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Alumni-Serie | Breshanday Barlas ist Windenergie­Ingenieur für die Nordhalbkug

Doppelt verwurzelt

von Beate Kostka | 12.07.2017 | Report| C:R-1-2017

Wie wird man Elektronikingenieur für Windenergieanlagen?

Indem man wie ich, Elektro- und Informationstechnik studiert. Als ich für meine Abschlussarbeit mit einer Windenergie-Demonstrationsanlage zu tun hatte, war für mich alles klar. Nach dem Master in Elektrische Energiesysteme war der Weg in die Windbranche frei.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Sehr vielfältig, interessant und facettenreich. Zusammen mit unserem Team bin ich für den kompletten Wirtschaftsraum Europa, Mittlerer Osten und Afrika zuständig. Wir unterstützen unsere Niederlassungen in über 21 Ländern vom Nordkap bis zum Kap der guten Hoffnung. Ich gehe auf internationale Meetings und besuche bei Bedarf unsere Anlagen vor Ort. Zu meinem Alltag gehören auch viele Kundengespräche und die technische Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Lieferanten.

Wo steht Ihre Lieblingswindanlage? Wo ist der Ausblick am schönsten?

In der Tat stehen die meisten unserer Anlagen an besonderen geographischen Orten, etwa die 1.600 Meter hoch gelegene Windkraftanlage im türkischen Dorf Dagpazari oder die in Südnorwegen mit Blick aufs Meer. Natürlich haben auch die Offshore-Anlagen in der Nord- und Ostsee ihren ganz besonderen Reiz.  

Sie haben einen außergewöhnlichen Lebensweg, flüchteten ganz allein mit 14 vor dem Krieg in Afghanistan nach Duisburg. Beeindruckend, dass Sie es schafften, in der Schule und im Studium einer der Besten zu sein. Was motiviert Sie?

Anfangs trieb mich mein persönlicher Überlebenskampf mit dem Duldungsstatus. Dann kam noch der Hunger nach mehr Wissen, neuen Sprachen und Kulturen hinzu.

Hatten Sie einen Mentor?

Viele Menschen haben mir dabei geholfen, das zu werden, was ich bin  sei es beim Roten Kreuz oder in der Evangelischen Gemeinde. Besonders viel zu verdanken habe ich meiner ehemaligen Lehrerin, Jutta Fläschenträger, die mir stets in allen schwierigen Situationen zur Seite gestanden hat.

Hat Sie das Studium gut vorbereitet auf das Arbeitsleben?

Es hat mir die theoretischen Grundlagen vermittelt, die ich in meine Arbeit gut integrieren und einsetzen kann. Durch die praktische Ausrichtung meines Berufs habe ich mich jedoch erheblich weiter entwickelt.

Welche Erfahrungen an der Uni waren für Sie wichtig?

Positiv geprägt hat mich die konstruktive und freundliche Atmosphäre in der Abteilung für Elektro- und Informationstechnik.

Würden Sie im Rückblick etwas anders machen?

Auf gar keinen Fall, ich bin mit meiner Studien- und Berufswahl sehr zufrieden und würde es genauso wieder tun.

Sie haben schon viel erreicht. Welche Ziele haben Sie noch?

Ich möchte gern beiden Ländern etwas zurückgeben von dem, was ich erreicht habe und noch erreichen werde. Vor allem möchte ich zum Wiederaufbau Afghanistans beitragen.

Wie ist der Kontakt zu Ihrer Familie?

Meine Verwandten leben in Kabul, und ich besuche sie, so oft ich kann. Allerdings schaffe ich es nicht mehr als ein bis zwei Mal im Jahr. Meist bleibt es deshalb bei einem Telefonat oder Videochat. Der Spagat zwischen den 5.000 km entfernten Ländern und Kulturen ist stets eine Herausforderung.

Welchen Tipp haben Sie für Geflüchtete, die nach Deutschland kommen?

Die deutsche Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg und ein Muss für eine gelungene Integration. Ebenso entscheidend ist aber auch die Offenheit gegenüber der neuen Kultur und Lebensweise, wenn man ein Teil von ihr werden und auf Dauer hier leben will.

Was ist für Sie Heimat?

Heimat ist natürlich ein schwieriger Begriff, wenn man sein Geburtsland aus unterschiedlichen Gründen verlassen musste. Mit 14 Jahren ließ ich mein bisheriges Leben komplett hinter mir. Jetzt weiß ich, dass ich zwei Heimatländer habe. In Deutschland und Afghanistan leben meine Liebsten und meine Familie, ich fühle mich hier wie dort sehr wohl.

 

Zur Person:
Breshanday Barlas (27) ist Service-Ingenieur bei Siemens. Der gebürtige Afghane flüchtete 2004 nach Duisburg. Am Gymnasium wurde er rasch Jahrgangsbester und besuchte als Schülerpraktikant die UDE. Dass er hier Elektro- und Informationstechnik studieren konnte, machte die studien­beitragsfinanzierte DEUS-Stiftung möglich. Denn durch den Duldungsstatus hatte er weder Anspruch auf BAFöG, noch durfte er für sein Studium arbeiten.