Bericht über meinen Aufenthalt in den USA

vom 2. September bis zum 28. Dezember 2000

Vorangestellt sei mein Dank an das Bangor Theological Seminary (BTS), seiner Präsidentin Ansley Coe Throckmorton, seiner Dekanin Susan E. Davies sowie meinem Kollegen David J. Trobisch, denen ich die Einladung, im Fall-Semester 2000 als Gastprofessor am BTS tätig zu sein, zu verdanken habe. In gleicher Weise geht mein Dank an das MSWWF und an MinR Dr. Horn, sowie an die Hochschulleitung der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg, die meinen Antrag auf Beurlaubung während meiner Tätigkeit in den Vereinigten Staaten positiv beschieden und das mit meinem Aufenthalt verbundene öffentliche Interesse anerkannt haben. In besonderer Weise fühle ich mich dem Duisburger Kanzler Carl F. Neuhaus verpflichtet, der in letzter Minute ein Scheitern verhindert hat.

Als Visiting-Professor habe ich einen dreistündigen Kurs mit dem Thema: The Birth of Reformation Theology angeboten. Der Kurs wurde von 6 Studierenden besucht, die entweder einen MA (Master of Arts) oder einen MDiv (Master of Divinity) als Abschluß anstreben. Für die Mitarbeit in dem Kurs vergab die Hochschule drei credits. Jeder Studierende hatte für die Belegung des Kurses eine Summe von ca. $ 850.- zu entrichten. Alle Studierenden haben den Kurs erfolgreich absolviert und für ihre ausgezeichneten Leistungen die beste Note erhalten.

Die Ergebnisse des Kurses wurden von Frau Dr. Barbara E. Fink, meiner Frau, digital aufbereitet und im Netz unter folgender Adresse veröffentlicht:
http://www.uni-duisburg.de/Institute/CollCart/es/sem/s6/index.htm

Die Aufwendungen für die Reise nach Bangor, Me wurden mir von dem Seminary erstattet. Als Wohnung stand mir das historische Hannibal Hamlin Haus, das Gästehaus der Hochschule unmittelbar neben dem Campus, zur Verfügung. Außerdem hat die Hochschule mir und meiner Frau ein Arbeitszimmer mit zweifachem Netzanschluß innerhalb der Hochschule zur unbeschränkten Nutzung eingeräumt.

Im folgenden gehe ich ausführlicher (1) auf die Lehre, auf amerikanische Gegebenheiten, auf spezifische Erfahrungen in Bangor und auf Ergebnisse, die mit dem von mir angebotenen Thema zusammenhängen ein, schildere (2) die Besonderheiten der kirchlichen und religiösen Situation, spreche (3) über meinen Eindruck von den Gegebenheiten an einer Hochschule, die gänzlich von Drittmitteln abhängig ist und berichte (4) von Erfahrungen außerhalb der Hochschule, die für die Einschätzung der kulturellen Lebensbedingungen in diesem Lande aus der Sicht eines Hochschullehrers von besonderem Interesse sind. Zum Schluß fasse ich die Dinge, die mir als Europäer erwägenswert erscheinen, nochmals kurz zusammen.

1. The Birth of Reformation Theology

Bei den Lehrveranstaltungen im Masterstudiengang sind bereits vor Semesterbeginn über die Themenstellung hinaus eine Reihe von Festlegungen getroffen worden: Anzahl der studiengangsbezogenen Leistungseinheiten (credits), präzise Angaben über den Umfang der zu erbringenden Leistungen, in einem detaillierten Veranstaltungscurriculum (Syllabus) sowie weitere Angaben zum Veranstaltungsablauf. Der Syllabus ist eine Art Vertrag des Hochschullehrers mit dem Studierenden über die gegenseitig zu erbringenden Leistungen, der notfalls auch einer juristischen Nachprüfung standhalten können muß. Für den Erwerb des Magister of Arts sind insgesamt 50 credits, für den Master of Divinity 90 credits notwendig. Die hohen Studiengebühren für jeden Kurs, bei dem credits vergeben werden, üben auf beide, Lehrende und Studierende, einen starken moralischen Druck aus. Die Unterrichtssprache ist ausschließlich Englisch. Sprachkenntnisse sind zwar erwünscht, dürfen aber nicht vorausgesetzt werden.

Der von mir veranstaltete Kurs hatte darüber hinaus noch folgende Besonderheiten:


1. Die Unterrichtsmaterialien bestanden ausschließlich aus schriftlichen oder ikonographischen Quellen. Diese Materialien wurden vor Kursbeginn im Netz zur Verfügung gestellt. Da die benötigten Quellen im allgemeinen sehr redundant und umfangreich sind, wurde vom Dozenten als Hilfestellung ein Selektionshinweis angeboten. In zwei Fällen wurde mit farblichen Reduktionshilfen zur übersichtlichen Strukturierung des Textes gearbeitet. Da alle Studierenden über eine Mailbox verfügen, war durchgängig eine enge Kooperation zwischen Dozent und Student, bzw. der Studierenden untereinander möglich. Auf diese Weise konnte eine optimale Vorbereitung auf die jeweilige Sitzung erreicht werden.

2. Jede der dreistündigen Sitzungen war einem bestimmten Thema gewidmet, zu dem eine problemorientierte Fragestellung formuliert worden war.

3. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse war von vornherein beabsichtigt, was den Kursteilnehmern eine konzentrierte Redaktionsarbeit in den Sitzungen abverlangte. Der Vorteil bestand in einer klaren Strukturvorgabe für jede Sitzung:

a) Redaktion der abstracts über das Thema der vorangegangenen Sitzung; Redaktionsziel war eine gut verständliche und leicht lesbare Einführung in die behandelten Quellen, die auch nicht eingeweihten Lesern den Zugang zur Quelle zu erschließen vermag.
b) Redaktion einer gemeinsamen Antwort auf die gestellte Problemfrage, die den individuellen Antwort-Essays der Studierenden als eine Art Klammer vorangestellt werden soll (1. Stunde).
c) Einführung in das neue Thema durch den jeweils verantwortlichen Studierenden und Diskussion von Einführung und benutztem Quellenmaterial (2. Stunde).
d) Erläuterungen zum theologie- und dogmengeschichtlichen Kontext (3. Stunde).

4. Da nicht alle benötigten Quellen in englischer Übersetzung vorlagen, wurden in drei Fällen in Zusammenarbeit von Dozent und Student englische Übersetzungen erstellt. So können mit der Publizierung der Ergebnisse des Seminars auch drei Erstveröffentlichungen in englischer Sprache angeboten werden.

Angeregt durch das Seminar hat eine Studentin in einer öffentlichen Veranstaltung eine Einführung in den revolutionären theologischen Gehalt von Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan gegeben. Eine Bilddokumentation über dieses Thema wurde als Anhang zu dem Kurs veröffentlicht.

2. Das Bangor Theological Seminary, eine interkonfessionelle Hochschule, die allen Religionen offensteht

Theologie wird in den Staaten in zwei unterschiedlichen Institutionen gelehrt: in den Departments of Religious Studies an den Universitäten oder in den Divinity Schools oder Theological Seminaries. Es mag dem Europäer einleuchten, wenn er nicht gerade durch die deutsche, staatlich sanktionierte Konfessionsparität verdorben ist, daß an den Universitäten jegliche konfessionelle oder auch religiöse Vereinseitigung in der Studenten- und Professorenschaft ausgeschlossen ist. Aufregend für uns Europäer ist jedoch, daß auch an den Divinity Schools und den Theological Seminaries, an denen in erster Linie die Geistlichen der verschiedenen Kirchen ausgebildet werden, unter den Studierenden und unter den Dozenten eine konfessionelle Offenheit selbstverständlich ist. Am Bangor Theological Seminary zum Beispiel ist der Alttestamentler eine katholische Nonne, der Neutestamentler sieht sich der Lutherischen Kirche verbunden, der Kirchenhistoriker ist Baptist, der Systematiker Calvinist, der Ethiker gehört wie die Dekanin, die Religionspädagogik lehrt, zur kongregationalistisch orientierten UCC, der Homiletiker ist Mitglied der Episcopalian Church. Die kirchliche Vielfalt unter den Studierenden ist noch größer: hier kommen noch Unitarier, eine humanistische Intellektuellen-Kirche, die in Europa von allen Konfessionen und Kirchen radikal verfolgt worden ist, und in einigen Fällen auch Juden und in einem Einzelfall auch ein Muslim hinzu.

Auch wenn diese konfessionelle Vielfalt einigen fundamentalistischen Gruppierungen in den verschiedenen Denominationen ein Dorn im Auge ist, so überwiegt doch bei den meisten Kirchen die Einsicht, daß die Qualität der theologischen Ausbildung nichts mit der konfessionellen Ausrichtung zu tun hat. Der ökumenische Lernprozess, der mit einer solchen Situation verbunden ist, ist enorm. Der Antagonismus der Konfessionen zerreißt nicht die Seminare und Lehrveranstaltungen, sondern belebt sie. Konfessioneller Hochmut und Besserwisserei werden unmittelbar und kompetent zurechtgewiesen. In den gemeinsamen Gottesdiensten am Mittwoch artikuliert sich ein Christentum, das sich seiner konfessionellen Bindung weder schämt noch rühmt. Hinzu kommt ein lebendiges Liedgut, das die Schätze des 19. Jahrhunderts klerikal unverstümmelt bewahrt hat und dem religiösen Empfinden des Gottesdienstbesuchers sehr entgegen kommt.

3. Das amerikanische Mäzenatentum

Das BTS muß sich gänzlich selbst finanzieren. Die hohen Studiengebühren machen nur einen ganz kleinen Teil der benötigten Ressourcen aus. Drittmittelgeber zum Spenden zu motivieren, ist die wichtigste Tugend, um das Überleben des Seminars zu sichern. Nur eine professionelle Infrastruktur vermag es, entsprechende Motivationsleistungen der Geldgeber hervorzubringen. Professoren wären dazu sicher nicht imstande. Daraus ergibt sich ein weiterer enormer Vorteil des BTS: Die Professoren tun das, was sie können und das, was man billigerweise von ihnen erwarten kann: verantwortlich zu lehren und seriös zu forschen. Wo eine interessierte Öffentlichkeit über die Entstehung des Neuen Testamentes etwas erfahren möchte, steht natürlich der Professor zur Verfügung und die Infrastruktur des Seminary sorgt auch dafür, daß ein solches Ansinnen den Professor erreicht.

Personen bezogene Mitarbeiter oder Sekretärinnen gibt es nicht, auch keine personenbezogenen Hilfskräfte. Alle Mitarbeiter werden funktions- und nicht personenbezogen eingesetzt. Die Leistungsfähigkeit dieser Struktur ist hervorragend: der Kopierer funktioniert immer, die Netzbetreuung ist gut, der Hard- und Software-Bestand wird nach Maßgabe der finanziellen Möglichkeiten ständig ausgebaut ohne einen komplizierten Aktenvorgang. Der Dataprojektor steht im Hörsaal, wenn er benötigt wird, die Leinwand wurde nicht vergessen. Wünsche für Fernbestellungen, deren anfallende Kosten selbstverständlich die Bibliothek trägt, werden über ein komfortables nationsweites Suchprogramm vom Arbeitsplatz aus an die eigene Bibliothek weitergeleitet und dort umgehend bearbeitet.

Die Leistungsanforderungen an die Leitung des Seminary und des ihr zugeordneten Stabs sind sehr hoch. Es geht nicht nur darum, Geld zu besorgen, sondern auch darum, erpresserischen Geldgebern nicht nachzugeben. Der momentane Vorteil wäre von den moralischen Nachteilen einer solchen Konnivenz schnell aufgezehrt. Meine Bewunderung für die Fähigkeit, moralische Integrität und Kompromissfähigkeit in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, ist sehr groß, auch wenn die präsidiale Struktur der Leitung und die kollegiale Struktur der Lehrenden nicht leicht in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen sind.

4. Toleranz, Improvisation, Geld

An dieser Stelle liste ich einige Erfahrungen auf, die nur indirekt meine Rolle als Hochschullehrer betreffen, jedoch Aspekte berühren, die mit dem akademischen Leben verbunden sind.

Stadtbibliothek. Dem Mäzenatentum ebenfalls zu danken ist eine ganz hervorragende Public Library in Bangor. Service, Öffnungszeiten, Zugangsmöglichkeiten, Kontoführung auch vom eigenen Arbeitsplatz aus, Bestandsrecherchen in allen öffentlichen Bibliotheken des Bundesstaates im Netz, kostenfreier Netzzugang in der Bibliothek selbst und in einem Umfang, die keine Schlangen aufkommen läßt, das alles sind kulturelle Leistungen, von denen der Europäer nur träumen kann.

Borders-Bookstore. In Deutschland und erst recht in Frankreich lebt man in einer Stadt von 50.000 Einwohnern hoffnungslos in der Provinz. Das mag in Amerika auch so sein, doch hier verfügt die Provinz nicht nur über einen angebotsreichen Mall, sondern auch in diesem Mall über einen bestens sortierten Buchladen mit Öffnungszeiten von 9 bis 23 Uhr. Ein Café mit Espresso-Bar, in dem man in den Büchern des bookshops unbegrenzt schmökern kann, reich sortierte Abteilungen für CDs und DVDs und ein riesiges audio-book Angebot erwarten den Besucher. Das große Audioangebot ist wohl ein Segen der in fast allen Bundesstaaten eingeführten Geschwindigkeitsbegrenzung. Wenn man mit 70 Meilen über die endlosen Highways dahinfährt, die meist wenig dicht befahren sind - das Land ist einfach riesengroß -, so ist es kein Problem, die Aufmerksamkeit für die Straße mit der Aufmerksamkeit für einen meist von hervorragenden Schauspielern gelesenen Roman zu teilen.

2000 Annual Meeting in Nashville, Tennessee. Ein Ereignis, zu dem es in Europa, was die Dimensionen angeht, nichts Vergleichbares gibt, ist die jährliche Zusammenkunft aller Wissenschaftler, die in den USA Theologie oder Religious Studies lehren. Auf Einladung der American Academy of Religion (AAR) und der Society of Biblical Literature (SBL) kommen über 5000 Theologen aus den Vereinigten Staaten, teilweise auch aus den europäischen Ländern für eine knappe Woche zu einem Kongreß zusammen. Ziel der Tagung ist es, den wissenschaftlichen Austausch anzuregen, den Nachwuchs zu fördern und über neue Trends in der Forschung zu informieren. Gleichzeitig findet eine Buchmesse statt, auf der die theologische Literatur produzierenden Verlage der englisch sprechenden Welt Neuerscheinungen und im Entstehen begriffene Projekte auf dem Gebiet der Print- und der elektronischen Medien vorstellen. Auch wenn nur ein kleiner Ausschnitt aus einem riesigen Programm aufmerksam verfolgt werden kann, so lohnen schon die vielfältigen informellen Kontakte beim Espresso, beim Imbiß, bei den zahlreichen Empfängen der Verlage oder der Divinity Schools oder einfach auf dem Gang, die Strapazen eines Kongreßbesuchs auf sich zu nehmen. Allein der Tagungsort, das Opryland Hotel und Convention Center in Nashville, TN, eine Hotelstadt unter einer riesigen Glaskuppel, versetzt den europäischen Besucher in Erstaunen. In dem milden Treibhausklima gedeihen in ausgedehnten Gartenanlagen die ausgefallensten exotischen Pflanzen. Euphorie wird als Dauerprogramm produziert. Auch wenn es inzwischen einige Veranstaltungen in Europa gibt, die europäische Repräsentanz für sich beanspruchen, so ist eine entsprechende Breite lange nicht erreicht. Solange es der Theologenzunft nicht einmal im deutschsprachigen Gebiet gelingt, die Grenzen von Konfessionen und Denominationen zu überwinden, bleibt eine den amerikanischen Gegebenheiten entsprechende europäische Veranstaltung in weiter Ferne.

Das Lehrerzimmer als Klassenzimmer. Meine Frau und ich wurden eingeladen, in der Deutschklasse einer High-School als native speaker über unser jeweiliges Land zu berichten. Was uns dabei in besonderer Weise aufgefallen ist, sei in ein paar Stichworten erwähnt: (1) Das Arbeitszimmer des Lehrers ist zugleich das Klassenzimmer. Die Schüler kommen zum Lehrer, um in dem Fach, das der Lehrer erteilt, unterrichtet zu werden. Was in Deutschland nur in den Fächern Musik, Physik und Chemie üblich ist, ist hier für jedes Fach realisiert. Wir waren bei Frau Cyndee Cochrane, die uns nach Farmington eingeladen hatte, in einem Raum für den Deutschunterricht, mit Plakaten, Büchern, Gesellschaftsspielen, WWW-Adressen etc. aus Deutschland bzw. aus deutschsprachigen Ländern. (2) Obwohl der Umgang miteinander, des Lehrers mit den Schülern und der Schüler untereinander ganz ungezwungen ist, herrschte in der Klasse stets eine große Disziplin. Unruhe, störende Einzelgespräche, ein lautes mahnendes Wort des Lehrers hat es nie gegeben. (3) Bei der Einstellung der Lehrer scheint eine am Bedarf orientierte Einstellungspolitik vorzuherrschen. Altersgrenzen bei der Einstellung scheint es nicht zu geben. Der Unterricht in einem anderen als dem Studienfach scheint gleichfalls unproblematisch zu sein, vorausgesetzt, daß die Kompetenz, den entsprechenden Unterricht zu erteilen, vorhanden ist. Offensichtlich traut man in solchen Fällen dem Urteilsvermögen der jeweiligen Schulleitung bzw. dem für ein Fach Hauptverantwortlichen mehr zu als irgendwelchen Behörden.

Unitarier. An zwei Sonntagen hatte ich Gelegenheit, in Bangor und in Ellsworth an einem unitarischen Gottesdienst teilzunehmen. Es ist ein seltsames Erlebnis, in einer Gemeinschaft zugegen zu sein, die über Jahrhunderte hinweg von allen christlichen Konfessionen als schlimmste Ketzer verschrieen und grausam verfolgt wurden; es ist zugleich eine Gemeinschaft, die das christlich-humanistische Erbe der Reformationszeit, dem ich selbst mich verschrieben habe, viel reiner bewahrt hat, als irgend eine der großen Konfessionskirchen. Es wäre zu wünschen, wenn die großen christlichen Kirchen über die große Schuld, die sie den jüdischen Glaubensgenossen gegenüber auf sich geladen haben, die geringen Brüder, an denen sie genauso schuldig geworden sind, nicht vergäßen.

Feministische Religiosität. Die heute vorherrschende universalistische Ausrichtung der Unitarier macht es möglich, daß in den Räumlichkeiten der unitarischen Gemeinde sich auch feministische Gruppierungen versammeln und miteinander feiern können. Diesen Frauengemeinschaften ist es ein Anliegen, die personbezogene, maskuline Orientierung der uns vertrauten Hochreligionen durch eine weiblich geprägte Naturreligiosität zu überwinden. Ein gutes Beispiel gelebter Toleranz ist es, daß Professoren des BTS, Frauen und Männer, sich keineswegs scheuen, mit solchen Gruppierungen in ein Gespräch zu treten und ihre Feiern mitzuerleben. Auch hier bedarf es der schützenden Hand der Präsidentin des Seminars, die sich von Erpressungsversuchen fundamentalistischer Geldgeber nicht abschrecken läßt, den toleranten und offenen Charakter ihrer Hochschule zu schützen. Toleranz ist, wenn die eigene Wahrheitsüberzeugung die Verurteilung des Dissidenten, des Andersgläubigen nicht braucht, kurz, tolerant ist eine religiöse Überzeugung dann, wenn sie auf die Verwendung des Begriffs Blasphemie zu verzichten vermag und umgekehrt: eine religiöse Überzeugung ist nur dann wahr, wenn Toleranz eines ihrer Wesenszüge ist.

5. Bilanz

Aufgrund der gemachten Erfahrungen in den Staaten erscheint es mir wert, über folgende Dinge nachzudenken:

1.) Der Syllabus, eine klare, präzise Selbstverpflichtung des Dozenten und eine ebenso klare Definition der zu erbringenden Leistungen der Studierenden. Das dies erst unmittelbar vor Semesterbeginn und nicht ein halbes oder ganzes Jahr im voraus möglich ist, ist klar.
2.) Das studienbegleitende credit point Verfahren ist für Lehrende und Studierende sicher eine bessere Leistungskontrolle.
3.) Aufhebung der anachronistischen konfessionellen Verdoppelung der theologischen Ausbildung. Die durch die Einführung des interkonfessionellen Unterrichts an Schulen und Hochschulen frei werdenden Ressourcen könnten dazu verwendet werden, auch auf theologischer Ebene die Konsequenz aus der gegenwärtigen Globalisierung zu ziehen, um durch kompetenten Unterricht die interkonfessionelle Struktur zu einer interreligiösen zu erweitern.
4.) Umstellung der personbezogenen Infrastruktur (Mitarbeiter, Hilfskräfte, Sekretärinnen) auf einen funktionsbezogenen Einsatz der Mitarbeiter.
5.) Obligatorische Einrichtung eines Netzanschlusses und einer Email Adresse für alle Studierenden und Lehrenden.
6.) Einführung des Englischen als gleichberechtigte Sprache in Unterricht, in Prüfungen, in der Forschung und in Publikationen. Hingegen erscheint mir die Einführung einer neuen Studiengangsstruktur als zweitrangige Angelegenheit, die weder größere Effektivität noch größere Internationalität bringen wird.
7.) Die Bedeutung des Netzes kann gerade für kleinere Hochschulen mit begrenztem Budget nicht hoch genug eingestuft werden, will sie im Bildungssystem konkurrenzfähig bleiben.
8.) Die Einwerbung von Drittmitteln sollte man Profis überlassen und nicht dilettantierenden Professoren.
9.) Die Evaluierung jeder Lehrveranstaltung durch die Studierenden als selbstverständliche Einrichtung (was natürlich einen angemessenen Umgang mit diesen Informationen voraussetzt).

Als negativ und als nicht nachahmenswert betrachte ich folgende Gegebenheiten:

1.) Die hohen Studiengebühren, auch wenn dadurch eine höhere Motivation bei Lehrenden und Lernenden erreicht werden mag.
2.) Lateinkenntnisse sind nicht vorhanden (Ausnahmen bestätigen die Regel).
3.) Die Kenntnisse von Fremdsprachen ist nur gering ausgebildet.

Bangor, 28. Dezember 2000

Eckehart Stöve