Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-04-05

Metzger, Martin (1988) Grundriss der Geschichte Israels

10. Kapitel: Die römische Zeit (65 v. Chr.-135 n. Chr.)

Lit.: E. Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, J-1114, 19011 1907, 1909; A. Schlatter, Geschichte Israels von Alexander dem Großen bis Hadrian, -ig253; C. K. Barrett, Die Umwelt des Neuen Testaments, Ausgewählte Quellen, 1959.

1. Unter römischer Herrschaft

Quellen: Josephus, Ant. Jud. XIV,1-16; Bell. Jud. 1,6-20.

 Im Jahre 66 v. Chr. gelang es Pompejus, die römische Herrschaft in Kleinasien zu festigen und den armenischen König Tigranes zu unterwerfen. Sein Ziel war nunmehr, den ganzen Vorderen Orient unter römische Herrschaft zu bringen. Im Jahre 65 v. Chr. ließ Pompejus seinen Legaten M. Aemilius Scaurus in Syrien einmarschieren, setzte den Seleukidenkönig Antiochus XIII. ab und bereitete ohne große Schwierigkeit dem Seleukidenstaat ein Ende. Damit begann auch für die Geschichte Israels eine neue Epoche. Die beiden miteinander um die Herrschaft streitenden Brüder Aristobul und Hyrkanus buhlten um die Gunst der Römer und wandten sich mit der Bitte um Hilfe zunächst an Scaurus. Im Jahre 63 v. Chr. erschienen sie mit reichen Geschenken persönlich vor Pompejus in Damaskus. Pharisäische Kreise sandten eine Abordnung an Pompejus mit der Bitte, der Herrschaft der Hasmonäer ein Ende zu machen und die Priesterherrschaft in der alten Form wiederaufzurichten. Als Pompejus die Entscheidung hinauszögerte und erst den Nabatäerfeldzug hinter sich bringen wollte, zog Aristobul unwillig ab, um auf eigene Faust seine Herrschaft aufzurichten. Pompejus folgte daraufhin Aristobul mit starker Heeresmacht nach Judäa und zwang ihn, die Festung Alexandreion zu übergeben. Als Pompejus schließlich vor Jerusalem erschien, unterwarf sich Aristobul den Römern. Seine Parteigänger setzten jedoch den Widerstand fort. 'Erst nach dreimonatiger Belagerung gelang es Pompejus, den befestigten Tempelbezirk einzunehmen. An den Verteidigern nahm er furchtbare Rache. Zum Entsetzen der gesetzestreuen <187:> Juden betrat er mit seinen Begleitern das Allerheiligste des Tempels, befahl jedoch, am nächsten Tag den Tempelkult wiederaufzunehmen, und bestätigte Hyrkanus als Hohenpriester. Aristobul und seine Söhne Alexander und Antigonus führte er als Gefangene nach Rom. Damit fand die Herrschaft der Hasmonäer ein schnelles und unrühmliches Ende.

In pharisäischen Kreisen sah man die Eroberung Jerusalems und den Sturz des Hasmonäergeschlechtes als ein gerechtes Gericht Gottes über die Zuchtlosigkeit der Hasmonäer an.

»in seinem Übermut stürzte der Sünder (Pompejus) mit dem Widder feste Mauern, und du hindertest es nicht. Fremde bestiegen den Altar, betraten ihn übermütig mit den Schuhen, dafür, daß die Söhne Jerusalems das Heiligtum des Herrn entweihten, die Opfer Gottes in Gottlosigkeit schändeten« (PsSal 2,1-3). »Gott brachte ihre (der Hasmonäer) Sünden ans Tageslicht, die ganze Welt mußte Gottes Gericht als gerecht erkennen.« Sie »ließen keine Sünde mehr übrig, die sie nicht schlimmer als die Heiden übten« (PsSal 8,8-13)

Pompejus machte das Gebiet von Palästina und Syrien zur römischen Provinz Syria und setzte Scaurus als Statthalter ein. Dem Hohenpriester unterstellte er die Gebiete, deren Bevölkerung zur Jerusalemer Kultgemeinde gehörte, nämlich Judäa mit Idumäa, Galiläa und Peräa im Ostjordanland. Von Judäa trennte Pompejus die Küstenstädte ab, die die Hasmonäer einst erobert hatten. Den hellenistischen Städten des Ostjordanlandes, die Alexander Jannaius der hasmonäischen Herrschaft unterworfen und zur Annahme der jüdischen Religion gezwungen hatte, gab Pompejus die Selbständigkeit wieder und machte sie zu freien Reichsstädten, die dem Statthalter unmittelbar unterstellt waren. Diese Städte schlossen sich zum freien Bund der Dekapolis (»Zehn Städte«) zusammen. Zu ihnen gehörten u. a. Philadelphia ('amman), Gerasa, Pella, Gadara, Hippos, Abila und Skytopolis (früher Bet-Schean) im Westjordanland. Stadt und Land Samaria, deren Bevölkerung zur samaritanischen Kultgemeinde um das Heiligtum auf dem Garizim gehörte, faßte Pompejus zu einem eigenen Bezirk zusammen, der nicht der Herrschaft des Hohenpriesters von Jerusalem unterstand. Durch diese Maßnahme wurde Galiläa von Judäa und Peräa, den beiden zusammenhängenden Gebieten des Jerusalemer Hohenpriesters, räumlich getrennt. Der Statthalter Gabinius ging im Jahre 57 v. Chr. noch einen Schritt weiter. Er entzog dem Jerusalemer Hohenpriester jegliche politische Befugnis und beließ ihm nur sein kultisches Amt. Das Gebiet der Jerusalemer Kultgemeinde teilte er in die fünf Verwaltungsbezirke Jerusalem, Gazara, Jericho, Amathus (= Peräa) und Sefforis (= Galiläa), die dem Provinzstatthalter unmittelbar unterstellt waren.

Aristobul und seinen Söhnen gelang die Flucht aus der römischen Gefangenschaft. Bei dem Versuch, sich gegen die römische Herrschaft <188:> aufzulehnen und Hyrkanus aus seinen Ämtern zu verdrängen, fanden Aristobul und seine Söhne die Unterstützung weiter Kreise des Volkes. Im Jahre 57 v. Chr. gelang es jedoch Gabinius, Aristobul und Antigonus wieder in seine Gewalt zu bekommen und gefangen nach Rom zurückzusenden. Auch Alexander wurde von Gabinius geschlagen. Im Verlauf dieser Kämpfe ließ Gabinius die Hasmonäerfestungen Alexandreion, Machärus und Hyrkania, die die Hauptstützpunkte Aristobuls und seiner Söhne waren, zerstören. Um die Macht Hyrkanus' gegenüber seinen eigenen Volksgenossen zu stärken, hob Gabinius die Einteilung des Gebietes der Jerusalemer Kultgemeinde in fünf Bezirke wieder auf und unterstellte ihm wieder das ganze Gebiet. Als Hoherpriester stand er an der Spitze des Synhedriums, das aus Oberpriestem, Ältesten und Schriftgelehrten zusammengesetzt war und die oberste jüdische Behörde in weltlichen und geistlichen Angelegenheiten darstellte. Das Synhedrium war auch der oberste jüdische Gerichtshof, in dessen Händen die Rechtsprechung lag.

In der Folgezeit verquickten sich die Rivalitäten zwischen den Familien Aristobuls einerseits und denen Hyrkanus' und Antipaters andererseits mit den Machtkämpfen innerhalb des römischen Staates zwischen Pompejus und Cäsar, Antonius und Octavian. Dabei waren die rivalisierenden Parteien des Judentums bemüht, die jeweils stärkste unter den um die Macht ringenden römischen Parteien für sich zu gewinnen.

Als im Jahre 49 v. Chr. der Kampf um die Macht zwischen Cäsar und Pompejus entbrannte, entließ Cäsar Aristobul aus der Gefangenschaft und sandte ihn mit Truppenunterstützung nach Syrien, um die Position des Pompejus zu schwächen. Aristobul wurde jedoch von den Parteigängern des Pompejus vergiftet, sein Sohn Alexander in Antiochien enthauptet. Im Jahre 48 v. Chr. wurde Pompejus von Cäsar bei Pharsalus besiegt und bald darauf in Ägypten ermordet. Hyrkanus und Antipater, die zuvor Parteigänger des Pompejus waren, verstanden es, die Gunst Cäsars zu gewinnen. Als Cäsar in Alexandrien hart bedrängt wurde, unterstützte ihn Antipater mit Hilfstruppen, und Hyrkanus wies die Juden in Ägypten an, auf die Seite Cäsars zu treten. Als Cäsar im Jahre 47 v- Chr. nach Syrien zog, belohnte er Antipater und Hyrkanus für die ihm erwiesene Unterstützung, indem er Hyrkanus zum erblichen Hohenpriester und Ethnarchen ernannte, Antipater aber das römische Bürgerrecht verlieh und ihn zum Prokurator von Judäa machte. Der Jerusalemer Kultgemeinde verlieh er eigene Gerichtsbarkeit, gab die Hafenstadt Jafo an Judäa zurück und gestattete die Wiederbefestigung von Jerusalem.

Der immer mehr Macht gewinnende Antipater übertrug seinem älteren Sohn PhasaeI die Verwaltung von Judäa und Peräa, seinem jüngeren Sohn Herodes unterstellte er Galiläa. Als Herodes durch Bekämpfung des Räuberunwesens in Galiläa nicht nur das Wohlwollen <189:> der Bevölkerung, sondern auch die Gunst Sextus Cäsars, des Statthalters von Syrien, erlangte, begann der Hohe Rat in Jerusalem seine wachsende Macht zu fürchten. Auf Veranlassung führender Kreise in Jerusalem stellte Hyrkanus Herodes vor Gericht, weil er bei der Hinrichtung der Räuberbanden die Zuständigkeit des Jerusalemer Gerichtshofes übergangen und seine Befugnisse überschritten habe. Da aber Herodes unter der Protektion Sextus Cäsars stand und vor Gericht mit seiner eigenen Leibgarde auftrat, kam es nicht zu einer Verurteilung. Als Herodes daraufhin, von Sextus Cäsar unterstützt, mit Truppen in Judäa erschien, um für den ihm angetanen Schimpf Rache zu nehmen, konnte ihn nur der energische Einspruch seines Vaters Antipater und seines Bruders PhasaeI von seinem Vorhaben abbringen. Herodes gab sich damit zufrieden, in Judäa seine Macht demonstriert zu haben.

Nach der Ermordung Cäsars im März 44 v. Chr. wurde C. Cassius Longinus, einer der Mörder Cäsars, Statthalter der Provinz Syrien. Antipater und seine Söhne gewannen schnell die Gunst des neuen Statthalters, indem sie die Steuern, die er dem Lande auferlegt hatte, eifrig eintrieben. Dadurch bildete sich unter der Bevölkerung eine starke Opposition, der Antipater durch Giftmord zum Opfer fiel. Antigonus, der Sohn Aristobuls, suchte sich daraufhin der Herrschaft zu bemächtigen, wurde aber von Herodes geschlagen und vertrieben. Um seine Stellung zu festigen, verlobte sich Herodes mit der Hasmonäerin Mariamme, einer Enkelin Aristobuls, wodurch er in verwandtschaftliche Beziehungen zum ehemaligen Königshaus geriet. - Als im Jahre 43 v. Chr. die Mörder Cäsars in der Schlacht bei Philippi von M. Antonius und C. Julius Cäsar Octavian besiegt wurden und Antonius die Herrschaft über die östliche Hälfte des Reiches antrat, versuchten jüdische Gesandtschaften bei Antonius die Absetzung Phasaels und Herodes' zu bewirken. Herodes aber erschien persönlich vor Antonius und gewann ihn für sich, zumal sich der Hohepriester Hyrkanus für die Antipatersöhne aussprach. Antonius ernannte PhasaeI und Herodes zu Tetrarchen und übertrug ihnen die Herrschaft über Judäa. Antigonus kam noch einmal zum Zuge, als die Parther im Jahre 40 v. Chr. in Syrien einfielen, die er durch große Versprechungen auf seine Seite zu bringen verstand. Mit Unterstützung der Parther zog er gegen Jerusalem. Es gelang ihm, Phasael und Hyrkanus in seine Gewalt zu bringen. Hyrkanus ließ er die Ohren abschneiden, um ihn dadurch für das Amt des Hohenpriesters für alle Zeiten untauglich zu machen. Phasael gab sich daraufhin selbst den Tod. Antigonus ließ sich nunmehr von den Parthern zum König und Hohenpriester einsetzen. Diese Ämter bekleidete er drei Jahre lang.

Als Antigonus in Jerusalem die Oberhand bekam, gelang Herodes die Flucht. Nachdem er seine Familie auf der Felsenfestung Masada in Sicherheit gebracht hatte, suchte er die Hilfe des Nabatäerkönigs zu <190:> gewinnen, wurde aber schroff abgewiesen. Nunmehr begab sich Herodes direkt nach Rom, um in eigener Sache vorstellig zu werden. Da Antigonus mit Hilfe der Parther und im Gegensatz zu Rom zur Macht gekommen war, mußten die Römer sein Königtum von vornherein als illegitim ansehen und auf der Seite Herodes', des Gegners des Antigonus, stehen. Es war günstig für Herodes, daß seine Ziele und die politischen Interessen der Römer auf einer Linie lagen. So wurde auf Veranlassung von Antonius und Octavian durch Senatsbeschluß Herodes im Jahre 40 v. Chr. zum König von Judäa ernannt. Die erste Aufgabe, die ihm zufiel, war die, sein Königreich, das noch unter der Herrschaft des Antigonus stand, zu erobern. Das war ihm freilich nur mit römischer Hilfe möglich. Im Jahre 39 v. Chr. konnte er zunächst Jafo einnehmen und seine von Antigonus in Masada belagerte Familie befreien. Da die Römer im Jahre 3 8 einen Parthereinfall abzuwehren hatten, konnte Herodes erst gegen Ende des Jahres mit römischer Hilfe Galiläa und dann die übrigen Teile seines Herrschaftsgebietes Antigonus abringen. Erst im Jahre 37 v. Chr. eroberte Sosius, der römische Statthalter von Syrien, nach längerer Belagerung Jerusalem für Herodes. Nachdem Antigonus von den Römern gefangengenommen und auf Wunsch des Herodes hingerichtet worden war, hatte Herodes sein Ziel erreicht. Er war nunmehr der alleinige, von den Römern offiziell anerkannte Beherrscher von Judäa.

2. Herodes (37-4 v. Chr.)

Quellen: Josephus, Ant. Jud. XIV,15-XVII,8; Bell. Jud. 1,17-33.

Lit.: S. Perowne, Herodes der Große, 1957; A. Schalit, König Herodes, 1969.

Als Herodes im Jahre 37 v. Chr. das ihm von den Römern zugesprochene Königtum antreten konnte, verfügte er über Judäa mit Idumäa, Peräa und Galiläa einschließlich einiger Dörfer der Jesreelebene. Seiner Herrschaft drohte jedoch Gefahr durch die Königin Kleopatra von Ägypten, der Freundin des Antonius, die als letzter Sproß des Ptolemäergeschlechtes Ansprüche auf Palästina und Arabien geltend machte. Antonius machte ihr Jericho und die Hafenstädte Palästinas zum Geschenk. An der Entscheidungsschlacht zwischen Antonius und Octavian bei Actium (2. September 31 v. Chr.) nahm Herodes nicht teil, da er sich auf Betreiben der Kleopatra auf einem Feldzug gegen die Nabatäer befand. So entging er dem Schicksal, mit dem unterlegenen Antonius ins Verderben gerissen zu werden. Nach der Niederlage und dem bald darauf erfolgenden Selbstmord seines Gönners Antonius war indes auch die Stellung Herodes' aufs äußerste gefährdet. Hero <191:> des nutzte jedoch die nächste sich bietende Gelegenheit, um bei dem siegreichen Octavian, der sich nunmehr Augustus nannte, vorstellig zu werden. Herodes unterwarf sich dem Sieger und stellte ihm seine Krone zur Verfügung. Augustus hielt es für das günstigste, Herodes in seinem Amt zu belassen und sich ihn durch Gunsterweisungen zu verpflichten. So gab er an Herodes die palästinensischen Besitzungen Kleopatras, nämlich Jericho und die Küstenstädte, zurück und schlug zu seinem Herrschaftsgebiet ganz Samaria, die ursprünglich zur Dekapolis gehörenden Städte Gadara und Hippos sowie das ganze Ostjordanland mit Ausnahme der Dekapolis. Herodes beherrschte nun ein Gebiet, das fast dem Großreich Davids entsprach.

Innerhalb des Römischen Reiches nahm Herodes die Stellung eines »verbündeten Königs« ein. Er brauchte keinen Tribut zu zahlen, war vom Provinzstatthalter unabhängig, unterstand direkt dem Kaiser. In seinem Herrschaftsgebiet hatte er die Grenzen des Reiches zu schützen

 

  23 Münze Herodes' des  Großen. Die Aufschrift lautet: »Basileos Herodou«  (= von König Herodes).

 

und im Kriegsfall Hilfstruppen zu stellen. Außenpolitische Handlungen bedurften der Bestätigung bzw. der Weisung des römischen Oberherren. In innerpolitischen Fragen hatte Herodes freie Verfügungsgewalt. Er hatte nur die Weisung, für Frieden und Ordnung nach innen zu sorgen. Die Wahl des Nachfolgers war Herodes freigestellt, bedurfte allerdings der Bestätigung durch die Römer. Herodes war während seiner ganzen Regierungszeit in eigenem Interesse Augustus treu ergeben. Mehrere Male kam es zu persönlichen Begegnungen zwischen Augustus und Herodes. Durch zahlreiche Bauten, die er Augustus zu Ehren errichtete oder nach ihm benannte, hat Herodes seinen römischen Oberherrn geehrt. Seine Söhne ließ er in Rom erziehen, um ihnen römische Bildung angedeihen zu lassen. Nur einmal kam es wegen der Eigenmächtigkeit der herodianischen Kriegsführung gegen die Nabatäer zum Zerwürfnis zwischen Augustus und Herodes, das aber bald beigelegt werden konnte.

Herodes war ein hochbegabter Herrscher, voll Tatkraft, Energie und Wagemut. Er zeichnete sich aus durch körperliche Tüchtigkeit, hohes diplomatisches Geschick, politische Klugheit und Wendigkeit sowie durch strategische Begabung. Herrschsucht und Ehrgeiz waren seine hervorragendsten Charaktereigenschaften. Er war skrupellos in der Wahl seiner Mittel, bis zur Brutalität. Bedenkenlos wechselte er von einer Partei zur anderen, von Pompejus zu Cäsar, von Cäsar zu Cas <192:> sius, von Cassius zu Antonius und schließlich von Antonius zu Octavian, um sich dem jeweils Stärkeren anzuschließen. Mehrere Male gelang es ihm, in gefährlicher Lage durch persönliches Erscheinen den jeweiligen Sieger für sich zu gewinnen, wobei er unerschrockenes Auftreten mit einfühlsamem Eingehen auf die Eigenart des Mächtigeren geschickt zu verbinden wußte. Verhängnisvoll wirkten sich sein Argwohn und sein Mißtrauen aus. Sie führten zur Tragödie innerhalb seiner Familie.

Als Emporkömmling aus nichtköniglichem Geblüt und als Idumäer, der seinem Volke immer als Fremdling galt, fürchtete Herodes die Machtansprüche der Überlebenden des hasmonäischen Königshauses. Um in verwandtschaftliche Beziehungen zu den Hasmonäern zu kommen, hatte Herodes die Hasmonäerin Mariamme, eine Enkelin des ehemaligen Hohenpriesters Hyrkanus und des zeitweiligen Königs und Hohenpriesters Aristobul, geheiratet und Alexander und Aristobul, die beiden »in Purpur geborenen« Söhne Mariammes, zur Thronfolge bestimmt /1/. Alexandra, die Mutter Mariammes und Tochter Hyrkanus, erreichte bei Herodes, daß er den von ihm eingesetzten Hohenpriester Hananel absetzte und an seine Stelle den jungen Aristobul, einen Bruder Mariammes, also seinen eigenen Schwager, zum Hohenpriester machte. Als aber Aristobul sehr schnell beim Volke beliebt wurde, fürchtete Herodes in ihm einen Nebenbuhler und ließ ihn in Jericho beim Baden ertränken.

Den Argwohn Herodes' gegen die hasmonäischen Angehörigen seiner Familie nutzten Salome und Pheroras, die Geschwister Herodes', und Antipater, der älteste Sohn Herodes', der aus der Ehe mit der Jerusalemerin Doris stammte und wegen seiner »bürgerlichen« Herkunft nicht als Thronerbe vorgesehen war. Durch Verleumdung und Intrigen, die Unvorsichtigkeiten Mariammes und ihrer Söhne geschickt nutzend, erreichten sie es, daß Herodes zunächst Mariamme und ihre Mutter Alexandra und schließlich die beiden Söhne der Mariamme hinrichten ließ und Antipater zum Thronerben bestimmte. Als der ehemalige Hohepriester Hyrkanus, der Großvater Mariammes, der einst von seinem Bruder Aristobul verstümmelt und den Parthern ausgeliefert worden war, als achtzigjähriger Greis aus parthischer Gefangenschaft zurückkehrte, fürchtete Herodes, Hyrkanus könne alte Ansprüche geltend machen, und ließ ihn hinrichten. Damit hatte Herodes den letzten Angehörigen der Hasmonäerdynastie aus dem Wege geräumt. Kurz vor seinem Tode deckte Herodes schließlich auch das Intrigenspiel Antipaters auf, stellte ihn vor ein römisches Gericht und ließ ihn hinrichten.

 

1 Zur Verwandtschaft Hyrkanus', Aristobuls und Mariammes mit dem Hasmonäergeschlecht s. Tabelle S. 194

 

<193:> Ein wesentliches Merkmal der Herrschaft des Herodes war seine ausgedehnte Bautätigkeit, von der noch heute imposante Überreste zeugen. Die alte Königsstadt Samaria ließ er als rein hellenistische Stadt völlig neu bauen und benannte sie nach Augustus mit dem Namen Sebaste (Sebastos ist die griechische Bezeichnung für Augustus). Den an der Küste gelegenen kleinen Ort Stratonsturm baute er zu einem weiträumigen, künstlich angelegten Hafen aus, dessen Anlagen die von Athen an Größe übertrafen, und gab der Stadt dem Kaiser zu Ehren den Namen Caesareia, den Hafen nannte er Sebastos-Hafen. Das Andenken seines Vaters ehrte er durch Anlage der Stadt Antipatris nördlich von Lod, das seines Bruders durch die Stadt Phasaelis in der Jordanebene nördlich von Jericho. In Jericho schuf er sich eine Winterresidenz mit prächtig angelegten Gärten. Die alten Hasmonäerfestungen Hyrkania, Masada, Machärus und Alexandreion, die von Gabinius zerstört worden waren, ließ er stärker und prächtiger als zuvor erstehen und fügte diesem Festungssystem zwei neue Anlagen ähnlicher Art hinzu, nämlich die nach seiner Mutter benannte Festung Kypros am Abfall des Gebirges westlich von Jericho und das auf einem steil aufragenden Bergkegel südöstlich von Betlehem gelegene Herodeon, durch das er seinem eigenen Namen ein Denkmal setzte. Die altehrwürdigen Stätten des Abrahamgrabes in Hebron und des Abrahamheiligtums von Mamre stattete er mit Umfassungsmauern aus. Sein Hauptaugenmerk aber galt dem Ausbau Jerusalems zu einer gutbefestigten hellenistischen Metropole. Nordwestlich des Tempelplatzes errichtete er die nach seinem alten Gönner benannte Burg Antonia und auf der höchsten Stelle des Südwesthügels, in der Nähe des heutigen Jafatores, die mit Gärten und Prachtsälen ausgestattete, durch drei wuchtige Türme befestigte Herodesburg. Den krönenden Abschluß seiner Bautätigkeit bildete die 20 v. Chr. begonnene, aber erst 64 n. Chr. zum Abschluß gekommene Restaurierung und Erweiterung des Jerusalemer Tempels. Die Fläche des Tempelvorhofes ließ Herodes beträchtlich erweitern und von allen Seiten mit einer starken Mauer und Säulenhallen umgeben. Dazu waren gewaltige Substruktionen im Süden und Felsbearbeitungen im Norden notwendig. Noch heute sind diese Substruktionen und Teile der aus ungeheuren Steinquadern errichteten Umfassungsmauern erhalten.[1] Den auf das salomonische Heiligtum zurückgehenden Kernbau des eigentlichen Tempelgebäudes ließ Herodes im wesentlichen unverändert, erweiterte ihn aber durch Anbauten und brachte ihn durch ein Obergeschoß auf die Höhe von etwa 50 m. Die Gesamtanlage des herodianischen Hei- <194:> ligtums wurde zu einer der weiträumigsten und prächtigsten im ganzen Vorderen Orient. So umfaßt der Vorhof des herodianischen Heiligtums eine Fläche, die mehr als viermal so groß ist wie die der Akropolis von Athen. - Über seine Bautätigkeit in Palästina hinaus machte Herodes in zahlreichen Städten Syriens, Phöniziens, Kleinasiens und Griechenlands Stiftungen, indem er Bäder, Theater, Gymnasien, Säulenstraßen und Tempel erbauen lieg.

In diesen Bauten finden die Prachtliebe, der Ehrgeiz und die Ruhmsucht, aber auch die Organisationskraft und der Kulturwille des Herodes sichtbaren Ausdruck. Er wollte es anderen hellenistisch-römischen Herrschern gleichtun und den Städten seines Landes das Gepräge hellenistischer Kultur geben. Darum ließ er in Jerusalem, Jericho, Samaria und Cäsarea Gymnasien, Theater und Hippodrome anlegen und stiftete Kampfspiele in Jerusalem und Cäsarea. Seine große Stunde war gekommen, als er Agrippa, dem einflußreichen Schwiegersohn des Augustus, bei dessen Besuch im Jahre 15 v. Chr. seine Prachtbauten zeigen konnte. Daß er auf der einen Seite den Jahwetempel in Jerusalem neugestalten und in Hebron und Mamre Abrahamsheilig <195:> tümer erbauen ließ, daneben aber Augustusheiligtümer in Samaria, Cäsarea und bei Banjas in der Nähe der Jordanquellen errichtete und im Ausland den Bau von Tempeln heidnischer Götter förderte oder sie mit Weihgeschenken bedachte - das alles zeigt die religiös liberale, synkretistische Gesinnung des Königs, ist aber auch ein Beispiel dafür, wie er sich sowohl den Juden als auch dem römischen Kaiser erkenntlich zu zeigen suchte. Diese aufwendigen und kostspieligen Bauten lassen schließlich ahnen, welch straffes Regiment Herodes geführt haben muß und welche Steuerlast er seinem Volke aufbürdete, um die immensen Baukosten bestreiten zu können.

Freilich bot die Herrschaft des Herodes auch manche Annehmlichkeit für das Volk. Nach den nicht abreißenden Wirren der vorangegangenen Jahrhunderte blieb es während seiner ganzen Regierungszeit von Kriegen nach außen und Aufständen im Inneren verschont. Letzteres ist freilich vor allem darauf zurückzuführen, daß Herodes die Macht fest in Händen hatte und jede Auflehnung schon im Keime erstickte. Der Bau von Bewässerungsanlagen machte eine bessere Bodennutzung möglich. Handel und Wirtschaft nahmen einen Aufschwung. Beim Ausbruch einer Hungersnot (25/24. v. Chr.) bot Herodes alle Mittel auf, um der Not zu steuern. Vor Augustus und Agrippa trat er für die Juden in der Diaspora ein und schützte sie vor Übergriffen. Als die Pharisäer ihm und dem Kaiser den Eid verweigerten, achtete er ihre religiöse Überzeugung, indem er ihnen nur eine Geldbuße auferlegte. Beim Bau des Tempels sorgte er dafür, daß keine religiösen Vorschriften verletzt wurden. Mit Stolz wiesen die Juden auf den Prachtbau des Jerusalemer Tempels (s. z. B. Mk 13,1)

Dennoch ist Herodes immer unbeliebt geblieben, ja gehaßt worden. Man sah ihn als Fremdling und Römerfreund an. Seine despotische, autokratische Gewaltherrschaft und seine hellenistische Gesinnung stießen auf Ablehnung. Daß er seine tatsächlichen oder vermeintlichen Gegner, ja sogar seine nächsten Angehörigen durch Mord aus dem Wege räumte, daß er willkürlich Hohepriester ein- und absetzte, ja vor dem Mord an einem Träger dieses Amtes nicht zurückschreckte, mußte im höchsten Maße Anstoß bei den Gesetzestreuen erregen. Als kurz vor seinem Tode die Pharisäer den goldenen Adler vom Portal des Tempels rissen und damit offen ihr Mißfallen an herodianischen Maßnahmen demonstrierten, rächte sich Herodes an ihnen durch ein blutiges Strafgericht.

Bei aller Zwielichtigkeit war Herodes die letzte kraftvolle Herrscherpersönlichkeit auf judäischem Königsthron. Seine Regierungszeit war, nach außen hin gesehen, die letzte Glanzzeit der Geschichte Israels. Darum gab man ihm auch den Beinamen »der Große«. Nach schmerzhafter Krankheit starb Herodes im Jahre 4 v. Chr. in Jericho und wurde nach eigenem Wunsch im Herodeon beigesetzt. <196:>

3. Die Nachfolger des Herodes

Quellen: Josephus, Ant. Jud. XVII,9-XIX,9; Bell. Jud. 11,1-12.

Lit.: S. Perowne, Herodier, Römer und Juden, 1958; L. Goppelt, Christentum und Judentum im ersten und zweiten Jahrhundert, 1954 (S. 16-29, Das Judentum zur Zeit Jesu); C. K. Barrett, Die Umwelt des Neuen Testaments, 1959 (Quellensammlung).

Nach dem Tode des Herodes erschien vor Augustus eine Gesandtschaft der jüdischen Kultgemeinde, um zu erreichen, daß die Herrschaft der Herodianer aufgehoben werde. Auch die zur Thronfolge vorgesehenen Söhne des Herodes wurden in Rom vorstellig, um möglichst großen Anteil am Erbe des Vaters zu gewinnen. Augustus aber entschied im wesentlichen nach dem Testament des Herodes, das eine Aufteilung des herodianischen Reiches unter seine Söhne Archelaos, Antipas und Philippos vorsah. Archelaus, Sohn der Samariterin Maltake, wurde zur Herrschaft über Judäa mit Samaria bestimmt, erhielt aber, entgegen dem herodianischen Testament, nicht den Titel eines Königs, sondern den eines Ethnarchen. Die hellenistischen Städte Gaza, Gadara und Hippos wurden seiner Herrschaft entnommen. An Antipas, den Vollbruder des Archelaus, fielen Galiläa und Peräa, an Philippus, den Sohn der Jerusalemitin Kleopatra, die im nördlichen Ostjordanland liegenden Gebiete Trachonitis, Batanaia und Auranitis. Beide erhielten den Titel eines Tetrarchen (»Vierfürsten«). Salome, die Schwester Herodes', wurde mit Jamnia, Aschdod und der Neugründung Phasaelis im Jordangraben bedacht.

Während der Abwesenheit der Thronanwärter brachen in Palästina Unruhen gegen die Herodianer und die Römer aus, die von Varus, dem Statthalter von Syrien, niedergeschlagen wurden. - Archelaus konnte seine Herrschaftsstellung nicht lange halten. Auf Grund einer Beschwerde der Judäer und Samaritaner über die grausame Willkürherrschaft des Fürsten setzte Augustus Archelaus ab und schickte ihn in die Verbannung nach Gallien. Judäa und Samaria wurden der Provinz Syria eingegliedert und einem Prokurator unterstellt, der seinen Sitz in Cäsarea hatte. Die Burg Antonia in Jerusalem und zahlreiche feste Städte wurden mit römischer Besatzung belegt.

Philippus, der Tetrarch des nördlichen Ostjordanlandes, wird von Josephus als milder und gerechter Herrscher beurteilt. Er gründete die Stadt Cäsarea Philippi in der Nähe der östlichen Jordanquelle und machte sie zu seiner Residenz. Er war zuletzt mit seiner Nichte Salome, der Tochter des Antipas, verheiratet. Nach seinem Tode im Jahre 34 n. Chr. wurde sein Gebiet ein Teil der Provinz Syria.

Herodes Antipas, der Beherrscher von Galiläa und Peräa, residierte zunächst in Sefforis in Untergaliläa. Er baute den Ort Betaramfta <197:> im Ostteil des unteren Jordangrabens zur Festung Julias (später Livias) als Schutz gegen die Nabatäer aus und gründete um 20 n. Chr. die nach Tiberius benannte Stadt Tiberias am Westufer des Sees Gennesaret und machte sie zur Hauptstadt seines Gebietes. Antipas war zunächst mit einer Tochter des Nabatäerkönigs Aretas verheiratet. Zum Verderben wurde ihm die ehrgeizige Herodias, eine Tochter des von Herodes hingerichteten Aristobul, also eine Enkelin des Herodes und der Mariamme. Herodias war in erster Ehe mit einem unbedeutenden Herodessohn, der ebenfalls Herodes hieß, verheiratet. Auf Veranlassung der Herodias brachte Antipas die Scheidung zwischen seinem Stiefbruder Herodes und der Herodias zustande, verstieß seine eigene Gemahlin, die Tochter des Nabatäerkönigs, und heiratete Herodias. Salome, die Tochter der Herodias, heiratete später den Tetrarchen Philippus. Sie spielte auch eine Rolle bei der Enthauptung Johannes des Täufers, den Antipas auf der Festung Machärus hatte einkerkern lassen, weil Johannes die doppelte Unrechtmäßigkeit der Ehe zwischen Antipas und Herodias gegeißelt hatte. Um die Verstoßung seiner Tochter zu rächen, führte der Nabatäerkönig Aretas Krieg (36 n. Chr.) gegen Antipas und brachte ihm eine empfindliche Niederlage bei. Antipas ließ sich schließlich von Herodias dazu bestimmen, beim Kaiser Caligula um den Königstitel nachzusuchen. Antipas wurde jedoch von Herodes Agrippa, einem Vollbruder der Herodias, der Vorbereitung des Abfalls von Rom verdächtigt, von Caligula 39 n. Chr. abgesetzt und nach Gallien verbannt.

Herodes Agrippa war wegen seiner Sympathiekundgebungen für Caligula von Tiberius eingekerkert worden. Als Caligula Kaiser wurde (37 n. Chr.), belohnte er seinen Freund Agrippa, indem er ihm den Königstitel verlieh und ihm die ehemals von Philippus beherrschten Gebiete im nördlichen Ostjordanland, dazu das Gebiet von Abila nordwestlich von Damaskus unterstellte. Nach der Absetzung des Antipas, die Agrippa durch seine Verdächtigung geflissentlich betrie-

Abb. 24 Münze Herodes' Agrippas 1. Die Vorderseite trägt die Umschrift: »Der große König Agrippa, der Kaiserfreund.« Auf der Rückseite ist Tyche, die Schicksalsgöttin, dargestellt.

ben hatte, erhielt Agrippa auch noch Galiläa und Peräa. Im Jahre 41 n. Chr. wurde Caligula ermordet. Agrippa setzte sich dafür ein, daß Claudius Kaiser wurde. Zum Lohn dafür bestätigte ihn Claudius nicht nur in seinem bisherigen Amt, sondern betraute ihn auch noch mit <198:> der Herrschaft über Judäa, Idumäa und Samaria. Damit war Agrippa König über das Gebiet, das einst sein Großvater Herodes beherrscht hatte.

Agrippa gab sich den Anschein eines gesetzestreuen Juden und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, seine Frömmigkeit zu demonstrieren. Er erwarb sich dadurch die Sympathien der Jerusalemer Kultgemeinde. Apg 12,1ff berichtet von einer Christenverfolgung, der er stattgab, um bei den Juden Gefallen zu erwerben. Außerhalb seines Herrschaftsgebietes gebärdete er sich wie ein hellenistischer Herrscher. Auf Münzen bezeichnet er sich mit dem Titel: »Der große König Agrippa, der Freund des Kaisers.« Aber auch seiner Verfügungsgewalt waren Grenzen gesetzt. Er wollte die Befestigung Jerusalems durch eine dritte Nordmauer verstärken. Der syrische Statthalter untersagte jedoch den Weiterbau des bereits begonnenen Werkes, von dem heute noch Überreste vorhanden sind. Als Agrippa im Jahre 44 n. Chr. in Cäsarea festliche Spiele abhalten ließ und von der Menge als leibhaftiger Gott begrüßt wurde, befielen ihn heftige Schmerzen, und er starb nach wenigen Tagen (Apg 12,21-23). Dieses Ereignis hinterließ bei den Juden einen tiefen Eindruck.

Nach dem Tode Agrippas setzten die Römer seinen erst 17jährigen Sohn, der ebenfalls den Namen Agrippa trug, nicht zum Nachfolger ein, sondern schlugen das gesamte Gebiet Agrippas zur Provinz Syria und unterstellten es einem Prokurator. Als Agrippa II. volljährig geworden war (50 n. Chr.), übertrug ihm Claudius die Herrschaft über das Königreich Chalkis in der Senke zwischen Libanon und Antilibanon. Dazu verlieh er ihm das Recht, die kultischen Angelegenheiten der Jerusalemer Kultgemeinde zu regeln und den Hohenpriester einzusetzen. 53 n. Chr. konnte er sein kleines Herrschaftsgebiet gegen das Gebiet der ehemaligen Tetrarchie des Philippus eintauschen, nämlich das nördliche Ostjordanland und die Abilene. Nero fügte diesem Gebiet Teile von Galiläa und Peräa, u. a. die Städte Tiberias, Tarichea und Betsaida-Julias, hinzu. Einige Male trat Agrippa II. vor den Römern für die Interessen der Jerusalemer Kultgemeinde ein, fand aber dennoch nicht die Zustimmung gesetzestreuer Juden. Durch sein undurchsichtiges Verhältnis zu seiner Schwester Bernike war er übel beleumdet. Seine Schwester Drusilla war nach Scheidung ihrer ersten Ehe mit dem Prokurator Felix verheiratet (Apg 24,24; 25,13ff; 26,1ff).

In den ersten Jahrzehnten des 1. Jh. v. Chr. kam die rabbinische Schriftgelehrsamkeit zu hoher Blüte. Die Lehre von der wörtlichen Inspiration jedes einzelnen Schriftwortes war die Voraussetzung für die kasuistische Schriftauslegung der Rabbinen. Man erörterte alle nur möglichen Fälle und suchte bindende Regeln für alle Lebensbereiche abzuleiten. Darf man ein Ei, das ein Huhn am Sabbat legte, essen? Darf man am Sabbat einem in den Brunnen gefallenen Esel <199:> Hilfe leisten? Rabbi Hillel und Rabbi Schammai waren zu Beginn des Jahrhunderts zwei angesehene Schulhäupter und anerkannte Autoritäten. Hillel stellte sieben Regeln für rechte Schriftauslegung auf. Hillels Nachfolger wurde sein Schüler und Enkel, Rabbi Gamaliel, der Lehrer des späteren Apostels Paulus /3/.

3 Zur rabbinischen Literatur vgl. C. K. Barrett, Die Umwelt des Neuen Testaments, 1959, S. 148-184, Die rabbinische Literatur und das rabbinische Judentum.

Einen Einblick in die Messiaserwartungen, die unter den Pharisäern und darüber hinaus im Volke lebendig waren, geben uns die im 1. Jh. v. Chr. entstandenen Psalmen Salomos, Kap. 17.18. Mit dem Anbruch der messianischen Herrschaft erwartet man die Befreiung vom Joch der Römer: » Sieh' darein, o Herr, und laß ihnen erstehen ihren König, den Sohn Davids, zu der Zeit, die du erkoren, Gott, daß er über deinen Knecht Israel regiere. Und gürte ihn mit Kraft, daß er ungerechte Herrscher zerschmettere, Jerusalem reinige von den Heiden, die es kläglich zertreten« (17,21f). Der Messias selbst wandelt in Vollkommenheit und schafft ein von Sünden gereinigtes Volk:

»und er ist rein von Sünde, daß er herrschen kann über ein großes Volk, in Zucht halten die Obersten und wegschaffen die Sünder mit mächtigen Worten. Auch wird er nie in seinem Leben straucheln gegen seinen Gott; denn Gott hat ihn stark gemacht an Heiligem Geist und weise an verständigem Rat mit Tatkraft und Gerechtigkeit« (17,36f). »Dann wird er ein heiliges Volk zusammenbringen, das er mit Gerechtigkeit regiert, und wird richten die Stämme des vom Herrn, seinem Gott, geheiligten Volkes« (17,26). »Selig, wer in jenen Tagen leben wird und schauen darf das Heil des Herrn, das er dem kommenden Geschlecht schafft!« (-18,6).

4. »Als die Zeit erfüllet ward«

Lit.: R. Bultmann, Jesus, 1970 (4); M. Dibelius, Jesus, 1949 (2); G. Bornkamm, Jesus von Nazareth, 19749 (Urban-Bücher 19); E. Stauffer, Jesus, 1957 (Dalp-Taschenbücher 332).

In die Regierungszeit des Herodes Antipas fällt die Wirksamkeit Jesu von Nazaret. Sie spielte sich zunächst vor allem in Galiläa im Umkreis des Sees Gennesaret ab. Kafarnaum und Chorazin waren Brennpunkte seines Wirkens. Mit der Botschaft »Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen« (Mt 4,17) trat er in die Öffentlichkeit. Seine Verkündigung bedient sich weitgehend der Vorstellungswelt seiner Zeit und nimmt in mancher Hinsicht auch Inhalte der pharisäischen und essenischen Lehre auf. Eine charakteristische Eigenart seiner Botschaft ist die Tatsache, daß sie eng mit seiner eigenen Person verknüpft ist. Das Reich Gottes, dessen Anbruch unmit- <200:> telbar bevorsteht, ist eine künftige Größe - aber im Werk und der Verkündigung Jesu wirft das Reich Gottes seine Strahlen voraus, ja ist in seinem Reden und Handeln schon Gegenwart geworden. »Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch hingekommen« (Lk 11,20). Indem er die Armen, die Trauernden, die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden selig preist, ist der Trost des künftigen Reiches für sie Gegenwart geworden. Indem er zu den Sündern, den Zöllnern und Dirnen geht, widerfährt ihnen die vergebende und schenkende Gnade Gottes. In der unumschränkten Gnade Gottes, die in der Begegnung mit Jesus Ereignis wird, sind auch die radikalen Forderungen Jesu begründet. Weil in der durch Jesus zuteil werdenden Vergebung die totale Liebe Gottes begegnet, darf auch die Liebe des Menschen vor dem Feind nicht Halt machen. Weil der Mensch völlig auf die schenkende Gnade Gottes angewiesen ist, ist jeder Anspruch des Menschen, jede verdienstliche Leistung ausgeschlossen. Das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten ist nicht neu. Neu hingegen ist, daß Jesus das Doppelgebot der Liebe zum obersten aller Gebote erhebt, alle anderen Gebote diesem einen unterordnet und das gesamte Handeln des Menschen unter die Bestimmung dieses Gebotes stellt. Das ist das Ende aller Kasuistik. Die Einzelforderungen Jesu sind keine neuen kasuistischen Gesetze, sondern Beispiel für die Entfaltung des Liebesgebotes. Die kasuistische Auslegung der Schriftgelehrten bezeichnet Jesus als »Menschensatzungen«, die geradezu dazu führen können, daß sie der Mensch vorschiebt, um sich dem Willen Gottes zu entziehen (Mk 7, 6-13). Die kasuistisch verstandene Erfüllung des Gesetzes wird dann tödlich, wenn sie dem Menschen sein totales Angewiesensein auf die Gnade Gottes verdunkelt (Lk 18,10-14; 15,7). Die Sicheren und Satten, die meinen, der Gnade nicht zu bedürfen, ziehen sich durch Ablehnung des durch Jesus ergehenden Geschenkes das Gericht zu. So stellte Jesu Gnadenruf den Menschen in die Entscheidung. Auch Israel muß seine Erwählung in der Antwort auf den Ruf Gottes, der durch Jesus ergeht, bewähren. Darum zieht Jesus nach Jerusalem, um hier die Obersten, die Repräsentanten Israels, in die Entscheidung zu stellen. Mit seiner Botschaft von der Gewaltlosigkeit, mit seiner Stellung dem Staat gegenüber mußte Jesus auf Ablehnung bei den Zeloten stoßen. Seine Kritik an der Kasuistik und Legalistik mußte den Widerspruch der Pharisäer hervorrufen. Jesu freie Haltung gegenüber dem Sabbat, den Reinheitsvorschriften und dem Gebot kultischer Abgaben (Mk 2,23ff; 3,1ff; 7,1-23) war nicht in laxer Haltung, sondern in einem letzten Ernstnehmen des Liebesgebotes als oberster Forderung Gottes begründet. Die Pharisäer vermochten darin nur sträflichen Gesetzesbruch zu sehen. Wenn er sein »Ich aber sage euch ... « autoritativ neben das Gebot der Tora stellte, wenn er den Menschen in letzter Gewißheit die Vergebung der Sünden erteilte, dann sprach und <201:> handelte er, wie es nur Gott zusteht. Er erhob damit den Anspruch, in letzter göttlicher Autorität zu handeln und zu reden. Diesen Anspruch vermochten die Pharisäer und Schriftgelehrten nur als Anmaßung und Gotteslästerung anzusehen und forderten darum seinen Tod. Bei der römischen Behörde bezichtigten sie ihn des Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Der Statthalter Pontius Pilatus verurteilte ihn daraufhin zum Tode am Kreuz. Seine Anhänger aber erkannten, daß sein Anspruch zu Recht bestand, daß er der Messias, »der Sohn des lebendigen Gottes«, war. Von der Begegnung mit dem Auferstandenen her verkündigten sie, daß in seinem Tode Gott die Sünde der Welt gerichtet und der Welt das Heil zugewandt hat. Das Reden und Handeln Gottes in der Geschichte Israels und durch die Geschichte Israels lief auf ihn zu, fand in ihm sein Ziel. Durch ihn ergeht das letztgültige Reden Gottes nicht nur an Israel, sondern an die ganze Welt. Die alte Verheißung, daß durch Israel der Segen über alle Völker kommen solle, geht in ihm in Erfüllung (Gal 3,8). Die alte Bundeszusage: Ach will euer Gott sein« ist nun nicht mehr auf Israel beschränkt, sondern gilt als Zusage und Angebot für alle.

5. Der erste jüdische Aufstand

Quelle: Josephus, Bell. Jud. 2,9-7,11.

Lit.: M. Hengel, Die Zeloten, 1961.

Das Königtum Agrippas I. war nur ein kurzes Zwischenspiel von drei Jahren. Nach seinem Tode wurde ganz Palästina der Provinz Syria eingegliedert und der Herrschaft eines Prokurators unterstellt. Judäa und Samaria hatten schon in der Zeit von der Amtsenthebung des Archelaus (9 n. Chr.) bis zum Königtum Agrippas (41 n. Chr.) einem Prokurator unterstanden. Der Prokurator befehligte die Besatzungstruppen. Er hatte die Aufgabe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen und die Steuererhebung zu regeln. Ihm oblag auch die Rechtsprechung in letzter Instanz. Im übrigen lag die Verwaltung in den Händen der Juden. Die Steuern wurden von jüdischen Steuereinnehrnern (»Zöllnern«) eingezogen und an die Römer weitergeleitet. Das Synhedrium übte weiterhin seine eigene Gerichtsbarkeit aus. Todesurteile blieben jedoch dem Prokurator vorbehalten.

Die Römer waren bemüht, auf die Besonderheiten der jüdischen Kultgemeinde Rücksicht zu nehmen, und respektierten ihre religiösen Traditionen. Die Juden allein waren vom Kaiserkult befreit. Der Statthalter residierte nicht in Jerusalem, sondern in Cäsarea, um den Kaiserkult vom Kultzentrum der jüdischen Gemeinde fernzuhalten. Die <202:> römischen Truppen hatten Anweisung, keine Standarten und Kaiserbilder mit nach Jerusalem zu nehmen und den Tempel nicht zu betreten. Dennoch kam es in Judäa bereits in der Zeit zwischen 9 und 4-1 n. Chr. zu Spannungen und ernsten Konflikten zwischen der römischen Besatzungsmacht und den Angehörigen der jüdischen Kultgemeinde. Die Juden standen den Römern als Fremdmacht von vornherein feindlich gegenüber. Die römischen Prokuratoren ließen es oft an der nötigen Rücksicht fehlen, sie ließen sich manchmal Willkürhandlungen zuschulden kommen und suchten aus den Steuerforderungen möglichst viel Gewinn für sich selbst herauszuschlagen. Der vom ersten Statthalter Quirinius zur Steuererfassung durchgeführte Census rief eine scharfe antirömische Stimmung hervor. Pilatus (26-36) stieß auf heftigen Widerstand, als er vergoldete Schilde mit einer dem Kaiser gewidmeten Weiheinschrift in Jerusalem aufstellen wollte. Für den Bau einer Wasserleitung nach Jerusalem nahm er den Tempelschatz in Anspruch. Wegen Übergriffen gegen die Samaritaner wurde er abberufen und zur Rechenschaft gezogen. - Als Kaiser Caligula sich selbst als Gott ausgab und überall im Reich die Teilnahme am Kaiserkult forderte, gerieten die Juden in harte Bedrängnis, da sie sich selbstverständlich weigerten, dem nachzukommen. In Alexandria suchte man im Jahre 38 n. Chr. die Teilnahme der Juden am Kaiserkult zu erzwingen. Man stellte gewaltsam Kaiserbilder in den Synagogen auf, andere Synagogen wurden verbrannt, eine blutige Judenverfolgung setzte ein. Auf seiner Durchreise wurde Agrippa I. in Alexandrien öffentlich verhöhnt. - Im Jahre 39 n. Chr. zerstörten gesetzesstrenge Juden einen Kaiseraltar, der von heidnischen Bewohnern in Jamnia errichtet worden war. Caligula befahl daraufhin die Aufstellung eines Kaiserbildes im Jerusalemer Tempel. Die zutiefst entsetzten Juden bestürmten den Statthalter Petronius in Sidon und Tiberias flehentlich. Petronius sah voraus, welche unabsehbare Folgen eine gewaltsame Einführung des Kaiserkultes nach sich ziehen würde. Vergeblich baten Petronius und Agrippa den Kaiser um Aufhebung des Kultbefehles. Daraufhin wagte es Petronius, den kaiserlichen Befehl zu übergehen. Durch die Ermordung Caligulas (41 n. Chr.) entging die Jerusalemer Kultgemeinde der drohenden Katastrophe und Petronius dem Vollzug des schon ausgesprochenen Todesurteils. Kaiser Claudius war einsichtig genug, den Angehörigen der jüdischen Kultgemeinde die Teilnahme am Kaiserkult zu ersparen. Damit fand auch die Bedrängnis der Juden in Alexandrien ein Ende. Die Sonderstellung in kultischen Angelegenheiten trug den Juden allerdings den Haß im ganzen Römischen Reich ein.

Die antirömische Stimmung jener Zeit fand ihren extremsten Ausdruck in der Partei der Zeloten (»Eiferer«), die in der Zeit nach dem Census des Quirinius entstand. Die Zeloten gingen aus den Kreisen der Pharisäer hervor, mit denen sie das Anliegen strenger Gesetzes- <203:> erfüllung und die Erwartung der messianischen Zeit teilten. Beide Gruppen waren davon überzeugt, daß messianisches Reich und Befreiung von der römischen Fremdherrschaft untrennbar miteinander verbunden seien. Während aber die Pharisäer die Römerherrschaft als eine Geißel Gottes, um deren Abwendung man nur beten könne, geduldig ertrugen, den Anbruch der messianischen Zeit und die Befreiung von den Römern allein von einem Eingreifen Gottes erhofften und darum jegliche Anwendung von Gewalt ablehnten, suchten die Zeloten durch aktives Handeln die messianische Zeit herbeizuführen und mit Waffengewalt das römische Joch abzuschütteln. Die Oberherrschaft eines heidnischen Kaisers anzuerkennen, galt ihnen als ein Verstoß gegen das Gebot der ausschließlichen Verehrung des einen Gottes. Darum lehnten sie es ab, an die Römer Steuern zu zahlen. Natürlich konnten die Zeloten zunächst nur als »Untergrundbewegung« existieren. Sie traten anfangs nur durch kleinere Störaktionen hervor und stifteten überall im Lande Unruhe.

Unter der Verwaltung der Prokuratoren nach dem Tode Herodes Agrippa verschärfte sich die Spannung zwischen den Römern und Juden immer mehr. Unbesonnenheiten, Härten und übergriffe der Statthalter hatten zur Folge, daß die Anhängerschaft der Zeloten wuchs. Racheakte, Ausschreitungen und Gewaltmaßnahmen der Zeloten zogen wiederum Repressalien der Römer nach sich.

Unter dem Prokurator Ventidius Cumanus (48-52 n. Chr.) reizte ein römischer Soldat während des Paschafestes die Juden durch schamloses Betragen zur Empörung, die Cumanus gewaltsam niederhalten mußte. - In der Nähe von Bet-Horon wurde ein Sklave des Kaisers überfallen und beraubt. Bei Vergeltungsmaßnahmen gegen die umliegenden Dörfer vernichtete einer der eingesetzten römischen Soldaten eine Torarolle. Der Statthalter konnte die darob aufs äußerste erbosten Juden nur durch Hinrichtung des Soldaten zur Ruhe bringen. In der Gegend von Samaria wurden galiläische Festpilger von Samaritanern ermordet. Da der Statthalter die Täter nicht zur Rechenschaft zog, griffen die Zeloten zur Selbsthilfe und durchstreiften Samaria mit Mord und Brand. Als Cumanus hiergegen einschritt, kam es zu gefährlichen Unruhen, die sich erst legten, als Kaiser Claudius auf Anraten Agrippas II. führende Samaritaner und einen römischen Offizier hinrichten ließ und Cumanus seines Amtes enthob.

Unter dem Prokurator Antonius Felix (52-60 n. Chr.) bildete sich die Untergrundbewegung der Sikarier, benannt nach dem kurzen Krummdolch (sica), den sie ständig unter dem Gewand verborgen trugen. Durch Meuchelmord beseitigten sie jeden, der sich nicht an der antirömischen Bewegung beteiligte. So scheuten sie nicht vor der Ermordung des Hohenpriesters Jonatan zurück. - Die ohnehin gespannte Lage wurde verschärft durch schwärmerische Personen, die mit prophetischern Anspruch auftraten und messianische Hoffnungen er <204:> weckten. Schwärmerische Bewegungen, die sie hervorriefen, hielten die Römer blutig nieder.

Korruption, Mißwirtschaft und rücksichtslose Ausbeutung des Landes fanden ihren Höhepunkt unter den Prokuratoren Albinus (62-64) und Gessius Florus (64-66). Es bedurfte nur noch eines geringfügigen Anstoßes, um die allgemeine Empörung zum offenen Aufstand werden zu lassen. In Cäsarea kam es zwischen Juden und Syrern zum Streit um das Bürgerrecht. Florus nahm zwar von den Juden Bestechungsgelder an, verwies aber beide Parteien vor das kaiserliche Gericht in Rom. Als die Juden den Prozeß verloren und sich den Belästigungen durch die Syrer nur durch Verlassen der Stadt entziehen konnten, stieg die Empörung aufs äußerste. Der letzte Anstoß zum offenen Aufstand war gegeben, als Florus 17 Talente aus dem Tempelschatz forderte. Die öffentliche Verhöhnung des Statthalters in Jerusalem durch die Juden beantwortete Florus mit dem Befehl, einen Teil der Stadt zu plündern und vornehme Bürger zu kreuzigen. Alle Versuche des Hohenpriesters, der Pharisäer und Sadduzäer, dem Aufstand zu wehren, schlugen nunmehr fehl. Die Aufständischen unter Eleasar, einem Sohn des Hohenpriesters, besetzten den Tempelbezirk und rissen die Verbindungshallen zwischen Antonia und Tempelbezirk nieder. Agrippa II eilte nach Jerusalem und mahnte vergeblich zur Mäßigung. Als die Aufständischen die Einstellung des täglichen Opfers für den Kaiser erzwangen, war der Bruch mit den Römern endgültig. Der Hohepriester und besonnene Kreise der Pharisäer und Sadduzäer suchten dem Aufstand gewaltsam zu wehren. Auf ihren Hilferuf sandte Agrippa 3ooo Reiter, die aber gegen die Aufständischen nichts auszurichten vermochten und sich in die Herodesburg zurückziehen mußten, von wo ihnen freier Abzug gewährt wurde. Der Hohepriester wurde ermordet. Die Aufständischen steckten den Palast des Hohenpriesters, den Palast des Agrippa und die Antonia in Brand. Den Überlebenden der römischen Besatzung, die sich in die befestigten Türme der Herodesburg geflüchtet hatten, sagte man zwar freien Abzug zu, metzelte sie aber nieder, nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten.

Inzwischen war es den Aufständischen gelungen, die Festungen Masada und Herodeon, die nur mit schwacher Besatzung belegt waren, in ihre Hand zu bekommen. Überall im Lande flammte nunmehr der Aufstand auf. In Cäsarea, Aschkelon, Skytopolis, Damaskus und Alexandrien kam es daraufhin zu blutigen Judenverfolgungen. Da der Prokurator Florus den Aufstand nicht mehr niederzuhalten vermochte, zog im Herbst 66 n. Chr. der Statthalter von Syrien, C. Cestius Gallus, mit einer Legion nach Judäa. Er drang in die nördliche Vorstadt von Jerusalem ein, vermochte jedoch nicht den Tempelbezirk einzunehmen. So mußte er sich wieder zurückziehen, wurde bei Bet-Horon von Aufständischen überfallen und erlitt schwere Verluste.

<205:> Ein großer Teil der Waffen und des Gepäckes wurde zur Beute der Aufständischen, die sich durch die Niederlage der Römer in ihrem Freiheitsstreben bestärkt sahen.

 Abb. 25 Jüdische Aufstandsmünze (67 n. Chr.). Auf der Vorderseite ist ein Kelch, auf der Rückseite sind drei Granatäpfel dargestellt. Umschrift auf der Vorderseite: »Ein Schekel von Israel«, auf der Rückseite: »Das Heilige Jerusalem«.

Freilich stand der eigentliche Krieg noch bevor. Bei einer ernsthaften Auseinandersetzung waren die Aufständischen von vornherein im Nachteil, da sie schlecht gerüstet, mangelhaft ausgebildet und obendrein untereinander uneins waren. In Galiläa war Joseph, der Sohn des Matthias, der später unter dem Namen Josephus als Geschichtsschreiber bekannt wurde, der Führer des Aufstandes. Im Gegensatz zu ihm stand Johannes von Gischala, der Führer der Zeloten. Josephus bereitete den Krieg gut vor. Er ließ u. a. in aller Eile eine Reihe von Städten befestigen und das Land in verschiedene Verteidigungsbezirke einteilen.

Im Winter 66/67 beauftragte der Kaiser Nero seinen erfahrenen Feldherrn T. Flavius Vespasianus mit der Niederwerfung des Aufstandes. Ihm standen drei gut gerüstete Legionen mit einer Anzahl von Hilfstruppen zur Verfügung. Im Frühjahr 67 bat die vorwiegend heidnische Bevölkerung des wichtigsten Stützpunktes Sefforis in Untergaliläa um römische Besatzung. Beim Nahen der Römer zogen sich die Aufständischen sofort in die befestigten Städte zurück, so daß den Römern das offene Land kampflos in die Hand fiel. Nach 47tägiger Belagerung gelang es Vespasian, die befestigte Stadt Jotapata, in die sich Josephus mit einem großen Teil der Aufständischen zurückgezogen hatte, zu erobern. Josephus ging zu den Römern über und wurde milde behandelt. Nach der Einnahme von Tiberias, Taricheä, Gamala, Gischala und des Tabor im Herbst 67 hatte Vespasian ganz Galiläa in der Hand und konnte seine Truppen Winterquartiere beziehen lassen.

Johannes von Gischala war es im letzten Augenblick gelungen, aus seinem belagerten Heimatort nach Jerusalem zu entfliehen. Hier riß er mit Hilfe der Idumäer die Herrschaft über die Stadt an sich und übte ein Terrorregiment aus. Im Frühjahr 68 n. Chr. besetzte  Vespasian nacheinander Peräa, die Küstenebene, das judäische Hügelland, Idumäa, Samaria und eroberte Jericho. Die Belagerung von Jerusalem zögerte er hinaus, als die Nachricht vom Tode Neros (9. Juni 68 n. Chr.) eintraf. Inzwischen trugen die Aufständischen in Jerusalem <206:> blutige Machtkämpfe untereinander aus. Der Bandenführer Simon bar Giora und der Zelotenführer Johannes von Gischala kämpften um die Herrschaft. Schließlich besetzte Johannes den Tempelbezirk, während Simon die übrige Stadt beherrschte.

Im Laufe des Jahres 69 n. Chr. folgten nacheinander die Kaiser Galba, Otho und Vitellius auf dem Kaiserthron, bis schließlich am 1. Juli 69 n. Chr. Vespasian von den Truppen im Orient zum Kaiser ausgerufen wurde und im Sommer 70 n. Chr. seine Herrschaft in Rom antreten konnte. Durch diese Vorgänge war ein Stillstand im jüdischen Krieg eingetreten, dessen Führung Vespasian seinem Sohn Titus übertrug. im Frühjahr 70 n. Chr., kurz vor dem Paschafest, als die Stadt durch Festpilger überfüllt war, begann Titus mit fünf Legionen die Belagerung von Jerusalem. Er bezog auf dem Skopushügel nördlich von Jerusalem Quartier. Durch tapfere Ausfälle setzten die Belagerten den Römern schwer zu. Da Jerusalem auf den übrigen drei Seiten von Tälern umgeben ist, konnte der Angriff nur von Norden her erfolgen, wo die Stadt allerdings durch drei Mauerzüge am stärksten befestigt war. Angesichts der bedrohlichen Lage einigten sich die streitenden Parteien in Jerusalem zu gemeinsamer Verteidigung. Titus gelang es verhältnismäßig schnell, mit Hilfe von Belagerungsmaschinen die beiden nördlichen Mauerzüge zu durchbrechen und die nördlichen Bezirke der Stadt einzunehmen. Die schwierigste Aufgabe aber stand noch bevor. Um die Stadt von der Umwelt abzuriegeln, ließ Titus einen Belagerungswall errichten. Hunger und Seuche wüteten in der Stadt. Dennoch dachte man nicht an Übergabe, da man immer noch auf ein göttliches Wunder hoffte. Mit Sturmwällen und Rammböcken ging Titus gegen die Antonia vor, die im Juli 70 nach heftigem Kampf fiel. Nunmehr stand den Angreifern der Tempelvorplatz frei. Das tägliche Opfer mußte eingestellt werden. Da die Tempelmauern den Belagerungsmaschinen trotzten, sah sich Titus genötigt, die Torgebäude in Brand zu stecken. Dadurch fing auch das Tempelgebäude Feuer und ging in Flammen auf. Die Römer opferten auf dem Tempelvorplatz vor ihren Feldzeichen. Ein Teil der Aufständischen konnte in die Herodesburg entkommen, die von den Römern berannt und im September 70 n. Chr. eingenommen wurde. Die Sieger plünderten und zerstörten die Stadt, richteten ein furchtbares Blutbad an und legten die Befestigungsanlagen mit Ausnahme der drei Türme der Herodesburg nieder. Hier bezog die Besatzungstruppe Quartier. Johannes von Gischala und Simon ben Giora fielen den Römern lebend in die Hände. Titus feierte im folgenden Jahr seinen Sieg durch einen Triumphzug in Rom, bei dem er auch die beiden Anführer des Aufstandes mit sich führte und, wie aus Abbildungen auf seinem Triumphbogen hervorgeht, die kostbaren Geräte des Jerusalemer Heiligtums als Beutestücke zur Schau stellte.

Nun trotzten nur noch die drei Felsenfestungen Herodeon, Machärus <207:> und Masada den Siegern. Die Besatzung des Herodeon ergab sich kampflos, die von Machärus nach kurzer Belagerung. Die Belagerung der auf einem steilen Felsen gelegenen Festung Masada hingegen nahm fast ein Jahr in Anspruch (Sommer 72 n. Chr. bis Frühjahr 73). Die Besatzung bestand aus einer Gruppe von Zeloten unter Führung von Eleasar, die jede Übergabe ablehnte und sich mit letztem Verzweiflungsmut verteidigte. Die ganze Kunst römischer Belagerungstechnik mußte zur Eroberung der Burg aufgeboten werden. Die Römer errichteten einen Belagerungswall, um Ausfälle unmöglich zu machen, und mußten einen gewaltigen Damm aufschütten, um mit den Belagerungsmaschinen überhaupt an die Befestigungsmauer heranzukommen. Überreste der circumvallatio und der römischen Lager

 

Abb. 26 Der Siebenarmige Leuchter (Relief aus Gadara).

 

sowie der Belagerungswall sind noch heute vorhanden /4/.[2] Als die Römer eine Bresche in die Mauer geschlagen hatten und der Fall der Burg unabwendbar war, setzten die Belagerten die Gebäude in Brand und gaben sich selbst den Tod. Damit war das letzte Bollwerk der Aufständischen gefallen und der jüdische Aufstand endgültig niedergeschlagen. Nach dem Siege ließ Vespasian Münzen schlagen, auf denen ein siegreicher römischer Soldat, ein Palmbaum als Symbol Israels und eine trauernde Frau dargestellt waren. Sie trugen die Aufschrift: »Judaea capta«. Vespasian trennte Judaea von der Provinz Syria und machte es zu einer kaiserlichen Provinz unter der Verwaltung eines Statthalters, der seine Residenz in Cäsarea hatte.

Durch die Zerstörung des Tempels war die Jerusalemer Kultgemeinde ihres legitimen Kultortes beraubt. Nun war es nicht mehr möglich, Opfer darzubringen. Damit verlor auch das Priestertum seine Bedeutung. Die Tempelsteuer mußte gleichwohl weiter entrichtet werden, und zwar an den Jupiter Capitolinus. All das bedeutete einen tiefen Einschnitt in das religiöse Leben der Jerusalemer Kultgemeinde, aber <208:> keineswegs deren Ende. Sie stand weiterhin unter dem Schutz einer religio licita. Für den Fortbestand des Judentums war es von grundlegender Bedeutung, daß es schon vor der Zerstörung des Tempels neben dem Opfergottesdienst im Zentralheiligtum eine Form des Gottesdienstes gegeben hatte, die auch unabhängig von der Kultstätte

 

Abb. 27 Vespasians Münze »Judaea capta«.

 

geübt werden konnte, nämlich die Form des Synagogengottesdienstes. Sie war hinfort die einzig mögliche. An die Stelle des Tempels trat die Synagoge, an die Stelle des Opfers traten Schriftlesung, Auslegung, Gebet und Liebestätigkeit. Der Schriftgelehrte, der bisher neben dem Priester gestanden hatte, nahm nun dessen Stelle ein und wurde zur einzigen religiösen Autorität. Die Sadduzäer, die dem alten Priesteradel entstammten, verloren völlig ihre Bedeutung. Die pharisäischen Schriftgelehrten waren die einzigen, die auch nach der Katastrophe noch als Gruppe bestanden. Sie wurden nun richtungweisend für das Judentum. Dem Schriftgelehrten Johanan ben Sakkai, einem Schüler Hillels, war es während der Belagerung Jerusalems gelungen, zu den Römern zu entkommen. Sie erlaubten ihm noch während des Krieges, in Jabne (jamnia), südlich von Jafo, ein Lehrhaus zu gründen. Hierher hatten die Römer schon andere vornehme Juden, die sich von den Aufständischen distanziert hatten, angesiedelt. So wurde Jamnia zum neuen Mittelpunkt des jüdischen Geisteslebens. Johanan wurde zum Schulhaupt des Rabbinentums. In Jamnia konstituierte sich das Synhedrium neu, das nunmehr ausschließlich aus pharisäischen Schriftgelehrten bestand und keinerlei politische Funktionen mehr hatte. Ihm oblag zwar noch die Gerichtsbarkeit in internen Angelegenheiten der jüdischen Kultgemeinde; seine Hauptaufgabe aber bestand in der autoritativen Auslegung des Gesetzes. Das Synhedrium legte die Regeln für rechte Auslegung und die Normen für gesetzestreues Leben fest /5/.[3] Da die Heilige Schrift nunmehr die einzige Grundlage des religiösen Lebens war, bedurfte man eines fest abgegrenzten Kanons und eines autoritativen Textes. Beide wurden um go n. Chr. auf der Synode zu Jamnia festgelegt.

<209:> Auch für die Diaspora bedeutete die Zerstörung des Tempels, daß die Tempelsteuer nicht mehr an das Jerusalemer Heiligtum, sondern an den Jupiter Capitolinus zu entrichten war. Damit lockerte sich die Verbindung zum Mutterland. Andererseits war nun der Unterschied zwischen Mutterland und Diaspora aufgehoben; denn wie bisher in der Diaspora, so war jetzt auch im Mutterland die Form des Synagogengottesdienstes die einzig mögliche. Im Mutterland selbst lebte man gleichsam in der Diaspora.

Über die Ereignisse der folgenden Jahrzehnte besitzen wir nur sporadische Nachrichten (Cassius Dio, LXVII 32; Euseb., Hist. eCCI. IV,2), da die Darstellung des Josephus mit dem Jahre 73 n. Chr. abbricht. Trotz der Niederlage im ersten jüdischen Aufstand wird man wohl nicht die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse aufgegeben haben. Das bezeugen vor allem die apokalyptischen Schriften, die innerhalb des Judentums nach dieser Zeit entstanden, so das Buch Baruch, das 4. Buch Esra und das 4. Buch der Sibyllinischen Orakel. Man erwartete das Ende Roms und das Erscheinen des Messias. - Die flavischen Kaiser Tiberius und Domitian sorgten mit straffer Hand für Ruhe und Ordnung. Nerva (96-98) entband die Juden von der Pflicht, Steuer für den Jupiter Capitolinus zu zahlen.

Als sich unter Kaiser Trajan (98-117) im Osten die Parther erhoben, kam es in Zyrene, Alexandrien, Zypern und im Zweistromland zu Judenaufständen, wobei die Juden vor allem in Zyrene und Zypern blutig und grausam gegen die heidnische Bevölkerung vorgingen. Trajan schlug die Aufstände nieder. Seinen Feldherrn Lusius Quietus, der diese Aufgabe in Mesopotamien erfüllt hatte, macht 2 Trajan zum Statthalter von Judäa. Das läßt vielleicht darauf schließen, daß es auch dort zu Aufständen gekommen war, obwohl wir darüber nichts Sicheres wissen (Cassius Dio LXVIII,32; Euseb, Hist. Eccl. IV,2).

6. Der Aufstand unter Hadrian

Quellen: Cassius Dio LXIX,12-14; Eusebius, Hist. Eccl. IV,6 (abgedruckt bei Barrett, Umwelt des NT, 1959, Nr. 122-124). Die Bar-Kochba-Briefe aus dem wadi murabba'at.

Lit.: Eine kurze Zusammenfassung der Funde vom wadi murabba'at findet sich in: Religion in Geschichte und Gegenwart /3/, Art. Qumran, 6 (C.-H. Hunzinger); Y. Yadin, Bar Kochba, 1971.

Zu einem letzten jüdischen Aufstand gegen Rom, über den wir allerdings nur sehr bruchstückhaft unterrichtet sind, kam es unter Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.). In den Jahren 130/31 unternahm Hadrian eine Reise in den Orient, wobei er auch Palästina besuchte. Nach <210:> Cassius Dio verfügte Hadrian im Zusammenhang mit dieser Reise den Wiederaufbau von Jerusalem, das noch immer in Trümmern lag. Dabei plante er, ein Jupiterheiligtum an die Stelle des zerstörten Jahwetempels zu setzen. Cassius sieht hierin die Ursache des Aufstandes, der nach der Abreise Hadrians (132 n. Chr.) ausbrach. Spartianus (Hadr. 14) führt den Aufstand darauf zurück, daß Hadrian das schon von Domitian erlassene Kastrationsverbot auch auf die Beschneidung ausdehnte.

Führer in diesem Aufstand war ein gewisser Simon-Ben-Kosba. Die ursprüngliche Form dieses Namens ist erst kürzlich durch den Fund von Originalbriefen und Erlassen Simons im wadi murabba'at, 25 km

 

Abb. 28 Brief Ben Kosbas aus dem wadi muraba'at. Der Text lautet: »Von Simon Ben Kosba an Jeschua / Ben Galgula und die Männer der Festung, / Grüße 1 Ich rufe den Himmel zum Zeugen an gegen mich, daß, / wenn einer der Galiläer, die bei euch sind, mißhandelt wird, werde ich Eisen / an eure Füße legen, wie idi es getan habe / dem Ben Aphlul. / (S)imon B(en Kosba) für . . .«

 südöstlich von Jerusalem, bekanntgeworden. In rabbinischen Schriften wird sein Name polemisch abgewandelt in Bar Koziba = »Lügensohn«. Nach christlichen Schriftstellern gab ihm Rabbi Akiba den Ehrennamen Bar Kochba, um ihn damit als den Erfüller der messianisch verstandenen Verheißung vom »Sternensohn«, Num 24,17, zu bezeichnen. Wie beim ersten Aufstand, so waren auch dieses Mal die Aufständischen zunächst erfolgreich. Es gelang ihnen, Jerusalem zu erobern und das ganze Land zu besetzen. Man glaubte, eine neue Ära sei angebrochen, und begann eine neue Zeitrechnung. Simon ließ Münzen mit der Aufschrift prägen »Simon, der Fürst von Israel«. Andere Münzen trugen die Aufschrift »Der Priester Eleasar«, woraus hervorgeht, daß das Priestertum wieder seine Bedeutung erhielt. Wahrscheinlich hat man einen provisorischen Altar errichtet und mit dem Opferdienst wieder begonnen.

Die Statthalter von Judäa und Syrien vermochten zunächst nichts gegen die Aufständischen auszurichten, da sie sich in feste Städte und verborgene Schlupfwinkel zurückgezogen hatten, von wo aus sie in Guerillakämpfen den Römern lästig wurden. Die Römer kamen zum Zuge, als Hadrian seinem bewährten Feldherm Julius Severus die <211:> Aufgabe übertrug, den Aufstand niederzuwerfen. Severus vermied offene Feldschlachten, hungerte die Aufständischen in den von ihnen besetzten Städten aus und säuberte systematisch eine Höhle nach der anderen. Nach regelrechter Belagerung und Berennung fiel zuletzt um 135 n. Chr. der befestigte und schwer zugängliche Ort Bet-Ter (heute

 

Abb. 29 Münze Ben Kosbas. Auf der Vorderseite ist der Tempel oder eins der Tempeltore dargestellt. Aufschrift auf der Vorderseite: »Simon«, auf der Rückseite: »Jerusalem - für die Freiheit.«

chirbet-el-jehud bei bittir, 10 km westlich von Jerusalem), wo sich Simon mit dem Rest der Aufständischen erbittert verteidigte. Simon kam dabei ums Leben. Rabbi Akiba wurde hingerichtet. Er galt in der Zukunft als der Prototyp des Märtyrers. Im Verlauf des Aufstandes war das ganze Land schwer verwüstet worden. Die Aufständischen, die lebend in die Hand der Römer fielen, wurden im Abrahamheiligtum von Mamre und in Gaza als Sklaven verkauft. Hadrian machte Jerusalem zu einer rein heidnischen Stadt mit dem Namen Colonia Älia Capitolina. Auf dem Tempelplatz, ebenso wie auf dem Garizim, wurde ein dem Jupiter Capitolinus geweihtes Heiligtum und an der Stelle der späteren Grabeskirdie ein Venustempel errichtet. Den Juden war das Betreten ihrer ehemals heiligen Stadt bei Todesstrafe verboten. Um auch die letzte Erinnerung an das frühere Bestehen eines jüdischen Staates auszulöschen, erhielt die Provinz Judäa den neuen Namen Philistäa, eine Bezeichnung, die bisher an der Küstenebene haftete und an die Philister, die ehemaligen Todfeinde Israels, erinnert. Sie ist in der heutigen Bezeichnung Palästina erhalten. Der Nachfolger Hadrians, Antonius Pius (138-161 n. Chr.), hob das Verbot der Beschneidung wieder auf. Sefforis und Tiberias in Galiläa wurden zu Zentren der Schriftgelehrsamkeit. Daneben begann die Schriftgelehrtenschule in Babylon eine immer größere Rolle zu spielen. Bald überflügelte sie die galiläischen Lehrhäuser an Bedeutung.

Nach den Katastrophen von 70 und 135 schloß sich das Judentum immer mehr von fremden Einflüssen ab und zog sich immer stärker auf sich selbst zurück. Rabbi Meir setzte die von Rabbi Akiba begonnene Sammlung rabbinischer Traditionen fort. Im Laufe der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts erfolgte die endgültige Fixierung und Kanonisierung rabbinischer Traditionen in der Mischna durch den in Sefforis lebenden Rabbi Jehuda ha-Nasi, der die Vorarbeiten des Rabbi Meir verwertete. Die Mischna enthält Diskussionen über <212:> kultisch-rituelle Vorschriften und über Rechtssätze. Historische und prophetische Traditionen spielen in ihr keine Rolle. Mit der Mischna, in der der Nomismus des Judentums seine charakteristische Ausprägung fand, war dem Judentum die Grundlage für seine Eigenexistenz unter den Völkern gegeben. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Sätze der Mischna weiter diskutiert und kommentiert. Diesen

 

Abb. 30 JerusaIem-Münze Hadrians. Sie stellt den Jupiter Capitolinus dar und trägt die Umschrift: »COL(onia) AEL(ia) CAP(itolina).«

Vorgang nannte man Gemara, die Kommentatoren der Mischna Amoräer. Mischna und Gemara zusammen bilden den Talmud, genauer gesagt die beiden Talmude, denn man hat zu unterscheiden zwischen dem palästinensischen Talmud, der im 3. und 4. Jh. entstand, und dem babylonischen Talmud, der um 500 zum Abschluß kam und größeres kanonisches Ansehen genoß als der palästinensische Talmud. Mischna und Gemara gaben dem Judentum sein Gepräge. Durch zähes Festhalten an der eigenen Tradition gelang es dem Judentum, durch all die Jahrhunderte in fremder Umgebung trotz ungünstigster Umstände seine Eigenart zu wahren. Bei aller Anpassungsfähigkeit wurde das Judentum nicht von seiner Umwelt aufgesogen und blieb ein Fremdling unter den Völkern.

Lit.: Zum Tempel von Jerusalem in herodianischer und nach-herodianischer Zeit: Th. A. Busink, Der Tempel von Jerusalem. Von Salomo bis Herodes, 2. Band: Von Ezechiel bis Middot, 1980, S. 1017-1574.

Das alte und das neue Gottesvolk

Lit.: R. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, 19841, §§ 5-8.11; ders., Das Urchristenturn im Rahmen der antiken Religionen, 1949 (jetzt in: rowohlts deutsche enzyklopädie Bd. 157/8, 196z); L. Goppelt, Christentum und Judentum im ersten und zweiten Jahrhundert, 1954; G. Strecker, Christentum und Judentum in den ersten beiden Jahrhunderten (Evangelische Theologie 16, 1956, S. 458-477); K. L. Schmidt, Die Judenfrage im Licht der Kap. 9-11 des Römerbriefes, 1947 2.

 Am Ende einer Geschichte Israels stellt sich die Frage: In welchem Verhältnis stehen das Gottesvolk des Alten Bundes und die Gemeinde Jesu Christi zueinander? Welche Bedeutung hat die Geschichte Israels für die Gemeinde Jesu Christi?

Die ersten Jünger Jesu und die Glieder der Jerusalemer Urgemeinde waren fast ausschließlich Juden. Sie nahmen am Tempelkult teil, hielten das Gesetz und hatten in keiner Weise die Absicht, sich aus der Gemeinschaft des Judentums zu lösen oder gar eine neue Religion zu gründen. Durch das Handeln Gottes in Jesus Christus sahen sie sich in ein neues Gottesverhältnis, in eine neue Lebenswirklichkeit hineinversetzt. In Jesus war ihnen die radikale Forderung und zugleich die schrankenlose Gnade Gottes begegnet. Im Lichte der Osterereignisse verkündigte die Urgemeinde, daß Gott den Gekreuzigten durch die Auferstehung zum Messias erhöht habe, »um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben« (Apg 5,31). Ein urchristliches Bekenntnis, das Paulus zitiert, spricht von Jesus, »der aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen ist . . ., der eingesetzt ist zum Sohne Gottes voll Macht ... durch die Auferstehung aus den Toten« (Röm 1,3f). Und wenn die Urgemeinde bekannte, »daß Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften, und daß er begraben und daß er auferweckt ist am dritten Tag, nach den Schriften« (1Kor 13, 3.4), so werden damit Tod und Auferstehung Jesu als Heilsereignis, als Erfüllung göttlicher Verheißung, die das Alte Testament bezeugt, gekennzeichnet. Mit der Erfüllung ist die eschatologische Heilszeit angebrochen. Die Urgemeinde erwartete, daß der Auferstandene in Kürze als Messias, als der bei Daniel geweissagte Menschensohn vom Himmel kommen werde, um das Weltende herbeizuführen, das End- <214:> gericht zu vollziehen und die Herrschaft auf Erden anzutreten. Darum verstand sich die judenchristliche Urgemeinde auch nicht als eine neue Sonderrichtung des Judentums, sondern als das eschatologische Gottesvolk, als die Heilsgemeinde der Endzeit, als Repräsentation des wahren Israel. Sie richtete ihre Verkündigung zunächst nur an Juden, um ganz Israel unter das neue Gottesverhältnis zu rufen und zur Ankunft des Messias zuzubereiten.

Zur Jerusalemer Urgemeinde gehörte eine Anzahl von »Hellenisten«. Damit sind griechisch sprechende Diasporajuden gemeint, die nach Jerusalem zurückgekehrt waren. Als diese hellenistischen Judenchristen, deren Exponent Stephanus war, ihrer freien Stellung zu Gesetz und Kultus wegen aus Jerusalem vertrieben wurden, richteten sie in der Diaspora die Botschaft von Christus auch an Heiden. Dadurch kam es in Antiochien, später auch anderwärts in Syrien, Phönizien und Zilizien zur Gründung von Gemeinden, die aus Juden, Proselyten und Heiden bestanden. Die zum Glauben an Jesus Christus gekommenen Heiden wurden in die Gemeinde aufgenommen - ohne daß man von ihnen den übertritt zum Judentum, also Beschneidung und Unterwerfung unter das Gesetz, forderte. Damit stand die judenchristliche Gemeinde vor der schwerwiegenden Frage, ob und wie Gemeinschaft mit Gemeinden möglich sei, zu denen Glieder gehörten, die im Sinne des Gesetzes unrein waren, ob die Zugehörigkeit zur Kirche und die Teilhabe am Heil abhängig seien von der Eingliederung ins Judentum. Umgekehrt standen die heidenchristlichen Gemeinden vor der Frage nach ihrem Verhältnis zur judenchristlichen Gemeinde und zum Zeugnis von der Offenbarung Gottes, die an das alte Bundesvolk ergangen war.

In der Jerusalemer Gemeinde gab es eine Richtung, die die Beschneidung der Heidenchristen, ihre Unterwerfung unter das Gesetz und den Anschluß an das Judentum zur Bedingung für den Empfang des Heils und für die Gemeinschaft mit den Heidenchristen erhob. Es war von weittragender Bedeutung, daß, nach anfänglicher Ablehnung, die »Säulen« der Jerusalemer Gemeinde, Petrus, Johannes und der Herrenbruder Jakobus, die Missions­und Gemeindepraxis der hellenistischen Gemeinden und die gesetzesfreie Verkündigung des Heidenapostels Paulus anerkannten (Gal 2,6-10; Apg 15). Damit war der Rahmen des Judentums gesprengt. Das Christentum blieb davor bewahrt, zu einer jüdischen Sekte zu werden. Die heidenchristlichen Gemeinden verpflichteten sich ihrerseits, die Gemeinschaft mit der Jerusalemer Gemeinde und damit mit der Trägerin der Tradition vom geschichtlichen Jesus aufrechtzuerhalten, was in der Liebestätigkeit für die Armen der Jerusalemer Gemeinde sichtbaren Ausdruck fand. Damit blieb, trotz aller Unterschiede in Gemeindepraxis und Verkündigung, die Einheit der Gemeinde gewahrt.

Die Missionspraxis der hellenistischen Gemeinden und das Gesetzes <215:> freie Evangelium, das Paulus verkündigte und vor allem im Galater und Römerbrief entfaltete, sind letztlich begründet in einem konsequenten Ernstnehmen des Kreuzesgeschehens. Durch das Kreuz ergeht das Gericht Gottes über den Menschen, und zugleich widerfährt ihm die schrankenlose Gnade Gottes. Das Kreuz enthüllt daß Juden und Heiden in gleicher Weise schuldig geworden und völlig auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind. Durch das Kreuz wird das Gesetz als göttliche Forderung zwar bestätigt, im Lichte des Kreuzes wird aber offenbar, daß der Mensch am Gesetz nur scheitern kann. Errettung wird dem Menschen nicht durch eigene verdienstvolle Leistung, sondern allein durch den Glauben zuteil, indem der Mensch das Urteil, das am Kreuz vollzogen wurde, über sich ergehen läßt und sich durch die vergebende Gnade, die am Kreuz Ereignis wurde, beschenken läßt. Durch das Kreuz ist das Gesetz als Heilsweg endgültig abgetan. Wenn das Kreuz die schrankenlose Liebe Gottes offenbart, dann ist auch der Heide nicht vom Heil ausgeschlossen. Wenn aber auch der Jude nicht durch Gesetzesgehorsam, sondern allein durch den Glauben des Heils teilhaftig wird, dann ist es geradezu ein Irrweg, wenn man die Unterwerfung unter das Gesetz zur Vorbedingung des Heils für den Heiden erhebt. Wenn Gott durch das Kreuz die Versöhnung bewirkt hat, dann ist jede menschliche Sühneleistung, sei es durch kultisch-rituelle Handlungen, sei es durch ethische Anstrengung, ausgeschlossen. Darum würde sich der Heidenchrist außerhalb des Gnadenhandelns Gottes in Jesus Christus stellen, wenn er den Zugang zum Heil in der Beobachtung jüdischer Zeremonial- und Kultordnungen suchte (zum Ganzen vgl. Röm 3; Gal 3.5).

Während das Gesetz als Heilsweg durch das Kreuzesereignis ausgeschlossen ist, behält das Alte Testament als Zeugnis vom Handeln Gottes in der Geschichte und der dadurch ergangenen Verheißung für die Gemeinde Jesu Christi bleibende Bedeutung. Das Reden und Handeln Gottes in der Geschichte Israels weist über sich selbst hinaus, geht auf ein Ziel zu, enthält Verheißung auf ein umfassendes Heilshandeln, auf ein letztgültiges Reden Gottes. Nimmt man das Christusgeschehen ernst als Ziel des Weges, den Gott mit Israel gegangen ist, so bekommt das Alte Testament seine Bedeutung als Zeugnis vom Weg, der zu diesem Ziel führte; denn zum rechten Verstehen des Zieles ist es nötig, daß man den Weg im Auge behält, der zu diesem Ziel führte, wie sich auch umgekehrt vom Ziel her neue Perspektiven im Blick auf den Weg eröffnen. Wenn die Gemeinde Jesu Christi das Handeln Gottes in der Geschichte, das das Alte Testament bezeugt, nicht aus dem Auge verliert, wird sie vor dem Abgleiten in gnostischen Mythos, in heidnischen Naturalismus und in den Synkretismus bewahrt. Wie Gottes Reden und Handeln an Israel, so vollzog sich das Reden und Handeln Gottes durch Jesus Christus nicht in der mythischert Sphäre, sondern im Bereich der Geschichte. Die Erlösung durch <216:> Christus setzt keinen naturhaften Verwandlungsprozeß in Bewegung, sondern wie Gottes Geschichtshandeln Israel immer neu in die Entscheidung rief, so ergeht durch das Kreuzesgeschehen der Anruf Gottes, der den Menschen immer neu in die Entscheidung stellt.

Israel hat den Anruf Gottes, der durch Jesus Christus erging, überhört und hat es abgelehnt, in Jesus den Messias, die Erfüllung alttestamentlicher Verheißung, zu sehen. Das christliche Gesetzesverständnis stieß auf heftigen Widerstand des Judentums. Die Judenchristen, die sich zur Synagoge hielten, wurden, wie Paulus, zunächst mit Synagogenstrafen belegt, schließlich aus der Synagoge ausgestoßen. Nach der Katastrophe von 70 verschärfte sich der Gegensatz. Die Christen wurden als Häretiker bezeichnet. Jeder Umgang, jede theologische Disputation mit ihnen wurde verboten. Das Achtzehnbittengebet, das jeder Jude dreimal täglich zu beten hatte, enthielt in seiner ursprünglichen Form einen Fluch gegen die Christen. Die polemische Haltung des Judentums gegen das Christentum hatte Rückwirkungen auf die Entwicklung des Judentums. Die Auseinandersetzung mit dem christlichen Gesetzesverständnis spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausprägung und Verfestigung des jüdischen Nomismus.

Die Tatsache, daß Israel Jesus nicht als Messias anerkannte und damit an dem Heil vorbeiging, das Gott durch ihn anbietet, wirft schwere Fragen auf, mit denen Paulus in den Kapiteln 9-11 des Römerbriefes ringt: Ist nun die Verheißung Gottes an Israel hinfällig geworden? Hat Gott Israel verworfen? Hört nun Israel auf, Gottes Volk zu sein? Nur mit tiefem Schmerz kann Paulus vom Unglauben seiner Brüder, seiner Verwandten nach dem Fleisch, sprechen, denn es bleibt bestehen: »Sie sind Israeliten, denen die Annahme an Sohnesstatt angehört und die Gegenwart Gottes und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen die Väter angehören und von denen Christus dem Fleisch nach herstammt« (Röm 9,4f). Ihnen zuerst stand das Heil offen. Daß dennoch nicht Israel, sondern die Heiden, die nicht nach Gott fragten, ihn nicht suchten, bei denen keinerlei Voraussetzungen vorhanden waren, das Heil erlangten, macht deutlich, daß Gottes Gnadenhandeln in keiner Weise errechenbar und an keinerlei Voraussetzungen geknüpft ist. Gottes Erwählung bleibt ein unergründbares Geheimnis. Israel hat sich mit Eifer um das Heil bemüht; da es aber das Gesetz zu einem Mittel der Selbstbehauptung machte und die Gerechtigkeit auf Grund eigener Leistung erstrebte, hat es am Gekreuzigten Anstoß genommen, hat sich der Botschaft von der Gerechtigkeit aus Glauben verschlossen und ist, blind für die Gabe Gottes, am Heil vorbeigegangen.

Das bedeutet aber nicht, daß Gottes Verheißung hinfällig geworden wäre. Die Tatsache, daß eine Anzahl von Israeliten, darunter auch Paulus selbst, als der verheißene »Überrest« zum Glauben an Jesus Christus kam, ist ein Zeichen dafür, daß Gott sein Volk nicht versto- <217:> ßen hat. Die teilweise Verstockung Israels ist nur die Kehrseite des Heilshandelns Gottes an den Heiden. Gott hat den Unglauben Israels in seinen Heilsratschluß mit einbezogen. Die Ablehnung des Heils durdi Israel ist der Weg, auf dem Gott den Heiden das Heil zugewendet hat. Den Juden steht jederzeit der Weg zum Heil offen. Paulus faßt auch sein Heidenapostolat als Dienst an Israel auf. »Inwiefern ich nun Apostel der Heiden bin, suche ich meinen Dienst herrlich zu gestalten, um zu versuchen, ob ich vielleicht meine Volksgenossen zur Nacheiferung reizen und einige von ihnen retten könnte« (11-13f). Aber Gottes Heilshandeln läuft auf ein noch weiter gestecktes Ziel zu. Durch eine Offenbarung ist Paulus ein Blick in ein göttliches »Geheimnis« zuteil geworden: Wenn »die Vollzahl der Heiden eingegangen sein wird«, wird » ganz Israel« errettet werden. Paulus ergeht sich nicht in Spekulationen darüber, wie das geschehen wird. Das bleibt allein dem Handeln Gottes vorbehalten. Wenn schon die Verwerfung Israels den Heiden den Weg zum Heil öffnete, wird die Errettung Israels die Heilsvollendung für die Welt bedeuten. »Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam hineingebannt, um an allen Barmherzigkeit zu erweisen« (11,32).

Darum besteht keinerlei Grund für den Heidenchristen, geringschätzig auf die Juden, die nicht an Christus glauben, herabzuschauen. Damit würde der Heidenchrist die Grundlage seines Heils preisgeben. Wer sich selbstgefällig über andere, die nicht im Glauben stehen, erhebt, schreibt das Heil seinem eigenen Verdienst zu und läßt außer acht, daß er selbst aus dem Unglauben kam und das Heil als unverdienbares Gnadengeschenk empfing. Aus der Geschichte Israels ergeht eine eindringliche Warnung an den Heidenchristen: Wer aus der Gnadenzuwendung Gottes unumstößliche Privilegien ableitet und die Gnadenerweisungen Gottes für einen verfügbaren Besitz hält, der steht in Gefahr, das Reden Gottes zu überhören und am Heil vorbeizugehen. »Wenn die Wurzel heilig ist, dann sind es auch die Zweige. Wenn jedoch einige der Zweige ausgebrochen worden sind, du aber, der du von einem wilden Ölbaum stammst, unter ihnen eingepfropft worden bist und an der saftreichen Wurzel des Ölbaums mit Anteil bekommen hast, so rühme dich nicht wider die Zweige, rühmst du dich aber wider sie, so wisse: nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel dich« (11,16-18). Das Heil, das dem Heiden in Christus widerfuhr, ist nicht ablösbar vom Heilshandeln Gottes in der Geschichte Israels. Der Heide ist in das Heil hineingenommen, das Gott Israel zugewendet hat, ist Teilhaber der Segensverheißung geworden, die Gott Israel am Anfang seiner Geschichte gab. - Hätte die Kirche diese Tatsache allezeit im Auge behalten - ihr Verhalten dem Judentum gegenüber wäre ein anderes gewesen. Die Kirche wäre vor schwerer Verfehlung bewahrt worden, dem Judentum wäre unsagbares Leid erspart geblieben.

 



[1] 2 Die Quadersteine an der Südostecke der Umfassungsmauer des herodianischen Tempels haben eine Höhe bis zu 1,78 m und eine Länge zwischen 9 und 12 m. Näheres zum herodianischen Tempel: A. Parrot, Der Tempel von Jerusalem, 1956 (Bibel und Archäologie II), S. 63-94; zu den herodianischen Bauten in Samaria: A. Parrot, Samaria, 1957 (Bibel und Archäologie III), S. 83-99. 

[2] 4 A. Schulten, Masada. Die Burg des Herodes und die römischen Lager (Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins 56, 1933, S. 1-185); M. Avi-Yonah u. a., Masada, Survey and Excavations, 1955-56, 1957; Y. Yadin, Masada, 1967. 

[3] 5 Eine erste schriftliche Sammlung der bis dahin vornehmlich mündlich weitergegebenen rabbinischen Tradition erfolgte gegen Ende des 1. Jh. n. Chr. durch den hochangesehenen Rabbi Akiba.