des Volkes, vor allem die unteren Schichten der Landbevölkerung, verblieb im Lande. Eine Anzahl von Priestern, Offizieren und Hofbeamten sowie 60 Angehörige des Landadels ließ Nebukadnezzar in Ribla hinrichten, weil er in diesem Personenkreis offenbar die treibenden Kräfte einer Unabhängigkeitsbewegung Judas und somit die Hauptverantwortlichen für den Abfall Judas von Babylon sah. All diese Maßnahmen ergriff Nebukadnezzar, um ein Wiederaufflackern des Aufstandes gegen Babylon in Juda künftig unmöglich zu machen.

Aus Sach 7,2 und 8,19 geht hervor, daß man in der Exilszeit mehrere Male im Jahr an bestimmten Terminen zu Klagefeiern zusammenkam. Sie waren mit Fasten verbunden und fanden aller Wahrscheinlichkeit nach vor den Trümmern des zerstörten Heiligtums statt. Einen erschütternden Einblick in die Verhältnisse unmittelbar nach der Katastrophe von 587 bieten die Klagelieder, in denen uns die Liturgie jener Klagefeiern erhalten ist: Das Land hat schwer gelitten. Der Krieg forderte zahlreiche Tote (1,20c; 2,21), entsetzlicher Hunger wütete bei <139:> der Belagerung (1,11; 2,11-20; 4,4-10; 5,10), Frauen wurden geschändet (5,11). Die Festungen sind zerstört (1,2; 2,8f). Dadurch ist das Land den streifenden Beduinenhorden schutzlos preisgegeben, so daß die Ernte nur unter Lebensgefahr eingebracht werden kann (5,9). Die Bevölkerung wird zu Frondiensten herangezogen (5,13). Eine Steuer liegt auf Wasser und Holz (5,4). Die Rechtsprechung liegt im argen (3,35f).

Abb. 18 Stempelsiegel aus Lachisch. Die Inschrift lautet: »Dem Gedalja, der über das Haus ist.« Dieser Titel bedeutet »Hausverwalter, Hausminister« und findet sich 1Kön 4,6; 16,9; 2Kön 10,5; 19,2; Jes 22,15 u. ö.

Nebukadnezzar machte der Eigenstaatlichkeit Judas endgültig ein Ende und gliederte es als Provinz ins babylonische Reich ein. Er ließ jedoch nicht, wie das einst die Assyrer in dem zur assyrischen Provinz gemachten ehemaligen Nordstaat getan hatten, eine fremde Oberschichte in Juda ansiedeln, er setzte vielmehr einen Judäer zum Statthalter ein, nämlich Gedalja, den Sohn eines hohen Beamten mit Namen Ahikam, der einst unter Jojakim den Propheten Jeremia geschützt hatte (Jer 26,24, Vgl. 2Kön 22,12.14). Gedalja residierte nicht in Jerusalem, sondern in Mizpa (tell en-nasbe) im Norden der Provinz Juda, entweder, weil Jerusalem zu stark zerstört war, um als Statthaltersitz in Frage zu kommen, oder weil Nebukadnezzar bewußt alle Hoffnungen, die sich mit der alten Königsstadt hätten verbinden können, zerstören wollte. Gedalja war nach allem, was wir wissen, ein besonnener Mann. Er verfolgte die Politik der Unterwerfung unter die Babylonier. Nach kurzer Regierungszeit wurde er von einem gewissen Ismael aus uns unbekannten Gründen ermordet. Im Zusammenhang mit der Ermordung Gedaljas ließ Ismael 8o Pilger aus dem Gebiet des ehemaligen Staates Israel, die auf dem Wege nach Jerusalem waren, um dort Opfer darzubringen, und in Mizpa Station machten, ermorden, wahrscheinlich, weil er ein schnelles Bekanntwerden der Ermordung Gedaljas verhindern wollte. Aus Furcht vor der Rache Nebukadnezzars flüchteten die Mörder Gedaljas zu den Ammonitern und die Einwohner von Mizpa nach Ägypten. Sie zwangen dabei Jeremia, der vor der Flucht nach Ägypten gewarnt hatte, mit ihnen den Weg nach Ägypten anzutreten. Wir haben keine Nachricht darüber, wie Nebukadnezzar auf die Ermordung seines Statthalters reagierte, ob er als Nachfolger Gedaljas wiederum einen Judäer oder einen Angehörigen eines frem- <140:> den Volkes einsetzte oder aber Juda zu einem Teil der Provinz Samaria machte, wie das zu Beginn der persischen Zeit der Fall war (2Kön 25; Jer 39-44).

2. Die Zeit des Exils (6. Jahrhundert v. Chr.)

Quellen: Klagelieder; Ps 137; Jer 29; Ezechiel; Deuterojesaja (Jes 40-55); das deuteronomistische Geschichtswerk (Dtn, Jos, Ri, Sam, Kön); die Priesterschrift.

Lit.: E. Janssen, Juda in der Exilszeit, 1956; M. Noth, Die Katastrophe von Jerusalem im Jahre 587 v. Chr. und ihre Bedeutung für Israel, 1953 (Ges. Stud.², S. 346-371)

Israel war von seinen Anfängen bis zum Exil mannigfaltigen Wandlungen unterworfen. Etwa 200 Jahre lang hatte Israel als unpolitischer, sakraler Zwölfstämmeverband existiert, der unter Saul zu einem Staatsgebilde wurde. Das davidisch-salomonische Großreich währte nur zwei Generationen. Die beiden getrennten Staaten Israel und Juda konnten ihre politische Selbständigkeit nur ein knappes Jahrhundert behaupten, dann wurden sie zu Vasallenstaaten von Großmächten, um schließlich die Eigenstaatlichkeit vollends zu verlieren und zu Provinzen des assyrischen bzw. babylonischen Großreiches zu werden. Die Oberschichten beider Staaten wurden deportiert. Während aber die Assyrer eine fremde Oberschicht im Gebiet des ehemaligen Nordreiches ansiedelten, ergriffen die Babylonier keine derartigen Maßnahmen. Die von den Assyrern deportierte Oberschicht des Nordreiches ist offenbar bald unter der Bevölkerung der Länder, in die sie deportiert wurden, aufgegangen, so daß sie als gesonderte Gruppe in der Geschichte keine Rolle mehr spielten. Anders verhielt es sich mit den nach Ägypten abgewanderten und den nach Babylon deportierten Judäern. Die nach Babylon Deportierten lebten nicht als Sklaven, sondern als Halbfreie².

² Als Gefangener im eigentlichen Sinn lebte nur der 597 deportierte König Jojachin, der aber unter Nebukadnezzars Nachfolger Awil-Marduk (im Alten Testament Evil-Merodach genannt) begnadigt und an den Hof gezogen wurde (2Kön 25, 27-30). In vier Auslieferungslisten der königlichen Magazinverwaltung aus der Zeit Nebukadnezzars werden Zuteilungen von 01 »an Ja'ukinu (Jojakin), den König des Landes Juda«, an seine Söhne und an »acht Judäer« erwähnt (TGI2 Nr. 46).

Sie konnten sich frei bewegen, mußten aber Dienstleistungen verschiedener Art auf Anweisung der Babylonier verrichten. Sie wurden in geschlossenen Siedlungen am Flusse Kebar (Ez 1,1.3), in Tell Abib (Ez 3,15) und an anderen Orten angesiedelt (EZ 2,59). Es war ihnen erlaubt, sich zu versammeln (Ez 33,30f) und Älteste einzusetzen (Ez 8,1; 14,1; 20,1). Sie hatten die Möglichkeit, <141:> Häuser zu bauen, Gärten anzulegen und Familien zu gründen (Jer 29,5f). Der Brief Jeremias an die Deportierten zeigt, daß man in der Heimat um das Ergehen der Deportierten wußte, wie umgekehrt aus der Botschaft Ezechiels hervorgeht, daß die Deportierten über Vorgänge in der Heimat unterrichtet waren. Im großen und ganzen müssen die Lebensbedingungen für die Deportierten erträglich, später sogar günstig gewesen sein. Das geht aus der Tatsache hervor, daß ein Teil der Deportierten in Babylon verblieb, als die Perser die Rückkehr nach Jerusalem gestatteten. Das ergibt sich ferner aus Geschäftsurkunden aus dem 5. Jahrhundert, die in Nippur gefunden wurden. Sie enthalten judäische Namen und lassen erkennen, daß einige der Judäer in späterer Zeit unter der Bevölkerung aufgegangen waren und die Möglichkeit hatten, Handel zu treiben und Bankgeschäfte zu führen. Die Mehrheit der Deportierten jedoch war sich ihrer Andersartigkeit gegenüber den Babyloniern bewußt. Babylon war ihnen ein fremdes Land. Sie wurden zusammengehalten durch die Sehnsucht nach der Heimkehr und vor allem durch den gemeinsamen Jahweglauben. Ps 137 legt ein ergreifendes Zeugnis von der Trauer über die Trennung vom Heiligtum und von der brennenden Sehnsucht nach Rückkehr ab.

Da in einem »unreinen« Land, fern von Jerusalem, der einzig legitimen Kultstätte, keine Opfer dargebracht werden konnten, gewannen jetzt die Elemente des Jahweglaubens an Bedeutung, deren Einhaltung nicht an den Kultort gebunden war, nämlich der Sabbat und die Beschneidung. Diese Bräuche hatte man schon in vorexilischer Zeit geübt. Jetzt aber wurden sie in besonderem Maße zum Zeichen der Zugehörigkeit zum Jahweglauben, zum »Bundeszeichen« (EZ 20,12.20; Gen 17,11). Hinzu kam das Gebet mit der Blickrichtung nach Jerusalem (iKön 8,48; Dan 6,1o). Formgeschichtliche Beobachtungen am Buch Deuterojesaja lassen darauf schließen, daß die Deportierten in Babylon zu Klagefeiern zusammenkamen. Aus den predigtartigen Rahmenstücken des Deuteronomiums geht hervor, daß bereits in vorexilischer Zeit die Predigt eine bestimmte Rolle spielte. Da Predigt und Gesetzesauslegung nicht an einen Kultort gebunden sind, wird man annehmen dürfen, daß im Exil auch die Predigt an Bedeutung gewann. Die Berufungsvision des Propheten Ezechiel, der zu den 597 deportierten Priestern gehörte, wurde zur entscheidenden Hilfe für die Deportierten. Auf dem Thronwagen erschien Jahwe in seiner Herrlichkeit. Das bedeutete, daß Jahwe nicht an den Thron der Lade in Jerusalem gebunden, sondern auch unter den Deportierten gegenwärtig war und nicht aufhörte, sich zu offenbaren (Ez 1).

Die Katastrophe von 587 hatte nicht nur einschneidende Folgen auf politischem Gebiet, sie wirkte sich auch tiefgehend im geistigen und religiösen Bereich aus. Das Ende des davidischen Königtums bedeutete für Israel mehr als den völligen Verlust politischer Eigenständig- <142:> keit; mit dem Jerusalemer Heiligtum wurde mehr als ein prachtvolles Bauwerk zerstört. Juda wurde durch diese Ereignisse in eine schwere Glaubenskrise gestürzt. Hatte nicht Jahwe in der Natanweissagung dem davidischen Königtum ewigen Bestand zugesichert? War nicht der Tempel zu Jerusalem der Wohnsitz Gottes (1Kön 8,13), der Ort, den Jahwe erwählt hatte, »um daselbst seinen Namen wohnen zu lassen« (Dtn 12,5)? Die deuteronomische Reform mit der Zentralisation des Kultes in Jerusalem hatte die Bedeutung Jerusalems erhöht. Die Verschonung Jerusalems im syrisch-efraimitischen Krieg (733/32), bei der Belagerung durch Sanherib (701) und beim ersten Feldzug Nebukadnezzars gegen Juda (597) steigerten die Gewißheit: Jerusalem ist uneinnehmbar, der Tempel unzerstörbar; denn Jahwe hat den Zion erwählt. Jahwe ist in unserer Mitte, darum wird uns kein Unglück treffen; denn Jahwe wird seinen Wohnsitz schützen (Mich 3,11; Jer 7,4.10). Als der letzte davidische König ins Exil wanderte und der Tempel in Flammen aufging, mußte daher die Zweifelsfrage auftauchen: Steht Jahwe etwa nicht zu seiner Verheißung? Oder hat er nicht die Macht, seinen Wohnsitz zu schützen und seine Verheißung zu erfüllen? War etwa Marduk, der Gott Babylons, mächtiger als Jahwe? Der Zweifel an Jahwes Macht hatte zur Folge, daß hier und da in Juda Kulte fremder Gottheiten, die durch die deuteronomische Reform beseitigt worden waren, wieder auflebten. Die nach der Ermordung Gedaljas nach Ägypten abgewanderte Gruppe sah die Ursache der gegenwärtigen Not darin, daß man den Kult der Himmelsgöttin beseitigt hatte, und nahm diesen Kult wieder auf (Jer 44,17-19).

Unter den jahwetreuen Kreisen führte die Katastrophe von 587 zu einer Neubesinnung und Neuorientierung. Ihre Antwort auf die quälenden Fragen, die mit der Zerstörung des Tempels und der Beseitigung des davidischen Königtums gestellt waren, findet sich in den Klageliedern und im deuteronomistischen Geschichtswerk. In den Klageliedern kommt die Überzeugung zum Ausdruck: Auch bei der über Juda hereingebrochenen Katastrophe hat sich Jahwe als der Herr des Geschehens erwiesen. Er hat das Unheil bewirkt als ein Gericht über die Sünde und den Abfall Israels (Klgl 2,6ff; 4,17; vgl. Ps 89, 39-46). Von Jahwe allein ist darum eine Änderung zu erwarten. Die Voraussetzung dafür aber ist die Umkehr zu ihm. Darum sind Bekenntnis der Schuld und Ruf zur Buße wesentliche Bestandteile der im zerstörten Heiligtum gefeierten Klageliturgie (Klgl 4,6; 5,7.16; Jes 64,6ff; Mich 7,9):

»Jahwe allein ist im Recht; denn seinem Worte habe ich getrotzt (Klgl 1,-18).

Jahwe hat vollbracht, was er beschlossen,
hat ausgeführt, was er gedroht,
was er seit der Vorzeit befohlen, <143:>
hat niedergerissen ohne Erbarmen,
den Feind über dich frohlocken lassen,
dar, Horn deiner Dränger erhoben (2,17).

Kommt nicht vom Munde der, Höchsten
so Glück wie Unglück?
Worüber soll klagen der Mensch, der da lebt?
Ein jeder über seine Sünde!
Laßt uns prüfen und erforschen unsre Wege
und umkehren zu Jahwe.
Unser Herz, nicht unsere Hände,
laßt uns erheben zu Gott im Himmel.
Wir sind abtrünnig und widerspenstig gewesen;
darum hast du nicht vergeben,
hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt,
hast getötet und nicht geschont,
hast dich in Gewölk gehüllt,
daß das Gebet nicht durchdrang« (3,38-44).

Ein gewichtiges, aus der Exilszeit stammendes Glaubenszeugnis, gleichzeitig eine beachtliche geistige Leistung, ist das deuteronomistische Geschichtswerk, so genannt, weil der Verfasser Kreisen angehörte, für die das Deuteronomium richtungweisend war3. Es umfaßt die Bücher Josua, Richter, Samuelis und Könige, wobei der Verfasser dem Ganzen das mit Rahmenstücken versehene Deuteronomische Gesetz (5. Buch Mose) als Leitgedanken vorausstellte. Durch einen Rückblick in die Vergangenheit sucht der Deuteronomist Orientierung für die Gegenwart und Wegweisung für die Zukunft. Er gibt eine Darstellung des Weges Israels von der Mosezeit bis zum Exil. Dabei verarbeitet er verschiedenartige alte Quellen und teilt das Geschehen in verschiedene Perioden. Die Schnittpunkte zwischen den einzelnen Perioden werden durch eingeschaltete Reden oder Rückblicke markiert, in denen das eigentliche theologische Anliegen und die theologischen Leitgedanken des Deuteronomisten zum Ausdruck kommen:

<144:> Die ganze Geschichte Israels ist eine Geschichte der Treue Jahwes und der Untreue Israels, so bezeugt das deuteronomistische Werk. Jahwe hat Israel zum Eigentumsvolk erwählt und ihm im Laufe der Geschichte mannigfaltige Erweise seiner Macht und Zeichen seiner Treue geliefert, so in der Besitzgabe des Landes, in der Befreiung von Feinden, in der Gabe der Richter, des davidischen Königtums, des Tempels und der Propheten. Im Gesetz hat Jahwe die Grenze markiert, innerhalb deren Israel Heil und Leben zuteil wird und jenseits deren es dem Tod und dem Gericht verfällt. Die Ausschließlichkeit der Jahweverehrung und der Opferdienst an nur einem, nämlich dem von Jahwe erwählten, Ort ist die Grundforderung des Gesetzes. Mit diesem Maßstab mißt der Deuteronomist die gesamte Geschichte Israels und beurteilt von daher alle Könige. Diese Geschichte ist eine Geschichte wiederholten Abfalls, dauernder Untreue und ständigen Ungehorsams. Mit der Zerstörung des Tempels, dem Ende des Königtums und der Eigenstaatlichkeit Judas hat Israel ein letztes, schweres Gericht Gottes getroffen, durch das die Existenz Israels als Gottesvolk ernstlich in Frage gestellt ist.

Das deuteronomistische Geschichtswerk ist somit ein Bekenntnis zur Macht, zur Treue und Geduld Jahwes, es ist gleichzeitig ein Bekenntnis der eigenen Schuld, die Generalbeichte Israels, es ist aber auch ein Ruf zur Buße und Umkehr. Damit klingt, wenn auch in verhüllter Form, Hoffnung auf. Wenn Israel im Laufe seiner Geschichte von Jahwe abfiel und sich fremden Göttern zuwandte, verfiel es dem Gericht und wurde fremden Völkern preisgegeben. Wenn es aber in solchen Situationen umkehrte und an Jahwe festhielt, erfuhr es wieder Gottes gnädige Zuwendung. Von daher darf Israel vielleicht auch in der verzweiflungsvollen Lage der Exilzeit hoffen, daß Jahwe helfend und gnädig eingreift, wenn es Buße tut und mit ganzem Herzen zu ihm umkehrt. Hoffnung und Wegweisung für die Exilzeit kommen besonders deutlich zum Ausdruck im Tempelweihgebet Salomos

»Wenn sie sich an dir versündigen - denn es ist kein Mensch, der nicht sündigt - und du wirst zornig über sie und gibst sie dem Feinde preis, daß ihre Bezwinger sie gefangen führen in Feindesland, fern oder nahe, und sie gehen in sich in dem Lande ihrer Gefangenschaft und sprechen: >Wir haben gesündigt und uns vergangen, sind gottlos gewesen<, und sie bekehren sich zu dir von ganzem Herzen und von ganzer Seele in dem Lande ihrer Feinde, die sie weggeführt haben, und beten zu dir, nach ihrem Lande gewandt, das du ihren Vätern gegeben, nach der Stadt, die du erwählt hast und nach dem Hause, das ich deinem Namen gebaut habe, so wollest du im Himmel, der Stätte, da du thronst, ihr Gebet und Flehen hören und ihnen Recht schaffen und wollest deinem Volke vergeben, was sie an dir gesündigt, und alle Übertretungen, die sie wider dich begangen haben, und sie Erbarmen finden lassen bei denen, die sie gefangen halten, daß sie sich ihrer erbarmen; denn sie sind dein Volk und Eigentum, das du aus Ägypten, aus dem Schmelzofen, herausgeführt hast« (1Kön 8,46-51).

<145:> In den bedrängenden Fragen, die die Katastrophe mit sich gebracht hatte, fand Israel auch Hilfe bei den vorexilischen Propheten 4 . Diese Propheten hatten ja angekündigt, daß das Gericht über Israel kommen würde. Was einst Unheilsbotschaft war, konnte jetzt zur Hilfe werden, die Glaubenskrise zu überwinden. Der Sieg der Feinde offenbarte nicht die Unterlegenheit Jahwes unter andere Götter, sondern Jahwe war der Herr des Geschehens, er bediente sich der Großmächte als Werkzeug, um seine Drohungen zu erfüllen und das Gericht an Israel zu vollziehen. Auch und gerade in der Niederlage hat es Israel mit seinem Gott zu tun. »Nur dich allein habe ich erwählt aus allen Völkern - darum suche ich an euch heim alle eure Übertretungen« (Am 3,2). »Schick dich an, deinem Gott zu begegnen« (4,12) - so hatte Amos im Blick auf die kommende Katastrophe gesagt. Wie das Schermesser in der Hand des Barbiers, wie die Axt in der Hand des Holzfällers, so muß die Weltmacht den Plänen Jahwes dienstbar sein (Jes 7,20; 10,15). Micha hatte als erster die Zerstörung Jerusalems und des Tempels geweissagt (3,12).

Jeremia hatte eindringlich vor dem Abfall von Babylon und einem selbstsicheren, fast magischen Vertrauen auf den Tempel gewarnt und dem Tempel von Jerusalem das gleiche Schicksal wie dem Heiligtum von Schilo angekündigt (Jer 7). Ezechiel hatte die Zerstörung Jerusalems, die Exulierung seiner Bevölkerung und ein totales Ende für das störrische, im Widerspruch gegen Jahwe verharrende Israel angedroht.

»Das Ende kommt, es kommt das Ende!« (Ez 7).

Als die von den Propheten angekündigten Gerichte eintrafen, gewannen die Propheten, denen man zuvor kein Gehör geschenkt, ja die man um ihrer Botschaft willen angefeindet hatte, nicht nur erhöhte Autorität - ihr Wort trug jetzt in der Stunde des Gerichtes entscheidend dazu bei, die Krise zu überwinden. Schon indem man das Unheil als ein gerechtes Gericht Jahwes anerkannte und auf sich nahm, war der Weg zur Überwindung des Zweifels gewiesen. Darüber hinaus wurden die Propheten wegweisend für die Zukunft. In ihren Heilsweissagungen war der Grund zu neuer Hoffnung gelegt.

Hosea hatte von Jahwes nie versiegender Liebe, die einen Neubeginn erhoffen ließ, gesprochen:

»Ich verlobe dich mir auf ewig.
Ich verlobe dich mir in Recht und Gerechtigkeit,
in Güte und Erbarmen.
Ich verlobe dich mir in Treue,
so daß du Jahwe erkennst« (Hos 2,19.20)

4 S. Herrmann, Prophetie und Wirklichkeit in der Epoche des babylonischen Exils, 1967.

<146:> Amos und Jesaja sprachen die Hoffnung aus, daß Jahwe dem »Rest«, der das Gericht überstehen und zur Umkehr kommen würde, gnädig sein werde (Am 5,15; Jes 7,16; 10,20-27)

Jeremia hatte nicht nur den Zerbruch des Alten Bundes angekündigt, sondern einen neuen Bund verheißen (Jer 31,31ff). Ezechiel 5 wurde in einer Vision die Botschaft zuteil: Israel gleicht einem Feld mit Totengebeinen, für die es vom Menschen aus keine Hoffnung und keine Zukunft mehr gibt. Dennoch schenkt Jahwe Israel einen Neubeginn, der dem Wunder einer Wiederbelebung von Totengebeinen gleichkommt (Ez 37). In einer großangelegten Visionsschilderung entwirft Ezechiel das Bild vom neuen Gottesvolk und vom neuen Tempel, in den Jahwe mit seiner Herrlichkeit wieder einzieht (Ez 40-48).

Von besonderer Bedeutung wurde ein im Exil wirkender Prophet, dessen Name uns nicht überliefert, dessen Botschaft aber erhalten und schon früh als Anhang dem Propheten Jesaja angefügt wurde (Jes 40-55). Man pflegt ihn daher Deuterojesaja zu nennen6. Trost und Heilszusage ist der Grundton seiner Botschaft. Dabei setzt auch Deuterojesaja voraus, daß das Exil ein Gericht Jahwes über die Sünde Israels sei. Aber Jahwe wird ein Neues wirken. Wie die Gerichtsdrohungen eingetroffen sind, so werden sich auch die Verheißungen erfüllen. Jahwe hat seinem Volk vergeben und seine Sünden getilgt. Der Heilige, der Schöpfer Himmels und der Erden, der alleinige und lebendige Gott, wird sein Volk erlösen und es in einer triumphalen Prozession heimgeleiten. Ein zweiter Exodus wird stattfinden, der der Auszug aus Ägypten überbieten wird (Jes 52,1-12). Babylon wird fallen, Jerusalem und der Tempel werden wieder aufgebaut werden. Dabei wird der Perserkönig Cyrus, den Deuterojesaja als »Knecht« und »Gesalbten Jahwes« bezeichnet, das Werkzeug göttlichen Handelns sein (Jes 44,28; 45,1ff).

In der Zeit des Exils oder zu Beginn der nachexilischen Zeit entstand schließlich die jüngste der Quellenschriften des Pentateuch, die Priesterschrift7, so genannt, weil sie in Priesterkreisen abgefaßt und entstanden ist. Die Priesterschrift gibt einen Aufriß der Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Sinaiereignis. Neben altem Erzählungsgut verarbeitet sie z. T. sehr altes priesterliches Material, wie Listen, Rituale, Genealogien, Kultverordnungen. Sie ist charakterisiert durch einen ganz eigentümlichen Stil, einen festen Wortschatz und bestimmte theologische Leitgedanken. Auf dem Hintergrund eines chronolo-

5 W. Zimmerli, Ezechiel, ein zeuge der Gerechtigkeit Gottes, in: Das Alte Testament als Anrede, 1956, S. 62-88; ders., Ezechiel, Gestalt und Botschaft, 1972.

6 W . Zimmerli, Der »neue Exodus« in der Verkündigung der beiden großen Exilspropheten (Gottes Offenbarung, Ges. Stud.², 1969², S. 192-204).

7 M. L. Henry, Jahwist und Priesterschrift, 196o (Arbeiten zur Theologie 3); W. Zimmerli, Sinaibund und Abrahambund, i96o (Gottes Offenbarung, Ges. Aufsätze. S. 205-216).

<147:> gischen Gerüstes teilt sie das Geschehen in vier Perioden (Schöpfung - Noach - Abraham - Mose), denen vier verschiedene Stufen der Offenbarung Gottes entsprechen. Die Auseinandersetzung mit dem babylonischen Mythos, die schon früher eine Rolle gespielt hatte, in der Zeit des Exils aber besondere Aktualität gewann, kam in der Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1-2,4a) und der Fluterzählung der Priesterschrift (Gen 6-9) zum Abschluß. In der Urund Vätergeschichte wird die Priesterschrift da ausführlich, wo es sich darum handelt, kultische Institutionen, die in exilischer Zeit besondere Bedeutung gewannen, nämlich Sabbat, Schächten und Beschneidung, in der Geschichte als göttliche Setzung zu verankern (Gen 2,1ff; 9; 17).

Das eigentliche Ziel der Priesterschrift aber ist das Sinaigeschehen (Ex 19,1ff; 24,15-18; 25-31; Lev 8-10; Num 1-4; 7-10). Sie sieht im Sinaiereignis eine Erfüllung des Abrahambundes. Das Wesen des Sinaigeschehens sieht die Priesterschrift nicht in der Proklamation von Gesetzen, sondern in der göttlichen Stiftung des Kultes. Erst am Sinai beginnt nach der Priesterschrift der legitime Opferkult. Die Heiligkeit, die Herrlichkeit und Transzendenz Gottes sind der Hintergrund des kultischen Geschehens. Die Priesterschrift faßt, im Unterschied zu vorexilischen Vorstellungen, das Heiligtum nicht als ständigen, festen Wohnsitz Gottes auf, sondern als den Ort, an dem Jahwe je und dann »seine Herrlichkeit erscheinen läßt«, von dem aus er redet und an dem er Israel begegnet. Hinter allen Kultverordnungen steht die Freude über die Gegenwart Jahwes im Kultus, gleichzeitig aber auch die Furcht, die Heiligkeit Jahwes zu verletzen und sich dadurch den Zorn Jahwes zuzuziehen. Darum ist der gesamte Opferdienst den Laien völlig entzogen und darf nur von Priestern im Schutze von Sicherheitsmaßnahmen und genau einzuhaltenden Riten vollzogen werden. Es ist eine Eigenart der Priesterschrift, daß sie den gesamten Opferkult als Sühnehandlung interpretiert. Nur durch den Vollzug von Sühnehandlungen ist es möglich, in der Gegenwart eines heiligen Gottes zu leben. Der Vollzug der Sühne soll verhindern, daß Israel wieder wie in den Katastrophen des 7. und 6. Jahrhunderts vom Zorn Gottes getroffen werde. Der Priesterschrift ging es einmal darum, die kultischen Traditionen Israels zu sammeln und sie als göttliche Setzung in der Geschichte zu begründen, um dadurch mit dazu beizutragen, daß Israel nicht von einer fremden Umgebung aufgesogen wurde und im Synkretismus sein Wesen verlor. Zum anderen ist die Priesterschrift als eine Programmschrift zu verstehen, die wegweisend sein wollte für die Zukunft, um Israel die tragfähigen Grundlagen aufzuzeigen, durch die allein Leben vor Gott möglich ist. So kam denn der Priesterschrift bei der Neugründung der nachexilischen Gemeinde entscheidende Bedeutung zu.

Das deuteronomistische Geschichtswerk, die Klagelieder, die exilischen Propheten und die Priesterschrift sind Zeugen dafür, daß es in der <148:> Heimat und unter den Deportierten Kräfte gab, die sich der Resignation, dem Zweifel und der Hoffnungslosigkeit entgegenstellten und die Krise zu überwinden halfen. In einer Zeit, in der die Weltmächte und die fremden Götter zu triumphieren schienen, bezeugten sie die Geschichtsmächtigkeit Jahwes. In einer Umwelt, die jährlich in rauschenden Festen den Sieg des babylonischen Gottes Marduk über die Chaoswasser feierte, machten sie es dem Volk neu deutlich, was es heißt, daß Jahwe, der Gott der Heilsgeschichte, auch der Schöpfer ist (Jes 40,26.28). Im Angesicht der vielgestaltigen, imponierenden Götterwelt Babylons verkündigten sie Jahwe als den einzigen, allmächtigen, heiligen, universalen Gott, demgegenüber die Götter der Heiden nur ohnmächtige Götzen sind. »Vor mir ward kein Gott gebildet, und nach mir wird keiner sein. Ich, ich bin Jahwe, und außer mir ist kein Retter.« »Gibt es einen Gott außer mir? Und es gibt keinen Fels, ich weiß keinen« (Jes 43,10; 44,8b). Bei dieser Botschaft ging es den Propheten und Priestern nicht darum, eine abstrakte Gottestheorie zu entwickeln, sie wollten vielmehr Hilfe in der Not und Verlassenheit des Exils bieten.

Trotz aller Anfechtungen der Exilzeit verfiel Israel nicht dem Synkretismus, sondern hielt an seinem Gott fest und wahrte seine Traditionen. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, daß Israel Israel blieb, d. h., daß es trotz Verlust der politischen Selbständigkeit und trotz der Deportation seiner politischen und geistigen Oberschicht seine Eigenart wahrte und nicht, wie andere Völker in gleicher Lage, z. B. die Moabiter und Ammoniter, zu einer gleichförmigen Untertanenmasse eingeschmolzen wurde.

Zum deuteronomistischen Geschichtswerk (zu S. 143f) in neueren Untersuchungen wird die These vertreten, daß das deuteronomistische Geschichtswerk nicht auf nur einen Verfasser zurückzuführen, sondern daß hier eine deuteronomistische schule am Werk gewesen sei und daß man mit drei Bearbeitungen zu rechnen habe. Die Grundkonzeption stamme von einem »Historiographen<< der auf geschichtliche Überlieferungen zurückgriff und sie zusarnmenfügte (DtrH), ein erster Bearbeiter habe Prophetenerzählungen eingefügt und das Werk in prophetischem Geist überarbeitet (DtrP), ein zweiter Bearbeiter schließlich habe das Werk im Geiste des »Gesetzes« überarbeitet (DtrN, »nomistischer« Deuteronomist).

Lit. - H. Weippert, Das deuteronomistische Geschichtswerk, ThR 50, 1985, S. 213-249 (Überblick über die neuen Forschungsansätze zum deuteronomistischen Geschichtswerk, ausführliche Literaturangaben).

Neuere Literatur zur Priesterschrift: (zu S. 146f)

W. Brueggemann, The Kerygma of the Priestly Writer, ZAW 84, 1972, S. 397-414; E. Kutsch, »Ich will euer Gott sein«, ZThK 71, 1974, S- 361-388; N. Lohfink, Die Priesterschrift und ihre Geschichte, VT Suppl. 29, 1978, S. 189-225; R. W. Klein, The Message of P, Festschr. H.W. Wolff, 1981, S. 57-66.