Black Lives Matter: eine langfristige Bewegung?

Von Mara Schindler, Rina Nikqi, Liridona Durmishi und Tamisha Idehen

Der brutale Tod des Afroamerikaners George Floyd am 25.Mai 2020 in Minneapolis löste im vergangenen Jahr weltweit eine Welle der Entrüstung und der Solidarisierung mit der Black Lives Matter-Bewegung (BLM) aus. Sein Tod wurde zum Symbol für Alltagsrassismus in den USA und die BLM-Bewegung zu einem globalen Phänomen. Rassistische Vorfälle und unrechtmäßige Verurteilungen von People of Color gibt es in den USA schon immer.[1] Doch auch die BLM-Bewegung ist kein neuartiges Phänomen. Ihre Ursprünge liegen im Jahr 2013, als der afroamerikanische Teenager Trayvon Martin aufgrund eines unbegründeten Verdachts, Einbrüche begangen zu haben, vom Wachmann George Zimmerman verfolgt und anschließend durch einen Schuss getötet wurde. Nachdem Zimmerman am 13. Juli 2013 freigesprochen wurde, kam es im gesamten Land zu Demonstrationen und Unruhen. Mit der Nutzung des Hashtags „#BlackLivesMatter“ in sozialen Medien erhielt die von Alicia Garza, Patrisse Cullors und Opal Tometi begründete Bürgerrechtsbewegung erstmals größere Aufmerksamkeit. Allerdings fand die öffentliche Resonanz hauptsächlich in den USA statt. Dies änderte sich nach George Floyds Tod im vergangenen Jahr. Nicht nur in den USA erhöhte sich die Zahl der Demonstranten und Protestaktionen deutlich. Auf der ganzen Welt kam es zu Massendemonstrationen, Solidarisierungen und Zeichensetzungen und über den Hashtag #BlackLivesMatter wurden Millionen Menschen erreicht und einbezogen.

Black Lives Matter als Diskurs analysieren

Wie hat sich BLM zunächst zu einem globalen Phänomen entwickeln können und wie hat sich der öffentliche Diskurs seitdem verändert? In unserer diskursanalytischen Untersuchung haben wir uns damit beschäftigt, wie sich die BLM-Bewegung seit Floyds Tod verändert hat. Im Zentrum unserer Analyse stand die Perspektive der Bewegung selbst. Für unsere Analyse haben wir deshalb mehrere Textdokumente verwendet, in denen BLM-Aktivist*innen zur Sprache kamen, da in diesen Textdokumenten deutlich wurde, was aus ihrer Perspektive für die Diskursentwicklung ausschlaggebend war und ist. Zusätzlich dazu nutzen wir Textdokumente, in denen sich generelle Darstellungen der Entwicklung der Bewegung finden ließen. Im Folgenden werden wir auf zwei Aspekte detaillierter eingehen: Zum einen, welche Bedeutung der Tod George Floyds für die weitere Entwicklung der BLM-Bewegung als eine Art „Wendepunkt“ einnimmt und zum anderen, die Frage nach den Zukunftsaussichten und der Dauer der Bewegung.

Gesteigerte Aufmerksamkeit

Als Ursache für die plötzlich rasant gewachsene Interesse an der BLM-Bewegung sehen mehrere Aktivist*innen eindeutig den Tod George Floyds und das minutenlange Video seines brutalen Todes, welches weltweit verbreitet wurde und bei Millionen von Menschen für Bestürzung gesorgt hat. Hierzu zählen beispielsweise auch die BLM-Aktivist*innen Wandi Wrede, Tayino Cherubin und Stefan Antoine, die auf die Brisanz und Globalität des Themas nach Floyds Tod aufmerksam machen. Während BLM vor Floyds Tod nur in den USA von Bekanntheit war, beschäftigte sich nach seinem Tod gerade in Europa die breite Bevölkerung intensiver mit der Bekämpfung von Alltagsrassismus.

Vorher hat kaum jemand über Rassismus geredet – und dann kam plötzlich mein Chef zu mir und meinte, er möchte Rassismus in der Arbeit thematisieren.“, meint zum Beispiel die Aktivistin Wandi Wrede. Ein anderer Aktivist bezeugt, dass das Interesse an seiner Arbeit nach Floyds Tod stark angestiegen sei: „Unser Netzwerk ist über den Sommer gewachsen, mehr Menschen verfolgen unsere Arbeit oder wollen sich engagieren.“

Anhand der Zitate lässt sich somit festhalten, dass der brutale Tod George Floyds als ein Wendepunkt in der Geschichte der BLM-Bewegung markiert wird. Man kann diese Entwicklung also in  „Etappen“ einteilen. Bis zu Floyds Tod war die Bewegung lokal begrenzt und hauptsächlich in den USA bekannt. Der Tod des Afroamerikaners führte eine deutlich sichtbare Veränderung in der Diskursentwicklung herbei. Der BLM-Diskurs wuchs an, verbreitete sich global, wurde medial präsenter und weitete sich in allen Bevölkerungskreisen aus.

Hat BLM eine Zukunft?

Nach der Steigerung des Interesses an der Black-Lives-Bewegung im vergangenen Jahr, lässt sich seit diesem Jahr jedoch eine neue Tendenz im BLM-Diskurs feststellen. Unsere Beobachtungen zeigen, dass die Thematik weitestgehend aus den Massenmedien verschwunden ist und langsam an Aufmerksamkeit verliert. Andere Themen, die das Weltgeschehen beeinflussen, z.B. der Klimawandel oder die Corona-Pandemie rücken wieder stärker in den Vordergrund. Ist dies eine Gefahr für die Rassismus-Bekämpfung? War die BLM-Bewegung nur eine Art „Hype“? Auch wenn der Rückgang des Interesses in der Bewegung selbst registriert wird, teilen die BLM-Aktivist*innen diese Auffassung keineswegs.

„Das Ganze herunterzuspielen und als ‚Hype‘ abzustempeln, weil jetzt nicht mehr so viele dabei sind, finde ich falsch.“

Wandi Wrede

Für die Aktivist*innen stehe die BLM-Bewegung noch ganz am Anfang, Großdemos wie in Köln seien bereits wichtige Schritte gewesen. Es fällt auf, dass alle Aktivist*innen von Veränderungen sprechen, die es seitdem schon gegeben habe. Ein Beispiel: Die Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus und Diskriminierung an Schulen sei gestiegen, auch wenn dies natürlich nicht öffentlich thematisiert wird, denn „es wird über Diskriminierung an Schulen geredet und aufgeklärt.“

Es gibt allerdings auch diejenigen, die durch die kurzzeitige mediale Aufmerksamkeit eine  Gefahr für die generelle Rassismus-Bekämpfung im Alltag sehen. Nach Aussagen der Gründerin der BLM-Bewegung, Alicia Garcia, könne sie langfristig als „Mainstream“ und Slogan wahrgenommen werden, während ihre wichtigen politischen Forderungen somit in Vergessenheit geraten würden. „Natürlich besteht die Gefahr, dass die Forderungen an Substanz verlieren, wenn man zu einer Marke wird. Das dürfen wir nicht erlauben.“ Damit dies verhindert wird, müssen durch die Protestbewegung Menschen jenseits aktivistischer Kreise aus der breiten Bevölkerung erreicht werden, eben diejenigen, die durch den Tod George Floyds auf das Thema aufmerksam wurden und im Verlauf der Zeit scheinbar das Interesse verloren. „Die Bewegung muss jedem gehören“ ist hierbei die entscheidende Zielvorstellung.

Es geht darum, dass Menschen aller races, Geschlechter und religiöser Überzeugungen zusammenkommen.“

so die Gründerin Garcia. Mehrere Diskursteilnehmer*innen teilen die Ansicht, dass es wichtig sei, nicht einer Bewegung zu folgen, die gerade im Trend ist, sondern voll und ganz dahinterzustehen und ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, auch wenn man weiß und privilegiert ist.

Fazit

Der öffentliche BLM-Diskurs konnte sich durch die Verbreitung des George Floyd-Videos zu einem globalen Phänomen entwickeln. Doch der großen medialen und globalen Aufmerksamkeit aus dem vergangenen Jahr steht in diesem Jahr ein deutlicher Rückgang des medialen Interesses gegenüber. Statistiken bezeugen dies: Nach einer aktuellen Befragung finden 75 Prozent der US–Amerikaner*innen, das Amerika gegenüber den Schwarzen ein rassistisches Land ist, in welchem sie häufiger unter Polizeigewalt leiden als die weiße Bevölkerung. Im Vergleich dazu ist das Vertrauen in die Black Lives Matter Bewegung von 60 Prozent auf 50 Prozent gesunken.  Es gibt aktuell keine Massenproteste mehr, die dieses Thema noch am Leben halten. Die Medien haben sich mittlerweile anderen kritischen Themen gewidmet. Auch Anstrengungen, die polizeilichen Übergriffe durch härtere Gesetze zu stoppen, sind ebenfalls ins Stocken geraten (Online-Ausgabe des SPIEGEL aus dem Mai 2021).

Damit Alltagsrassismus dauerhaft bekämpft wird, muss eine Diskurskoalition zwischen Aktivist*innen und der breiten Bevölkerung entstehen, sodass Kooperation möglich ist. Der Kampf gegen Rassismus ist nicht abhängig von furchtbaren Ereignissen wie der gewaltsame Tod George Floyds, sondern muss immer angegangen werden und das von jedem Menschen, unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Alltagsrassismus gibt es weltweit täglich und muss langfristig bekämpft werden, damit diese Bekämpfung nicht als „Trend“, sondern als wichtiger Schritt zur Sicherung der Menschenrechte verstanden wird. Dazu liegt die Verantwortung bei jedem einzelnen Menschen, sich aktiv gegen Rassismus am Arbeitsplatz, in der Schule oder auf der Straße einzusetzen.

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Diskursanalyse“ (SoSe 2021) entstanden. Weitere Informationen zu dem Seminar finden sie hier.

Quellen:

Belschner, Sandra/Berati, Philina/Schlüter, Nadja/Weiss, Raphael (2020): „Der Kampf gegen Rassismus ist genauso wichtig wie der gegen Covid“. https://www.jetzt.de/politik/black-lives-matter-wie-sich-die-bewegung-seit-dem-todesfall-george-floyd-entwickelt-hat (zuletzt abgerufen am 14.07.2021)

Klump, Maren (2020): „Geschichte der wachsenden Bewegung in den USA“. https://www.merkur.de/politik/black-lives-matter-bewegung-hashtag-rassismus-afroamerikaner-polizeigewalt-13786901.html (zuletzt abgerufen am 04.07.2021)

Pitzke, Mark (2021): „Was von Black Lives Matter übrig blieb“. https://www.spiegel.de/ausland/george-floyd-ein-jahr-danach-was-von-black-lives-matter-uebrig-blieb-a-08ac568e-5eb7-483f-8b9f-1b7589f25741 (zuletzt abgerufen am 04.07.2021)

Staun, Harald (2020): „Die Bewegung muss jedem gehören“. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/interview-mit-der-blm-mitgruenderin-alicia-garza-17027599.html (zuletzt abgerufen am 14.07.2021)

The History Channel (2021): „Black Lives Matter: Eine moderne Bürgerrechtsbewegung“ https://www.history.de/news/detail/black-lives-matter-eine-moderne-buergerrechtsbewegung.html (zuletzt abgerufen am 04.07.2021)

Netflix-Serie „When They See Us” (2019)


[1] Die Seriendokumentation „When they see us“ thematisiert beispielsweise die Verurteilung von fünf unschuldigen Afroamerikanern zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe, nachdem eine Joggerin vergewaltigt und verletzt in ihrer Nähe aufgefunden wurde und bezieht sich dabei auf einen wahren Vorfall im Jahr 1989.

Eine Antwort

  1. Pauline Schemberg sagt:

    Das Ziel eurer diskursanalytischen Untersuchung wird in der Überschrift sehr deutlich. In der Einleitung beschreibt ihr präzise den Hintergrund und den Ursprung der Black Lives Matter-Bewegung, sowie den Sprung von nationaler Ebene auf die internationale Ebene. Anschließend wird eure diskursanalytische Untersuchung weiter im Detail erklärt und eure Vorgehensweise erläutert. Nachdem zwei Aspekte genannt wurden, auf die ihr euch detailliert fokussieren wollt, folgt eine präzise Beschreibung, wie der Vorfall von George Floyd die BLM-Bewegung auf internationaler Ebene verändert hat. Dadurch wird deutlich, dass sich viel mehr Menschen mit Alltagsrassismus beschäftigen und ihn bekämpfen wollen. Weiterhin ist euch auch die diskursanalytische Untersuchung eures zweiten Aspekts sehr gelungen. Das Gegenüberstellen von der BLM-Bewegung und der Corona-Pandemie oder dem Klimawandel macht deutlich, dass die BLM-Bewegung an Präsenz verliert, jedoch schon eine Veränderung hervorgerufen hat.
    Insgesamt ist es ein interessanter Blogbeitrag, da er Einblicke in die BLM-Bewegung und seine Zukunft bietet. Außerdem ist es euch gelungen, mit einem kritischen Blick den Diskurs zu analysieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.