Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Pannenberg, Wolfhart: Grundzüge der Christologie. Gütersloh, 1964, 95-101
gekürzt, griechische Begriffe transkribiert und in Klammern übersetzt!!

(1) Man hat gegen die Möglichkeit der Historizität der Auferstehung Jesu eingewendet, daß die Auferstehung eines Toten auch im Sinne der Auferweckung zu unvergänglichem Leben ein die Naturgesetze durchbrechendes Geschehen wäre. Deshalb sei Auferstehung als historisches Ereignis unmöglich. Doch es scheint so, daß von den Voraussetzungen heutiger Physik her viel vorsichtiger geurteilt werden muß. Erstens ist immer nur ein Teil der Naturgesetze bekannt. Außerdem ist <96:> in einer Welt, die als ganze einen einmaligen, unumkehrbaren Prozeß darstellt, das Einzelgeschehen nie restlos naturgesetzlich determiniert. Die Gesetzlichkeit erfaßt nur einen Aspekt des Geschehens. Nach der anderen Seite hin ist alles Geschehen kontingent, und die Geltung der Naturgesetze selbst ist kontingent. Deshalb spricht die Naturwissenschaft zwar die allgemeine Geltung von Naturgesetzen aus, muß sich aber für außerstande erklären, von daher über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Einzelgeschehens definitiv zu urteilen, so sicher sie wenigstens im Prinzip das Maß für die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens anzugeben vermag. Das Urteil darüber, ob ein noch so ungewöhnliches Ereignis geschehen ist oder nicht, ist jedoch letztlich Sache des Historikers und kann durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht vorentschieden werden.

(2) Man pflegt theologisch gegen die Möglichkeit, daß die Auferweckung Jesu historisches Ereignis sein könnte, einzuwenden, daß es sich bei der Auferweckung von den Toten doch um den Anbruch des neuen Äon handle. Die Wirklichkeit des neuen Äon aber könne selbstverständlich nicht mit den Augen des alten Äon wahrgenommen werden. Der Historiker müsse aber innerhalb der Regeln des alten Äon urteilen und könne daher nichts von Totenauferweckung sagen. An dieser Argumentation ist etwas Richtiges. Weil es sich bei dem Leben des Auferstandenen um die Wirklichkeit einer neuen Schöpfung handelt, darum ist der Auferstandene tatsächlich nicht als ein Gegenstand unter anderen in dieser Welt wahrnehmbar; darum war er nur durch die außerordentliche Erfahrungsweise der Vision und nur in einer symbolischen Sprache zu erfahren und zu bezeichnen. Aber in dieser Weise hat er sich nun doch in dieser unserer Wirklichkeit kundgetan, zu einer ganz bestimmten Zeit, in einer begrenzten Zahl von Ereignissen, gegenüber näher bezeichneten Menschen. Mithin sind diese Ereignisse auch als historische Ereignisse, als zu einer bestimmten damaligen Zeit tatsächlich geschehene Begebenheiten, zu behaupten oder zu bestreiten. Wenn wir auf den Begriff eines historischen Ereignisses hier verzichten würden, dann ließe sich überhaupt nicht mehr behaupten, daß die Auferweckung Jesu bzw. die Erscheinungen des auferweckten Jesus in dieser unserer Welt zu bestimmter Zeit wirklich geschehen sind. Es gibt keinen Rechtsgrund, die Auferweckung Jesu als ein wirklich geschehenes Ereignis zu behaupten, wenn sie nicht historisch als solches zu behaupten ist. Ob vor zweitausend Jahren ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hat oder nicht, darüber verschafft nicht etwa der Glaube uns Gewißheit, sondern allein die historische Forschung, soweit überhaupt Gewißheit über derartige Fragen zu gewinnen ist. ...

(3) Im bisherigen wurde nur von den Erscheinungen des Auferstandenen vor seinen Aposteln gesprochen. Der zweite Überlieferungsstrang der Osterberichte, die Überlieferung vom leeren Grabe Jesu, wurde bisher noch nicht berührt. Das bedeutet, daß die bisher gewonnenen Ergebnisse ihre Geltung auch unabhängig von der Beurteilung der Grabestradition besitzen. Die Entscheidung der Frage nach der Historizität des leeren Grabes Jesu ist dennoch für das Gesamtergebnis nicht etwa bedeutungslos.

(4) Daß Paulus das leere Grab Jesu nirgends erwähnt, braucht die Zuverlässigkeit dieser Nachricht noch nicht zu erschüttern; denn das leere Grab Jesu betrifft nicht die Parallelität zwischen dem Christusgeschehen und dem Geschick der Glaubenden, die Paulus in seinen Briefen immer wieder darlegt. Das leere Grab Jesu, wenn es historische Tatsache sein sollte, gehört zur Besonderheit des Geschickes Jesu, der dann eben nicht wie die übrigen Toten viele Jahre in seinem Grabe gelegen hätte und verwest wäre, sondern nach kurzer Zeit zu einem anderen Leben »transformiert« wäre, was immer ein solcher Ausdruck besagen mag. Diese nur für Jesus wegen der Kürze der Zeit zwischen Tod und Auferweckung bestehende Besonderheit brauchte die Christusverkündigung des Paulus nicht zu interessieren, selbst wenn er - was wohl zweifelhaft ist - die Jerusalemer Tradition von der Auffindung des Grabes Jesu gekannt haben sollte. Für die jerusalemer Urgemeinde war die Situation ganz anders. Man stelle sich doch vor, wie die Jünger Jesu in Jerusalem in der Lage waren, seine Auferweckung zu verkündigen, wenn sie ständig durch die Anschauung des Grabes, in dem der Leichnam Jesu beigesetzt war, widerlegt werden konnten. Hier hat P. Althaus recht gesehen: »In Jerusalem, am Orte der Hinrichtung und des Grabes Jesu, wird nicht lange nach seinem Tode verkündigt, er sei auferweckt. Dieser Tatbestand fordert, daß man im Kreise der ersten Gemeinde ein verläßliches Zeugnis dafür hatte, daß das <98:> Grab leer gefunden ist /100/.« Das Auferstehungskerygma »hätte sich keinen Tag, keine Stunde in Jerusalem halten können, wenn das Leersein des Grabes nicht als Tatsache für alle Beteiligten festgestanden hätte« /101/. E. Hirsch hat dagegen eingewendet, das Postulat von Althaus scheine »auf dem Unvermögen zu beruhen, sich hineinzudenken in Verhältnisse, wo Grab und Leiche von tabuähnlichem Schauer umgeben sind, wo also niemand an die Öffnung von Grabkammern denken kann, um Leichen herauszuholen und durch wissenschaftliche Untersuchung zu identifizieren« /102/. Eigentümlicherweise läßt ja nun jedenfalls der Bericht von der Grabesauffindung, dessen Ursprung doch wohl in der Jerusalemer Gemeinde gesucht werden muß, nichts davon erkennen, daß derartige Nachforschungen auf grundsätzliche Bedenken gestoßen wären, die dann doch auch bei den ursprünglichen Hörern einer solchen Erzählung vorauszusetzen wären, die die Erzählung also irgendwie hätte beruhigen müssen. Außerdem ist es schwer vorstellbar, daß jener »tabuähnliche Schauer« um Grab und Leiche nicht wenigstens insoweit ausnahmsweise durch die jüdische Behörde hätte aufgehoben werden können, daß man sich von der Intaktheit des Grabes Jesu - falls man wußte, wo es zu suchen war - überzeugte. An eine Exhumierung brauchte ja gar nicht gedacht zu werden. Wenn auch nur ausnahmsweise, unter besonderen Verhältnissen ein solcher Schritt möglich war, mußte er von der jüdischen Behörde getan werden angesichts der urchristlichen Verkündigung von der Auferweckung Jesu am Orte seiner Hinrichtung. Ebenso mußten die Christen alles Interesse an dieser Frage haben. Die Annahme, daß der »tabuähnliche Schauer« um Grab und Leiche für diese Zeit gänzlich unaufhebbar gewesen wäre, ist wohl schon dadurch ausgeschlossen, daß die römischen Behörden sich in der frühen Kaiserzeit veranlaßt gesehen haben, gegen offenbar in Palästina überhand nehmenden Grabfrevel einzuschreiten /103/.

 (5) Zu den allgemeinen historischen Gründen, die für die Zuverlässigkeit der Nachricht von der Auffindung des leeren Grabes Jesu sprechen, gehört vor allem auch die Tatsache, daß die frühe jüdische Polemik gegen die christliche Botschaft von der Auferstehung Jesu, die bereits in den Evangelien ihre Spuren hinterlassen hat /104/, keinerlei Hinweise darauf bietet, daß das Grab Jesu unberührt gewesen wäre. Die jüdische Polemik hätte an der Aufbewahrung einer solchen Nachricht alles Interesse haben müssen. Sie teilte aber ganz im Gegenteil mit ihren diristlichen Gegnern die Überzeugung, daß das Grab Jesu leer war. Sie beschränkte <99:> sich darauf, diese Tatsache in einem eigenen, der christlichen Botschaft abträglichen Sinne zu erklären.

(6) So zeigen schon allgemeine historische Erwägungen, daß die Verkündigung der Botschaft von der Auferweckung Jesu in Jerusalem, die die christliche Gemeinde begründet hat, kaum anders als unter der Annahme, daß das Grab Jesu leer war, verständlich wird. Es kommt für eine Urteilsbildung über diese Frage gar nicht in erster Linie auf das Ergebnis einer Analyse von Mk 16 an. Selbst wenn der uns erhaltene Bericht von der Auffindung des Grabes Jesu sich als eine späte, erst in der hellenistischen Gemeinde konzipierte Legende erweisen sollte, bliebe das Gewicht der aufgeführten Argumente bestehen. Nur wenn man sich einseitig auf die Analyse der Textüberlieferung beschränkt für die Begründung des historischen Urteils, wie noch Graß es getan hat, kann man eigentlich in der Frage des leeren Grabes Jesu zu einem negativen Ergebnis gelangen. Graß meint, daß der Überlieferungsbestand für sich kein solches Argument für die Historizität des leeren Grabes, das »unbedingt zwingend« (S. 1183) wäre, an die Hand gibt. Immerhin räumt sogar Graß in Auseinandersetzung mit v. Campenhausen ein, »daß die Lücke in der historischen Beweisführung für das leere Grab sehr schmal ist« (S. 284), obwohl er die Frage nicht im Blick auf die Situation des Osterkerygmas in Jerusalem stellt, sondern sich nur auf die Analyse der Textüberlieferung beschränkt. Wenn man von der historischen Erwägung der Situation des Auferstehungskerygmas in der ersten Jerusalemer Gemeinde ausgeht, dann bestätigt der Überlieferungsbefund jedoch, was schon anderweitig als das historisch Wahrscheinliche vorauszusetzen ist: daß man in Jerusalem wußte, das Grab sei leer. Nur wenn der Textbefund zu einem entgegengesetzten Urteil geradezu zwänge, könnte dem Gewicht des historischen Argumentes vom Zusammenhang zwischen Auferstehungsverkündigung in Jerusalem und dabei vorauszusetzendem Leersein des Grabes Jesu überhaupt begegnet werden. Graß läßt sich in dieser Sache offenbar von bestimmten theologischen Gesichtspunkten leiten. »Ließe sich nämlich der Beweis für das leere Grab in jeder Hinsicht stringent führen, dann könnte man ... die Tatsache der Auferstehung beinahe historisch beweisen. Das ist aber offensichtlich auch nach Gottes Willen nicht möglich. Sie soll ein Unerhörtes bleiben, das mit menschlichen Beweisen nicht zu erreichen ist« (S. 184 f.). Woher weiß Graß so genau, was nach Gottes Willen möglich war und was nicht? Verblaßt nicht gegenüber solcher apodiktischen Kenntnis alles Streben nach historischer Sicherheit im Hinblick auf das Ostergeschehen zu einem vergleichsweise geringfügigen Unterfangen?

(7) Die Grabestradition, die als einzige Ostergeschichte allen Synoptikern gemeinsam ist, liegt in ihrer ursprünglichsten erhaltenen Form bei Markus (c. 16) vor. Die Abweichungen bei Matthäus und Lukas sind aus dogmatischen oder redaktionellen Motiven verständlich und können deshalb für eine historische Fragestellung außer Betracht bleiben. Die beiden schwierigsten Fragen, die der Markustext aufgibt, lauten: Ist Mk 16,8 der ursprüngliche Schluß des Evangeliums? Und <100:> in welchem Verhältnis stehen V.7 und V. 8? Beide Fragen hängen zusammen: Wenn das auf Erscheinungen des Auferstandenen in Galiläa /105/ vorausweisende Engelwort V. 7 der Überlieferung ursprünglich angehörte, dann wäre mit einer fehlenden Ostergeschichte zu rechnen, V. 8 bildete dann nicht den ursprünglichen Schluß des Evangeliums. Aber das unmotivierte alla (=aber), mit dem V. 7 beginnt, zeigt, daß hier ein ursprünglich nicht hingehöriges Stück angefügt ist, vielleicht ebenso wie Mk 14,28 (App!) von Markus selbst. Ferner wird auch V. 8 nicht einheitlich sein; V. 8b bietet mit ephobounto gar (=denn sie fürchteten sich) eine sachlich überflüssige Wiederholung von V. 8a. Mit V. 8a: »Und sie gingen heraus und flohen von dem Grab; denn es erfaßte sie Furcht und Entsetzen« wird die Erzählung ursprünglich geschlossen haben, und zwar unmittelbar im Anschluß an V. 6, die Mitteilung des Engels, daß der gesuchte Jesus auferweckt sei. Der zweite Teil des Engelwortes - V. 7 ist ebenso in den überlieferten Text eingeschoben worden wie V. 8b. Beides enthält Hinweise auf eine dem Markus bekannte Erscheinungstradition, die er jedoch nicht aufgenommen hat, vermutlich deshalb, weil ihm die Passionsgeschichte mit Grabesauffindung als Jerusalemer Lokaltradition bereits geschlossen vorgelegen hat. Das setzt voraus, daß die Erscheinungstraditionen ursprünglich nicht in Jerusalem lokalisiert sind /106/.

(8) Graß begründet seine Skepsis gegenüber der Überlieferung von der Auffindung des Grabes Jesu damit, daß die Jünger Jesu nach seiner Gefangennahme schon vor seinem Tode nach Galiläa zurückkehrten und erst nach Ablauf mehrerer Wochen wieder in Jerusalem eintrafen, um dort Jesus, der ihnen in Galiläa erschienen war, zu verkündigen. Er setzt voraus, daß dann »keine sichere Auskunft über den Verbleib des Leichnams mehr zu erhalten war, daß ein Nachforschen von Freund und Feind vergeblich blieb, von den Freunden allerdings auch nicht mit besonderem Eifer betrieben wurde, weil man des auferstandenen Herrn durch die Erscheinung gewiß war« (S. 184). Die Möglichkeit, daß der Leichnam Jesu und sein Grab schon nach so kurzer Zeit verschollen waren, ist nun aber doch nur unter der Voraussetzung erwägenswert, daß man annimmt, Jesus sei als Verbrecher in irgendeinem gerade leerstehenden Grabe oder gar in einem Massengrab bestattet worden, ohne daß jemand sich die Mühe gemacht hätte, den Anhängern Jesu die Lage des Grabes mitzuteilen. Doch solche Vermutungen bleiben ganz phantastisch. Sie sind schon deswegen extrem unwahrscheinlich, weil sich von einer vergeblichen Suche nach dem Grabe Jesu nicht die geringste Andeutung in der Über- <101:> lieferung erhalten hat, auch nicht - und das wiegt wieder besonders schwer - in der jüdischen Polemik. Dort hat man behauptet, daß die Jünger selbst den Leichnam Jesu entfernt hätten, aber nicht, daß das Grab Jesu unbekannt geblieben sei. So ist die von Graß erwogene Möglichkeit als praktisch irrelevant zu beurteilen. Die wenn auch stark legendär überwucherten Überlieferungen weisen in die entgegengesetzte Richtung, die von vornherein historisch als Voraussetzung des Auferstehungskerygmas der Jerusalemer Gemeinde anzunehmen war: Auf jüdischer wie auf christlicher Seite kannte man die Tatsache des leeren Grabes.

(9) Die von Graß vorgetragenen Erwägungen beruhen auf der Voraussetzung, daß die Grablegungsgeschichte Mk 15,42-47 eine reine Legende ohne jeden historischen Wert bildet (Graß, S. 173-183). Die abenteuerliche Weise, in der man sich nach Graß, S.150, das Wachsen der Grablegungslegende vorzustellen hätte, spricht für sich bereits gegen seine These. Der Vorgang selbst ist an den Namen des Joseph von Arimathia geknüpft. Dieser kann kaum sekundär hinzuerfunden worden sein, weil die ganze Überlieferung von der Grablegung Jesu an diesem Namen hängt. Die Notiz Apg 13,27-29, wonach »die Juden«, also die Gegner Jesu, ihn begraben hätten, kann keinen historischen Wert beanspruchen, weil die Kreuzesabnahme in die Zuständigkeit der römischen Behörde fiel. Außerdem weist die Terminologie »die Juden« auf das lukanische Schema der Aktareden hin /107/. Die Grablegungsgeschichte scheint ebenso wie die von der Auffindung des Grabes einen festen Platz in der vormarkinischen jerusalemer Passionsüberlieferung zu haben, und auch das paulinische etaphe (=begraben) 1 Kor 15,4 gibt einen Hinweis auf das Alter der Grabestradition /108/. Auch wenn man urteilt, daß für den historischen Kern der Grablegungstradition keine hinreichend große Wahrscheinlichkeit gewonnen werden kann, ist es nicht möglich, den legendären Charakter der Grablegungsgeschichte als gegeben anzunehmen, um darauf Hypothesen im Sinne einer Unauffindbarkeit des Leichnams Jesu nach der Rückkehr seiner Jünger aus Galiläa zu gründen.