CAMPUS:REPORT - Beiträge

© Jürgen Gromotka

Ausgabe 1/2016 - Themenschwerpunkt: Alles in Bewegung

Sonntage mit Schwung

von Sabine Loh | 29.04.2016 | Report|C:R-1-2016

Rumtollen statt rumhängen – ein Projekt der Sport- und Bewegungswissenschaften holt Kinder vom Sofa in die Turnhalle. Von Sabine Loh (Text) und Jürgen Gromotka (Foto)

Ein wenig schüchtern guckt Isra sich um, als sie mit ihrer Mutter die Sporthalle der Grundschule Nordviertel in Essen betritt. Die Sechsjährige ist eines von etwa 60 Kindern, die an diesem Sonntag gerne zur Schule kommen. Noch lässt sie die Hand ihrer Mutter nicht los, setzt sich mit ihr auf eine lange Holzbank und beobachtet die herumtollenden Jungen und Mädchen. Direkt vor ihr klettern die Schwestern Merci und Janet auf Rollbretter, sie knien sich hin und fahren mit Schwung auf eine Mattenhöhle zu: „Los! Schneller, schneller!“, rufen sie und paddeln mit ihren Armen drauflos. Ihr fröhliches Glucksen vermischt sich mit lauten Pfiffen, die von der anderen Hallenseite herüberschallen. Am Basketballkorb probieren sich fünf Jungs aus. Sie reißen die Hände jubelnd in die Luft, als einer nach zahlreichen Versuchen endlich trifft.

Open Sunday

Es ist „Open Sunday“ – einer von zehn Sonntagen, an dem die Schule, wie zwei weitere in Essen, ihre Türen öffnet für das Projekt des Instituts für Sport- und Bewegungswissenschaften: „Wir bieten Kindern in schwächer strukturierten Stadtteilen an, ihren Sonntag nicht allein vor dem Fernseher, sondern in Bewegung mit anderen zu verbringen. Es ist ein offenes Treffen, das wir mit den Schulleitern und Klassenlehrern vor Ort planen“, so Professor Dr. Ulf Gebken, der das Projekt mit seiner Mitarbeiterin Sophie van de Sand leitet. „Wir ergänzen damit sinnvoll das Angebot des organisierten Sports – und fördern und integrieren zugleich. Die Mädchen und Jungen wählen frei, ob sie zum Beispiel lieber Basketball spielen oder auf einem Schwebebalken balancieren.“

Isra ist nach einigen Minuten auch nicht mehr zu halten. Sie zieht die Turnschuhe an, winkt kurz ihrer Mutter und geht zielstrebig auf eine der Bewegungsstationen zu. Sie hat sich entschieden, Fußball zu spielen. So wie ein Junge mit dunklen Locken und lautem Lachen. JC heißt er. „Meine Mama kommt aus der Demokratischen Republik Kongo und mein Papa aus dem Libanon“, erzählt er schnell. Dann wirft er den Ball zu Isra herüber und rennt weg – er hat das Trampolin entdeckt.

Direkt loslegen

Lehramtsstudentin Katharina Morsbach, eine der Coaches, nimmt JC sofort in die Gruppe auf. „Stell dich nur hinter den anderen an“, bittet sie – und lacht. „Wenn die Kinder hier sind, haben sie so viel Energie, dass wir sie manchmal bremsen müssen zu ihrer eigenen Sicherheit und die der anderen. Sie sind so motiviert, dass sie direkt loslegen wollen. Das ist toll.“

Isra kickt nun schon länger mit ein paar Jungs auf einem kleinen Fußballfeld. „Das hat sie noch nie aus­probiert“, erzählt ihre Mutter, Haifa Makhloufi. Sie ist dankbar, dass sie mit ihrer Tochter nur wenige Minuten bis zur Turnhalle gehen musste. „Ich habe keinen Führerschein. Für mich ist es wichtig, dass es so ein Angebot ganz in der Nähe gibt. Ich spreche hier mit Nachbarn aus dem Stadtteil, während meine Kleine testet, welcher Sport ihr Spaß macht.“

"Ich tanze"

Fußball hat Isras Herz heute jedenfalls nicht erobert. Sie schlendert zu einer großen Kiste, greift nach ein paar bunten Tüchern und dreht sich. „Ich tanze“, freut sie sich. Neben ihr klettert die neunjährige Ebru gerade eine Holzbank hoch, die an einer Sprossenwand lehnt. Dann schnappt sie sich ein dickes, von der Decke hängendes Seil und schwingt daran zurück. Isra staunt mit offenem Mund und sucht die Blicke ihrer Mutter, die ihr aufmunternd zunickt.

„Pause! Es gibt klein geschnittene Äpfel und Wasser für alle“, ruft Katharina Morsbach und bringt eine Schale Obst zu den Schüler/innen, die einen Kreis gebildet haben. Nach gut zwei Stunden wird es zum ersten Mal ruhig in der Halle.

Besonders für Kinder aus sozialen Brennpunkten

Professor Gebken ist begeistert: „Besonders Mädchen mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozialen Brennpunkten haben wir mit dem Open Sunday erreicht: Sie nehmen viel seltener an Veranstaltungen von Sportvereinen teil. Überhaupt tun das nur zwei Drittel aller Sechs- bis 12-Jährigen in NRW.“ Der 52-Jährige und Sophie van de Sand denken an das andere Drittel, dem oft fördernde Sozialkontakte fehlen: „Es ist erstaunlich, wie gut unser Angebot von den Familien angenommen wurde. Über 60 Schüler/innen sind durchschnittlich an einem Sonntag vorbeigekommen. Ein großer Erfolg!“

Noch eine halbe Stunde, dann endet der Open Sunday im Nordviertel. Isra kommt mit zwei neuen Freundinnen zu ihrer Mutter. Alle wünschen sich einen weiteren gemeinsamen Tag hier in der Halle. „Weil das Wetter besser wird, werden wir bald mit einem Sport- und Spielmobil an die Schulen gehen, sozusagen als Summer Open Sunday“, freut sich Sophie van de Sand. „ Natürlich wollen wir, dass sich das Projekt bundesweit, in vielen weiteren Städten, verbreitet.“ So beschwingt, wie sich Isra und all die anderen gerade auf den Heimweg machen, darf man zuversichtlich sein: Es wird gelingen.

640 Erst- bis Viertklässler

Seit letztem November gibt es das Projekt im strukturschwachen Essener Norden – und es ist ein Renner: Rund 640 Erst- bis Viertklässler haben bislang teilgenommen. Die Idee dazu hatte Professor Gebken. Mit umgesetzt hat den Open Sunday zudem das Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB). Ein wichtiger Partner sind die Schulen; sie sind die Schnittstelle zu den Familien, von denen viele einen Migrationshintergrund haben.

An den Sonntagen leiten erfahrene Studierende – alles angehende Sportlehrer/innen – die Kinder an; weil viele Coaches weiblich sind, können Mädchen besonders angesprochen werden. Finanziert wird das Projekt von der Anneliese Brost-Stiftung. Der Essener Sportbund und die Stadt unterstützen es.

Mehr unter:
www.uni-due.de/sport-und-bewegungswissenschaften