Erzählzeit und erzählte Zeit


Analog zu den Strukturebenen 'histoire' und 'discours', die jeden narrativen Text konstituieren, kann man auch von einer 'doppelten' Zeit der Erzählung sprechen. Schon der "Praktiker" Thomas Mann stellte in dem Roman Der Zauberberg (1924) solche Beobachtungen an: "Die Erzählung", so konstatierte er, "hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich aber auch sternenweit von ihr entfernen kann." (Mann, S. 570) (vgl. Romantheorie im Roman)

Den Unterschied zwischen "musikalisch-realer" Zeit der Erzählung und Zeit "ihres Inhalts" hat aus literaturwissenschaftlicher Sicht erstmals Günther Müller (1946) genauer bestimmt. Seine entsprechenden Begriffe, nämlich 'Erzählzeit' und 'erzählte Zeit', haben in der Folge - nicht zuletzt durch seinen Schüler Eberhard Lämmert - große Verbreitung innerhalb der deutschsprachigen und internationalen Erzählforschung gefunden. 'Erzählte Zeit' meint dabei die Zeit, die in der Geschichte selbst, also auf der Ebene der 'histoire' vergeht (die Zeit des 'Inhalts'). Sie kann in der Regel durch fiktionsinterne Datierungen bestimmt werden.

Beispielsweise vergehen in der biblischen Schöpfungsgeschichte (1. Buch Mose) 6 Tage zur Erschaffung von "Himmel und Erde und ihrem ganzen Heer" und ein siebenter Tag, an dem Gott ruht. Die 'Erzählzeit' hingegen meint die Spanne, die von der sprachlichen Realisierung, der Lektüre, erfüllt wird. Sie ist also eng verbunden mit der Ebene des 'discours'; bei der Schöpfungsgeschichte könnte man eine 'Erzählzeit' von 3 bis 5 Minuten festlegen. Da aber die individuellen Lesegeschwindigkeiten zu stark voneinander abweichen, ist es sinnvoll, diese Kategorie an der räumlichen Ausdehnung des Textes (also Seiten oder Zeilen) zu messen. Damit stehen einer 'erzählten Zeit' von 7 Tagen in diesem Beispiel eine 'Erzählzeit' von ca. 125 Zeilen gegenüber. Das Verhältnis dieser beiden Größen bezeichnet man als 'Erzählgeschwindigkeit' oder 'Erzähltempo'.

Nun ist ersichtlich, daß diese Zahlen allein noch wenig Aufschluß über den Charakter einer Erzählung geben können. Interessant wird das Verhältnis 'Erzählzeit / erzählte Zeit' vor allem dann, wenn man unterschiedliche Texte oder verschiedene Partien eines längeren Textes (einer Erzählung oder eines Romans) miteinander in Beziehung setzt. So kann eine Erzählung beispielsweise auf 5 Seiten die gesamte Kindheit und Jugend einer Figur (ca. 20 Jahre) abhandelt, um sich dann auf 100 Seiten einem einzigen Jahr aus ihrem Leben zu widmen. Hier stehen sich verschiedene 'Erzählgeschwindigkeiten' gegenüber, die den 'Rhythmus' der Erzählung wesentlich bestimmen. Man könnte sagen, daß die Erzählung auf den ersten 5 Seiten sehr 'schnell' beginnt und dann auf den folgenden 100 Seiten wesentlich 'langsamer' wird. Solche 'Rhythmuswechsel' sind der Regelfall einer jeden Erzählung. Beim Lesen bemerkt man sie meist nur intuitiv, doch mit dem Verhältnis 'Erzählzeit / erzählte Zeit' kann man sie genauer bestimmen und ihre Funktionen erklären.

Die Tatsache, daß das Verhältnis von 'Erzählzeit' und 'erzählter Zeit' sehr stark variieren kann - von ihrem Zusammenfallen bis hin zur "sternenweiten Entfernung", wie Thomas Mann sagt - hat Eberhard Lämmert zum Ausgangspunkt genommen, um die unterschiedlichen Formen der Zeitraffung genauer zu untersuchen.

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Thomas Mann: Der Zauberberg, Frankfurt/M. 1986.

Sekundärliteratur:

  1. E. Lämmert: Bauformen des Erzählens, Stuttgart 1967.
  2. G. Müller: Morphologische Poetik. Gesammelte Aufsätze, Darmstadt 1968.
  3. J. Vogt: Aspekte erzählender Prosa, 8. Aufl., Opladen 1998, Kap. 1.