Axiome der Kommunikation (Paul Watzlawick)

 

1. Axiom: Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren
 

Eine einzelne Kommunikation heißt Mitteilung oder eine Kommunikation. Ein wechselseitiger Ablauf von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen wird als Interaktion bezeichnet. Das Material jeglicher Kommunikation sind nicht nur Worte, sondern auch alle paralinguistischen Phänomene (Tonfall, Schnelligkeit oder Langsamkeit der Sprache, Pausen, Lachen und Seufzen), Körperhaltung, Ausdrucksbewegungen (Körpersprache) usw. - kurz, Verhalten jeder Art.

Aber: Verhalten hat kein Gegenteil, bzw. man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn alles Verhalten jedoch in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, also Kommunikation ist, so folgt daraus, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Dies gilt auch dann, wenn Kommunikation nicht bewusst, absichtilich oder erfolgreich ist, also gegenseitiges Verständnis zustande kommt.

Aus dem oben Gesagten ergibt sich ein metakommunikatives Axiom:
Man kann nicht nicht kommunizieren.

 
2. Axiom: Der Inhalts- und Beziehungsaspekte der Kommunikation
 

Der Inhalt jeder Mitteilung erweist sich vor allem als Information. Zusätzlich enthält sie einen Hinweis darauf, wie ihr Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht und ist in diesem Sinne seine persönliche Stellungnahme zum anderen. In jeder kommunikation finden wir also einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Die Beziehungen werden allerdings selten bewusst und ausdrücklich definiert.

Damit kommen wir zum nächsten Axiom:
Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.

 
3. Axiom: Die Interpunktion von Ereignisfolgen
 

Hier wird die Interaktion untersucht, also die Phänomene des Mitteilungsaustausches zwischen Kommunikationsteilnehmern. Eine Folge von kommunikation erscheint dem unvoreingenommen Beobachter als ein ununterbrochener Austausch von Mitteilungen. Jeder Teilnehmer an dieser Interaktion muss ihr jedoch unvermeidlich eine Struktur zugrunde legen. Bateson und Jackson nannten diese Struktur die Interpunktion von Ereignisfolgen.

Die Interpunktion organisiert Verhalten und ist somit Bestandteil jeder menschlichen Beziehung. Diskrepanzen auf dem Gebiet der Interpunktion sind die Wurzel vieler Beziehungskonflikte. Dazu ein Beispiel eines Eheproblems.

Der Ehemann nimmt nur die Triaden 2-3-4, 4-5-6, 6-7-8 usw. wahr, in denen sein Verhalten nur die Reaktion auf das Verhalten der Ehefrau ist. Sie sieht es genau umgekehrt. Sie nimmt ihr Verhalten nur als Reaktion auf das des Mannes, nicht aber als Ursache für sein Verhalten wahr.

Daraus ergibt sich das dritte metakommunikative Axiom:
Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.

 
4. Axiom: Digitale und analoge Kommunikation
 

Objekte können auf zwei verschiedene Arten zum Gegenstand von Kommunikation werden. Sie lassen sich entweder durch Analogie (z.B. eine Zeichnung) oder durch einen Namen darstellen. Digitales Mitteilungsmaterial ist viel komplexer, vielseitiger und abstrakter als analoges. Da jede Kommunikation einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt hat, wird deutlich, dass die digitalen und analogen Kommunikationsweisen nicht einfach nebeneinander bestehen, sondern sich in jeder Mitteilung gegenseitig ergänzen. Daher ist die Vermutung zulässig, dass der Inhaltsaspekt digital übermittelt wird, der Beziehungsaspekt vorwiegend analoger Natur ist.

Der Unterschied zwischen digitaler und analoger Kommunikation wird deutlicher, wenn man bedenkt, dass das bloße Hören einer unbekannten Sprache niemals zum Verstehen der Sprache führen kann, während sich aus der Beobachtung von Zeichensprachen und Ausdrucksgebärden Informationen relativ leicht ableiten lassen.

Damit ergibt sich das vierte metakommunikative Axiom:
Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitig logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikation dagegen besitzt dieses semantische Potential, ermangeln aber die für die eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax.

 
5. Axiom: Symmetrische und komplementäre Interaktionen
 

Bei den Begriffen symmetrisch und komplementär geht es um Beziehungen, die auf Gleichheit beruhen, also symmetrisch sind, oder um solche, die unterschiedlich, also komplementär sind.Im ersten Fall ist das Verhalten der beiden Partner quasi spiegelbildlich und ihre Interaktion daher symmetrisch. Die Partner können in ihrem Verhalten ebenbürtig sein. Im zweiten Fall ergänzt das verhalten des einen Partners das des anderen. Dadurch ergibt sich ein anderes Verhältnis unter den Partnern, welches komplementär ist. Symmetrische Beziehungen zeichnen sich durch Streben nach Gleichheit und Verminderung von Unterschieden zwischen den Partnern aus, während komplementäre Interaktionen auf sich gegenseitig ergänzenden Unterschiedlichkeiten basieren.

In der komplementären Beziehung gibt es zwei verschiedene Positionen: Ein Partner nimmt die superiore, primäre Stellung ein, der andere die entsprechende inferiore, sekundäre. Das heißt nicht, dass ein Partner dem anderen eine komplementäre Beziehung aufzwingt, sondern dass sie sich vielmehr in einer Weise verhalten, die das bestimmte Verhalten des anderen voraussetzt, es gleichzeitig aber auch bedingt.

Somit lässt sich das fünfte Axiom folgendermaßen formulieren:
Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht.

 

QUELLE:
Watzlawick, Paul/Beavin, Janet H./Jackson, Don D.:
Menschliche
Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien.
Bern, Stuttgart, Wien: Hans Huber, 1974