Geißlerzüge (Flagellanten)
kolorierte Federzeichnung, ca. 1400
Stiftsbibliothek, St. Gallen
Bild:
Die kolorierte Federzeichnung stellt eine Geißlerprozession, die nur aus Männern besteht, dar. Den Geißlern wird eine weiße Fahne mit rotem Kreuz vorangetragen. Alle haben ihren Kopf mit einem breitkrempigen Hut bedeckt, der die Farbe rot, blau oder weiß hat. Ferner sind sie in ein linnenes Untergewand gehüllt, welches wiederum je eine der drei oben genannten Farben hat. Sie sind barfuß. Auch ihr Oberkörper ist nackt. Die Flagellanten geißeln sich mit ihren Ruten derart, dass auf ihren Rücken blutige Striemen zu sehen sind.
Über dem Bild in roter Schrift steht: "Anno MCCCXLVIIII Jar, Do giengent die Geißler... " Es soll also ein Geißlerzug aus dem Jahre 1349 dargestellt werden.
Kontext:
Um 1260 treten zum ersten Mal Geißler auf. Die Geißler wollten durch ihre Selbstkasteiung Gottes Barmherzigkeit erregen. Einen Höhepunkt erreichten die Flagellanten-Bewegung im 14. Jh. im Zusammenhang mit den Pestepidemien. Diese Katastrophen wurden als Strafe Gottes für menschliches Fehlverhalten erlebt. Nur durch intensive Werke der Buße glaubte man, Gottes Zorn besänftigen zu können. Die Selbstgeißelung ist begleitet von weiteren frommen Übungen wie Gebete (insbesondere Vaterunser und Ave Maria), Beichte, Satisfaktion für die durch die Sünde Gott zugefügte Beleidigung etc.
Die Geißler organisierten sich teilweise in informellen Gruppen unter einem Meister, wobei der Beitritt mit der Verpflichtung zu bestimmten Bußleistungen verbunden war. Ihre Frömmigkeitsübungen entzog sich weitgehend kirchlicher Autorität und dem sakramentalem kirchlichen Frömmigkeitsmonopol. Ihre Bewegungen nahmen teilweise durchaus kirchenfeindliche Züge an.
Verweise im Glossar:
Absolution , Armutsbewegung , Askese , Satisfaktion

Quellen- und Literaturverweise, Links
O. Neubecker, Art. Flagellanten ( Geißler, Flegler), in: Lexikon des Mittelalters IV (1989), Sp. 509-513;
Art. flagellants, in: The Oxford Dictionary of the Christian Church, 3. Aufl. 1997, 616f.
Maren Krieger