Memoiren

frz. mémoires: Erinnerungen, Denkwürdigkeiten, von lat. memoria: Gedächtnis

Als Memoiren bezeichnen wir eine Sonderform der Autobiographie, welche nicht so sehr den inneren Bildungsprozess, die 'Identitätsfindung' des Verfassers nachzeichnet, sondern von dessen beruflicher (also von 'Rollenzwängen' bestimmter) und in den meisten Fällen öffentlich bedeutsame Tätigkeit im Erwachsenenalter - etwa als Politiker, Wissenschaftler oder Künstler. Diesen terminologischen und strukturellen Unterschied hat vor allem Bernd Neumann in seiner Studie Identität und Rollenzwang herausgearbeitet (man muss natürlich auch mit Mischformen und Varianten rechnen). Charakteristisch für die Memoiren ist der chronologisch zusammenhängenden Bericht und die rückschauende Perspektive auf historische Ereignisse und wichtige oder interessante Zeitgenossen. (Das unterscheidet sie von den literarischen Gebrauchsformen des Briefs und des Tagebuchs, die ähnliche Funktionen haben.)

Im besten Falle werden solche Memoiren zum Epochengemälde, zu einer seriösen, betont subjektiven Form der Geschichtsschreibung (auf Grund 'teilnehmender Beobachtung', wie die heutigen Soziologen sagen würden); für die professionellen Historiker ist ihr Material- und Quellenwert oftmals beträchtlich. Im problematischeren Falle wird (gerade in der gegenwärtigen Mediengesellschaft) die außerliterarisch begründete Popularität des Verfassers/ der Verfasserin kommerziell und sensationsgierig ausgeschlachtet, wobei auf wunderbare Weise (bzw. mit Hilfe eines ghostwriters) auch Fussballspieler und Showsternchen zu Autoren von Bestseller-"Memoiren" werden.

Eine erste Blüte der Memoiren-Literatur entwickelt sich in den am weitesten entwickelten europäischen Nationalstaaten Frankreich und England im 17. Jahrhundert. Oft sind es Angehörige des Hochadels, die als genaue und kritische Beobachter des politischen Machtkampfs und der höfischen Intrigen aufschlussreiche Epochenbilder zeichnen. Die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, verfasst 1694-1752, gelten wegen der Brillanz ihrer Szenenschilderungen und Porträts bis heute als ein Hauptwerk der französischen Literatur. Eine vergleichbar niveauvolle und breite Memoirenliteratur kennt das England dieser Zeit.

Unvergleichlich und reizvoll bis heute, wegen der kulturhistorischen Fülle, dem darstellerischen Witz, und sicher auch wegen der Verschränkung von öffentlichen und sehr intimen Aspekten ist die Geschichte meines Lebens, die der italienische Abenteurer Giacomo Casanova in den Jahren nach 1790 französisch verfasste. Die Ungleichzeitigkeit der deutschen Entwicklung zeigt sich exemplarisch darin, dass auch König Friedrich II. ("der Große") von Preußen seine Lebenserinnerungen in französischer Sprache verfasst.

Eine breite und niveauvolle Memoirenliteratur, zumeist unter der Genrebezeichnung 'Denkwürdigkeiten', findet sich im deutschen Sprachraum erst im 19. Jahrhundert. Ein kulturhistorisch wie literarisch herausragendes frühes Beispiel sind die Denkwürdigkeiten des Historikers, Kritikers und Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense (9 Bde. 1837-1859; daneben 14 Bde. Tagebücher); als 'Höhepunkt der deutschen Memoirenliteratur' sehen manche Literaturhistoriker die Gedanken und Erinnerungen des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1898), welche die neue deutsche Machtposition nach 1870 dokumentieren und durchaus kritisch reflektieren.

Auch im 20. Jahrhundert haben maßgebliche Politiker ihre Erfahrungen und Leistungen in Memoirenform festgehalten, so etwa Sir Winston Churchill (der für seine sechsbändigen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg 1953 sogar den Nobelpreis für Literatur erhielt), Charles de Gaulle oder Konrad Adenauer. Neben den Memoiren von Politikern nehmen im 20. Jahrhundert, in Deutschland wie international, Erinnerungen von Künstlern und anderen Figuren des öffentlichen Interesses, zumindest quantitativ einen immer breiteren Raum ein.

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Sekundärliteratur:

  1. B. Neumann: Identität und Rollenzwang. Zur Theorie der Autobiographie, Frankfurt/M. 1970.