Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Ritter, Adolf Martin. Alte Kirche. Vol. 1 of Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Ed. Heiko A. Oberman. 4 vols. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1977, 6-7.

5. Die Christenverfolgung unter Nero im Jahre 64 n. Chr. (Tacitus, Annalen 15,44,2-5)

Die neronische Verfolgung ist das früheste uns bezeugte Vorgehen der römischen Staatsgewalt gegen die Christen. Obwohl nur Glieder der stadtrömischen Gemeinde betroffen gewesen zu sein scheinen, gilt sie seit alters (Tertullian!) nicht nur als Präzedenzfall, sondern in irgendeinem Sinne auch als Ursprung der Rechtslage der Christen im römischen Reich bis zu Decius (s. unten Nr. 34): in welchem, ist allerdings bis heute umstritten.

Zusammenhang des - im einzelnen vielfach unsicher überlieferten und schwer deutbaren - Berichts des Tacitus (ca. 61/62- 120 n. Chr.): "ob durch Zufall entstanden oder aber durch Tücke des Kaisers (denn beides [n. b. nur dieses!] berichten die Quellen) . . . « (Ann. 15,38,1), hatte im Juli 64 ein Großbrand weite Teile Roms vernichtet; es wurden sofort Wiederaufbaumaßnahmen ergriffen und Sühnezeremonien veranstaltet:

(2) Doch weder durch humanitäre Hilfe (ope humana) noch durch Schenkungen des Kaisers oder Sühneopfer für die Götter wollte die üble Nachrede (infamia) weichen; man blieb vielmehr des Glaubens, es habe auf [allerhöchsten] Befehl gebrannt. Um also dem Gerücht ein Ende zu machen, schob Nero andere als Schuldige vor (subdidit reos) und belegte sie mit den ausgesuchtesten Strafen: diejenigen nämlich, die bei der ungebildeten Menge, wiewohl ihrer Schandtaten (flagitia) /1/ wegen verhaßt, die >Biedermänner< (Chrestianos) /2/ hießen. (3) Der Name leitet sich [indes] von Christus her, welcher unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war; [dadurch] für den Augenblick unterdrückt, brach der verderbliche Aberglaube (exitiabilis superstitio) /3/ wieder aus, [diesmal jedoch] nicht nur in Judäa, von wo das Unheil ausgegangen, sondern auch in Rom, wo sich ja die Greuel und Gemeinheiten aus aller Welt ein Stelldichein geben und begeisterten Anklang finden. (4) Zunächst also griff man diejenigen auf, die bekannten [zu ergänzen wohl: sie seien Christen] /4/, hernach auf deren Anzeige hin eine riesige Menge, und überführte sie [andere, weit weniger wahrscheinliche Lesart: tat sie hinzu] nicht so sehr der Brandstiftung, als [daß man sie] vielmehr [aufgrund] allgemeinen Menschenhasses /5/ [als Verbrecher erwies] (Igitur primum correpti qui fatebantur, deinde indicio eorum multitudo ingens[,] haud proinde in crimine incendii quam odio humani generis convicti [v. l.: coniuncti] sunt). Dazu trieb man mit den Todgeweihten noch seinen Spott: in Tierfelle eingenäht, ließ man sie von Hunden zerfleischen; andere wurden an Kreuze geschlagen [oder zum Feuertod bestimmt] (aut crucibus adfixi [aut flammandi atque: zu streichen?]) und nach Einbruch der Dunkelheit zur nächtlichen Illumination abgebrannt. (5) Für dieses Schauspiel hatte Nero seine Gärten zur Verfügung gestellt; auch veranstaltete er ein Zirkusspiel, wobei er sich selbst, als Wagenlenker verkleidet, unter die Menge mischte oder einen Rennwagen bestieg. So kam es, daß sich gegen die, die doch schuldig waren und die ärgsten Strafen verdienten, Mitleid regte, als ob sie nicht dem Gemeinwohl (utilitas publica), sondern zur Befriedigung der Mordlust eines einzelnen geopfert würden /6/.

Quelle: E. Koestermann, Cornelius Tacitus Annales, BT, 2/1965. -

1. Vgl. dazu unten Nr. 20.

2. Dies ist sicher die bessere Lesart gegenüber dem sonst bezeugten >Christianos<. »Chrestiani ist die gut belegte vulgäre Namensforrn für die Christen, und als solche bezeichnet sie Tacitus hier ja ausdrücklich. Diese Namensform läßt sich von dem verbreiteten griechischen Eigennamen Chrestos ableiten, der die Bedeutung >tüchtig<, >rechtschaffen< hat. Chrestiani heißt also eigentlich >die Wackeren< oder ähnlich. Und gerade mit dieser Bedeutung, die dem Volke kaum zum Bewußtsein gekommen sein dürfte, treibt Tacitus an unserer Stelle sein ironisches Spiel« (A. Wlosok a.a.O., S. 9 f.). Der Ausdruck >Biedermänner< stammt von H. Hommel (Theologia Viatorum 3, 1951, S. 16 f.). Andere Deutungsmöglichkeit: Chrestiani (Chrestianoi) = iotazistische Form für Christiani (Christianoi)

3. Vgl. dazu unten Nr. 10.

4. Daß sie ein >Geständnis< der Brandstiftung ablegten, kann jedenfalls Tacitus, wie die Einleitung (15,38,1) und die unmittelbare Fortsetzung lehren, nicht gemeint haben.

5. Vgl. zu diesem vor den Christen besonders gegen die Juden gerichteten Vorwurf der Misanthropie etwa 1. Thess. 2,15 mit den Kommentaren z. St.; ferner A. Wlosok aaO., S. 20 ff. (m. weit. Lit.).

6. Zur neronischen Christenverfolgung vgl. noch Sueton, Nero 16,2 (»Mit Todesstrafen wurde gegen die Christen vorgegangen, eine Menschengattung, die sich einem neuartigen, gemeingefährlichen Aberglauben verschrieben hatte [genug hominum superstitionis novae ac maleficae]); 1. Clem. 5.6 dagegen ist weithin topisch und gibt historisch so gut wie nichts her, während der Bericht des Sulpicius Severus, Chron., 2,28,3-29,4 auf Tacitus basiert.