Forschungsbereich I: Transnationale Governance und die Verantwortung privater Akteure

Fokus: Umsetzung von Menschenrechten; Digitalisierung

► Politische Autorität und Wissenspolitik in polyzentrischen und fragmentierten Governance-Netzwerken
► Wissensdiffusion zum Aufbau von Steuerungskapazitäten
► Herausbildung und Wirkung von Meta-Governance
► Rolle des Staates im Verhältnis zu privaten Governance-Initiativen

Schon vor der aktuellen Krise des Multilateralismus fand globale Ordnungsbildung zunehmend außerhalb internationaler Organisationen und fern von staatlicher Autorität statt. Von der Problemdefinition bis hin zur Ausgestaltung konkreter Policies stellt sich globale Governance in vielen Feldern als „polyzentrische“ und fragmentierte Governance- Netzwerke dar, in denen nicht nur private, sondern auch staatliche Akteure jeweils neue Rollen suchen, aushandeln und etablieren. Die empirischen Arbeiten des INEF in diesem Bereich konzentrieren sich etwa auf die transnationale Durchsetzung von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards in globalen Wertschöpfungsketten (z.B. im Textilbereich), die Umsetzung des Rechts auf Gesundheit in der globalen Gesundheitspolitik oder die Rolle des Staates in der globalen Internet-Governance.

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Wie bisherige Arbeiten in diesem Schwerpunkt gezeigt haben, erlangen private Akteure über transnationale Governance-Arrangements zunehmend politische Autorität, indem diese Prozesse von Selbst- und Fremdzuschreibung von Verantwortung macht- und legitimitätspolitisch nutzen sowie allgemeinverbindliche transnationale Regulierungen schaffen. Am Beispiel globaler Wertschöpfungsketten lässt sich dabei auch zeigen, wie stark Governance-Praktiken auf der Herausbildung (transnationaler) epistemischer Netzwerke basieren. Die spezifischen Formen von „Wissenspolitik“, die erkennbar werden, reflektieren zugleich auch zugrundeliegende Machtbeziehungen. In dieser polyzentrischen Governance-Architektur spielt Meta-Governance, die Governance von Governance, eine wesentliche Rolle bei der institutionellen Ausgestaltung von Governance und deren Praxis. Meta-Governance ist dabei längst nicht mehr die Domäne staatlicher Akteure, sondern bildet sich in der Interaktion zwischen staatlichen und privaten Akteuren sowie inter- und transnationalen Institutionen heraus. Meta-Governance umfasst dabei Werte, Normen und Prinzipien, die Problemlösungen anleiten und als Maßstab für die Bewertung erbrachter Governance-Leistungen dienen. INEF-Arbeiten konzentrieren sich in diesem Feld stark auf die Umsetzung von Menschenrechten wie etwa dem Recht auf Gesundheit oder auch auf die Regulierung des Internets.

Trotz der wichtiger werdenden Funktion privater Governance-Initiativen, bleibt die Rolle des Staates in der globalen Governance in vielen Bereichen weiterhin zentral. Nicht allein im Fall konkreten Scheiterns von Self-Governance und bei Marktversagen ist der Staat weiterhin legitimer Vertreter des öffentlichen Interesses. Spätestens in der Meta-Governance stellt sich die Frage, ob staatliche Vertreter nicht entsprechende Verantwortung in der Ausgestaltung von Governance-Netzwerken ausüben sollten. In manchen Bereichen wie etwa der Internet-Governance stehen Staaten dabei vor der Aufgabe, sich in bereits privat regulierte Bereiche neu oder wieder stärker einbringen zu müssen. Da eine solche staatliche Meta-Governance nur mittels Reflexivität die Schwächen hierarchischer Steuerung überwinden kann, untersucht das INEF, wie es staatlichen Akteuren gelingt, eine angemessene Wissens-diffusion sicherzustellen, um die notwendigen Steuerungskapazitäten aufzubauen.

Ausgewählte Publikationen

► Roth, Michèle / Ulbert, Cornelia 2018: Kooperation in einer post-westlichen Welt: Herausforderungen und Perspektiven (Globale Trends Analysen 01/2018). Bonn: Stiftung Entwicklung und Frieden.

►Mondré, Aletta / Niemann, Holger / Scheper, Christian / Ulbert, Cornelia 2017: Praktiken der Verantwortungszuschreibung: Transnationale Regelsetzung und politische Autorität privater Unternehmen, in: Daase, Christopher / Junk, Julian / Kroll, Stefan / Rauer, Valentin (Hrsg.): Politik und Verantwortung. Analysen zum Wandel politischer Entscheidungs- und Rechtfertigungspraktiken. Baden-Baden: Nomos, 358-382. DOI: 10.5771/9783845271934-359

► Scheper, Christian 2019: Menschenrechte als private Legitimitätspolitik: Politische Autorität und völkerrechtliche Rechtfertigung von Unternehmenspraktiken, in: ZIB Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 26: 1, 5-27. DOI: 10.5771/0946-7165-2019-1-5

► Ulbert, Cornelia / Finkenbusch, Peter / Sondermann, Elena / Debiel, Tobias (Hrsg.) 2018: Moral Agency and the Politics of Responsibility. London/New York: Routledge. DOI: 10.4324/9781315201399

Zuständige Mitarbeiter/innen

Dr. Christian Scheper

Raum: LS 032
Telefon: +49 (0)203-379-4424
E-Mail: christian.scheper@inef.uni-due.de
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Elena Sondermann, M.A.

Raum: LS 033
Telefon: +49 (0)203-379-1916
E-Mail: elena.sondermann@inef.uni-due.de

Dr. Cornelia Ulbert

Raum: LS 119
Telefon: +49 (0)203-379-4422
E-Mail: cornelia.ulbert@inef.uni-due.de
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