HABIL Untersuchungen

HABIL - Durchgeführte Untersuchungen

Das Projekt HABil (Grundlagenforschung) unternahm zuerst ein Screening internationaler Alphabetisierung und Literacy-Forschung. Good-Practice-Kriterien wie Zielgruppenspezifität, Empowerment, Closing-the-Gap und Diversity-Mainstreaming wurden entlang von Projekt- und Forschungs-Programmatiken aus Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern inhaltlich aufgeladen. Es zeigt sich dabei international ein mehr ganzheitlicher, analytisch stärker auf soziale Strukturen, historisch-politische Kräfteverhältnisse und kollektive Situationen von Minderheiten bezogenes Konzept des Zusammenhangs von Bildungsarmut und Teilhaberestriktionen, als dies im Zentrum der deutschen Debatte um funktionalen Analphabetismus zuletzt zu sehen war. Transferpotenziale wurden umrissen. 

Eine Untersuchung von (n=2557) Gesprächsprotokollen aus dem Alphabetisierungsbereich zweier Volkshochschulen zeigt hohe Erwerbsquoten sowie einen großen Anteil Mehrfachbelasteter unter den Lernenden. Clusteranalysen wurden entlang biographischer Hintergründe sowie von Lernmotiven durchgeführt und mit soziodemographischen Variablen angereichert. Die Typologien zeigen entlang von Generationen, Geschlechtszugehörigkeit und Dichte biographischer Krisen variierende Muster sozialer (Herkunftsfamilie, Partnerschaft, Kinder), Bildungs- (Schulbesuch), Erwerbs- und gesundheitlicher Teilhabe, (die offenbar keineswegs linear vom Kompetenz- bzw. Kursniveau abhängt).

Eine explorative (n=111) postalische Befragung von Personalbeauftragten kleiner und mittlerer Unternehmen zeigt eine ausgeprägte und gut begründete Bereitschaft, Mitarbeiter/innen mit gering ausgeprägten Lese- und Schreibfertigkeiten zu halten und zu unterstützen. Neben Aussagen zur jeweils eigenen Belegschaft wurden Einschätzungen vollständig anonymisierter Schriftproben (Hamburger Schreibprobe von 12 Haupt-/Förder-Schüler/innen) hinsichtlich wahrscheinlicher Einstellungschancen und Ausbildungsfähigkeit dokumentiert. Alle Ergebnisse wurden in Hinblick auf die Bedeutung individueller Kompetenzen und struktureller (Arbeitslosigkeit/Konkurrenz, betriebliche Selektionseffektivität) Barrieren für Teilhabechancen interpretiert.

Eine fragebogengestützte Repräsentativuntersuchung in 9. und 10. Klassen von Haupt- und Förderschulen sowie Gymnasien in fünf Bundesländern (n=4.350) wurde abgeschlossen. Neben Anerkennungs-, Bildungs-, Unterstützungserfahrungen und Handlungskompetenzen wurden an den Förder- und Hauptschulen zusätzlich die Rechtschreibkompetenzen (Hamburger Schreibprobe) erhoben (n=2.500), deren Varianz offenbar nicht mit Migrationshintergrund, sondern mit Selektionsentscheidungen bzw. der Schulform erklärbar ist. Mit multivariaten Methoden wurden kausale Zusammenhänge positiver Schulerfahrungen, engagierter Lehrkräfte und Anerkennung von Schulbildungsaspiration durch die Peers mit der Lernmotivation und subjektiven Zukunftsaussichten der Schüler/innen herausgearbeitet.  Ca. ein Jahr nach der ersten Erhebung wurden in einer zweiten Befragungswelle n=563 der jungen Erwachsenen telefonisch noch einmal, nun zu Statuspassagen nach der Schule befragt. Quantitative Analysen der Paneldaten zeigen beim Übergang in Ausbildung/Beruf weitere stark negative Effekte mehrfacher Benachteiligung. Zertifikatsarmut, hier Förderschulbesuch, kann als der entscheidende Faktor für mangelnde Teilhabechancen im Ausbildungssystem definiert werden. Förderschüler/-innen, insbesondere Männer, beginnen mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit direkt nach Abschluss der Schule eine Ausbildung, als Hauptschüler. Mit Ausnahme eines kleinen positiven Effekts der Mathematiknote bei Frauen spielen Schulnoten keine wichtige Rolle.

Im Zuge einer qualitativen empirischen Untersuchung wurden 150 Interviews mit erwachsenen Angehörigen bildungsferner Gruppen aus allen Generationen und mit verschiedensten Hintergründen durchgeführt. Die mit einer ätiologischen Perspektive vorgenommenen Auswertungen orientierten sich  an  den ungleichheitssensiblen Dimensionen „soziale Schichtzugehörigkeit“, „schulische Benachteiligung/Bevorzugung“, „Migration/Ethnizität“, „Gender“ und „kritische Lebensereignisse“. Die Ergebnisse wurden zum einen Einbezogen in die Ausarbeitung einer idealtypisierenden Zusammenfassung zu Bildungsarmut führender politischer, sozialer und biographischer Konstellationen und damit verbundener Lebenslagen.

Darüber hinaus wurden Interviews mit jungen Erwachsenen im Berufsausbildungsjahr oder in Leiharbeit inhaltsanalytisch und u.a. mit minimaler Fallkontrastierung im Hinblick auf schul- und berufsbiographische Verläufe ausgewertet. Die Analyse zeigte u.a., wie starke Fragmentierungen der Bildungsbiographie (häufiger Schul- und Wohnortwechsel, Klassenwiederholung) sowie unterschiedliche Bildungsbarrieren in Schulinstitutionen (institutionelle Willkür und Diskriminierung) entscheidend für mangelnde Teilhabechancen beim Übergang in berufliche Ausbildung sind. Bildungsferne Jugendlichen zeigen trotz starker Benachteiligung Aspiration und Motivation, sich im Rahmen gegebener Möglichkeiten sehr aktiv um einen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz zu bemühen. Im Gegensatz zu  oft erhobener Kritik an bildungsbenachteiligten Jugendlichen sind die Berufswünsche weniger „unrealistisch“, als vielmehr durch die Anschauung objektiver Chancen und durch Praktika bestimmt, und sie werden lediglich von resilienten Schüler/innen gegen das „Cooling-out“ der Schulzeit verteidigt.