Ein wesentlicher Wissenserwerb findet in Lehrveranstaltungen statt. In Lehrveranstaltungen wie z.B. Vorlesungen und Seminaren wird Ihnen der Lehrstoff von einem Dozenten vorgetragen bzw. demonstriert.


Das Aufnehmen mündlicher Informationen verlangt von jedem geistige Anstrengung - und wird von vielen Studierenden oftmals unterschätzt.

Während Sie beim Lesen eines Fachbuches stets auf frühere Textteile zurückblättern können, hören Sie das gesprochene Wort in der Vorlesung meist nur einmal. Es gibt keine Wiederholung und kein Innehalten. Hinzu kommt, dass der Dozent schnell, langsam, leise oder nuschelig sprechen kann, dass der Informationsgehalt Sie über- oder unterfordert oder dass die Vorlesung gerade in Ihrem persönlichen Leistungstief liegt.

Aktives Zuhören und Zusehen, Mitdenken und Überdenken, Strukturieren des Gehörten und Gesehenen sowie Mitschreiben sind die wichtigsten Aufgaben für Studenten in Lehrveranstaltungen.


Aufgaben von Studierenden:

1. Zuhören/Zusehen
2. Mitdenken/Überdenken
3. Strukturieren des Gehörten/Gesehenen
4. Mitschreiben/Notieren
5. Selbststudium (Gruppenarbeit)
6. Selbstkontrolle

Aktive Mitarbeit ist - unabhängig von bestimmten Lernstrategien und Lerntechniken - seit Jahrzehnten eine der effektivsten Lernmethoden. Wenn Sie sich zielstrebig an den Lehrveranstaltungen beteiligen, prägen Sie sich allein durch Aufpassen, Mitdenken und Fragestellen bereits sehr viele Lehrinhalte ein. Ihre Nacharbeit wird dadurch erleichtert und erheblich verkürzt. Das Aktive Zuhören (Hören Sie auch wirklich zu?) unterscheidet sich dabei vom passiven Zuhören dadurch, dass Sie nur beim Aktiven Zuhören das Gehörte auch wirklich verstehen und so die Gedankengänge des Dozenten nachvollziehen können. Nur dann können Sie die wesentlichen Informationen erkennen. Mündliche Vorträge müssen richtig verarbeitet werden, wenn die Vorlesung nicht als "nutzlos vertane Zeit" abgehakt werden soll.

Mitschriften helfen Ihnen, das Gehörte zu sichern und sich später daran zu erinnern. Indem Sie die mündlichen Informationen schriftlich festhalten, nehmen Sie auf zwei Arten (Hören und Schreiben) wahr. Und wenn Sie etwas mit eigenen Worten formulieren, kontrollieren Sie damit gleichzeitig, ob Sie den Sachverhalt verstanden haben.


Mitschriften verbessern damit das Behalten von Informationen und reduzieren durch ihre Schriftlichkeit das Vergessen wichtiger Lerninhalte. Mitschriften sollten lesbar, vollständig, sachlich richtig, übersichtlich geordnet und griffbereit sein.

Mitschriften anzufertigen ist keine "fertige Technik", sondern eine Strategie, die jeweils individuell und situationsbezogen angewendet werden sollte. Zu der Mitschrift-Stategie gehört dabei nicht nur die eigentliche Mitschrift-Phase, sondern auch die Vorbereitung von Mitschriften sowie deren Überarbeitung.


Vorbereitung von Mitschriften

Nutzen Sie bei der Vorbereitung von Mitschriften den lernpsychologischen Grundsatz des Vorprogrammierten Lernens (VL bedeutet leichteres Lernen und besseres Behalten, weil Sie zu einem Thema Ihre Wissensreserven mobilisieren), in dem Sie bereits gut vorbereitet zu den Lehrveranstaltungen erscheinen:



  • Kommen Sie interessiert (ausgeschlafen, neugierig, offen für Neues).
  • Überlegen Sie bereits vor der Lehrveranstaltung, was Sie schon über das Thema wissen (oder schauen Sie kurz in Ihre Unterlagen von der letzten Stunde).
  • Setzen Sie sich in eine der vorderen Reihen, um ungestört dem Dozenten zuhören zu können.
  • Schauen Sie den Dozenten an.
  • Reden Sie nicht mit Ihrem Nachbarn.
  • Lassen Sie sich nicht ablenken.
  • Hören Sie kritisch zu und fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstehen.

 


Schriftliche Unterlagen

Sinnvoll ist es, für alle Mitschriften ein gleiches Ordnungsschema zu verwenden, z.B.:

  • Lose Blätter (DIN-A-4) für jedes Fach
  • Datumsangabe und Seitenzahl auf jedem Blatt
  • Beschriftung nur auf einer Seite
  • Entwurf eines persönlichen Musterblattes

Ein persönliches Musterblatt hilft Ihnen, Mitschriften effektiver zu erstellen. In der Fachliteratur werden unterschiedliche Beispiele gezeigt, die jedoch alle eine Dreiteilung des Mitschreibebogens beinhalten:

 

 

Abb.: Beispiel Mitschreibebogen (In: Metzger, 1998, 77)

 

 

Abb.: Beispiel einer Blattaufteilung (In: Frick, 1999, 13)

 

Wichtig ist, dass Sie auf dem persönlichen Musterblatt neben den eigentlichen Notizen noch Platz für Strukturierungshilfen wie Überschriften oder Schlagwörter und für eigene Anmerkungen oder Gedanken haben.

Der Vorteil loser, einseitig beschrifteter Musterblätter ist es, dass Sie diese Unterlagen bei der Überarbeitung bzw. später beim Lernen jederzeit durch Zusatzblätter oder neue Informationen wie interessante Artikel oder neue Erkenntnisse aus der Gruppenarbeit ergänzen können.

 

Mitschriften anfertigen

Richtiges Mitschreiben ist für Studierende genauso wichtig wie das Aktive Zuhören. Denn Ihre Mitschriften sind die Grundlage für Ihr Lernen und damit für den Erfolg Ihrer Prüfungen.


Halten Sie das Wesentliche in Ihren Mitschriften fest!

Manche Studenten denken, dass sie alles mitschreiben sollten, was in einer Lehrveranstaltung gesagt bzw. gezeigt wird und sind dann enttäuscht und demotiviert, wenn ihnen dies nicht gelingt (es sei denn, sie könnten fließend Stenographie schreiben). Zu viel Schreiben führt auch dazu, dass das Verfolgen der Lehrveranstaltung zu kurz kommt. Deshalb ist es sinnvoll, nur das wirklich Wichtige zu notieren. Allerdings ist es während der Lehrveranstaltung nicht immer einfach, gleichzeitig zuzuhören und zuzusehen, das Gehörte und Gesehene zu überdenken und zu strukturieren und dann auch noch das Wesentliche mitzuschreiben. Dennoch wird diese Leistung von Studierenden erwartet (und i.d.R. mit zunehmender Studienzeit und -erfahrung auch erbracht).


Zum Wesentlichen einer Lehrveranstaltung gehört i.d.R.:

  1. Thema
  2. Aufbau/Gliederung
    (Überschriften/Zusammenfassungen/Schlussfolgerungen/Fazit)
  3. Hauptaussagen jedes Abschnittes
  4. Erklärungen/Ursachen/Folgen der Hauptaussagen
  5. Wichtige Formeln/Zahlen/Daten/Fakten/Definitionen/Namen

Abkürzungen und Symbole verringern die Schreibarbeit. Allerdings sind sie nur dann nützlich, wenn sie möglichst immer verwendet (und verstanden) werden. Auf Ihrem persönlichen Musterblatt können Sie - neben den eigentlichen Fachnotizen - auch sehr schnell individuelle Abkürzungen und Fragen sowie persönliche Hinweise eintragen.


Mögliche Abkürzungen und Hinweise:

! = wichtig
? = unklar
D = Definition
B = Beispiel
F = Frage
Z = Zusammenfassung
P = Prüfungsrelevant

Die Verwendung von Musterblättern hilft Ihnen so "Zeit zu sparen" und ermöglicht Ihnen dadurch ein intensiveres Zuhören und Aufnehmen der Lerninhalte.

 

Überarbeitung von Mitschriften

Die Mitschrift reicht für das spätere Lernen meist nicht aus, weil oftmals Lücken, Fragen oder Unklarheiten bestehen. Das Beste wäre es, wenn Sie Ihre Mitschrift gleich nach der Lehrveranstaltung mit den Notizen von Kommilitonen vergleichen und besprechen könnten. Durch eine solche Gruppenarbeit würden nicht nur Ihre Unterlagen vervollständigt und ergänzt, sondern auch die Lerninhalte wiederholt und aus anderen Blickwinkeln reflektiert.

Oft ist jedoch aus Zeitgründen (evtl. auch aus Motivationsgründen?) eine Diskussion mit anderen über den Stoff gleich nach der Vorlesung nicht möglich und muss auf die eigentliche Prüfungsvorbereitungszeit verschoben werden. Dennoch sollten Sie Ihre Mitschrift innerhalb von 24 Stunden nach der Vorlesung durcharbeiten, weil Sie diese dann noch so frisch in Gedächtnis haben, dass Sie sie rückblickend beurteilen und reflektieren können und auch noch den Zusammenhang Ihrer Notizen verstehen. Bei der Überarbeitung ist i.d.R. keine "Reinschrift" notwendig, sondern die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Stoff. Überarbeiten Sie Ihre Mitschrift, indem Sie mit Hilfe bestimmter Überarbeitungstechniken und -schritte die Notizen ordnen, strukturieren und evtl. ergänzen. Reicht der Platz auf Ihrem Musterblatt dafür nicht aus, fügen Sie einfach ein weiteres Zusatzblatt ein, das Sie mit der jeweiligen Seitenzahl und mit einem a) bzw. b) kennzeichnen können.


Gehen Sie bei der Überarbeitung folgendermaßen vor:

  • Lesen Sie Ihre Notizen durch.
  • Erstellen Sie eine klare, logische Gliederung, indem Sie Überschriften und Zwischentitel einfügen und die Haupt- und Unterpunkte hierarchisch nummerieren.
  • Schreiben Sie diese Gliederungspunkte auf den Seitenrand (evtl. entsprechend der Hierarchiestufen in unterschiedlichen Farben).
  • Unterstreichen Sie (z.B. mit farbigen Stiften) wichtige Aussagen im Text oder rahmen Sie diese ein.
  • Schreiben Sie wichtige Schlag-, Stich- und Schlüsselwörter an den Rand.
  • Benutzen Sie Ihr persönliches Markierungssystem (wie Ausrufezeichen, Fragezeichen, Farbmarkierungen).
  • Streichen Sie unwichtige Teile.
  • Formulieren Sie eigene Sätze für die Hauptaussagen eines Kapitels (evtl. auf einem Zusatzblatt).
  • Notieren Sie Anregungen, Beispiele, weiterführende Literatur (am Seitenrand).
  • Erstellen Sie eine kurze (2-3 Sätze) Inhaltsangabe der Lehrveranstaltung (Zusatzblatt).
  • Visualisieren Sie die Lehrveranstaltung, z.B. mit Mind Mapping (Zusatzblatt).

Lesen Sie sich zum Schluss Ihre überarbeitete Mitschrift nochmals durch und kontrollieren Sie, ob Sie anhand der Gliederungs- und Schlagwortspalte die Veranstaltung gedanklich nachvollziehen können. Wenn Sie danach auch noch die Gliederungs- und Schlagworte frei wiederholen können oder sogar ein Mind Map der Lehrveranstaltung erstellen können, haben Sie die Lerninhalte bereits fest im Gedächtnis verankert und werden sie später bei den Prüfungsvorbereitungen sehr viel leichter reproduzieren können.

Wenn Sie bei jeder Lehrveranstaltung konsequent mitschreiben und Ihre Notizen mit den o.g. Überarbeitungstechniken wiederholen, dann haben Sie am Semesterende ein vollständiges Manuskript, das Ihnen beim Selbststudium und bei der Gruppenarbeit sicherlich sehr helfen wird.