Zum aktuellen Forschungsstand des fötalen Alkoholsyndroms

Annika Drozella


4. Umwelt eines Menschen mit FAS/FAE

Die Entwicklung eines Kindes mit FAS/FAE hängt nicht nur:

  1. vom Ausmass der toxischen Schädigung durch den Alkohol
  2. von begleitenden Fehlbildungen oder
  3. von erblichen Faktoren
  4. sondern ganz besonders auch

  5. von den sozialen Umfeldbedingungen ab (Löser 1991, (b) 8).

Das Aufwachsen bei einer alkoholsüchtigen Mutter, kann z.B. die emotionale und intellektuelle Entwicklung der betroffenen Kinder noch zusätzlich negativ beeinflussen (Muntau 1990, 26). Während leichter betroffene Kinder in einer interessierten und auf Förderung bedachten Familie einen positiveren Entwicklungsverlauf zeigen können (Löser 1987 (c), 614).

 

Es muss also unterschieden werden, ob das Verhalten (s. Kapitel 3.3 + 3.8), z.B. die "Hyperaktivität", eines Kindes wirklich nur durch den vorgeburtlichen Alkoholkonsum zu erklären ist, oder ob diese primäre Schädigung durch soziale Deprivation überlagert wird. Bei sozialer Deprivation zeigt ein Kind ähnliche Verhaltensweisen wie ein Kind mit FAS/FAE (Neuhäuser ?, 70 ).

Diese Differenzierung kann auch bei der Entscheidung nach dem für das Kind beste Zuhause helfen, wenn eine derartige Entscheidung getroffen werden muss. Doch die meisten Kinder mitFAS/FAE, die in den Herkunftsfamilien leben, werden nicht erkannt, wenn sie nicht übermässig auffallend sind (Löser 1995, 9).

 

 

4.1 Die Herkunftsfamilie

In der mir vorliegenden Literatur über Alkoholismus und Familie wird davon ausgegangen, dass der Mann der Alkoholkranke ist, während die Frau die Co-Abhängige ist. Diese Arbeit behandelt die Folgen des mütterlichen Alkoholismusses, deshalb wird hier von der Süchtigen und dem Co-Abhängigem geschrieben. In diesem Kapitel werden die Folgen von Alkoholismus in der Familie für alle Kinder, also für von FAS/FAE betroffene und nicht betroffene, beschrieben.

 

Eine Familie, in der ein oder mehrere Mitglieder alkoholkrank sind, ist eine "schwer gestörte Familie" (Bertling 1993 (b), 53), d.h. das gesamte soziale System dieser Familie ist betroffen. Die Kommunikation innerhalb der Familie aber auch mit der Umwelt ist gestört, die Familienatmosphäre ist gespannt und das Verhalten der Eltern ist für die Kinder nicht berechenbar, bzw. ambivalent (Bertling 1993 (b), 54).

 

Die Kinder in einer Familie mit Alkoholismus werden auf verschiedene Weise von ihren Eltern beeinflusst (vonGontard 1990, 88; Steinhausen 1993, 208). Die teratogene Wirkung des mütterlichen Alkoholkonsums ist im oberen Teil der Arbeit (s. Kapitel 2.3 - 2.4) ausführlich beschrieben worden, auch die genetische Disposition eine Sucht zu entwickeln wurde erwähnt (s. in Kapitel 3.5). Im folgenden soll kurz auf die psychosozialen Faktoren innerhalb einer alkoholkranken Familie eingegangen werden.

 

 

 

toxische genetische familiäre/psychosoz.

Faktoren

 

 


Protektive Faktoren

 

(Abbildung nach Gontard 1990, selber verändert)

 

Die Alkoholikerfamilie besteht aus der Abhängigen und den Co-Abhängigen, den übrigen Familienmitgliedern. Diese Rollen sind fest verinnerlicht und jeder versucht den anderen nicht "aus seiner Rolle fallen zu lassen" (Bertling 1993 (b), 59). Die Suchtkranke in der Familie leidet an einer chronischen Vergiftung durch das Rauschmittel, die ihre Wahrnehmung und ihr Bewusstsein verändert, und die zum Abbruch oder zur Veränderung der "nüchternen Beziehungen", führt (Salloch-Vogel 1987, 14).

Die Co-Abhängigen in der Familie versuchen alles, um die Alkoholsucht nicht öffentlich werden zu lassen (Bertling 1993 (b), 59). Sie entschuldigen das Verhalten der Süchtigen und versuchen ihr Probleme aus dem Weg zu räumen. Die eigenen Bedürfnisse des Co-Abhängigen werden zurückgestellt, alles in der Familie dreht sich um die Suchtkranke (Bertling 1993 (b), 59).

Für die Kinder in Familien mit Alkoholkrankheit treten zahlreiche Belastungskriterien auf:

(Liste nach Schwoon in Brakhoff 1993 (b), 60; in Arenz-Greivinger 1994, 37)

 

Die familiären Probleme werden nach außen hin geleugnet (vonGontard 1990, 93). Das Kind darf nicht über die familiären Probleme sprechen, auch innerhalb der Familie findet kein Austausch darüber statt (Bertling 1993 (b), 63).

Der nicht-alkoholkranke Partner versucht häufig sich mit dem Kind gegenüber der Kranken zu verbünden (vonGontard 1990, Bertling 1993 (b), 70), was zu Loyalitätskonflikten führen kann. Das Kind weiß dann nicht mehr, zu welchem Elternteil es bei Konflikten halten soll. Auch sind die Gefühle zu dem einzelnen Elternteilen sehr unterschiedlich. Einerseits liebt das Kind die alkoholkranke Mutter, andererseits macht deren unberechenbares Verhalten ihm Angst, es kann die Mutter sogar für ihre Sucht hassen, andererseits sind auch die Gefühle zu dem co-abhängigen Vater gespalten (Bertling 1993 (b), 68).

 

Die oben beschriebenen Belastungen haben Folgen für die Kinder:

 

Die Kinder in einer Familie mit Alkoholismus versuchen immer wieder das gefährdete Familiengleichgewicht zu erhalten (Brakhoff 1987, 73; Arenz-Greiving 1994, 39). Um diese bewerkstelligen zu können übernehmen sie unbewusst feste Rollen innerhalb der Familie, z.B. die Rolle des Helden, die des schwarzen Schafes, die des stillen Kindes oder die Rolle des Clowns. In einer großen Familie sind die Rollen manchmal doppelt besetzt, während in einer kleineren Familie ein Kind auch mehrere Rollen übernehmen kann (Brakhoff 1987, 74-77; Arenz-Greivinger 1994, 39-40). "Diese Rollen überfordern ständig ihre eigene, sich gerade entwickelnde Persönlichkeit" (Arenz-Greiving 1994, 39).

 

Viele der Schwierigkeiten dauern bis ins Erwachsenenalter an. Viele Nachkommen aus Familien mit Alkoholismus erreichen keinen Schulabschluss, haben eine schlechtere Ausbildung, haben Verhaltensprobleme, einen häufigeren Arbeitsplatzwechsel und Partnerschaftsprobleme. Es besteht auch ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder Ängste, es können auch ein niedriges Selbstwertgefühl oder Ohnmachtgefühle auftreten (vonGontard 1990, 93).

 

Doch nicht alle Kinder von alkoholkranken Eltern zeigen eine ungünstige Entwicklung. Die Entwicklung des Kindes kann durch internale und externale protektive Faktoren positiv beeinflusst werden (vonGontard 1990, 92).

Unter internalen protektiven Faktoren ist z.B. ein Temperament, das positive Aufmerksamkeit hervorruft, zu verstehen. Auch eine durchschnittliche Intelligenz und eine ausreichende Kommunikationsfähigkeit im Lesen und Schreiben kann dem Kind helfen, ebenso, wenn es eine innere Leistungsorientierung, eine verantwortliche, sorgende Einstellung und ein positives Selbstwertgefühl hat. Weitere internale protektive Faktoren sind ein interner "locus of control" und ein Glaube an die Selbsthilfe.

Externale protektive Faktoren sind z.B. viel Aufmerksamkeit und keine längeren Trennungen von den Bezugspersonen im Kleinkindalter. Wenn in den ersten beiden Lebensjahren keine weiteren Geschwister geboren werden und es auch nicht zu schweren elterlichen Konflikten kommt, kann dies auch eine positive Entwicklung des Kindes begünstigen

 

 

4.1.1 Einfluss der leiblichen Mutter auf das betroffene Kind

In dem vorherigen Kapitel ist der Einfluss der Familie mit Alkoholismus auf das Kind beschrieben worden. Doch da viele Frauen, die alkoholkrank sind, alleine leben (s.u.), soll auf dieser Stelle noch einmal genauer auf die alkoholkranke Mutter eingegangen werden.

 

In einer Untersuchung von Löser waren nur 33% der Mütter verheiratet, 26% waren geschieden und von 41% wurde die Partnerschaft als gestört beschrieben (Löser 1995, 30).

Die Schwangerschaft ist bei alkoholsüchtigen Frauen zumeist nicht beabsichtigt, wird erst spät bemerkt und weckt Schuldgefühle gegenüber dem Kind, da vielen Frauen die mögliche Schädigung ihres Kindes durch Alkohol bewusst ist. (Arenz-greiving 1994, 29).

Die Mutter hat auf Grund ihrer Sucht nicht die Ruhe und Ausgeglichenheit, um schon während der Schwangerschaft eine positive Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, denn sie lebt im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Normen und Werten. Der Stress und die Schuldgefühle verhindern den Aufbau eines unbeschwerten pränatalen Mutter-Kind-Dialoges (Arenz-Greiving 1994, 29).

 

Die Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen nehmen viele alkoholabhängige Frauen nicht wahr (Löser 1995, 135).

 

Das Verhältnis des ungeborenen Kindes zu seiner Mutter ist aber nicht nur ein emotionales, sondern auch ein Rechtsverhältnis. Obwohl das Bürgerliche Gesetzbuch in § 1912, Abs.2 eine Fürsorgebeziehung der Eltern zum Ungeborenen festsetzt, die als Vorwegnahme der elterlichern Sorge gilt, "erfährt in der Praxis der Embryo in Abhängigkeit von seinen mütterlichen Umfeldbedingungen keinen ausreichenden strafrechtlichen und familienrechtlichen Schutz" (Löser 1995, 109). Eine Schwangere, die ihr Ungeborenes durch ihr Verhalten oder ihren Genussmittelkonsum schädigt, wird bisher nicht für die entstehenden Schäden bei ihrem Kind zur Verantwortung gezogen. Nach Lösers (Löser 1995, 109) Meinung wird sich dieses in Zukunft ändern können. Der Embryo kann dann "als menschliches Wesen, unabhängig von der leiblichen Mutter, Rechte der Unversehrtheit nach dem Grundgesetz einfordern". "Das Deutsche Verfassungsgericht hat für den Embryo nicht nur das fundamentale Recht auf Leben bestätigt (Art. II, 2 des Grundgesetzes), sondern auch dessen besonderen strafrechtlichen Schutz vorgesehen (§ 218 StGB). Die primäre Verantwortlichkeit für das Wohl und die Fürsorge des Embryos ist nach §1912, 2 BGB den Eltern zuerkannt" (Löser 1995, 109).

Viele Frauen verbinden mit dem Wunsch nach einem Kind oder dem Entdecken einer Schwangerschaft auch die Hoffnung, ihre Abhängigkeit zu überwinden (Arenz.Greiving 1994, 26). Sie leben aber in "dem kaum lösbaren Konflikt, sich einerseits ein Kind zu wünschen und die Schwangerschaft auszutragen und andererseits mit Selbstvorwürfen der Schädigung des Kindes gegenüberzustehen" (Löser 1996, 70).

 

Es besteht kein Zweifel, "dass alkoholkranke Mütter ihre Kinder nicht ebenso lieben, betreuen und versorgen möchten" wie nicht abhängige (Löser 1995, 112). Doch das Mutter-Kind-Verhältnis ist vom Alkohol überschattet. "Das Kind ist abhängig von der Mutter, diese aber abhängig vom Alkohol" (Löser 1996, 69). Die Gedanken der Mutter sind vom Alkohol bestimmt, er ist der Mittelpunkt ihres Lebens und beeinträchtigt ihre Vigilanz, ihr Bewusstsein, ihren Antrieb, ihre Umsicht und ihre Responsivität (Löser 1996, 69). Das Kind wird deshalb unregelmäßig versorgt und unterliegt den mütterlichen alkoholbedingten Stimmungsschwankungen (Löser 1996, 69; 1995, 112; Arenz-Greiving 1994, 27).

Das Kind kann die Stimmungsschwankungen der Mutter nicht verstehen, es wird durch die Unberechenbarkeit des mütterlichen Verhaltens stark verunsichert und Ängste können entstehen (Löser 1995, 112; 1996, 69; Arenz-Greiving 1994, 27).

 

Das Kind läuft immer wieder Gefahr in seinen Grundrechten (Recht auf Leben, Anspruch auf Pflege, zwischenmenschliche Zuwendung, uneigennützige Liebe, Sicherheit, Geborgenheit, Erziehung und Bildung) verletzt zu werden, wenn es in einem akut alkoholkranken Umfeld aufwächst (Grünberg 1995, 36). Grünberg stellt in seinem Artikel "Alkoholismus der Mutter im Kontext mit dem neugeborenen Leben" (1995, 36) fest, dass ein konstruktives Zusammenleben von Mutter und Kind nur mit deren stabiler Nüchternheit möglich ist. Seiner Meinung nach entscheidet sich die alkoholkranke Mutter, indem sie sich für das erste Glas Alkohol entscheidet, automatisch gegen das Kind. Auch darf das Kind nicht als therapeutisches Hilfsmittel für den Entzug und das abstinente Leben der Frau benutzt werden. Im Vordergrund muss immer das Wohl des Kindes stehen (Löser 1995, 111; Grünberg 1995, 37).

 

Grünberg schliesst seinen Artikel mit den Worten, "dass ein Betroffener niemals für jemand anderen abstinent / nüchtern werden wird, sondern, wenn überhaupt nur für sich selber".

 

 

4.1.2 Rolle des leiblichen Vaters eines Kindes mit FAS/FAE

Der Einfluss des leiblichen Vaters kann sich indirekt auf den Grad der Schädigung des Kindes durch den mütterlichen Alkoholkonsum auswirken, da viele Frauen zum Trinken durch Männer verleitet werden. Die Frauen trinken dann auf Grund des Drängen oder aus Sympathie mit, in entsprechend höheren, weniger verträglichen Dosen (Löser 1995, 108).

4.2 Fremdplazierung

Kinder mit FAS/FAE benötigen günstige Lebensbedingungen, Pflege, Zuwendung und Förderung , die eine alkoholkranke Mutter häufig nicht bieten kann (Löser 1995, 113; Grünberg 1995, 37; Steiner 1990, 11). Auch besteht eine erhöhte Möglichkeit der Suchtentwicklung, wenn es bei der trinkenden Mutter aufwächst (s. Kapitel 3.5). Es besteht die Gefahr einer psycho-physischen und sozialen Vernachlässigung und Fehlentwicklung bei bereits bestehender Vorschädigung. Wenn also das Jugendamt erfährt, dass das Kind von der Mutter vernachlässigt wird, muss nach einer alternativen Unterbringung gesucht werden.

 

Wenn die Entscheidung ansteht, wo ein Kind mit FAS/FAE am Besten aufwächst, dann sollte bedacht werden, dass das Kindeswohl , nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1984, Vorrecht vor dem Elternrecht hat (Grünberg 1995, 37; Löser 1995, 111).

Die Frage nach der Unterbringung ist "im Spannungsfeld von rechtlichen, sozialen und familiären Aspekten nicht allgemein zu beantworten", sie kann nur individuell gefällt werden (Löser 1995, 111).

 

Die Chancen von Kindern mit FAS/FAE eine Pflege-/ Adoptivfamilie zu finden sind eher gering (Huber 1990, 217). Zukünftige Adoptiveltern wünschen sich zumeist ein jüngeres gesundes Kind. Die Aufnahme eines Kindes mit Behinderung wird auch dadurch erschwert, dass gerade beim FAS/FAE die Entwicklung des Kindes nur schwer voraussagbar ist.

 

4.3 Mögliche Zuschreibungen der Umwelt auf den betroffenen Menschen

Die Kinder fallen ihrer Umwelt durch ihren Kleinwuchs, die typischen Gesichtszüge und den kleinen Kopf schnell auf. In der Schule werden sie mitunter von den Mitschülern gehänselt ("Spargeltarzan", "dürre Ziege", "Zwergnase") (Löser 1996, 72).

 

Wenn die betroffenen Kinder noch bei ihrer leiblichen Mutter wohnen, können sie auch die Vorurteile gegenüber Familien mit Alkoholproblemen treffen. Die Umwelt wertet die alkoholkranke Mutter ab, über die Familie wird gesprochen, sie wird diskriminiert und der Sozialstatus wird ihr aberkannt (Bertling 1993 (b), 128). Es kann für das Kind zu einer sozialen Vereinsamung (s. Kapitel 4.1.) kommen, die durch das beim FAS/FAE vorkommende Verhalten noch verstärkt wird. Auch die medizinische Bezeichnung für die Schädigung des Kindes birgt Gefahren in sich, da sie explizit auf die Ursache, den Alkohol hinweist. Das Kind könnte mit Zuschreibungen , wie z.B. "Säuferkind", belegt werden.

 

Ein Menschen mit Behinderung, dessen Behinderung durch den Alkoholkonsum der eigenen Mutter verursacht ist, und der die beschriebenen Schwierigkeiten im Lernen und Verhalten aufweist, ist von sozial-strukturellen Gewalt noch stärker als unbehinderte Kinder von Alkoholikern betroffen (Bertling 1993 (b), 130).

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11.03.01