„Das Abstandsding muss immer mitgedacht werden“ – Begrüßungsrituale in Zeiten der Covid-19-Pandemie

von Ines Bergfort, Sven Gyrnich, Franziska Klinkert, Viviana Krajewski

Umbruch im Alltag

Seit mehr als einem Jahr wütet die Covid-19-Pandemie nun schon weltweit. Mit ihr kamen ab März 2020 Einschnitte, die unser Leben gravierend veränderten: Von jetzt auf gleich war der Alltag von ungekannten Restriktionen und Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geprägt. Zuvor alltägliche Handlungen und Rituale galten plötzlich als inakzeptabel – das zeigte sich deutlich bei Begrüßungskonventionen.

Im Rahmen der Projektarbeit untersuchten wir, wie sich Begrüßungen in den ersten Monaten der Pandemie in unterschiedlichen Kontexten verändert haben und wie sich dies auf die soziale Interaktion im jeweiligen Umfeld auswirkt. Die Arbeit nahm die vier Felder Familie, Freundeskreis, berufliches Umfeld und Begegnungen von Fremden in den Blick. Mithilfe teilnehmender Beobachtung, Leitfadeninterviews sowie der multimodalen Konversationsanalyse konnte ein breitgefächertes Bild des Lebensalltags in der Krise nachgezeichnet werden. Unsere Untersuchung erfasste erstens somit den Wandel von Begrüßungsritualen. Zweitens durchleuchtete sie, wie wichtig zwischenmenschliche Aspekte in einer Zeit der Kontaktbeschränkungen und Abstandsgebote sind und wie Akteur:innen ihr Bedürfnis nach Nähe unter Pandemiebedingungen umsetzten. In Anlehnung an die untersuchten Handlungsfelder lassen sich die zentralen Erkenntnisse in vier Punkten bündeln:

„Es mag falsch sein, aber wir haben es halt trotzdem so gemacht.“ Nähe und Distanz zwischen Familienmitgliedern und engen Freund:innen

Beziehungen innerhalb der Familie sind üblicherweise von Nähe und engen emotionalen Bindungen geprägt, weshalb Berührungen wie Umarmungen zum Alltag gehören. Daher wurde im Vorfeld vermutet, dass Corona gerade im familiären Umfeld tiefgreifende Auswirkungen hat. Dabei wurden Familienkonstellationen untersucht, bei denen die Familienmitglieder nicht mehr in einem Haushalt wohnen. Die Auswertung der Daten zeigte allerdings, dass hauptsächlich die innere Haltung in familiären Beziehungen von Covid-19 beeinflusst wurde: „diese Unbefangenheit in den Begegnungen [ist] erstmal gestört, weil man erstmal das Gefühl hat ‚oh Gott wie gehe ich jetzt mit diesem Infektionsgeschehen um‘“, so eine Interviewpartnerin. Äußerlich jedoch verändert sich das Begrüßungsritual des Umarmens nicht.

Entfernte Verwandte und engere Freunde hingegen, zu denen beinahe familiäre Verhältnisse bestehen, wurden nicht wie vor der Pandemie durch körpernahe Rituale begrüßt. Es zeigt sich ein Bewertungssystem, in dem die Gefahr einer Infektion gegen das geteilte Vertrauen und das Bedürfnis nach Nähe abgewogen werden. Statt der eigentlichen Berührung werden etablierte Rituale, wie z.B. die Umarmung, der Situation schließlich angepasst: „die stehen vor der Tür und alle machen dieses Umarmungs-Symbol“, ließ eine Interviewte wissen. Die Andeutung der Umarmung stellt sich dabei als leichtere Ausweichmöglichkeit dar als der Versuch, ein komplett neues Ritual zu etablieren. „Neue“ Rituale, wie etwa der Fuß- oder Faustcheck, werden dabei eher abgelehnt, weil diese den Rezipient:innen zu ungewohnt erschienen und enge Freund:innen in Zeiten von Covid-19 eher selten zusammen gekommen sind: „Also das waren so drei Treffen. Also das waren wirklich nicht genug, um sich irgendwie da dran zu gewöhnen.“

„Manchmal ertappt man sich ja jetzt dabei, dass man auch die Windrichtung mit einberechnet.“ Neue Praxisformen, alte Stabilität: Begrüßungen unter Freund:innen

Die Analyse des Begrüßungsverhaltens innerhalb eines langjährigen und stabilen Freundeskreises unter Pandemiebedingungen zeigt anschaulich, wie Individuen ihr Verhalten im Spannungsfeld zwischen Nähebedürfnis und Gesundheitssorge ausloten. Eine unangemessene Begrüßung stellt unter den aktuellen Bedingungen ein Gesundheitsrisiko dar und stellt nicht nur den Status der Handelnden in Frage, sondern gefährdet schlimmstenfalls den Fortbestand der Gemeinschaft, sollte es in der Gruppe zu Covid-19-Erkrankungen kommen. Entsprechend werden vertraute Begrüßungskonventionen durch neue, situativ angemessene Praxisformen ersetzt. Zuvor selbstverständliche Berührungen und herzliche Umarmungen weichen Formen, die mit dem gebotenen Abstand umsetzbar sind, gleichzeitig aber so wenig wie eben möglich von den alten Konventionen abweichen, um den Bedürfnissen der sozialen Gemeinschaft Rechnung zu tragen. Der Mangel an körperlicher Nähe und freundschaftlichen Berührungen wird durch intensive verbale Kommunikation und Sympathiebezeugungen aufgefangen. Die neuen Begrüßungsformen ermöglichen den Beteiligten, durch die Anpassung ihres Verhaltens aktiv und nach außen sichtbar daran mitzuwirken, dass die Freund:innen gesund bleiben. Die derzeitige Situation wird dabei nicht als unabänderliche neue Realität, sondern als Ausnahmesituation wahrgenommen, in der eine Rückkehr zu alten Gewohnheiten wahrscheinlich erscheint und gewünscht ist. Die Akteur:innen bekräftigen durch ihr angepasstes Verhalten ihren Willen, aktiv dazu beizutragen. 

Die Daten legen nahe, dass gesellschaftskonstituierende Strukturen und Anstandsformen durch einschneidende Krisen nicht verloren gehen, sondern innerhalb kurzer Zeit durch neue, auf die Situation zugeschnittene Praxisformen abgelöst werden. Die Handelnden können sich so weiterhin als geeignete und würdige Interaktionspartner:innen erweisen. Die Bereitschaft der Mitglieder einer sozialen Gemeinschaft, angemessene Verhaltensweisen auszuhandeln und umzusetzen, erneuert und stärkt so das vorhandene Beziehungsgefüge.

„Das Abstandsding muss immer mitgedacht werden.“ Alles beim Alten? – Distanz im Arbeitsbereich

Schon vor Beginn der Pandemie ließ sich im beruflichen Feld oft ein eher distanzierteres Verhältnis zwischen Mitarbeiter:innen beobachten. Küsse und Umarmungen etwa waren kaum Bestandteile einer alltäglichen Begrüßung im Büro. Aus diesem Grund zeigten sich die pandemiebedingten Unterschiede vor allem im subjektiven Erleben, weniger in veränderten Praktiken. Mitarbeiter:innen waren zwar überzeugt davon, dass die Schutzmaßnahmen ihre Arbeitssituation nicht verändert haben, doch zeigten sich im Interview Einschnitte in das persönliche Empfinden von Nähe. Das stetige Pflegen der physischen Distanz grenzt emotionale Nähe keineswegs aus. Diese Nähe zeigte sich nach Beginn der Pandemie als pausiert, sodass Mitarbeiter:innen sich als „etwas weniger connected“ empfanden und dementsprechend das zwischenmenschliche Teamgefühl des Betriebes hierunter litt.

Veränderungen bei der Begrüßung gab es vor allem auf der Ebene der Mimik, denn auch vor der Pandemie wurden wenig Gesten genutzt, die physischen Kontakt erforderten. Das kontinuierliche Tragen des Mund-Nasen-Schutzes führte jedoch zur Fixierung der Augenpartie, die während Begegnungen nun gar überzogen wirkt. Diese Anstrengung der Mimik soll den Verlust der sonstigen Gesichtspartie kompensieren, um der neuartigen „anonymen Flur-Masken-Situation“ (Interviewpartner) und der damit verbundenen Verschleierung der eigenen Identität sowie der Gefühle entgegenzusteuern.

Berührt ist damit eine die Daten durchziehende Spannungslage: Einerseits wird die gegenwärtige Situation als unverändert markiert („alles beim Alten“), andererseits als „Ausnahmezustand“. Trotz den im Vergleich zur vorpandemischen Situation geringen sichtbaren Veränderungen in der Begrüßungspraxis, wird eine Rückkehr zur vorpandemischen Verbundenheit, zu einer emotionalen Nähe gesucht. Denn gerade an einem Ort der physischen Distanz braucht es emotionale Nähe.

„Man kann sich ja heutzutage nicht mal `Hallo´ sagen.“ Störfaktor Corona – Analyse von Begegnungen in professionellen Interviewsequenzen

Im vierten Feld, Begegnung von Fremden, wurden Begrüßungen innerhalb von Interviewsequenzen im Rahmen journalistischer Interviews auf YouTube analysiert. Aufgrund der großen Reichweite dieses medialen Formats, stehen die Interagierenden unter dem sozialen Druck, die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung zu berücksichtigen. Die Analyse zeigt, dass die Aushandlung eines Begrüßungsrituals ein interaktionales Problem darstellt, das gemeinsam zu lösen ist. Die Unsicherheit, die während der Begrüßung artikuliert wird, erweist sich als potenzieller Störfaktor zu Beginn der Interaktion. Mithilfe der multimodalen Konversationsanalyse wurde herausgearbeitet, wie sich beide Parteien zurückhaltend und sogar peinlich berührt zeigten: Die Anwesenden lachten verlegen, brachen den Augenkontakt ab, gestikulierten wild oder bewegten sich unruhig. Die gesamte Begrüßungssequenz wird von den Teilnehmenden als limitiert und unzureichend empfunden, wie im „Reporter“-Video „Schüler müssen auf die Felder – weil Erntehelfer fehlen“ (Minute 1:04) beispielhaft zu sehen ist:

Auf das Begrüßungsritual des Winkens folgen die Worte „Man kann sich ja heutzutage nicht mal ‚Hallo‘ sagen“. Metakommentare wie dieser verdeutlichen, dass die Interagierenden die herrschende Situation als Ausnahmezustand betrachten und sich wünschen, dass Begegnungen bald wieder unter den gewohnten Bedingungen stattfinden können.

Die Corona-Pandemie als Ausnahmezustand

Im Rahmen unserer Untersuchung arbeiteten wir heraus, wie sich Begrüßungskonventionen unter dem Einfluss der Corona-Schutzmaßnahmen verändert haben und welche Auswirkungen vermeintlich geringfügige Änderungen auf Individuen, ihr subjektives Empfinden und das Beziehungsgefüge innerhalb sozialer Gemeinschaften haben.

Im Detail konnte herausgearbeitet werden, dass sich diejenigen coronakonformen Begrüßungsformen durchsetzen konnten, die den früheren Konventionen möglichst nahekommen. Außerdem wird, abgesehen von Begrüßungen innerhalb der Familie, auf Körperkontakt weitestgehend verzichtet. Die Interagierenden sind grundsätzlich bemüht, die Abstandsregeln einzuhalten. In der Bereitschaft, sich an die Schutzmaßnahmen zu halten, zeigt sich nicht nur das Anliegen, selbst gesund zu bleiben, sondern auch der von außen empfundene soziale Druck, den pandemiebedingten Interaktionsvorgaben zu folgen. Die Akteur:innen machen durch ihr Verhalten deutlich, dass sie die derzeitige Situation ernst nehmen und positionieren sich hiermit ebenso gesellschaftlich wie politisch.

In allen Feldern wurde deutlich, dass die aktuellen Umstände als Ausnahmesituation wahrgenommen werden. Alle Befragten ordneten die gegenwärtigen Verhältnisse als zeitlich begrenzt und von der Normalität abweichend ein und äußerten die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Maßnahmen: „Ich würd´ mir wünschen, dass es wieder anders ist“. Es zeigt sich eine positive Einstellung gegenüber der Zukunft, während die Gegenwart – wenig überraschend – als eher negativ empfunden wird. Auch wenn in allen untersuchten Feldern sichtbar wird, dass die Akteur:innen teils gravierende Auswirkungen auf zwischenmenschlicher Basis aushalten, gilt das gemeinsame Ziel der Rückkehr zur Normalität als treibende Kraft, um die Regeln korrekt einzuhalten.

Nachsatz

Auch ein halbes Jahr nach den Befragungen und Datenerhebungen für unsere Projektarbeit haben die Ergebnisse nichts von ihrer Aktualität verloren. Das Sars-COV-2-Virus ist noch weit davon entfernt, endemisch zu werden. Auch wenn die Verfügbarkeit von Impfstoffen das Risiko schwerer Krankheitsverläufe reduziert und Körperkontakte in Begrüßungen wieder selbstverständlicher werden, ist die Gesellschaft noch längst nicht wieder in den Normalzustand zurückgekehrt, auf den alle Befragten ihre Hoffnungen richteten. Auch die allmähliche Wiederkehr früherer Begrüßungsrituale stützt zudem die Schlussfolgerung, dass Konventionen, denen eine gesellschaftskonstituierende Funktion zukommt, durch eine Krise nicht außer Kraft gesetzt, sondern angepasst oder durch neue, geeignetere Praxisformen ersetzt werden, die diese Funktionen weiter aufrechterhalten.

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Kommunikation in Zeiten Coronas” (WiSe 2020/2021) entstanden. Weitere Informationen zu dem Seminar finden sie hier.

Bildnachweis:

„stop handshakes“: neo tam, pixabay.com/de

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