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Sozialwesen: Sozialarbeit und Sozialpädagogik

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Die Zahl der Erwerbstätigen mit einem Fachhochschulabschluss für den Studienbereich Sozialwesen hat sich von 1985 bis 1995 in den alten Bundesländern laut IAB nahezu verdoppelt:( von 53.100 auf 94.700). Bezieht man die neuen Länder mit ein, dann hat die Gesamtzahl der entsprechenden Erwerbstätigen - unter partieller Einbeziehung des universitären Bereichs - im Jahr 1996 bei 124.000 gelegen. Innerhalb von 20 Jahren hat sich die Erwerbstätigenzahl (mit Hochschulabschluss) mit ca. 276.000 Erwerbstätigen (alle Hochschulen) im Jahr 2018 noch einmal  ganz erheblich gesteigert.
Die beachtliche Expansion der letzten Jahre ist mit einer erheblichen zeitlichen Flexibilisierung der Arbeitsangebote und -plätze einhergegangen. Zudem sind aufgrund zunehmender Finanznot der hauptsächlichen Einrichtungsträger (Kommunen, Kirchen, freie Wohlfahrtsverbände) unbefristete Planstellen nicht selten durch befristete Stellen im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Struktur- und befristeten Sonderprogrammen (z. B. gegen Rechtsextremismus oder für benachteiligte Stadtteile) ersetzt worden. Diese für den Arbeitsmarkt qualitativ bedeutsame Veränderung wird auf Dauer das Berufsleben von Sozialarbeitern und -pädagogen stark verändern. 

Sozialwesen Erwerbstätige nach Alter

Die Altersstruktur der Erwerbstätigen mit einem Hochschulabschluss der Hauptfachrichtung Sozialwesen weist zunächst auf folgenden Ersatzbedarf hin: Im Jahr 2018 sind von den Erwerbstätigen mit dem Hochschulabschluss Sozialpädagogik/ Sozialarbeit  ca. 41% älter als 50 Jahre gewesen . Dieser Anteil alleine spiegelt jedoch ganz nicht den tatsächlichen Ersatzbedarf in vollem Umfang wider. Bei Annahme eines durchschnittlichen Austrittsalters von 63 Jahren würden bei den Erwerbstätigen mit Hochschulabschluss in den nächsten Jahren - bis zum Jahr 2022 - circa 9.000 - 10.000 SA/SPler jährlich ausscheiden. Hinzugerechnet werden muss aber noch der Anteil derjenigen Erwerbstätigen, die ohne Fachhochschulabschluss in den relevanten Beschäftigungsfeldern tätig sind (z.B. Jugendpfleger, Gesundheitsfürsorger, Erziehungsberater und andere soziale Berufe einschl. Ausbildung Fachschule/DDR). Diese Beschäftigten ohne (FH-)Abschluss dürften in der Regel überdurchschnittlich alt gewesen sein und in Zukunft nicht selten durch  Hochschulabsolventen ersetzt werden.
Von den grundständigen Absolventen wird zudem ein Teil weiter ein entsprechendes Masterstudium anstreben. Verschleifungseffekte mit Blick auf einen späteren Arbeitsmarkteintritt könnten dann vom auch Angebot der Masterstudienplätze  bzw. dieser  Absolventen selbst nicht unerheblich beeinflusst werden.
Bei der kalkulatorischen Betrachtung muss die Fluktuation des Arbeitsmarktes im Auge behalten werden. Insbesondere beim Wechsel (Zu- und Abgänge) von Arbeitsplätzen sind die Einstellungschancen jüngerer Erwerbstätiger in der Regel wesentlich besser als die der älteren (vgl. dazu Entwicklung der Arbeitslosenzahlen weiter unten). Der Umfang des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an Hochschulen für den Bereich Sozialwesen fällt im Vergleich zu anderen Fächern - unter Berücksichtigung der Studierendenzahlen - sehr niedrig aus: Im Jahr 2018 waren in diesem Bereich nur 2.385 Personen hauptberuflich tätig, von denen 1.291 Professoren gewesen sind.

Kontinuierliche Längsschnittuntersuchungen zum Berufseintritt von Absolventinnen und Absolventen von Studiengängen des Sozialwesens liegen derzeit nicht vor. Hingewiesen wird deshalb auf die Absolventenuntersuchungen von DZHW.

Die klassischen Einsatzmöglichkeiten im ersten Sektor - nämlich der Jugendhilfe - beziehen sich auf Jugendarbeit, Jugendschutz und Jugendpflege. Hier kam es unter anderem wegen des neu geschaffenen Rechtsanspruch auf Kindergartenplätze in den letzten Jahren zu einer stärkeren Expansion. Mit der - schrittweisen - Erfüllung dieses Rechtsanspruchs einerseits und aufgrund der demografischen Entwicklung andererseits könnte es in diesem Sektor in den nächsten Jahren zu größeren Stelleneinsparungen kommen - zumal eine Reihe von Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu den "freiwilligen" Aufgaben der Kommunen gehören, bei Einsparungen also zuerst betroffen sein könnten.
Im zweiten Bereich - der Sozialhilfe - stehen Hilfeleistungen für kranke, behinderte und alte Menschen im Vordergrund. Weiter anzuführen ist hier die Betreuung gefährdeter und/oder sozial schwacher Menschen. Infolge der immer stärkeren Kürzungen auf Landesebene und in kommunalen Bereichen sind zahlreiche Stellen gefährdet gewesen. Aber auf aktueller Entwicklungen, die mit Inklusionsbemühungen und mit Flüchtlingsintegration korrespondieren, kann von einer weiteren Arbeitsmarktverbesserung ausgegangen werden. 
Der dritte große Bereich ist die Gesundheitshilfe, deren Einsatzbereiche sich nicht nur auf die Angelegenheiten der Gesundheitsämter erstreckt, sondern immer stärker auch die Aufgabenbereiche von Sanatorien und Krankenhäuser erreicht hat. So haben Absolventen des Sozialwesens seit Mitte der achtziger Jahre verstärkt in Einrichtungen des Gesundheitswesens (Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Sanatorien) Beschäftigungen gefunden. Inwieweit sich dieser Beschäftigungstrend aufgrund der Maßnahmen zur Kostendämpfung im Rahmen der Gesundheitsreform aber fortsetzt, ist derzeit ebenfalls nicht abzusehen.
Inwieweit Betriebe und Unternehmen den Stellenwert von Sozialarbeit (Suchtgefährdung, psychische Erkrankungen, Konfliktsituationen am Arbeitsplatz) auch weiter erhöhen, muss abgewartet werden. Im Rahmen verschiedener Berufsprofile des Sozialwesens tauchen auch immer stärker Anforderungen in Richtung Sozialmanagement auf, die gleichsam betriebswirtschaftliche Grundlagenkenntnisse voraussetzen. 


Sozialwesen Zielberuf


Die Zahl der entsprechenden Erwerbslosen  (insgesamt) hat über den Zeitraum 2014 bis 2018 - laut Mikrozensus Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes (2020) - durchschnittlich bei 5.000 gelegen. Bezieht man diese Zahl auf alle Erwerbspersonen (Erwerbstätige und Erwerbslose) mit der Haupftfachrichtung Sozialwesen (alle Abschlüsse, ohne Lehramt) über den genannten Zeitraum, so resultiert daraus eine Erwerbslosenquote  von 1,8 %. Im Vergleich zur Durchschnittsquote von 2,4%  aller an deutschen Hochschulen vorzufindenden Hauptfachrichtungen fällt dieser Anteil eindeutig unterdurchschnittlich aus.


Festzuhalten bleibt, dass die gesellschaftliche Nachfrage nach Diensten der sozialen Arbeit voraussichtlich weiter steigen wird. Grund dafür ist einerseits der Rückgang privater Initiativen wie Familien- und Nachbarschaftshilfen. Andererseits bringt  die voranschreitende Modernisierung von Staat und Wirtschaft neue soziale Probleme mit sich (Inklusion, Integration von Flüchtlingen). Ob diese wachsenden Bedürfnisse nach sozialen Dienstleistungen auch tatsächlich zu einem steigenden Bedarf nach entsprechend qualifizierten Fachkräften führen werden, hängt aber wiederum von wirtschaftlichen Gegebenheiten und vor allem von politischen Entscheidungen ab. Besonders die "freiwilligen" Aufgaben werden bei knapper werdenden Budgets von Kommunen, Kirchen und anderen Trägern auf Einsparmöglichkeiten im Personalbereich abgeklopft werden. Politische Zielsetzungen werden daher auch darüber bestimmen, ob der oben festgestellte Ersatzbedarf aufgrund altersbedingten Ausscheidens von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen aus dem Berufsleben tatsächlich zu einer entsprechend großen Anzahl von Neueinstellungen führen wird. Der Deutsche Bildungsserver bietet für alle in der sozialpädagogischen Praxis und Forschung Tätigen einen systematisch gegliederten Zugriff auf Informationen zu Institutionen und Gegenstandsbereichen ihrer Disziplin an.
 


 


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