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Effekte der Verbetrieblichung der Tarifverhandlungen auf Betriebsebene im europäischen Vergleich


Projektbearbeiterin und Projektdauer

  • Doktorandin: Dipl.-Kff. Maiken Bonnes
  • (geplante) Laufzeit der Dissertation: März 2010

Inhalt des Forschungsprojektes

Das deutsche Tarifverhandlungssystem kann über seine hochdifferenzierte Verbindung von betrieblichen und überbetrieblichen Regelungen charakterisiert werden. Die Betriebs- und Personalräte spielen traditionell eine aktive Rolle bei der betrieblichen Umsetzung sowohl der tarifvertraglichen Vereinbarungen als auch bei der Regelung übertariflicher Leistungen. Seit den 1990er Jahren zeigt sich jedoch verstärkt die Tendenz zur Erosion des Flächentarifvertrags und der Verbetrieblichung der Tarifpolitik (Bispinck 2003: 395 und Kohaut/Schnabel 2003: 193). Der politische Druck auf das duale System ist aktuell stärker denn je. Die Kritiker in der Wirtschaft, Politik und Wissenschaft fordern mit unterschiedlichem Nachdruck die Abkehr von dem vermeintlich starren Flächentarifvertrag und die „Entmachtung des Tarifkartells“ (Brochier 2002: 52) hin zur Verlagerung des Rechtes der Verhandlung und der Entscheidung über die Arbeitsverhältnisse von der Tarifebene auf die betriebliche Ebene (Verbetrieblichung der Tarifpolitik) (Wagner 2003: 9). In der Debatte ist zumeist das folgende Argument zentral: Wird über die Vereinbarungen, die die Arbeitsverhältnisse betreffen, auf der betrieblichen Ebene entschieden, können betriebsspezifische Bedingungen besser berücksichtigt werden wodurch wiederum die Flexibilität und die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs gesteigert werden. Die Rolle des Betriebsrats würde sich so von „Normumsetzer“ hin zum „Normsetzer“ wandeln (Kotthoff 2001: 5). Wie empirische Studien ergeben, findet sich dieses Meinungsbild auch bei den betrieblichen Arbeitnehmervertretern wieder, allerdings mit Einschränkungen. So ergab die Betriebs- und Personalrätebefragung von Nienhüser und Hoßfeld (2004) zu ihrer Bewertung von Betriebsvereinbarungen Folgendes: 74% der Befragten (1000 Personalverantwortliche) stimmten der Aussage zu, dass die im Betrieb geltenden Betriebsvereinbarungen die Flexibilität steigerten und 78% stimmten der Aussage zu, dass die stärkere Nutzung von Betriebsvereinbarungen allgemein und somit nicht nur in ihrem Betrieb zu einer Flexibilitätssteigerung führen. Bei der Frage, ob sie dem Flächentarifvertrag oder den Betriebsvereinbarungen den Vorrang geben würden, votierten jedoch fast 60% derselben Befragten tendenziell für den Flächentarifvertrag (Nienhüser/Hoßfeld 2004: 89f.). Dies wirft die Frage nach den Vorteilen des Flächentarifvertrags aus der betrieblichen Perspektive auf. Das Argument, dass Tarifverhandlungen auf überbetrieblicher Ebene zur Senkung der Transaktionskosten führen, findet sich in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen (z.B. bei Marginson/Sisson/Arrowsmith 2003: 164; Kohaut/Schnabel 2006: S.5; Heinbach 2005: 52 und Ludsteck 2005: 3). Die bisher geleistete Forschungsarbeit stützt sich jedoch nicht auf die konkrete Erfahrung von Betrieben (vgl. Schnabel (2006): S.7). Das Argument wird lediglich genannt, wobei die Erläuterung über die Kausalzusammenhänge und die empirisch Überprüfung ausbleibt.

Zentrale Fragestellung

Welche Effekte hat die Verbetrieblichung der Tarifverhandlungen auf der betrieblichen Ebene?

Vorgehensweise und Methode

Das Ausmaß bzw. der Grad der Verbetrieblichung variiert in einem Kontinuum von der ausnahmslosen Anwendung des (Flächen-) Tarifvertrags bis zu allein individuellen Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Der Dissertation liegt die Annahme zugrunde, dass sich der Grad der Verbetrieblichung (unabhängige Variable) sowohl direkt als auch indirekt, z.B. durch die Veränderung der Machtstrukturen im Betrieb (intervenierende variable), auf die Transaktions- und andere Kosten, wie die Lohnkosten, (abhängige Variable) auswirkt. Mittels Fallstudienanalysen in Betrieben, die jeweils einen unterschiedlichen Grad an Verbetrieblichung aufweisen, werden diese Effekte analysiert und verglichen. Da die Frage nach der effizientesten Arena zur Verhandlung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sich nicht nur auf Deutschland beschränkt, bietet sich ein internationaler Vergleich an. Dies erhöht ebenfalls die Varianz in der unabhängigen Variable „Verbetrieblichung“ und kontrolliert den „Ländereffekt“. Für die Auswahl der Länder bieten sich unterschiedliche Strategien an. Als Auswahlkriterium bietet sich zum einen die Maximierung der Ähnlichkeiten an („most similar system design“), zum anderen kann auch die Maximierung der Unterschiede („most different system design“) als Ausgangspunkt der Untersuchung gewählt werden (vgl. Niedermayer 1991: S.80). Ausgehend vom Trend zur Verbetrieblichung im deutschen System der industriellen Beziehungen erscheinen im Sinne des „most similar system design“ die Niederlande als geeignetes Vergleichsland. Die niederländischen Institutionen der industriellen Beziehungen sind traditionell durch eine stark korporatistische Struktur geprägt. Industrieweite Tarifverhandlungen sind die vorherrschende Form der Regulierung der Arbeitsverhältnisse. Im Zuge der „kontrollierten Dezentralisierung“ gewinnt die betriebliche Ebene als Verhandlungsebene seit Mitte der 1990er Jahren an Bedeutung (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung 2005: 174). Diese Entwicklung ist mit der Verbetrieblichung der Tarifverhandlungen in Deutschland vergleichbar. Im Sinne des „most different system design“ bietet sich Großbritannien zum Vergleich an. Im Gegensatz zu Deutschland und den Niederlanden, die zu den 12 der 15 alten EU-Mitgliedstaaten zählen, in denen der industrieweite (Flächen-) Tarifverhandlungen dominieren, herrschen in Großbritannien Verhandlungen auf Unternehmens- bzw. Betriebsebene vor (Schulten 2003: 157). Bei der Analyse der historischen Entwicklung der britischen Arbeitsbeziehungen fällt ebenfalls eine Analogie zu den Verbetrieblichungstendenzen in Deutschland auf: Mit der Regierungsübernahme der konservativen Regierung 1979 geriet insbesondere das britische Äquivalent zum Flächentarifvertrag ins Zentrum der Kritik. Er wurde in der politischen Diskussion für Lohnrigiditäten am Arbeitsmarkt und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht (Nash (2006): 133). Diese Ansicht wird aktuell auch in Diskussionen über das deutsche System vertreten. Um der Varianz der Verbetrieblichung innerhalb der Länder gerecht zu werden, bietet es sich an, in den drei Ländern wiederum zwischen Betrieben mit geringer, mittlerer und hoher Verbetrieblichung zu unterscheiden. Bei der Auswahl der in Fallstudien zu untersuchenden Betriebe ist darauf zu achten, dass die Drittvariablen bzw. Störvariablen, weitestgehend zu kontrollieren. Bei den Drittvariablen handelt es sich hauptsächlich um branchenspezifische Einflüsse. Daher werden nur Betriebe derselben Branche analysiert und so der „Brancheneffekt“ kontrolliert. Es bietet sich hierfür der Öffentliche Personennahverkehr an, da hier eine große Varianz der unabhängigen Variable in allen drei Ländern vorzufinden ist. So sind insgesamt neun Betriebsfallstudien (jeweils drei pro Land) möglich.
Neben der qualitativen Inhaltsanalyse wird die Methode der Experteninterviews eingesetzt, um die Daten für die Fallstudienanalyse zu erheben.

Es wird im Rahmen der Dissertation nicht möglich sein, eine allgemeingültige, branchen- und länderübergreifende Empfehlung für das optimale Ausmaß der Verbetrieblichung abzugeben. Auch die Operationalisierung der Transaktionskosten stellt eine Schwierigkeit da. Es sollen jedoch Tendenzaussagen abgeleitet werden können auf denen weitere Forschung fußen kann, denn gerade die (möglicherweise auch für das Management dysfunktionalen) Folgen für die Verhandlungen auf betriebliche Ebener sind bisher kaum untersucht worden.

Literatur
Bispinck, R. (2003): Das deutsche Flächentarifsystem in der Krise – Streit um Flächentarif, Differenzierung und Mindeststandards, in: WSI Mitteilungen, Heft 7/2003, S.395-404
Brochier, A. (2002): Diskussion der Unternehmer, Verbandsvertreter, Professoren und Richter zum Thema: Tariflandschaft im Wandel, in: Lehmann, F. W. (Hg.): Krise des Flächentarifvertrages?, München, S.52-53

Heinbach, W. D. (2005): Ausmaß und Grad der tarifvertraglichen Öffnung, in: IAW-Report, Nr. 2, S.49-68

Kohaut, S. und Schnabel, C. (2003): Zur Erosion des Flächentarifvertrags: Ausmaß, Einflussfaktoren und Gegenmaßnahmen, in: Industrielle Beziehungen, Bd. 10, Nr. 2, S.193-219
Kohaut, S. und Schnabel, C. (2006): Tarifliche Öffnungsklauseln: Verbreitung, Inanspruchnahme und Bedeutung, Erlangen, Nürnberg
Kotthoff, H. (2001): Betriebliche Arbeitsbeziehungen im Zeichen von Flexibilisierung und Shareholder value. Zwischen Verbetrieblichung und Entbetrieblichung, URL: http://www.forba.at/files/news/referate/kotthoff.pdf
Ludsteck, J. (2005): Günstige Streikbilanz in Deutschland, in: IAB Kurzbericht, Nr.13/2005, S.1-4
Marginson, P.; Sisson, K. und Arrowsmith, J. (2003): Between Decentralization and Europeanization: Sectoral Bargaining in Four Countries and Two Sectors, in: European Journal of Industrial Relations, Bd. 9, Nr. 2, S.163-187
Nash, D. (2006): Recent Industrial Relations Developments in the United Kingdom: Continuity and Change under New Labour 1997-2005, in: Journal of Industrial Relations, Bd. 48, Nr. 3, S.401-414
Niedermayer, O. (1991): Vergleichende Umfrageforschung, in: Berg-Schlosser, D. und Müller-Rommel, F. (Hg.): Vergleichende Politikwissenschaft, Opladen, S.71--86
Nienhüser, W. / Hoßfeld, H. (2004): Bewertung von Betriebsvereinbarungen durch Personalmanager. Eine empirische Studie, Frankfurt am Main
Sachverständigenrat zur Begutachtung der Gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2005): Die Chance nutzen - Reformen mutig voranbringen, URL:http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/download/gutachten/ga05_ges.pdf
Schnabel, C. (2006): Verbetrieblichung der Lohnfindung und der Festlegung von Arbeitsbedingungen, Arbeitspapier 118 der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
Schulten, T. (2003): Der Flächentarifvertrag - ein Auslaufmodell? in: Wagner, H. und Schild, A. (Hrsg.): Der Flächentarif unter Druck, Hamburg, S.157-167
Wagner, H. (2003): Der Flächentarifvertrag unter Druck – die Folgen von Verbetrieblichung und Vermarktlichung, in: Wagner, H. / Schild, A. (Hrsg): Der Flächentarif unter Druck, Hamburg, S.9-22

* Vorlesung Unternehmensführung am 26.11.2019 - Beitrag zur Public Climate School
"Unternehmen im Klimawandel". Dienstag, 26. November, 18 bis 19.30 Uhr, Hörsaal S05 T00 B08. (Mehr Informationen hier.)

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Zuletzt geändert am 17.02.2013 21:45 Uhr