Lesen bedeutet, etwas Geschriebenes geistig aufzunehmen. Buchstaben, Worte und Sätze müssen verstanden und mit einem Sinn versehen werden.

Rund 85% des Wissens eignen sich Menschen durch Lesen an - trotz audiovisueller Medien und neuer Technologien. Das gezielte Lesen von Fachliteratur wird selten geübt, aber dennoch in einer Hochschule vorausgesetzt. Studierendes Lesen unterscheidet sich dabei vom "normalen Lesen" durch seine Zielsetzung: Wer liest, um sich zu unterhalten oder zu entspannen, kann ein Buch ohne Vorbereitung und ohne große geistige Anstrengung oftmals in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Bei Fachbüchern ist dies anders: Bei Fachbüchern müssen zahlreiche, oft unbekannte Informationen erfasst, verarbeitet und in größere Zusammenhänge eingeordnet werden. Bei Fachbüchern wissen Sie zunächst nicht, ob der Text Ihrer Zielsetzung entspricht, welche Anforderungen er an Ihr Vorwissen stellt und ob er für Sie schwierig oder verständlich ist.

Das Besondere des Studierenden Lesens ist die zielbezogene Auseinandersetzung mit einem Text und die Aktivierung des eigenen Vorwissens. Das Studierende Lesen unterscheidet sich vom orientierenden Lesen (schneller Überblick ohne große Tiefe), dem selektiven Lesen (auswählendes Lesen z.B. in Nachschlagewerken) und dem vergleichenden Lesen (Lesen ausgewählter Kapitel verschiedener Bücher) dadurch, dass bei ihm ein mehrmaliges und systematisches Lesen eines Textes notwendig ist, um sich ein bestimmtes Wissen anzueignen.


Beim Studierenden Lesen bearbeiten Sie zielbezogen, aktiv und intensiv einen Text, um

  • wesentliche Aussagen zu erkennen
  • diese Aussagen auch richtig zu verstehen
  • diese Aussagen behalten und wiederholen zu können

Beim Studierenden Lesen sollen Sie die Struktur des Textes erfassen und die Informationen auf ihre Bedeutung und Plausibilität hin überprüfen. Die Inhalte müssen mit dem eigenen Wissen verknüpft und in die richtigen Zusammenhänge eingeordnet werden, um neue Erkenntnisse gewinnen zu können.

Für das Studierende Lesen wird eine Lesemethode empfohlen, die der amerikanische Pädagoge F. Robinson 1961 entwickelt hat. Nach den Anfangsbuchstaben seiner Bearbeitungsschritte wird diese Art des Lesens auch SQ3R-Methode genannt.


SQ3R-Methode:

S (Survey) = Orientierung, Überblick

Q (Question) = Fragen stellen

R (Read) = Lesen

R (Recite) = Rekapitulieren

R (Review) = Wiederholen

 

 

 

Abb.: SQ3R-Methode

 

Gewinnen Sie zunächst einen Überblick ...........

über die Lernlektüre. Formulieren Sie Ihre persönlichen Ziele an den Text (Welches Ziel habe ich? Was soll/muss ich über das Thema wissen?).

Versuchen Sie dann die Intention des Textes zu erkennen, indem Sie die Motive, Absichten und Interessen des Verfassers zu erkunden suchen (z.B. in Vor-/Nachworten, in der Einleitung, dem Klappentext).

Inhalt, Aufbau und die Gedankenfolge erkennen Sie durch einen Blick ins Inhaltsverzeichnis sowie durch Kapitel- und Zwischenüberschriften. Anhand textlich markierter bzw. hervorgehobener Merksätze und Zusammenfassungen sowie graphischer Übersichten können Sie entscheiden, ob und wie Sie den Text bearbeiten wollen (z.B. Randbemerkungen, Markierungen).

Achten Sie auf fett oder kursiv Gedrucktes sowie auf Nummerierungen, Aufgaben und ihre Lösungen.

Der gewonnene Überblick gibt Ihnen eine erste Orientierung und mindert zugleich auch die Angst vor dem neuen Lernstoff. Denn vermutlich werden Sie bei dieser ersten Durchsicht auch einige bekannte Lerninhalte entdecken.

Stellen Sie Fragen an den Text ..........

bevor Sie mit dem Lesen beginnen. Aufgrund der Lerninhalte, die Sie beim ersten Durchsehen entdeckt haben, stellen Sie nun schriftliche (!) Fragen an den Text. Mit diesem Arbeitsschritt kommen Sie aus einer passiven Konsum-Haltung heraus und bestimmen Ihre Lesetätigkeit aktiv mit. Denn Fragen wecken die Neugier, aktivieren Ihr Vorwissen, ermöglichen ein aktives, zielgerichtetes Lernen und stellen einen Bezugsrahmen bzw. einen Gesamtzusammenhang her.

Am einfachsten finden Sie Fragen, indem Sie die Titel und Untertitel oder den ersten Satz eines Abschnittes in Fragen umformulieren. Lassen Sie sich dabei von Ihrem Interesse und Ihrer Phantasie leiten.


Typische Fragen sind z.B.:

  • Weshalb lese ich das? Was will ich erfahren? Worauf suche ich eine Antwort?
  • Was beabsichtigt der Verfasser?
  • Was habe ich schon über das Thema gelesen? Was weiß ich schon darüber?
  • Was steht im Mittelpunkt? Was sind die Kernaussagen?
  • Welche zentralen Begriffe enthält der Text? Gibt es wichtige Definitionen? Welche Schlagwörter sind vorhanden?
  • Zu welchen Vorkenntnissen lässt sich der Inhalt in Verbindung setzen?

Lesen Sie ........

indem Sie sich auf die Suche nach Antworten auf die selbstgestellten Fragen begeben. Wählen Sie ein angemessenes Lesetempo. Das Lesetempo hängt dabei nicht nur vom Schwierigkeitsgrad der Lektüre ab, sondern z.B. auch von Ihren Zielen: Interessiert Sie nur das Wesentliche oder wollen Sie viele Einzelheiten kennen lernen? Haben Sie bereits (viel) Vorwissen oder handelt es sich um ein völlig neues Fachgebiet?


Lesen Sie in Etappen: Lesen - Nachdenken - Wiederholen - Lesen - Textbearbeitung. Lesen Sie verstehend: Denken Sie beim Lesen wirklich mit. Kontrollieren Sie, ob Sie das, was Sie lesen, auch wirklich verstehen. Machen Sie sich eigene Gedanken zu dem Text. Bearbeiten Sie den Text erst dann, wenn Sie mindestens einen Abschnitt gelesen und das Wesentliche erkannt und verstanden haben.

Nehmen Sie nun bewusst den lesenden Text auf, indem Sie Wesentliches markieren, eigene Hinweise notieren, den Text strukturieren, von wichtigen Aussagen Exzerpte anfertigen oder selbstformulierte Antworten auf Ihre Fragen niederschreiben (vgl. Text-Bearbeitung). Klären Sie unbekannte Fremdworte (Lexikon, Duden, andere Fachbücher) und unklare Gedankengänge.


Ordnen Sie durch ein strukturiertes Vorgehen die zahlreichen Einzelinformationen, um Zusammenhänge besser sehen und begreifen zu können: Ordnen Sie dabei zuerst die Einzelinformationen aufgrund von Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten in ein sinnvolles Gefüge ein, weisen Sie dann zweitens diesem Gefüge einen übergreifenden Begriff zu und wählen Sie drittens für mehrere einander ähnliche Gefüge wiederum Oberbegriffe.

Dieses strukturierte Vorgehen bietet die Möglichkeit, die Zahl der Einzelinformationen zu ordnen und damit zu reduzieren. Die übergeordneten Strukturierungsmerkmale wie Gliederungen, Ober- und Unterbegriffe sowie die Beziehungen zwischen ihnen können dann (z.B. mit Hilfe visueller Textbearbeitungs-Methoden wie Mind Mapping) gelernt und als Wiederholungshilfe genutzt werden, um bei Bedarf das gespeicherte Wissen wieder abzurufen. Das Strukturieren hilft Ihnen, die wesentlichen Inhalte schneller zu lernen, leichter zu reproduzieren und länger zu behalten.

Kontrollieren Sie den Lernerfolg .........

indem Sie Ihre Schlagwörter und Fragen am Rande des Textes überfliegen und dazu die entsprechenden Kernaussagen und Antworten formulieren.

Halten Sie in Gedanken einen Rückblick auf das Gelesene und vergegenwärtigen Sie sich dessen Strukturierungen und Schlagwörter.

Legen Sie danach den Lernstoff bzw. die verschiedenen Lern-Teile zur Seite und sprechen Sie die wichtigen Hauptaussagen sowie die Antworten auf Ihre selbstformulierten Fragen frei und mit eigenen Worten (laut) aus oder halten Sie diese schriftlich fest bzw. visualisieren Sie sie. Stehen am Ende eines Kapitels Aufgaben bzw. Fragen, dann bearbeiten Sie diese bzw. beantworten Sie sie. Beachten Sie hierbei, dass manche Fragen sich nur auf das Gelesene beziehen, während andere auch weiterführende Gedanken verlangen (z.B. Beurteilungen, Anwendungen).


Denken Sie daran, dass Sie bei diesem vierten Schritt Wichtiges von Unwichtigem trennen, die Lerninhalte kritisch überdenken und Wesentliches bewusst aufnehmen und im Gedächtnis verankern.

Wiederholen Sie die wichtigen Inhalte des gelesenen Textes ........

in regelmäßigen Abständen, um sie nicht zu vergessen. Die zusammenfassende Wiederholung ist der letzte Schritt, mit dem Sie das Wesentliche in Ihrem Gedächtnis sichern. Nutzen Sie bei dieser Lern-Wiederholung die vier o.g. Schritte: Überblick gewinnen, Fragen stellen, Lesen, Lernkontrolle.


Die einzelnen Abschnitt- oder Kapitelergebnisse werden nun zu einem Ganzen zusammengefasst, indem Sie Antworten auf übergeordnete Fragen zum Gesamtzusammenhang formulieren.

Erzählen Sie dann sich (besser noch: einem Freund) ausführlich das Wesentliche der Lektüre. Beschreiben Sie dabei komplexe oder abstrakte Sachverhalte möglichst anschaulich und mit Beispielen. Beim Erzählen (und durch die Fragen des Freundes) merken Sie, wenn Sie etwas noch nicht richtig verstanden haben.

Je nach Lerntyp ist es oftmals auch sehr hilfreich, eigene Texte zu erstellen bzw. etwas zu zeichnen. Auch das Anfertigen eines Spickzettels kann manchmal durchaus nützlich sein (auch wenn Sie ihn in der Prüfung nicht benutzen). Vertiefen Sie das Gelesene, indem Sie sich weiterführende Gedanken machen (schriftlich festhalten) oder aktuelle Ereignisse als Beispiele integrieren.

 

Die SQ3R-Methode wird Ihnen auf den ersten Blick sicherlich etwas schwierig und aufwendig vorkommen - für spätere Prüfungen und Klausuren ist die Methode jedoch äußerst hilfreich, weil mit ihr bereits beim Lesen der spätere Prüfungsstoff übersichtlich und schnell nachvollziehbar aufbereitet wird.