aus: Heimatkalender Kreis Wesel 1989, 166-169

JÜRGEN BUSCHMANN

Die Orgel der evangelischen Stadtkirche in Dinslaken

Orgeln im Kreis Wesel I

Beinahe ein wenig verschämt wirkt die barocke evangelische Stadtkirche in Dinslaken inmitten der sie fast erdrückenden Häuserzeile der Duisburger Straße. Die Geschichte dieser >reformierten( Gemeinde reicht bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zurück. Nach einer ersten urkundlichen Erwähnung 1603, in der die reformierte Konfession für Dinslaken belegt ist, versammelte sich die Gemeinde seit 1612 zunächst in einem Saal der herzoglichen Burg. Zur Errichtung einer eigenen Kirche kam es erst in den Jahren 1649 bis 1653. Ob in ihr bereits eine Orgel vorhanden war, liegt bisher noch im Dunkeln. 1717 fiel diese erste reformierte Kirche Dinslakens einer Brandkatastrophe ebenso zum Opfer wie eine Reihe umliegender Häuser, darunter auch das Pfarrhaus. Bereits 1720 konnte mit dem Wiederaufbau unter Einbeziehung älterer Mauerreste begonnen werden. Eigenmächtige Änderungen des Bauleiters an den Plänen und grobe Fehler in den statischen Berechnungen führten jedoch zum Einsturz des Kirchturmes und einer Verzögerung in der Fertigstellung der Kirche, die schließlich 1723 geweiht werden konnte.

Noch während des Wiederaufbaus wurden die Verhandlungen über den Bau einer Orgel mit dem Orgelbauer Thomas Weidtman aus Ratingen zum Abschluß gebracht.

Bereits im September 1722 konnte das Instrument in der Ratinger Werkstatt Weidtmans abgeholt und nach Dinslaken gebracht werden. Eine Aufstellung von Peter Christian Goldschmeding über die Transportkosten von Ratingen nach Dinslaken ist noch überliefert:

>Den 22. Septernbris 1722 auf Ordre des Herrn Rat und Richter Kumpfthoff mit einem Wagen

und drei Karren für die Gemeinde nach Ratingen gesandt, um die Orgel abzuholen. Habe für

Zehr, Zoll und Weggeld ausgegeben wie folgt:

Des Morgens mit 9 Leuten verzehrt ad 12 Stüber; des Nachts zu Ratingen für Zehrung, Stall

geld wie auch für Nachtruh ad 53 Stüber;

für meine Zehrung und Nachtgeld ad 12 Stüber; den 23. zu Bintrop (?) des Morgens verzehrt

ad 22 Stüber;

des Nachts zu Duisburg mit 5 Mann und 3 Pferden für Zehr-, Schlaf- und Stallgeld wie auch

für Heu 55 Stüber;

des Morgens ad 7 (Stüber) 4;

an Heyermans Haus für des Herrn Rat und Rentmeisters Knecht, weil nicht alle beieinander

logieren können, für Zehrung, Schlaf-, Stallgeld und Heu zahlen müssen ad 19 Stüber;

an die Neu-Mühl gefüttert ad 13 Stüber 4;

für ein Stück Butter und Brot ad 2 Stüber;

zu Aldenrath an dem Schwan ad 16 Stüber 4

am 26. Septembris 1722 Peter Christian Goldschmeding.<

Zwar ist der Orgelvertrag mit Thomas Weidtman wohl nicht mehr vorhanden, aber aus den Verhandlungen, die sein Sohn Peter 1747 mit der Kettwiger Kirchengemeinde führte, läßt sich die Disposition dieses einmanualigen Orgelwerkes ersehen:

1. Manual:

(Hauptwerk; C, D-c''') Nasard 3'

Bardun 16' Cornet 4f. 4'

Praestant 8' Sesquialter 2f. 3'

Hollpfeife 8' Mixtur 4 f.

Quintadena 8' Cimbal 2f. 1'

Octav 4' Trompete (B/D) 8'

Floite-douse 4' Vox humana 8'

Wie alle Orgeln, die der Ratinger Orgelbauerwerkstätte der Weidtmans entstammen, besaß auch die Orgel in der reformierten Kirche Dinslakens kein eigenes Pedalwerk, sondern nur ein sogenanntes >angehängtes< Pedal, auf dem die jeweils gezogenen Register des Hauptwerkes gespielt werden konnten. Mit dieser Bauweise stand die Werkstatt Weidtman voll in der Tradition der damaligen niederländischen und niederrheinischen Orgelbauschule, die bei vielen kleineren Orgeln auf den Bau eigenständiger Pedalwerke verzichtete. Am 8. Juni 1730 quittierte Peter Weidtman, der Sohn des Erbauers, die Bezahlung für die erforderliche Stimmung der Orgel; hierbei waren auch einige kleinere Reparaturen durchgeführt worden. Im April 1736 traf Peter Weidtman mit der Kirchengemeinde eine Vereinbarung über die regelmäßige Betreuung der Orgel für eine jährliche Vergütung von 2 Reichstalern und 30 Stübern. Für die folgenden 130 Jahre werden keine größeren Reparaturen erwähnt. Erst im Jahre 1867 wird in den Akten von einer Reparatur durch einen Eltener Orgelbauer berichtet - ein sicheres Zeichen für die solide handwerkliche Arbeit der Ratinger Orgelbauer, die im Bereich des heutigen Weseler Kreises noch mit einer Reihe weiterer Orgelneubauten nachgewiesen sind.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die klangliche Einstellung zu den Orgeln jedoch spürbar gewandelt, so daß die >kleinen Schreihälse<, wie die hoch klingenden Pfeifen der alten Orgeln gelegentlich genannt wurden, nur noch als störendes Übel empfunden wurden. Wie in vielen anderen Kirchengemeinden, die sich einen Neubau aus finanziellen Gründen nicht leisten konnten, mußte auch bei der evangelischen Kirchengemeinde - bereits 1817 hatten sich reformierte und lutherische Gemeinde in der Union zusammengeschlossen - der Weg eines grundlegenden Um- und Erweiterungsbaues gegangen werden. Nachdem das Projekt finanziell durch einen Orgelbaufonds gesichert war, entschied sich die Kirchengemeinde zur Vergabe des Auftrages an die Hoforgelbauer Gebrüder Euler aus Gottsbüren bei Hofgeismar, die damals vor allem im nordhessischen Raum eine rege Orgelbautätigkeit entfaltet hatten. Unter Verwendung des alten Gehäuses von 1722, das auch heute noch vorhanden ist, und einzelner Weidtman-Register im neuen Hauptwerk entstand 1891/92 ein erheblich größeres Instrument, das auf zwei Manualwerken und im selbständigen Pedalwerk folgende Disposition erhielt:

1. Manual: 2. Manual:

(Hauptwerk; C-f''') (Positiv; C-f''')

Bordun 16' Geigenprincipal 8'

Principal 8' Salicional 8'

Hohlflöte 8' Flöte douce 8'

Gambe 8' Gemshorn 4'

Octave 4' Flaut harmonique 4'

Flöte dolce 4'

Cornett 3 f. 8' Pedalwerk (C-d'):

Doublette 2f. 2 2/3'+ 2' Subbass 16'

Mixtur 4 f. 2' Octavbass 8'

Trompete 8' Violon 8'

Ein Teil der neuen Orgel konnte schon am Weihnachtsfest 1891 gespielt werden. Am 13. Januar 1892 wurde das inzwischen fertig gestellte Werk von Seminar-Musiklehrer Stöber aus Mettmann der Abnahmeprüfung unterzogen und für gut befunden, so daß die Orgelweihe am darauf folgenden Sonntag, den 17. Januar 1892, stattfinden konnte.

Während des 1. Weltkrieges mußten die wertvollen Zinnpfeifen des Orgelprospektes für militärische Zwecke abgeliefert werden. Erst einige Jahre später wurden Ersatzpfeifen aus Zink beschafft und der Prospekt in seiner ursprünglichen Gestalt wiederhergestellt. Eine letzte Reinigung und Reparatur vor Ausbruch des 2. Weltkrieges führte die Schwelmer Orgelbauwerkstätte Paul Faust durch. Im März 1945 erhielt die Kirche bei einem Luftangriff auf Dinslaken einen Bombentreffer, so daß die Orgel über mehrere Monate hinweg den wechselnden Witterungseinflüssen ausgesetzt war und bereits spürbare Schäden nahm. Als im Frühjahr 1950 weitere Schäden durch die Bauarbeiten im Rahmen der Kirchenrenovierung auftraten, entschloß sich die Kirchengemeinde neben der erforderlichen Reparatur zu einer erneuten klanglichen Umgestaltung des Instrumentes. Glücklicherweise hatte man seit Mitte der 20er Jahre den klanglichen Wert barocker Orgeln wieder schätzen gelernt, und so konnte das Ziel dieses mit einer Reparatur verbundenen Umbaues darauf hinaus laufen, hinter dem historischen Orgelgehäuse ein angemessenes Werk zu erstellen, das im Gegensatz zur alten Weidtman-Orgel nicht nur zur Begleitung des Gemeindegesanges, sondern auch zur Wiedergabe größerer barocker Orgelmusik geeignet war. In der Kölner Orgelbauwerkstätte Willi Peter, die in den folgenden Jahren noch mit der Restaurierung weiterer Weidtman-Orgeln betraut wurde, entstand nun ein Instrument mit der folgenden Disposition:

1. Manual: 2. Manual:

(Hauptwerk) (Positiv)

Gedacktpommer 16' Gedackt 8'

Principal 8' Querflöte 4'

Spitzgamba 8' Octave 2'

Hohlflöte 8' Scharff 3-4f.

Octave 4' Krummhorn 8'

Gedacktflöte 4' Pedalwerk:

Rauschquinte 2 f. 2 2/3' Subbass 16'

Terzglockenton 2f. 1 3/5' Octavbass 8'

Mixtur 4 f. 1 1/3' Choralbass 2f. 4'+ 2'

Trompete 8' Posaune 16'

1964 kam es zu einem erneuten Reparaturauftrag, der an die Wilhelmshavener Orgelbauwerkstätte Alfred Führer ging. An Stelle des alten Gebläses, das außerhalb des Kirchenraumes stand und durch die meist kühlere Luft schlechte Stimmhaltung der Pfeifen bewirkte, kam ein neues Gebläse. Außerdem erhielt die Orgel eine neue Spielmechanik und ein neues Regierwerk. Die ausgetretene Pedalklaviatur, die oft ein gehässiges >Klappern gehört zum Handwerk( provozierte, wurde ebenfalls ausgetauscht. Auf Anregung des damaligen Kreiskirchenmusikwartes Heinz Nowack erfolgten kleinere Änderungen in der Disposition, wobei im Hauptwerk Gedacktpommer 16' gegen einen zweifüßigen Principal ausgetauscht wurde, und an Stelle der Hohlflöte nun eine Quintade 8' erklingt. Das Pedalwerk erhielt als Klangkrone eine dreifache Mixtur. Geplant war hier ursprünglich eine Rauschpfeife 3 f. 22/3'. Nach einer Generalreinigung im Jahre 1975 und einer größeren Reparatur 1985/ Anfang 1986, mit der auch dieses Mal die Orgelbauwerkstätte Führer betraut wurde, befindet sich die Orgel heute wieder in einem ausgezeichneten Zustand. Erfreulich ist, daß das unter Denkmalschutz stehende Instrument neben seinen eigentlichen liturgischen Aufgaben inzwischen auch bei den gelegentlichen kirchenmusikalischen Veranstaltungen in der Stadtkirche ein weiteres Einsatzgebiet gewinnen konnte.

Quellen:

Jakob Germes, Die Ratinger Orgelbauerfamilie Weidtman (1675-1760), (Beiträge zur Geschichte Ratingens; 4), Ratingen 1966.

Roland Günter, Kreis Dinslaken, (Die Denkmäler des Rheinlandes; 14), Düsseldorf 1968.

W. Munzert, Studien zur Geschichte des alten niederrheinischen Orgelbaues, Maschinoskript, Duisburg ca.1956/57.

Orgelakte im Gemeindeamt der Evangelischen Kirchengemeinde Dinslaken.

Mündliche Mitteilungen von Herrn Dr. Ulrich Pardey (Dinslaken) und Herrn Heinrich Sarres (Dinslaken).