Hermann Bote:
Till Eulenspiegel
(um 1510)


Die Geschichten vom merkwürdigen Lebenslauf und den grotesken Abenteuern des Till Eulenspiegel gehören - wie etwa auch die Lebensgeschichte des Magiers Doktor Faust - zu den literarischen Stoffen aus dem 16. Jahrhundert, die bis heute vital und in breiten Bevölkerungsschichten bekannt geblieben sind. Sie werden häufig unter dem Sammelbegriff Volksbücher gefasst.

Anders als beim anonymen Faust-Buch ist der Verfasser des Schwankromans Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel inzwischen bekannt. Hermann Bote war Chronist in Braunschweig und ein bekannter historischer Autor. Als Verfasser des Eulenspiegel hat er sich jedoch nur in verschlüsselter Form zu erkennen gegeben. Verfasst wurde das Werk in niederdeutscher Sprache, die ersten, unvollständig erhaltenen Drucke (1510/11) sind bereits hochdeutsche "Übersetzungen". Heute wird der vollständige Straßburger Druck von 1515 mit 95 Geschichten und 87 Holzschnitten zugrunde gelegt.

Erzählerische Grundform ist der Schwank, als dessen Handlungsträger hier der Narr Till Eulenspiegel fungiert; indem die Reihung der einzelnen Schwänke seinem Lebenslauf von der Geburt bis zum Begräbnis folgt, entsteht ein Schwankzyklus oder Schwankroman, den man durchaus als strukturelle Vorform des späteren Romans mit biographischem Grundmuster verstehen kann. Jeder Schwank ("Streich") schildert eine drastisch-groteske Begebenheit, sehr oft eine Konfliktsituation, die durch List und Übertölpelung des vermeintlich Stärkeren aufgelöst wird. Der Narr, aus der spätmittelalterlichen Tradition bekannt, ist die soziale Rand- oder Außenseiterfigur, die solche Streiche ausführt und damit nicht nur den Gegner austrickst, sondern auch die Strukturen, Konventionen und Lügen der bestehenden Gesellschaftsordnung aufdeckt und im Medium des Gelächters und der Schadenfreude einer scharfen, aber nicht ausgesprochenen Kritik ausliefert.

Der Lebenslauf Eulenspiegels vollzieht sich als eine Abenteuer-Reise durch das damalige Deutschland und Europa, wobei er mit allen sozialen Ständen, vom Königshof bis zu den Bettlern der Landstraße, konfrontiert wird und so einen Aufriss der frühneuzeitlichen Gesellschaft liefert, die sich auf vorher nicht gekannte Weise ausdifferenziert.

Als Narrenfigur ist Eulenspiegel in sich widersprüchlich oder zumindest vielseitig: einerseits infantil, auf den Körper und seine (Ausscheidungs-)Funktionen fixiert, lachlustig, schadenfroh und obszön; andererseits rational kalkulierend, auf seinen Vorteil bedacht, mitleidlos und betrügerisch. Er repräsentiert also, sehr pauschal gesprochen, eine vorbürgerliche und eine bürgerliche Seite oder Mentalitätskomponente, wie es seinem zivilisationsgeschichtlichen Ort zwischen spätem Mittelalter und früher Neuzeit entspricht.

Der Eulenspiegel-Stoff ist in zahllosen Bearbeitungen, besonders auch für Kinder und Jugendliche überliefert worden und hat dann vor allem im 20. Jahrhundert wichtige Neubearbeitungen erfahren. Unter anderen haben sich Gerhart Hauptmann, Erich Kästner, Bertolt Brecht sowie Gerhard und Christa Wolf an Aktualisierungen des ein halbes Jahrtausend alten Stoffes versucht.

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Ein kurtzweilig Lesen von Dill Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515. Hg. V. Wolfgang Lindow, Stuttgart 1978.

 Sekundärliteratur:

  1. W. Wunderlich: "Till Eulenspiegel", München 1984.