Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, SS 2001, Stand: 2007-04-05

Schramm, Tim and Kathrin Löwenstein. Unmoralische Helden. Antstößige Gleichnisse Jesu. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1986. ISBN 3-525-53575-9 [11 IOF 196]

<15:>

1. Der kluge Verwalter (Lk 16,1-13)

(1) Er sagte aber zu den Jüngern: „Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; und dieser wurde bei ihm verklagt, daß er ihm den Besitz verschleudere. (2) Und erließ ihn rufen und sagte zu ihm:, Was höre ich da über dich? Lege Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht mehr Haushalter sein.' (3) Da sagte der Haushalter bei sich selbst:, Was soll ich tun, da mein Herr mir die Verwaltung nimmt? Graben kann ich nicht; zu betteln schäme ich mich. (4) Ich weiß, was ich tun will, damit sie, wenn ich von der Verwaltung abgesetzt bin, mich in ihre Häuser aufnehmen.'(5)Und er ließ jeden einzelnen der Schuldner seines Herrn zu sich rufen und sagte zu dem ersten: ,Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?' (6) Der antwortete: Hundert Bath Öl.' Da sagte er zu ihm:, Nimm hier deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreibe: fünfzig.' (7) Danach sagte er zu einem anderen:,Du aber, wieviel bistdu schuldig?'Der antwortete:,Hundert Kor Weizen.' Er sagte zu ihm: Nimm hier deinen Schuldschein und schreibe: achtzig.' (8) Und der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe. Denn die Söhne dieser Welt sind ihrem Geschlecht gegenüber klüger als die Söhne des Lichts. (9) Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit sie, wenn er (euch) ausgeht, euch aufnehmen in die ewigen Hütten! (10) Wer im Kleinsten treu ist, der ist auch im Großen freu; und wer im Kleinsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht. (11) Wenn ihr nun mit dem ungerechten Mammon nichttreu waret,wer wird euch das wahre Gut anverfrauen? (12) Und wenn ihr mit dem fremden Gut nicht freu waret,wer wird euch das eure geben? (13)Kein Knecht kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."

             Eine befremdliche Geschichte: Ein Verwalter wird der Unterschlagung bezichtigt und daraufhin seines Amtes ent- <16:> hoben; statt sich zu rechtfertigen -sein Schweigen ist wohl ein Eingeständnis seiner Schuld /1/[1]- begeht er einen zweiten Betrug: er veranlaßt die Schuldner seines Herrn zur Urkundenfälschung, genauer: er erläßt ihnen eigenmächtig einen Teil ihrer Schulden./2/[2] Ein dubioser Charakter, zweifellos, und dennoch: „Der Herr lobte den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe."

            Was will die Erzählung? Fordert sie zum Weggeben des Vermögens auf? Mahnt sie zur Treue im Umgang mit Geld? Verurteilt sie Reichtum und Besitzdenken ganz und gar? Die dem Gleichnis folgenden Sprüche lassen solches oder ähnliches vermuten; sie mildern den Anstoß der eigentlichen Erzählung, beseitigen können sie ihn nicht. Es bleibt die Frage: Wie kann ein Mensch positiv gewertet, ja gelobt werden, der sich als völlig verantwortungslos erweist im Umgang mit fremdem Besitz? Diese Frage verschärft und klärt sich, wenn wir die ursprüngliche Gestalt des Gleichnisses Jesu vom Haushalter ermitteln und aus dem jetzigen Kontext herauslösen.

            a) Das in V 8a formulierte Lob gehört mit Sicherheit zur ältesten Überlieferung - eben wegen seiner Anstößigkeit; den Tradenten der Verkündigung Jesu ist es nicht zuzutrauen, die sind ja immer wieder darum bemüht, Unebenheiten zu glätten und allzu harte Aussagen zu bändigen. Mit V 8a erweist sich dann aber auch die zielstrebig darauf zulaufende Erzählung insgesamt (V 1b-8a) als jesuanisch. Die Kühnheit ihrer Pointe ist untypisch für das zeitgenössische Judentum ebenso wie für die am Erbaulichen interessierten christlichen Gemeinden des 1.Jahrhunderts./3/[3]

            b) In V 8b begegnet ein erster sekundärer Zuwachs zur Parabel, als sekundär erkennbar daran, daß hier das befremdliche Lob mit einer Einschränkung versehen und so abgemildert wird: Unter ihresgleichen (=ihrem Geschlecht gegenüber) sind „Weltkinder" vom Schlage des Verwalters tatsächlich klüger als die Erwählten, die „Kinder des Lichts", nicht jedoch Gott gegenüber./4/[4] In dieser Feststellung mag eine leise Warnung an die Christen mit anklingen, sie möchten sich doch „weniger als bisher an Klugheit von den Weltkindern übertreffen lassen"./5/[5] Auf jeden Fall wird durch die Differenzierung „Söhne dieser Welt" und <17:> „Söhne des Lichts" erreicht, daß das Verhalten des Verwalters nicht mehr als uneingeschränkt bewundernswertverstanden werden kann. Die Vorstellung einer solchen Trennung unter den Menschen ist aber ebenso wie der Sprachgebrauch ganz unjesuanisch./6/[6] Kurz: in V 8b spricht die nachösterliche Gemeinde, nicht mehr Jesus selbst.

            c) Die folgenden Verse sind untereinander durch das im eigentlichen Gleichnis nicht auftauchende Stichwort „Mammon" verbunden (V 9.11.13). Als Brücke fungiert das qualifizierende „ungerecht" (V 8a.9.10.11), das in unterschiedlicher Zuordnung begegnet: Wird zunächst (V 8a, vgl. V 10) noch der Haushalter als ungerecht bezeichnet, so eignet in V 9 und 11 dem Mammon selbst diese Eigenschaft. Schon daran wird deutlich, wie wenig die erzählte Geschichte zu den angefügten Sprüchen paßt; deren sekundärer Charakter enthüllt sich bei genauerem Hinsehen vollends. V 9 - durch das einleitende „Und ich sage euch" Jesus selbst als Deutewort in den Mund gelegt - lehnt sich in der Formulierung eng an V 4 an:

            V 4:... damit sie, wenn ich abgesetzt bin, mich in ihre Häuser aufnehmen.

            V 9:...damit sie,wenn er ausgeht, euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

            V 9 hat mit der Passage aus dem Gleichnis, der er nur „nachgesprochen" ist, inhaltlich wenig gemein; vielmehr, hier formuliert ein urchristlicher Prediger /7/[7] unter Verwendung vorgegebenen Wortlauts seine „Botschaft": Wer, wie angeblich der Haushalter!, den Mammon dieser bösen Welt /8/[8] dazu benutzt, Almosen zu geben der wird in Gottes ewige Wohnstätten aufgenommen werden./9/[9] Die Erzählung selbst allerdings läßt keineswegs erkennen, daß der Verwalter ein Vorbild an Freigebigkeit ist. Er gibt keine Almosen, sondern sehr durchsichtige egoistische Motive bestimmen sein Tun; er schmeichelt sich ein, will Vorsorge treffen für die Zeit nach der Entlassung; sein Mittel ist ein massiver Schuldennachlaß, der nicht zu Lasten des eigenen Kontos geht./10/[10] Also: in V 9 liegt der nicht ganz geglückte Versuch vor, die Geschichte vom Haushalter harmlos zu verstehen und so ihre Ehre zu retten: der Verwalter als Beispiel für Freigebigkeit! <18:>

            d) Die Verse 10-12 setzen einen gänzlich neuen Akzent. Die allgemeine Sentenz über Treue und Untreue V 10, die in V 11 ihre konkrete Anwendung auf den Mammon findet, macht aus dem gelobten Haushalter unversehends ein abschreckendes Beispiel!/11/[11] Wenn ihr, so diese Applikation, wie der Verwalter schon im Umgang mit derart geringen Dingen wie dem Mammon keine Treue beweisen könnt, wer wird euch das Wahre (V 11),das euch Gehörige (V 12) anvertrauen? Das „Wahre" meint hier im Zusammenhang wohl die christliche Predigt, das Wort der Wahrheit bzw. das Evangelium./12/[12] Lk 16,10-12 richtet sich -so verstanden offensichtlich an urkirchliche Amtsträger, die als „Haushalter Gottes" mit der Verwaltung des Gemeindegutes im materiellen wie im geistlichen Sinn betraut sind. Das Stichwort„Haushalter/Verwalter" ermöglichte eine Verbindung mit der Parabel, wobei diese jetzt natürlich negativ gedeutet wird:Verhaltet euch nicht wie der ungerechte Verwalter, sondern seid zuverlässig und geht sorgsam mit dem euch Anvertrauten um!/13/[13]

            Das Nebeneinander von V 9 einerseits, V10-12 andererseits (vgl. auch V 8b und 13) macht zweierlei schön sichtbar: 1. Das Gleichnis vom ungerechten Haushalter hat in der Urkirche „gelebt"; es ist bearbeitet und kommentiert worden; sein Text hat einen Wachstumsprozeß durchlaufen: V 9 repräsentiert dabei ein früheres,V10-12 ein späteres Stadium dieses Vorgangs. 2. Das Gleichnis war der Überlieferung ein „Stein des Anstoßes": daß ein Ungerechter nicht bestraft, sondern im Gegenteil ausdrücklich gelobt wird, wollte man so nicht stehen lassen. Der Kommentator, der in V 10-12 zu Wort kommt, hat offensichtlich die Korrektur, die V 9 anbringt, nicht konsequent genug gefunden; er wollte eine deutliche Distanzierung vom unmoralischen Helden: von ihm kann man doch nicht direkt, sondern bestenfalls e contrario lernen, nach der Devise:

            „Einer, namens Lockmann, wurde gefragt, wo er seine feinen und wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: Bei lauter unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegenteil von demjenigen getan, was mir an ihnen nicht gefallen hat.“/14/[14] <19:>

             Beide Deutungen verfehlen mit Sicherheit den ursprünglichen Sinn. Der Verwalter ist, wie gezeigt, weder caritativ gesinnt noch ist er ursprünglich als negative Kontrastfigur gemeint; in der Geschichte selbst wird er gelobt, nicht kritisiert (V 8a)!

           e) Eine vierte Erweiterung schließlich hat das Gleichnis Jesu im Laufe seiner Überlieferung erfahren, das Wort von der Unmöglichkeit des Doppeldienstes, hier gedeutet auf die Unvereinbarkeit von Gottes- und Mammonsdienst. Daß auch dieser Spruch nicht zur frühesten Gestalt der Parabel gehört haben kann, beweist außer der inhaltlichen Spannung - wo polemisiert die Geschichte gegen den Umgang mit Geld?- die Tatsache, daß dasselbe Wort als sog. Wanderlogion Mt 6,24 in anderem Zusammenhang begegnet und eine Variante dazu im Thomas-Evangelium (Logion 47) aufbewahrt ist, und zwar da ohne die Deutung auf den Gottes- bzw. Mammonsdienst; diese erweist sich also ihrerseits als sekundäre Interpretation eines ursprünglich isoliert umlaufenden Bildwortes. Mit der Parabel hat das eine wie das andere von Haus aus nichts zu tun.

            Zu erwähnen bleibt noch, daß die das Gleichnis einleitende Situationsangabe „Er sagte aber zu den Jüngern" natürlich der Redaktion zuzuschreiben ist-, eine solche Rahmennotiz wird nötig, als Lukas die Geschichte einschließlich ihrer Kommentierungen in den Kontext seines Evangeliums einfügt. Über die ursprünglichen Adressaten des Gleichnisses ist mit dieser Rahmennotiz noch nicht entschieden. Als Zwischenergebnis läßt sich hier festhalten, daß Jesu Parabel vom ungerechten Haushalter ursprünglich folgende - anstößige - Gestalt hatte.

             (1) Es war ein reicher Mann, der hatte einen Haushalter; und dieser wurde bei ihm verklagt, daß er ihm den Besitz verschleudere. (2) Und er ließ ihn rufen und sagte zu ihm:„Was höre ich da über dich? Lege Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht mehr Haushalter sein." (3) Da sagte der Haushalter bei sich selbst:„Was soll ich tun, da mein Herr mir die Verwaltung nimmt? Graben kann ich nicht; zu betteln schäme ich mich. (4) Ich weiß, was ich tun will, damit sie, wenn ich von der Verwaltung abgesetzt bin, mich in ihre Häuser aufnehmen." (5) Und er ließ jeden einzelnen der Schuldner seines Herrn zu sich rufen und <20:> sagte zu dem ersten: „Wieviel bist du meinem Herrn schuldig?" (6) Der antwortete: „Hundert Bath Öl." Da sagte er zu ihm: „Nimm hier deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreibe: fünfzig." (7) Danach sagte er zu einem anderen: „Du aber, wieviel bist du schuldig?" Der antwortete: „Hundert Kor Weizen." Er sagte zu ihm: „Nimm hier deinen Schuldschein und schreibe: achtzig." (8a) Und der Herr /15/[15] lobte den ungerechten Haushalter, daß er klug gehandelt habe.

             Was ist der Sinn dieser Erzählung? Das Lob, das dem Haushalter zuteil wird, ist kein Lob seiner Ungerechtigkeit. Unmoral bleibt Unmoral. Und dennoch - der Mann verdient Bewunderung. Lobenswert sind seine Bereitschaft und Fähigkeit, einer bedrohlichen Situation mit Entschlossenheit und Klugheit zu begegnen. „Dieser Mann war... (klug) V 8a, d. h. er hat die kritische Situation erfaßt. Er hat die Dinge nicht laufen lassen, er hat gehandelt in letzter Minute, ehe das drohende Unheil über ihn hereinbrach, gewiß skrupellos betrügerisch ..., Jesus beschönigt das nicht, aber darauf kommt es hier nicht an - er hat kühn, entschlossen und klug gehandelt, sich eine neue Existenz gebaut. Klug sein, das ist die Forderung der Stunde auch für euch! Alles steht auf dem Spiele!"/16/[16]

            Das Gleichnis und seine Botschaft muß im Kontext der Verkündigung Jesu insgesamt gesehen werden. Klugheit ist notwendig im Blick auf die gegenwärtige Situation, so wie Jesus sie sieht und darstellt: Die endgültige Aufrichtung der Gottesherrschaft steht nahe bevor; jetzt gilt es, sich entschlossen und klug darauf einzustellen. Wie der Haushalter seine Lage erkennt und handelt, so sollen auch die Hörer Jesu ihre Lage angesichts der sich realisierenden Herrschaft Gottes begreifen und handeln, d. h. umkehren. In diesem Punkte können sie wahrlich vom unmoralischen Helden lernen!

            Damit ist deutlich: Nur in einem Punkt will das Gleichnis übertragen werden; weder die materiellen Güter, mit denen der Haushalter umgeht, noch seine betrügerischen Transaktionen sind von Interesse; die Unmoral des Helden gehört ganz und gar auf die Seite des erzählten Bildes (Bildhälfte), in die Anwendung (Sachhälfte) soll und will <21:> nur die - am unmoralischen Bild aufgewiesene - Klugheit übernommen werden. „Klug sein, das ist die Forderung der Stunde auch für euch!"

             Für das Gleichnis vom ungerechten Haushalter wie für die anstößigen Gleichnisse auch sonst (s. u.) gilt, was A.Jülicher für die Gleichnisauslegung überhaupt postuliert hat: zwischen der Bildhälfte der Gleichnisse Jesu und ihrer Sachhälfte, d.h.der intendierten Sachaussage, um derentwillen das Bild ersonnen wurde, gibt es nur eine Berührungsstelle, einen Vergleichspunkt, ein tertium comparationis./17/[17] Die Forschung nach Jülicher hat diesen Ansatz als unangemessen in Zweifel gezogen; sie rechnet zunehmend mit der Möglichkeit mehrerer Bezugspunkte zwischen Bild und Sache und „verwischt" die strikte Trennung von Gleichnis und Allegorie, die Jülichers Anliegen war./18/[18] Es geht hier nicht darum, solche Auffassungen nun ihrerseits prinzipiell in Frage zu stellen; es soll lediglich betont sein, daß Jülichers Einsicht von dem einen Vergleichspunkt für die anstößigen Gleichnisse in jedem Fall ihre Gültigkeit behält./19/[19] Lk 16,1-8a ist ein wirkliches Gleichnis im Sinne Jülichers, genauer, da es sich ja um einen interessierenden Einzelfall handelt, nicht um einen alltäglich beobachtbaren Vorgang wie etwa Mk 4,30-32 geschildert, eine stilgerechte Parabel./20/[20] Wenn die Unmoral dabei streng der Bildhälfte zuzurechnen ist und in der Sachhälfte nicht mehr aufgenommen werden darf, so ist damit entschieden keine Geringschätzung des Bildes verbunden./21/[21] Daß das Bildmaterial dieses wie der anderen, im folgenden besprochenen Gleichnisse weder unwichtig noch zufällig ist, wird noch zu zeigen sein.

 

            Ein abschließendes Wort zu Lk 16,1 ff : Die Exegese hat gezeigt, wie die Parabel im Laufe ihrer Überlieferung durch sekundäre Zusätze erweitert wurde. Die Untersuchungen von J. Jeremias machen deutlich, daß Art und Weise solcher Ausgestaltung bestimmten „Gesetzen" unterworfen war, eben weil die Überlieferung in der nachösterlichen Gemeinde nicht archivarisch konserviert, sondern in Predigt und Unterricht benutztwurde. Die Arbeit an Lk16,1ff, seine schrittweise Ergänzung um die V 8b-13, steht im Dienste der Paränese (= Ermahnung), d. h. hier waltet das „Gesetz" der Paränetisierung: das Gleichnis wird zur innergemeindlichen Ermahnung benutzt! Sein eschatologischer Klang im Zusammenhang der Ansage der nahen Gottes- <22:> herrschaft durch den historischen Jesus ist ins Ethisch-Praktische umgebogen worden./22/[22] Lk 16,1-8a wird dabei im Zuge seiner paränetischen „Verwertung" zu einer Beispielgeschichte umfunktioniert. Die Anwendungen V 9 und V 10-12 unterscheiden nicht mehr zwischen Bild- und Sachebene; für die urkirchlichen Kommentatoren ist bereits im Bild (Lk 16,1-7) direkt von der Sache, d. h. vom Umgang mit Geld, die Rede; sie lesen die Parabel Jesu nicht mehr als Gleichnis, sondern als positives oder negatives Beispiel, als ins Bild gesetzte Ethik (wie Lk 10,30-37) oder Anti-Ethik (wie Lk 12,16-21).



[1] 1        Vgl. M. Krämer, Das Rätsel der Parabel vom ungerechten Verwalter Lk16,1-13. Auslegungsgeschichte - Umfang - Sinn. Eine Diskussion der Probleme und Lösungsvorschläge der Verwalterparabel von den Vätern bis heute, 1972, 4.

[2] 2        Mit einem doppelten Bezug rechnet auch J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, 8. Aufl. 1970, 180. Gelegentlich versucht man, das Verhalten des Verwalters als rechtens zu erklären,und damit die Anstößigkeit der Geschichte zu beseitigen. Das tut z. B. H. J. Degenhardt, der für V 2 nicht Unterschlagung, sondern lediglich inkompetente Amtsführung, für V 5-7 im Anschluß an Derrett nicht Urkundenfälschung, sondern(positiv!) Erlaß von Wucherzinsen voraussetzt: vgl. ders., Lukas Evangelist der Armen.Besitz und Besitzverzicht in den lukanischen Schriften. Eine traditions- und redaktionsgeschichtliche Untersuchung, 1965,115ff. Jeremias' Feststellung, wonach die „verschiedenen Versuche einer ,Ehrenrettung' des ungerechten Haushalters ... sämtlich mißglückt" sind (Gleichnisse 181 Anm. 2), bleibt auch hier gültig!

[3] 3        Es liegt also das Echtheitskriterium der Unähnlichkeit bzw. Unableitbarkeit (Kontingenz) vor, vgl. Bultmann, Geschichte 222 und das Ergänzungsheft dazu, bearb.von G.Theißen und Ph. Vielhauer, 4. Aufl. 1971,11.

[4] 4 Vgl. Jeremias, Gleichnisse 43.

[5] 5 A.Jülicher,Die Gleichnisreden Jesu,Bd. II,1910,509;ähnlich Krämer, Rätsel 163 und Degenhardt, Lukas 119.

[6] 6 Der Ausdruck„Söhne/Kinder des Lichts" begegnet nur hier in der synoptischen Tradition, im übrigen Schrifttum des NT noch Joh 12,36;1.Thess 5,5 und Eph 5,8; häufig dagegen in den Texten von Qumran und in der Gnosis, vgl. H. Conzelmann, in: ThW IX 302ft, bes.318ff und 344 ff.

[7] 7 Vgl. Jeremias, Gleichnisse 43f; skeptisch Degenhardt, Lukas 120.

[8] 8 Vgl. dazu Jeremias, Gleichnisse 43 Anm. 4.

[9] 9 Die „Freunde" sind entweder 1. die Almosenempfänger (Degenhardt,Lukas123; L.J.Topel, On the Injustice of the Unjust <166:> Steward Lk16,1-13, in: CBQ 37, 1975, 220 Anm.22) oder 2.die personifizierten Almosen, die bei Gott als Fürsprecher agieren (F. E. Williams, Is Almsgiving the Point of the „Unjust Steward"?, in: JBL 83, 1964, 295 mit Verweis auf rabbinische Parallelen) oder 3. die Engel als Umschreibung für Gott (Jeremias, Gleichnisse 43 Anm. 3). In jedem Fall verweist die 3. Pers. plur. in V 9b umschreibend auf Gott, d. h. Gott gewährt das ewige Heil (vgl. Degenhardt, Lukas 123; Jeremias, Gleichnisse 43).

[10] 10 J. D. Crossan, Parables 109 macht eindrücklich darauf aufmerksam, wie unlogisch es ist, den Haushalter zum Helfer der Armen und Almosengeber zu machen, einerlei, ob jener beim Schuldenerlassen seinen Herrn ein zweites Mal betrügt oder nur die eigenen Wucherzinsen rückgängig macht.

[11] 11 Vgl. Jeremias, Gleichnisse 44 gegen Jülicher, Gleichnisreden II, 512 und Krämer, Rätsel 219ff, die in V 10ff eine Ausgestaltung von V 9 sehen, wobei sie „treu sein" mit Almosengeben/ Mammon-wohltätig-verwenden gleichsetzen: das wirkt konstruiert, ein Versuch, nachträglich verschiedene Stufen der Arbeit am Text zu harmonisieren. Auch Degenhardt, Lukas 127,wehrt sich gegen die Einsicht, daß der Verwalter in V 10ff zur negativen Kontrastfigur wird; das sei „sehr fraglich" kein Wunder, wenn man ihn vorher auf Biegen und Brechen entkriminalisiert hat (s. o. Anm. 2).

[12] 12 Vgl. 2. Tim 2,1 5; Eph 1,13; Kol 1,5; weitere Belege bei Krämer, Rätsel 214. Das „Wahre" kann auch eschatologisch verstanden werden, so Jülicher, Gleichnisreden II, 508; vgl. auch Krämer, Rätsel 220.

[13] 13 Zur„Haushalterschaft" der Bischöfe und Presbyter ohne Gewinnsucht, im Dienst am wahren Wort vgl.1.Kor 4,1f; 1.Tim 3,1 ff; 5,17ff; 6,3 ff; Tit 1,6-9; 1. Petr 4,10; 5,1-4.

[14] 14     J. P. Hebel, Kalendergeschichten, hier zitiert nach: W. Sommer, Der, menschliche Gott J. P. Hebels. Die Theologie Johann Peter Hebels, 1972, 65f.

[15] 15 Ob mit „der Herr", der in V 8a das befremdliche Lob ausspricht, der reiche Arbeitgeber des Haushalters oder Jesus gemeint ist, läßt sich definitiv nicht entscheiden. Im ersteren Fall gehörte V 8a noch in die Erzählung, im zweiten wäre V 8a als referierender Hinweis auf Jesu abschließende Wertung der soeben erzählten Geschichte zu lesen. Beide Deutungen sind möglich. Für Schluß der Erzählung mit V 7 plädieren: Jülicher, Gleichnisreden II, 504; Jeremias, Gleichnisse 42f; Bultmann,Geschichte 190; N.Perrin, Jesus 126;Crossan, Parables 109; für Schluß mit V 8a: D. O. Via, Die Gleichnisse Jesu. Ihre <167:> literarische und existentiale Dimension, 1970,147; vgl. auch Krämer, Rätsel 140ff; 169ff; Degenhardt, Lukas 116f. - So oder so geht es um das Lob eines Schurken, egal, ob Jesus dieses Lob einer Gleichnisfigur in den Mund legt oder selbst formuliert. Und: beide Varianten sind gut und gern auf Jesus zurückzuführen: ihm sind sie zuzutrauen, der überliefernden Gemeinde nicht,- die hatte, wie V 8b-13 zeigen, ihre Schwierigkeiten mit der anstößigen Pointe des Gleichnisses und hätte diese sicher nicht selbst geschaffen.

[16] 16 Jeremias, Gleichnisse 181. Die Mehrzahl der Forscher spricht sich für diese Deutung aus; gelegentliche andere Auffassungen, denen die Differenzierung zwischen der verwerflichen Tat und der imponierenden Weise ihrer Ausführung (kluges entschlossenes Zupacken) zu „abstrakt" erscheint, können nicht überzeugen. Wer die Ungerechtigkeit des Haushalters für die Sachhälfte retten will, gerät in Schwierigkeiten: Degenhardt (Lukas113ff) und E.Kamlah z. B. verstehen die Parabel „moralisch" als Aufforderung an die religiöse Führungsschicht, die Gesetzeslasten des Volkes zu verringern; die Kriminalität des Verwalters gerät dabei allerdings völlig aus dem Blick, und auch die Frage, wie denn die skrupulös um Einhaltung des Gesetzes bemühten Pharisäer im skrupellosen Betrüger ein Vorbild finden können, wird nicht bedacht Kamlahs Prämisse, wonach alle Knechtsgleichnisse am gleichen Strang ziehen und in gleicher Weise gedeutet sein wollen, da schon die Stoffwahl das Thema vorgebe und „also auch seine Sachproblematik" bestimme, scheitert an Lk16,1ff (gegen E.Kamlah, Die Parabel vom ungerechten Verwalter [Lk 16,1ff] im Rahmen der Knechtsgleichnisse, in: Abraham unser Vater, FS O. Michel, 1963, 277ff, bes.283). Überzeugend dagegen Crossan, Parables 105.

[17] 17 Vgl. Jülicher,Gleichnisreden I,70 u. ö.

[18] 18 Vgl. u. a. Via, Gleichnisse 25; H.-J.Klauck, Allegorie und Allegorese in synoptischen Gleichnistexten,1978, passim, bes. 354.

[19] 19 Das beweist ungewollt letztlich auch H. Weder, Die Gleichnisse Jesu als Metaphern. Traditions-und redaktionsgeschichtliche Analysen und Interpretationen, 1978, obwohl er sich im Anschluß an E. Jüngel gegen die „Radikalität des aristotelischen Ansatzes" (19) bei Jülicher wehrt; er schreibt der Metapher im Gegensatz zu Jülicher keine bloß rhetorische oder gar verhüllende Funktion zu, sondern: sie hat dichterische sinnstiftende Kraft (63f)! Die Suche nach dem einen tertium comparationis wird in der Theorie gänzlich verworfen (65), in der praktischen Exegese nicht nur unseres Textes zeigt sich dann <168:> allerdings, daß dieses Postulat nicht durchzuhalten ist, jedenfalls nicht bei den anstößigen Gleichnissen. Weder betont nämlich, daß der Verwalter in Lk 16,1 ff nicht metaphorisch auszudeuten sei, wie es etwa bei Kamlah geschieht„ ,da an seinem Verhalten ausschließlich seine Einstellung zur Zukunft von Interesse sei (265 Anm. 113), d. h. das Gleichnis vom Haushalter wird ganz im Sinne Jülichers interpretiert (262ff); bei Mt 13,44 (138ff) wird die Anstößigkeit des Bildes nicht berücksichtigt,- und der metaphorische Verweis, den Weder in Lk 18,1 ff erblicken will (267ff), wirkt überaus konstruiert (s. u.Anm.129).

[20] 20 Zur Unterscheidung von Gleichnis und Parabel vgl. Jülicher, Gleichnisreden I, 80ff und 92 ff, aufgenommen bei Bultmann, Geschichte 184 ff.- Wir benutzen „Gleichnis" hier nicht nur als formgeschichtlich festgelegten Terminus im Unterschied zur Parabel, sondern biblischem Sprachgebrauch entsprechend auch im Sinne eines Oberbegriffs, unter den sich alle bildhaften Erzählformen subsumieren lassen.

[21] 21 Vgl. z.B. Via, Gleichnisse 27, der im Anschluß an A. T.Cadoux fast karikierend einwendet, daß im Horizont der Frage nach dem einen tertium comparationis das Bild als solches nicht ernst genug genommen werde:... Reduzierung der Gleichnisse zu „bildhaft angeordneten Platitüden, die durch unnötige Ornamente verschleiert werden".

[22] 22 Vgl. Jeremias,Gleichnisse Kap. II (Von der Urkirche zu Jesus zurück!), bes. 39ff. 113.