Angriff auf die Demokratie oder witziges Meme? Rechts-populistische Narrative in #querdenken-Postings auf Instagram


von Julia Steinke

Inzwischen beherrscht die durch das SARS-CoV-2 übertragene Atemwegskrankheit Covid-19 seit über zwei Jahren das weltweite Geschehen. Dies zeigt sich im Kleinen etwa an zahlreichen Neologismen (z. B. Corona-Party, Infodemie), Anglizismen (z. B. Social Distancing, Lockdown) oder Fachtermini (z. B. Polymerasekettenreaktion (PCR), Virusreproduktionsrate), die Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gehalten haben. Die größte Veränderung bringen jedoch die Corona-Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wie Maskenpflicht, Abstandsregeln oder Home-Schooling mit sich. Diesen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie steht in Deutschland die sogenannte Querdenken-Bewegung kritisch gegenüber – mehr noch zieht sie die Existenz der Pandemie in Zweifel. Im Rahmen meiner Masterarbeit „#querdenken. Zu (kommunikativen) Praktiken der Querdenkenanhänger*innen auf Instagram“ habe ich mich mit den kommunikativen Arten und Weisen der Selbstdarstellung auf Instagram auseinandergesetzt. Im Folgenden stelle ich einen Ausschnitt aus meinen Analyseergebnissen vor: die Verwendung rechtspopulistischer Narrative.

Wer sind die Querdenker*innen?

Eine erste wissenschaftliche Studie hat sich mit der Gruppe der Querdenkenanhänger*innen und ihren soziodemografischen sowie politisch-ideologischen Merkmalen auseinandergesetzt. Dabei wurde festgestellt, dass die Querdenker*innen keineswegs eine heterogene Gruppe darstellen. Vielmehr handele es sich um unterschiedliche soziale Gruppen, die spezifische Mentalitäten (z. B. Zweifel an Existenz der Pandemie, Widerstand gegen ‚unrechtmäßige‘ Maßnahmen) teilen. Trotz ihrer Heterogenität lassen sich in der Gruppe der Querdenkenanhänger*innen deutlich rechte Tendenzen ausmachen. Zwar sind auf Websites der lokalen Querdenken-Initiativen immer wieder explizite Abgrenzungen zu rechten und rechtsextremen politischen Strömungen zu lesen, dies zeugt aber zumindest von einer unterstellten Nähe, die die Rechtfertigung erst notwendig macht. Zudem beobachtet das Bundesamt für Verfassungsschutz die Querdenken-Bewegung bundesweit seit dem 28. April 2021, unter anderem aufgrund von möglichen Verbindungen zur rechtsextremen Szene und sogenannten Reichsbürger*innen.

Leider stellen rechte Tendenzen in der Querdenken-Community auch auf der Social Media Plattform Instagram keine Seltenheit dar: Neben Verlinkungen zu Menschen oder Initiativen des rechten politischen Spektrums sowie Repostings derer Beiträge verweisen auch Hashtags auf rechts-politische Akteur*innen (z. B. #plandemie, #davidstern, #diebasis). Abseits dessen findet sich rechtes Gedankengut auch in Form von rechts-populistischen Narrativen, die in unterschiedlichen Weisen in die Postings integriert werden: zum Beispiel durch eine Karikatur.

Quelle: Instagram, https://www.instagram.com/p/CH2jujyLnVT [21.11.2020]

Anhand einer männlichen, gut gekleideten Minderheit, die auf dem Rücken nackter, gekrümmter Menschen Monopoly spielt, kritisiert der*die Postende das Regiment der Elite und bedient sich einer Anti-Establishment-Strategie, um sich als Gruppe der Querdenkenanhänger*innen von den Politiker*innen abzugrenzen. In anderen Postings wird den Politiker*innen mit Hashtags wie #linksgrünversifft eine Ideologie zugeschrieben, derer sich ‚das Volk‘ zu erwehren habe. Durch Hashtags wie #wirkaempfengemeinsam, #wirsinddasvolk oder #wirsindviele wird ein Kollektiv konstruiert, welches die vermeintlich Unterdrückten zu einer (ideologischen) Einheit zusammenfasst und in Opposition zur gesellschaftlichen Mehrheit positioniert. Gleichzeitig präsentieren sich die Postenden als Opfer einer angeblichen, die Meinungsfreiheit beschneidenden Diktatur, was sich beispielsweise an Hashtags wie #Coronaregime oder #CoronaDiktatur zeigt.

Rechtsextreme Narrative

Dass dieses Opfernarrativ auch rechtsextreme Formen annehmen kann, zeigt ein Vergleich von Ungeimpften, die zur Eindämmung der Pandemie (Fußball-)Stadionverbot erteilt bekommen, mit den Opfern des Holocausts. Dieser Vergleich wird durch einen gelben Stern mit der Aufschrift ungeimpft symbolisiert und durch den Hashtag #davidstern nochmals kontextualisiert.

Quelle: Instagram, https://www.instagram.com/p/CK1Vx3Qg2Uo [04.02.2021]

Ein weiteres Beispiel ist das folgende Plakat, das das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz gleichsetzt und den ehemaligen Gesundheitsminister Jens Spahn als Corona-Kanzler und Gesundheits-Diktator bezeichnet.

Quelle: Instagram, https://www.instagram.com/p/CH0Hz55HYeT [20.11.2020]

Damit wird Deutschland nicht nur als Diktatur dargestellt, vielmehr wird eine Analogie zu Adolf Hitlers Machtergreifung und somit zum Nationalsozialismus gezogen. Das wiederholte, in roten Großbuchstaben gedruckte NEIN! fordert somit zum Widerstand gegen die Freiheitseinschränkungen der Corona-Maßnahmen auf und impliziert andernfalls ähnliche Folgen für die Bevölkerung, wie sie durch den Holocaust und Zweiten Weltkrieg hervorgerufen wurden. Dieser Hypothese wird augenscheinlich mittels eines Diagrammes, das die Anzahl an Corona Verstorbener mit den Opfern vergangener Grippewellen vergleicht, eine wissenschaftliche Grundlage gegeben. Dieser Vergleich ist weder faktisch noch ethisch vertretbar. Durch ihn stellt dieses Posting nicht bloß eine Kritik am Infektionsschutzgesetz und der Corona-Politik sowie ihren Vertreter*innen dar, sondern postuliert auch das Ende der Rechtsstaatlichkeit Deutschlands.

Solche Aussagen müssen meiner Ansicht nach als gesellschaftliche Bedrohung ernst genommen werden, selbst wenn sie in einem eher apolitischen Medium wie Instagram erscheinen und dort in ein humoristisches Posting eingebettet sind. Für Letzteres ist ein Meme, das einen Lehrer bei der Aufklärung über die Propaganda im Dritten Reich mit seinem vor Wut schreienden Pendant vergleicht, das seine Schüler*innen zur Einhaltung der Maskenpflicht aufruft, ein gutes Beispiel.

Quelle: Instagram, https://www.instagram.com/p/CJJA2NJgaGy [23.12.2020]

Das rechts-populistische Narrativ der staatlich organisierten Propaganda in Bildungseinrichtungen und öffentlichen Medien wird durch die Bildunterschrift dieses humoristischen, karikaturesken Memes in den Vordergrund gerückt. Demnach müsse man die eigenen Kinder vor systematischer Manipulation durch den Staat schützen.

Fazit

Es zeigt sich an diesen Beispielen eindrucksvoll, dass rechtspopulistische Narrative nicht nur genutzt werden, um die Ziele und Standpunkte der Querdenken-Bewegung zu verbreiten; in einigen Fällen gehen sie darüber hinaus, abstrahieren vom eigentlichen Kontext und richten sich somit nicht mehr nur gegen einzelne Corona-Maßnahmen, sondern gegen die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit Deutschlands. Umso wichtiger erscheint es mir, diesen zum Teil harmlos erscheinenden Äußerungen – auch in sozialen Netzwerken – entschieden entgegenzutreten.

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