Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, SS 2001, Stand: 2007-04-05

Wolff, Hans Walter. "Schwerter zu Pflugscharen - Mißbrauch eines Prophetenwortes? Praktische Fragen und exegetische Klärungen zu Joel 4,9-12, Jesaja 2,2-5 und Micha 4,1-5." In: Hans Walter Wolff Studien zur Prophetie: Probleme und Erträge, Theologische Bücherei. München: Kaiser, 1987, 93-108. [Hebräische und griechische Worte werden in stark vereinfachter Umschrift dargeboten!]

Schwerter zu Pflugscharen - Mißbrauch eines Prophetenwortes? Praktische Fragen und exegetische Klärungen zu Joel4,9-12,Jes 2,2-5 und Mi4,1-5*[1]

»Schwerter zu Pflugscharen« - Kreise evangelischer Jugend der DDR wählten vor einigen Jahren dieses Bruchstück eines Prophetenwortes als ihr Leitwort. Man trug es als Anhänger. Aber das wurde alsbald verboten. Doch als Parole wanderte die Losung schnell über die Grenzen. Christliche Gruppen der Friedensbewegung nahmen es allenthalben auf. Doch als gültige Losung für gegenwärtiges politisches Handeln wird das Wort unter uns nicht nur vertreten, ja geliebt, sondern auch theologisch entschieden bestritten. Solche Uneinigkeit sollte uns - angesichts unserer äußerst bedrohten Welt - keine Ruhe lassen. Wir sollten sie zu überwinden trachten. Ich versuche, einige exegetische Beobachtungen beizutragen, die die Einmütigkeit des christlichen Zeugnisses fördern möchten.

            Zur methodischen Klärung setze ich mit Fragen an Trutz R endtorff ein. Im »Spiegel-Gespräch« vorn 10.10.83 (Der Spiegel, Jg.37, Nr. 41) hatte Dorothee Sölle beiläufig an das Jesaja-Zitat »Schwerter zu Pflugscharen« erinnert. Darauf reagiert Rendtorff: »Auf welchen Propheten sollen wir hören, Frau Sölle? Sie kennen sicherlich das Wort des Propheten Joel: »Schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern und eure Rebmesser zu Spießen! Ich bin dem Dilemma, welchen Weg wir gehen sollen, nicht enthoben. Unsere eigene Entscheidung wird uns durch solche Zitate doch nicht abgenommen.« Die Spiegel-Redakteure fragten dazwischen: »Wer interpretiert die christliche Glaubenslehre nun richtig - die Theologin Sölle oder der Theologe Rendtorff?«. Dazu Rendtorff später: »Sie sehen ja, daß die Theologie auch unterschiedliche Positionen vertritt. Da muß jeder einzelne sich entscheiden. Für meine Generation ist das ja ein Lebensthema.«/1/[2] <94:>

Verstehe ich Trutz Rendtorff recht, wenn er in jenem Gespräch vorläufig zweierlei zu bedenken geben wollte?

  1. 1. Die Bibel widerspricht sich selbst. Einzelne Bibelzitate helfen uns nicht zu der Entscheidung, ob, nach Jesaja, der Friede durch Abrüstung gesichert wird oder, nach Joel, mindestens zeitweilig Abschreckung durch Aufrüstung vor Kriegsgefahr schützt. Mit 1 der Bibel kann man beides stützen. -
  2. 2. Die Kriterien für unsere Entscheidung in dieser Sache liegen jenseits der Schrift. Darum gibt es auch keine gemeinsame Entscheidung der Christen und der Theologen. Jeder einzelne muß sich entscheiden und die Entscheidungen des anderen auch gelten lassen. So verstehe ich die Äußerungen von Trutz Rendtorff.

Dazu erlauben Sie bitte zwei methodische Rückfragen.

Zum ersten: muß die Konfrontation von Jes 2 (»Schwerter zu Pflugscharen«) und Joel 4 (»Pflugscharen zu Schwertern«) nicht als bloßer Diskussionseffekt verstanden werden? Stimmen wir nicht darin überein, daß zum echten Verstehen die Beachtung des Kontextes gehört? Wie steht es aber dann mit dem Hinweis auf Joel 4? Im Zusammenhang von Joel 4,9-12 wird eindeutig Jahwes Gericht über die Völker verkündigt. Die Völker der Welt haben sich an Gottes Volk Israel sträflich vergangen (vgl. 4,1-3). Sie alle sollen nun aufbrechen und sich vor ihrem Richter versammeln (V 12). Mit kräftigem Spott wird dieses Antreten zum vernichtenden Strafgericht als kriegerische Generalmobilmachung gezeichnet:

Ruft dies aus unter den Völkern:
Rüstet einen heiligen Krieg!
Wecket die Kämpfer auf!
Anrücken, heraufziehen sollen alle Kriegsleute! (9) 

Und dann wird der totale Krieg ironisiert mit der Umkehrung jener JesajaSätze (10):

Schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern
und eure Winzermesser zu Lanzen!
Der Schwächling spreche: Ein Held bin ich!
(11)            Kommt, alle Völker ringsum!

(aber wozu? etwa zum großen Krieg und Sieg?? Nein!:)

Daß Jahwe deine Helden zum Erliegen bringe... Denn dort
(12)      will ich (Gott, der Herr) sitzen,
zu richten alle Völker ringsum./1a/[3] <95:>

Damit wird also kraß betont, daß alle kriegerische Rüstung, selbst wenn sie auch noch die friedlichen Acker- und Winzergeräte als Waffen einbezieht und noch sämtliche Männer bis zu den letzten kriegsuntüchtigen Schwächlingen aufbietet, ganz vergeblich ist. So ist Joel 4 im Grunde gar kein Gegensatz zu Jes 2. Joel betont in sarkastischer Weise: Alles kriegerische Rüsten muß vor dem Richterstuhl Gottes antreten und wird zunichte werden. Das Zitat »Pflugscharen zu Schwertern« ist ein glatter Hohn auf die Weltmächte, die sich mit ihrer Totalbewaffnung dem Gottesvolk - mühevoll genug - überlegen dünken. V. 15b fügt dann hinzu:

Aber für sein (waffenloses) Volk ist Jahwe Zuflucht
und eine Festung für Israels Söhne.

Wer diesen Zusammenhang einmal erkannt hat, wird Joel 4 und Jes 2 nicht mehr gegeneinander ausspielen, sondern in beiden Texten das Ende der Völkerkriege angezeigt sehen. Ich denke, darin können wir nun auf Grund der Beachtung des Kontextes einig sein.

Zum zweiten: Wie aber steht es nun mit der von Trutz Rendtorff betonten Entscheidung jedes einzelnen? Bleibt sie wirklich in das freie Ermessen eines jeden gestellt? - auch eines jeden Christen? - auch wenn mit der heutigen Rüstung die totale Selbstzerstörung der Menschheit so nahe gerückt ist wie noch nie? - auch wenn die Joel-Parole »Pflugscharen zu Schwertern« gerade nicht den Sinn einer von Gott gebotenen Aufrüstung hat, sondern des Gottesgerichts über alle Totalbewaffnung? - auch wenn also nicht zwei Prophetenworte wahlweise gleichwertig einander gegenüberstehen? Gewiß werden wir nach wie vor nicht einzelne Schriftstellen willkürlich isolieren dürfen. Aber wo anders sollen wir als Christen Entscheidungshilfen suchen, wenn nicht in der Gesamttendenz des Alten und Neuen Testamentes? Wo anders sollen wir angesichts der militärischen Drohstrategie durch Menschheitsvernichtungswaffen Orientierung für unser Ja oder Nein als Christen finden als in den Grundlinien des Kanons unseres Glaubens? Die 6.Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen hat die Kirchen aufgerufen, »ihre Anstrengungen zu verstärken, zu einem Zeugnis in einer gespaltenen Welt zu finden, sich mit netter Kraft den Bedrohungen des Friedens entgegenzustellen ...« So wollen wir uns um unseren biblisch-exegetischen Anteil mühen, um zur gemeinsamen Entscheidung zu finden. Ich bin gewiß: im Hören auf die biblischen Zeugen müssen wir nicht auch in den Kirchen auf Dauer gespalten bleiben. Bevor wir die umstrittene Prophetie »Schwerter zu Pflugscharen« näher untersuchen und die-Akzente des Neuen Testaments <96:> wenigstens andeutend vergleichen, fragen wir nach den Haupttendenzen des Alten Testaments.

I.

Das alte Israel war voller Kriegsgeschrei. Seinen »kriegerischen Geist« konnte Hermann Gunkel 1916 noch unter dem Titel »Israelitisches Heldentum und Kriegsfrömmigkeit im Alten Testament« herausstellen. In seinem Naturell hat sich das alte Gottesvolk kaum von seiner Umwelt unterschieden, und leider haben es noch weniger breiteste Teile der Christenheit bis in unser Jahrhundert hinein getan. Doch sind wir inzwischen mehr undinehraufinerksam geworden auf eine Reihe von Stimmen, in denen dem Fleisch des alten Israel der Geist seines Gottes begegnet, in einigen hochbedeutsamen Traditionssträngen, in denen mitten im Alten ein Neues, Zukunftsweisendes anhebt, das durchaus nicht erledigt hinter uns liegt, sondern hoffnungwekkend und wegweisend vor uns.

Ich nenne zuerst die erzählerischen Zeugnisse vom sog. heiligen Krieg, in denen Israel unbewaffnet seinen hochgerüsteten Feinden gegenübersteht und dann in wunderbarer Weise die Wahrheit erfährt, die Mose in Ex 14,14 ausruft:

Jahwe wird für euch streiten,
und ihr werdet still und staunend dabeistehen.

 So hat Israel rückblickend den Exodus aus Ägypten erlebt, und damit wurde recht eigentlich sein Glaube begründet und je und je erneuert./2/[4] So bezeugen es die späteren Erzählungen etwa von der Einnahme Jerichos (Jos 6: Jerichos Mauern fallen ohne Waffeneinsatz Israels unter dem Umzug der Priester mit Bundeslade und Posaunen und unter dem Jubelgeschrei des Volkes), von der Midianiterschlacht nach Ri 7 (Israels Heer, mehrfach dezimiert, löst mit Krügen, Fackeln und Posaunen - ohne Waffen - den Gottesschrecken aus, der zur Selbstvernichtung der Feinde führt) oder von Davids Kampf gegen Goliat (1 Sam 17: der riesige Philister erliegt trotz Schwert, Lanze und Spieß dem Hirtenbuben, der in dem Namen des Jahwe Zebaot kommt). Historisch gesehen waren es vielleicht ganz kleine Durchhilfeerlebnisse, die der Glaube großartig erzählerisch gestaltete und zur Stärkung neuen Glaubens feierte. So strahlte prophetische Erwartung rückwärts in die Geschichte. <97:>

Solche Gewißheit tragen dann die großen Propheten in die historischen Krisensituationen Israels hinein. Jesaja verurteilt die militärischen Sicherungsversuche seiner Zeit (31,1ff.):

 Weh denen, die um Hilfe nach Ägypten herabziehen,
die sich auf Rosse stützen.
Sie vertrauen auf Streitwagen, weil sie viele sind,
doch auf den Heiligen Israels schauen sie nicht
und Jahwe suchen sie nicht.
(30,15:) Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Israels Überleben ist niemals gesichert durch angemessene Abschreckung der Gegner, durch entsprechende Bewaffnung. So finden wir auch bei Hosea den absoluten Gegensatz zwischen militärischer Sicherheit und Vertrauen auf Jahwe (14,5):

Assur soll uns nicht retten,
auf Rossen wollen wir nicht reiten,
nicht mehr wollen wir sagen »unser Gott«
zum Machwerk unsrer Hände.

Es wird ein großes Thema im Alten Testament: Jahwe zerbricht Waffen./3/[5] So nimmt es das Zion-Lied Psalm 46,7ff. auf:

Völker toben, Reiche wanken,...
Jahwe Zebaot ist mit uns ....
Kommt und schaut die Werke Jahwes,...
der weltweit die Kriege beendet:
der die Bogen zerbricht,
die Lanzen zerschmettert
und die Wagen verbrennt mit Feuer.

Unüberhörbar wird im Alten Testament das entschiedene Nein einer langen Kette von Zeugen zu jeglichem Vertrauen auf Waffen aller Art. Der Glaube sagt entschieden dem ab, was in der Welt - und auch in Israel! - gang und gäbe war und ist. Ganz eindeutig ist der neue Ton mitten im A1ten <98:> Testament: Glaube an den Gott Israels und Sicherung durch militärische Macht sind unvereinbar.

Neben dem Nein zum Kriegsgerät steht ebenso klar das Ja zum Frieden./4/[6] Hier weise ich nur auf jene Kette von prophetischen Texten hin, die wir messianische Weissagungen nennen. Es ist viel zu wenig beachtet worden, daß sie alle zusammen mit dem Messias den Frieden ankündigen. Gehen wir den wichtigsten Prophetenworten nach, die die Erwartung kräftigen, daß ein Neues in die Welt kommt, ein bisher Unübliches, das die alten Kriegsregeln der Gegenseitigkeit aufhebt, etwas, das das Irreguläre eines dauerhaften Friedens Wirklichkeit werden läßt.

In Jes 9 wird zunächst Gott gepriesen, weil er - noch einmal! - kriegerische Gewaltherrschaft beseitigt (V 3) und auch die letzten Spuren soldatischer Ausrüstung abgeschafft hat (V. 4). Das wird als Gottes Vorbereitung der Herrschaftsübergabe an den Messias besungen. Der Messias selbst aber erhält dann die Thronnamen (V.5): »Wunderplaner, Gottheld, Ewigvater, Friedefürst«. Auf dem letzten liegt offenbar der Hauptton. Denn der kommende Herrscher wird nur dazu inthronisiert, daß »Friede ohne Ende« einkehre. Der Sockel, auf dem sein Thron feststeht, heißt »Recht und Gerechtigkeit« (V. 6).

Die Verheißung in Jes 11 sagt Näheres über die Instrumente, init denen der Messias den Frieden durchsetzt und erhält (V 4):

Er wird mit dem Stab seines Mundes den Gewalttäter schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Frevler töten.

Als Machtmittel des Messias zur Ausschaltung der Gewalttäter erscheinen also ausschließlich Wort und Geist. Seines Wortes Gewalt und seines Geistes Vollmacht beseitigen das Unrecht Je Quelle des Unfriedens. Auf den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden bei Jesaja legten die Kirchen der Dritten Welt in Vancouver besonderen Wert (vgl. Jes 32,17: »Der Gerechtigkeit Frucht wird Frieden sein«). Die Fürsorge des Messias gilt sonderlich den Rechtsschwachen.

 Zum sozialen Frieden kommt in V.6-8 unerhörter ökologischer Friede:

 Ein Säugling wird spielen am Loch der Otter...
Wölfe werden beiden Lämmern wohnen
und die Panther bei den Böcken lagern, <99:>  

Diese messianische Ökologie versetzt in Staunen. Die engen Grenzen, in denen wir bestenfalls die Entwicklung des Friedens erwarten, werden märchenhaft geweitet und lassen das menschlich Machbare weit hinter sich. Der messianische Friede ist vieldun ensional. In Jes 11,10 ist er auch Weltfrieden:

 Das Reis aus der Wurzel Isais
wird als Signal (Wegweiser) für die Völker dastehen.
Nach ihm werden die Nationen fragen.

 Der Messias ist die letzte Instanz, an die sich die Völker mit ihren Problemen wenden können. In Mi 5,4a heißt es dann geradezu: »Er wird der Friede sein« (oder: »der wird Frieden bewirken«? vgl. BK XIV/4 z. St.) und zwar auch »bis an die Ränder der Erde« (3b). Aber er ist der Sohn der Kleinstadt Bethlehem, die nie nennenswerte Truppenteile zu stellen hatte (»klein unter den Tausendschaften Judas«, V. 1). Er wird sein Amt wie ein Hirte führen (V 3 : »Er wird weiden in der Kraft Gottes«), d. h. er wird schützen, leiten und versorgen. Von irgendwelchen militärischen Machtmitteln ist nicht die Rede.

Sach 9,9f. wird darin ganz deutlich und führt in drei Schritten noch weiter. (1.) Der Messias selbst wird zwar zunächst auch als König angekündigt (»Siehe, dein König kommt zu dir!«), aber das traditionelle Königsbild wird total umgestaltet. Ohne alle Machtmittel ist er selbst »arm und hilfsbedürftig«. Er besteigt kein Roß (das Kriegstier), sondern einen Esel, ja ein noch schwächliches Eselsfohlen (das Tier der kleinen Leute). Dieser selbst waffenlose König wird (2.) sein eigenes Volk entwaffnen:

Er wird die Streitwagen aus Ephrairu wegtun,
die Rosse aus Jerusalem
und die Kriegsbogen zerbrechen.

 Die ihm am nächsten stehen (Ephraim,Jerusalem), sein eigenes Volk, werden als erste abgerüstet. Schließlich wird er (3.) »den Völkern Frieden zusagen« (W. Rudolph, KAT XIII/4: »mit Worten den Völkern Frieden stiften«), und zwar weltweit (»von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde«).

Ziehen wir die Summe: Untrennbar gehören zusammen die Messiaserwartung und die Hoffnung auf Abschaffung des Krieges, die Zerstörung der Waffen und die Aufrichtung des Friedens zwischen den Völkern in sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Weite. Wenn die Jünger Jesu ihren Meister den Christus, d. h. den Messias nannten, dann können sie diese prophetisch- <100:> messianischen Töne kaum überhört haben. Greift nicht Eph 2,14: »Er ist unser Friede« auf Mi 5,4a und Jes 9,5f. zurück? Ist nicht die Seligpreisung der Friedenstifter ein Kernstück des Messianischen?

Aber wie verhält sich der Friede der Jünger Jesu zum Frieden der Völker? An dieser Stelle haben wir jenes Prophetenwort in aller Ruhe und exegetischen Sorgfalt zu bedenken, aus dem die Losung »Schwerter zu Pflugscharen« genommen ist.

II.

Es ist die großartigste Verheißung für Jerusalem zum Thema Weltfrieden, die das Alte Testament überhaupt kennt. In ihr fließen die wichtigsten Traditionsstränge zum Thema Krieg und Frieden zusammen, die wir ini überblick beobachteten. Diese Prophetie ist - wie der Inhalt wohl verständlich machen wird! - gleich zweimal fast gleichlautend literarisch überliefert, in Jes 2,2-4 und Mi 4,1-3. In der vorliegenden literarischen Komposition ist sie beide Male unmittelbar an ältere Prophetenworte angeschlossen, die dem Zion verheerende Vernichtungsschläge androhten, wie sie wohl zur Zeit der Verheißung bereits eingetreten waren. Man muß diese Verheißung im strengen Sinne eschatologisch nennen. Sie rechnet mit einer großen Weltveränderung. Der Zionsberg mit Jahwes Haus, der inzwischen zum Trümmerfeld geworden war, wird am Ende alle Gipfel der Welt überragen. Die bisher zerstrittene Völkerwelt wird dorthin strömen zur universalen Belehrung durch Jahwes Wort. Damit wird die bisherige Weltpolitik ihr eindeutiges und endgültiges Ende finden.

Nicht mehr erhebt Volk gegen Volk das Schwert,
nicht mehr lernen sie ferner den Krieg.

Entsprechend diesem Inhalt ist schon die Eröffnungsformel eschatologisch (wehayah beacharit hayamim). Die Septuaginta hat den eschatologischen Terminus erkannt (kai estai ep' eschaton ton hemeron), und auch die Vulgata (in novissimo dierum). Ich übersetze »Aber einst, in der Zeitenwende«, weil weniger an die »letzten Tage« (Luther) oder an das »Ende« (Einheitsübersetzung) der gegenwärtigen Zeit gedacht ist als vielmehr an die jetzt noch verborgene, ganz neue Zeit. In der nachexilischen Literatur finden wir die Wendung beacharit hayamim häufiger zur Bezeichnung der Schicksalswende gerade auch für fremde Völker (Jer 48,47; 49,39), ja für alle Völker (Ez 38,16). <101:> Für eine frühnachexihsche Datierung unserer Verheißung sprechen auch die Wortstatistik und die thematische Neuverknüpfung älterer Traditionen./5/[7]

            Wir wenden uns hier sofort dem Aufbau des Grundtextes zu, wie er im Jesajabuch und im Michabuch im ganzen gleichartig überliefert wird. Drei Strophen sind zu unterscheiden.

            Die erste umfaßt Jes 2,2 und Mi 4,1 mit den ersten drei Wörtern des jeweils folgenden Verses. In drei Doppeldreiern kündigt diese erste Strophe die Vision der überragenden Größe des Jersualemer Tempelberges und des Hinzuströmens der Völker an:/6/[8]

            Aber einst, in der Zeitenwende,
                      
da wird der Berg von Jahwes Haus            3+3
           
feststehn als Gipfel der Berge.
                       
Erheben wird er sich überdie Höhen.            3+3
           
Strömen werden zu ihm (alle) Völker (Nationen)
                       
und die Menge der Nationen (Völker) wird kommen.            3 + 3 

Die zweite Strophe umfaßt die Fortsetzung des 3. Jesajaverses und des 2. Michaverses. Mit dem 4. Wort des Verses (weameru = sie sagen) als Auftakt bringt die zweite Strophe in einem ersten Doppeldreier die generelle Audition des gegenseitigen Aufrufs der Völker zur Zionswallfahrt:

            Sie sagen:
          
»Kommt,wir ziehen hinauf zu Jahwes Berg,
                       
zum Hause des Gottes Jakobs.            3 + 3

Es folgt die Erwartung der belehrenden Stimme Jahwes, die durch einen knappen Doppelzweier hervorgehoben wird:

            Daß er uns lehre seine Wege,
           
daß wir gehen auf seinen Pfaden,«            2 + 2

Dann bringt ein weiterer Doppeldreier die Erfüllung dieser Erwartung des aus Zion ergehenden Wortes Jahwes: <102:>

Denn aus Zion geht die Weisung hervor,
           
Jahwes Wort aus]erusalem.             3 + 3

Die dritte Strophe (im 4. Vers bei Jesaja und im 3. bei Micha) bringt die spezielle Verheißung des Jahwewortes, den eigentlichen Skopos der großen Prophetie, und zwar in einem ersten Doppeldreier den schlichtenden Rechtsspruch Jahwes.

Er wird schlichten zwischen den (Mi: vielen) Völkern (Nationen)             3+3
Rechtschaffen für zahlreiche Nationen (Völker) (Mi: bis in die Ferne).

und in zwei weiteren Doppeldreiern die Friedenswirkungen unter den Völkern, nämlich das Umschmieden der Kriegswaffen und das Ende der Kriege und Kriegsschulen:

Dann werden sie ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden            3+3
           
und ihre Speere zu Winzermessern.
Nicht mehr erhebt dann Volk gegen Volk das Schwert,
           
nicht mehr lernen sie ferner den Krieg.   3 + 3

Die Textformen bei Jesaja und Micha zeigen kleine Varianten. So werden beispielsweise zweimal (am Ende der ersten und am Anfang der dritten Strophe) die Wörter goyim und amim für Nationen und Völker vertauscht. In der dritten Michastrophe gibt es kleine Ergänzungen (»viele« - amim rabim und »bis in die Ferne« - ad rachoq), die die Totalität der Völkerbefriedung unterstreichen. Ähnlich betont Jes 2,2 am Ende »alle Nationen« (kol hagoyim) statt (Micha) »Völker« (amim). Solche Varianten lassen auf einen lebhaften mündlichen Gebrauch dieser großen Verheißung schließen. (Ein Vorspiel der heutigen Beliebtheit der Losung!)

Eine größere Zutat findet sich in Mi 4,4. Während der mit Jesaja fast identische Grundtext von der Schlichtung der Völkerkonflikte sprach, zieht dieser Zusatz die Konsequenzen für das zu erhoffende friedvolle Leben der einzelnen. Die idyllische Skizze weicht mit ihren viertaktigen Reihen auch rhythmisch vom (meist dreitaktigen) Kontext ab:

Sie werden sitzen ein jeder unter seinem Weinstock             4
und unter seinern Feigenbaum - und keiner schreckt auf.             4
Denn der Mund von Jahwe Zebaot hat gesprochen.            4   <103:>

Mit solchen Worten schildert man in nachexilischer Zeit auch die goldene Friedensepoche der Tage Salomos (1 Kön 5,5; vgl. 2 Kön 18,31) als Zeit der Sicherheit ohne alle Kriegsgefahr, als ein Leben in Fröhlichkeit (vgl. 1 Kön 4,20 mit 5,5) und nachbarschaftlicher Freundschaft (Sach 3,10): »An jenem Tage werdet ihr einander einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum«). Kein Terror schreckt auf aus dem Leben in gesellig heiterer Gemeinschaft. So wurde der universale Verheißungstextin familiäre bäuerliche Bereiche hinein interpretiert. (Eine Anregung, den Grundtext in je neuer Zeit neu zu hören!)

 

Anderer Art als solche Ergänzung der bedingungslosen Friedensverheißung in Mi 4,4 sind nun jene Erweiterungen, die nicht mehr zu den Verheißungsworten gehören, sondern vielmehr Konsequenzen für die Orientierungskrise der Gegenwart ziehen. Sie finden sich sowohl bei Jesaja (2,5) als auch bei Micha (4,5), jedoch in erheblich unterschiedlicher Gestalt. Das dürfte wieder auf lebendige mündliche Tradition in gottesdienstlicher Rezitation hinweisen.

Wir gehen von dem kürzeren prosaischen Text bei Jesaja aus. Er fügt der großen dreistrophigen Verheißung eine Mahnung für die Gegenwart der Hörer an:

Haus Jakob! Kommt und laßt uns Schritte tun im Lichte Jahwes!

Der Bezug zum Vorangehenden ist im Wortlaut nicht zu verkennen. Die Anrede »Haus Jakob!« erinnert an V.3, wonach die Völker »zum Hause des Gottes Jakobs« aufbrechen. Auch der Appell »Kommt und laßt uns wandeln im Licht Jahwes!« nimmt die Sprache des Aufrufs auf, mit dem dort die Völker einander auffordern: »Kommt und laßt uns hinaufziehen (lechi wena'alah) zum Berg Jahwes«, und auch die Sprache von deren Erwartung, »daß wir gehen auf seinen Pfaden« (V, 3a wenelechah be'acharotaw). Vom Wandeln »im Licht Jahwes« sprechen auch andere frühnachexilische Jerusalemer Texte, und zwar sowohl im Blick auf die Völker (Jes 60,3) wie auf Israel (Jes 60,1ff.19; vgl. Mi 7,8; Ps 5 6,14; 89,16; 27,1).

Nun ist aber zu beachten, daß die große Verheißung (V.2-4, ebenso Mi 4,1-3) nur von den Völkern insgesamt und ihrem Verhältnis zum Haus und Wort Jahwes sprach, nicht von Israel. Andererseits ruft jetzt der liturgische Sprecher in V.5 nur die Jerusalemer Gemeinde als »Haus Jakob« auf, im Licht Jahwes Schritte zu tun. Was kann das anderes bedeuten, als daß die israelitischen Hörer jetzt schon der Weisung Jahwes folgen sollen, die einst alle Völker zum Frieden untereinander anleiten <104:> wird (V. 3-4). Somit ist die eschatologische Verheißung für die Völker zu einer Gegenwartsorientierung für Israel geworden.

Daß solche Aufforderung in eine Orientierungskrise des Volkes Gottes hineingerufen wird, das wird noch ungleich deutlicher, wenn wir das entsprechende Stück in Mi 4,5 vergleichen. Denn hier wird der gegenwärtige Unterschied zwischen der Völkerwelt einerseits und Israel andererseits expliziert. Zugleich aber wird der bisherigen Nichterfüllung der Friedensverheißung in der Völkerwelt die Gehorsamserfüllung Israels konfrontiert.

 Alle Völker gehen ein jedes im Namen seines Gottes.
Wir aber gehen im Namen Jahwes, unseres Gottes, auf immer und ewig,

Der Zusammenhang zwischen V 5 und V.1-4 ist bisher zu wenig bedacht worden, nicht zuletzt zum Schaden der hohen Aktualität der berühmten Verheißung. Die Schwierigkeit hängt mit der Bedeutung der Konjunktion ki zusammen, die V 5 an V 1-4 anschließt. Sie wird meist als Kausalpartikel mit »denn« übersetzt; so in der Septuaginta (hoti) und Vulgata (quia), in der älteren Lutherübersetzung, aber auch in der Zürcher (1954), in der Jerusalemer (1968) und leider jetzt auch in der Einheitsübersetzung von 1980. Dabei bleibt der Sinn der Verbindung von V.5 mit V 1-4 völlig unklar, denn von einer begründenden Funktion der Aussage in V.5 kann hier so wenig die Rede sein wie bei der Mahnung in Jes 2,5. Deshalb wohl läßt der revidierte Luthertext von 1964 ki unübersetzt- eine unbefriedigende Verlegensheitslösung.

Ganz klar wird der Zusammenhang jedoch, wenn man an eine konzessive Bedeutung von ki denkt (»wenn auch«, »selbst wenn«, »obgleich«), wie sie Th. C. Vriezen /7/[9] überzeugend herausgearbeitet hat, so z. B. für Jes 54,10: »Wenn auch die Berge weichen und die Hügel wanken, meine Huld wird nie von dir weichen ...«; vgl. auch Jes 51,6; Spr 6,35. So wird der Zusammenhang von V 5 mit dem vorausgehenden Verheißungswort sinngemäß klar. Es ist zu paraphrasieren:

            Wenn auch alle Völker (noch ihren Weg) gehen
                       
jedes im Namen seines Gottes,            3+3
           
so gehen wir doch (jetzt schon unseren Weg)
                       
im Namen Jahwes, unseres Gottes,
                       
            auf immer und ewig.    2+2+2   <105:>

So liegt ein Bekenntnissatz vor, den die Gemeinde in 1.pl. spricht und der feierlich liturgisch abgeschlossen wird (»auf immer und ewig« - wie Ps 45,18; 145,21 u.ö.). Dieses Bekenntnis entspricht in der Relation zur vorangehenden Verheißung sachlich genau der Mahnung von Jes 2,5. Es weist nur deutlicher auf die Orientierungskrise hin, um aus ihr herauszuführen zu einem eindeutigen Handeln der Gemeinde. Die universale Verheißung, nach der alle Völker auf Jahwes Weg den Frieden suchen, ist noch gänzlich unerfüllt. Die Völkerwelt denkt noch nicht daran, ihre Entscheidungen nach Jahwes Wort zu richten. Doch Jahwes Gemeinde soll (Jes 2,5) und will (Mi 4,5) jetzt schon auf seine Weisung und sein Wort hören, jetzt schon Schwerter zu Pflugscharen machen und nicht mehr das Kriegshandwerk lernen. So betritt die Jahwegemeinde jetzt schon den Weg, der für die Zeitenwende allen verheißen ist. Jetzt schon! - obwohl der Berg Zion noch längst nicht alle Gipfel der Welt überragt; jetzt schon! - während die Völker immer noch ihren Kriegsgöttern folgen. Der Weg Jahwes ist der auf Dauer (»auf immer und ewig«) allein gangbare Weg, der Pfad zum Endgültigen, den in der Zukunft auch alle Völker gehen werden.

III.

Von hier aus drängen sich mir einige Fragen an Wolfhart Pannenberg auf zu den Darlegungen seines Aufsatzes »Schwerter zu Pflugscharen - Bedeutung und Mißbrauch eines Prophetenwortes« (Briefdienst 3/83 des Arbeitskreises »Sicherung des Friedens« Bad Boll) /8/[10].

1. Wolfhart Pannenberg stellt völlig richtig fest, daß das Prophetenwort vom Umschmieden der Schwerter nicht im Zusammenhang einer unmittelbar politischen Forderung stellt, sondern daß es zu einer eschatologischen Vision gehört. Doch haben unsere exegetischen Beobachtungen nicht davon überzeugt, daß damit die formgeschichtliche Analyse des Zusammenhangs noch unvollständig ist? Das jetzige Textgefüge zieht das Verheißungswort in die Gegenwart hinein, mit der Mahnung, Jakobs Haus solle jetzt schon im Lichte Jahwes wandeln und handeln (Jes 2,5). Sie führt in Mi 4,5 zu der entsprechenden Willenserklärung, im Unterschied zur Völkerwelt jetzt schon dem Friedenswillen Jahwes zu entsprechen. Ist damit nicht der Gebrauch der Friedenslosung in der evangelischen Jugend voll gerechtfertigt, ja, für die hörende Gemeinde eindeutig geboten? <106:>

2. W. Pannenberg erinnert zwar in seinem Aufsatz selbst an Jes 2,5 und deutet an, daß die Vision mit ihrem Hinweis auf das Recht zu einer gewissen Wegweisung in der geschichtlichen Gegenwart werden könne. Aber ist mit der Beschränkung auf den Rechtsgedanken die Aktualität nicht inhaltlich willkürlich verkürzt? Pannenbergs Mahnung, auf internationale Rechtsordnungen zuzuarbeiten, ist nützlich. Doch entspricht sie schon der Aussage des Textes? Die Erwartung des Textes zielt nicht auf das Recht als solches hin, sondern darauf, daß Jahwe die Völker zurechtweist, daß Jahwes Wort und Weisung den Frieden heraufführt. Hier sind für die Gegenwart wie für die Zukunft Hörer des Wortes Gottes gefragt. Und wo bleiben die Konsequenzen, die der Text zieht? Die Hörer des Wortes bauen ihre Waffen in Friedensgeräte um, sie hören auf, den Krieg zu lernen und zu erklären. In der Konsequenz von Jahwes Schlichten und Richten ist offenbar die Entscheidung nicht zu umgehen, Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden. Die Richtung ist eindeutig. Eine Alternative dazu, gar in Richtung auf die Bereitstellung moderner Menschheitsvernichtungswaffen,ist doch weder hier noch in der Fülle verwandter alttestamentlicher und neutestamentlicher Texte auch nur von ferne zu erkennen. Das Hinarbeiten auf internationale Rechtsabsprachen zur Abrüstung ist zwar dringend zu wünschen, ersetzt aber nicht annähernd, was hier als Konsequenz des Jahwewortes verkündigt wird. Müssen wir uns nicht als Menschen, die auf den Gott der biblischen Zeugen hören, hier wie vielfach in neutestamentlichen Apostel- und Jesus-Worten der Zumutung eines besonderen und vorläufig einseitigen Friedensverhaltens in der Nachfolge stellen, unabhängig von verbindlichen internationalen Absprachen, aber wahrscheinlich zu deren intensiver Förderung?

3. Ich hoffe, ich habe Wolfhart Pannenberg davon überzeugen können, daß das Bekenntnis in Mi 4,5 für das Gesamtverständnis des Prophetenwortes und für das Problem seines Mißbrauchs große Bedeutung hat. Hier wird das derzeitige Verhalten der Völker und der Jahwegemeinde nüchtern unterschieden. Diese Nüchternheit der Unterscheidung fehlt mir in Pannenbergs Aufsatz völlig. In Mi 4,5 sieht Gottes Volk klar, daß die Völker einstweilen weit davon entfernt sind, auf das Wort Gottes zu hören, um sich so zum Frieden helfen zu lassen. Das aber kann und darf die Zionsgemeinde nicht hindern, jetzt schon die Wege ihres Gottes einzuschlagen, in der Gewißheit, daß sie die letztgültigen sind, die früher oder später auch die Völker gehen werden. Wie aber verträgt sich das vom Gottesvolk erwartete Verhalten mit Pannenbergs Meinung, »am Prinzip der Gegenseitigkeit festhalten zu müssen, am Gedanken gegenseitiger Verpflichtung auch da, wo es um Fragen der Abrüstung geht«? Die Gemeinde in Mi 4,5 bekennt in der Krise der Welt ihren <107:> Glauben, daß sie genau einseitig und jetzt schon auf jene Friedenswerke zuzugehen hat, die die Völker generell jetzt noch nicht üben. Pannenberg meint, auch im Zeitalter der nuklearen Rüstung könne der »Friede nur gewonnen und gesichert werden auf dem Boden der Gegenseitigkeit des Gebens und des Nehmens und also auf dem Boden politischer Vereinbarungen«. Ist dieser Gedanke der Gegenseitigkeit biblisch vertretbar, wenn anders Geben seliger ist als Nehmen? Jedenfalls ist er mit Mi 4,5 unvereinbar. Die befürchtete Mißachtung des Prophetenwortes liegt nach meiner Einsicht nur dort vor, wo man die Parole »Schwerter zu Pflugscharen« aus der Gegenwart der Gemeinde und ihrer Glieder und aus deren öffentlichem Verhalten in eine unbestimmte ferne Zukunft der Völker verbannt (oder auch in eine fromme Innerlichkeit). Man kann fragen -im Blick auf die heutige Christenheit -,ob nicht auch die Verhandlungen der Machtblöcke erfolgreicher für den Weltfrieden verlaufen würden, wenn sich Politiker, die Christen sein wollen, eindeutiger den Impuls des prophetischen Wortes gefallen ließen. Es bleibt jedenfalls die Frage nach dem spezifischen Unterschied christlichen Handelns.

4. Unser doppelt bezeugtes und mündlich vielfach variiertes und interpretiertes Prophetenwort nimmt nicht nur jene Traditionsstränge auf, die mitten im Kriegsgeschrei des alten Israel ein Neues aufbrechen lassen - wir nannten die Glaubenserfahrung in Erzählungen von Jahwekriegen, das Thema »Jahwe zerstört Waffen« bis zu den Zion-Liedern, die prophetische Verurteilung der Selbstsicherung durch Militärpolitik und die Verbindung der Messiaserwartung mit der Friedenshoffnung -, sondern steht auch in einem noch zu bestimmenden Verhältnis zum Neuen Testament. Wir fragen zum Schluß, ob das Neue Testament im Blick auf das Verhalten der Gemeinde Jesu irgendwo hinter den Sinn und den Geist unseres Prophetenwortes zurückfällt, ob es nicht vielmehr den letzten Grund unseres Prophetenwortes aufdeckt.

Ich kann die Antwort nur in wenigen Beispielen andeuten. Nach Röm 12 ist mit Jesus Christus das Eschaton der Barmherzigkeit Gottes in unsere Geschichte eingetreten. Demgemäß soll sich die Jüngergemeinde nicht dieser Welt gleichstellen, sondern in ihrem vernünftigen Gottesdienst niemandem Böses mit Bösem vergelten (vgl. V. 17-21!). Das bedeutet (V. 18): »Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden.« »Laß dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!« (V. 21). - Der erste Petrusbrief rechnet damit, daß die Gemeinde wie ihr Herr ins Leiden gestoßen wird. Er erinnert für ihr Verhalten an das Vorbild des Christus, der »nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da erlitt, er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet« (2,21ff.). - Die Jünger Jesu sind von sich aus geneigt, - nach Lukas 9,51ff. - auf ihre Gegner »Feuer <108:> vom Himmel« (V. 54) fallen zu lassen. »Aber Jesus bedrohte die Seinen und sprach: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?«

Zeigen diese Texte aus verschiedenen Bereichen des Neuen Testamentes nicht alle in die Richtung unseres Prophetenwortes? Verdeutlichen sie nicht Sinn und Geist und den wesentlichen Grund unseres Verhaltens?

Nun kann man sagen, daß die neutestamentlichen Jüngergemeinden soziologisch und hinsichtlich ihrer politischen Probleme weder mit Alt-Israel vergleichbar sind noch mit unseren Volks- und Großkirchen und der ökumenischen Bewegung unseres Jahrhunderts. Dazu stelle ich zwei Fragen.

  1. 1. Muß die Kirche heute inmitten der menschheitspolitischen Probleme wenn anders sie Kirche Jesu Christi sein, bleiben oder werden will - nicht ebenso wie die junge Christenheit der apostolischen Mahnung standhalten: »Wandelt nur würdig des Evangeliums Christi!« (Phil 1,27; vgl. Kol 1,10)?

  2. 2. Steht sie nicht in mancher Hinsicht sozio-politisch den Problemen des alttestamentlichen Israel näher als den neutestamentlichen Gemeinden?

So läßt sich schließen, daß ein prophetischer Text wie Jes 2/Mi 4 für uns verdeutlicht und konkretisiert, wozu im Neuen Testament endgültig der Grund gelegt ist.

            Es heißt: alle wollen Frieden. Gestritten wird um die Wege: Einstweilige Drohung mit Menschheitsvernichtungsmitteln oder sofortige Abrüstung. Gibt es eine klarere Entscheidungshilfe für den Christen als die Prophetie »Schwerter zu Pflugscharen« mit den dazugehörigen alttestarnentlichen Verkündigungstraditionen und den neutestamentlichen Begründungen? Es ist unendlich viel gewonnen, wenn die Kirchen der Welt darin mehr und mehr einig werden. Es zeigen doch nirgendwo nennenswerte Propheten-, Apostel- oder Jesusworte in eine andere Richtung als in die des Prophetenwortes »Schwerter zu Pflugscharen umschmieden«. Ich frage Sie: Hören wir auf Gottes schlichtendes Wort und blicken wir auf den KreuzeswegJesu, müssen sich dann unsere Wege noch trennen? Nein. Auch dann nicht, wenn es uns bei unserem Prophetenwort ergeht, wie es Mark Twain schrieb: »Mir bereiten nicht die unverständlichen Bibelstellen Bauchweh, sondern diejenigen, die ich verstehe.« - - - »Schwerter zu Pflugscharen umschmieden« - das ist gut zu verstehen.



[1] Gastvorlesung in der Universität München am 27. Januar 1984.

[2] 1. Zum Zusammenhang seiner theologisch-ethischen Urteilsbildung weist Trutz Rendtorff mich nachträglich hin auf seinen Aufsatz »Müssen Christen Pazifisten sein?« in: ZEE 27, 1983, 137-155.

[3] 1a. Zum Text vgl. BK XIV/2 z. St.

[4] 2. Vgl . G.v.Rad, Der heilige Krieg im alten Israel, München 1951.

[5] 3. Vgl. R. Bach, »Der Bogen zerbricht...«, in: Probleme biblischer Theologie. Festschrift G. v. Rad, München 1971,13-26.

[6] 4. Vgl. J.J. Stamm/H. Bietenhard, Der Weltfriede im Alten und Neuen Testament, Zürich 1959.

[7] 5. Zur weiteren Begründung verweise ich auf meinen Micha-Kommentar (BK XIV/4), 88ff.

[8] 6. Der folgenden Übersetzung ist der Micha-Text zugrunde gelegt. In Klammern werden die Varianten des Jesaja-Textes notiert. Nachträgliche Ergänzungen zu Micha werden als solche besonders bezeichnet.

[9] 7. Th. C. Vriezen in: BZAW 77, 1958, 266-273; vgl. KBL(3), 449 Nr. 12.

[10] 8. Ein Teilabdruck ist dem folgenden Gesprächsbeitrag von W, Pannenberg vorangestellt. [So in Ev. Theol. 44, 1984, 293-297; vgl. o. S. 76 ff.].