Den Orient gibt es nicht!

– Wie Europas Fantasien die arabische Welt prägten.

von Karoline Klotsch

Der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said sorgte mit seiner 1978 veröffentlichten Monografie „Orientalism“ für viel Aufruhr. Seine postkoloniale Theorie zur Rezeption des Orients und seiner Völker war revolutionär und trat damit vielen OrientalistInnen auf die Füße. Er argumentiert in seinem Werk, dass der Orient kein Ort sei, sondern lediglich ein Konzept, eine Idee der EuropäerInnen, die aus einem imperialen Blickwinkel auf den Nahen Osten schauten. Mithilfe der Diskursanalyse nimmt Said viele europäische Texte aus früheren Jahrhunderten unter die Lupe, die über Reisen in arabische Länder berichten, und kommt so zu dem Schluss, dass die europäische Idee des Orient geprägt sei von Überlegenheit der EuropäerInnen und entsprechender Minderwertigkeit der arabischen Völker. Diese Sichtweise habe sich weltweit eingebürgert, da der Begriff „Orient“ lange Zeit nicht hinterfragt, sondern als geographische Bezeichnung eines Ortes hingenommen wurde. Said identifiziert die europäische Kultur schließlich als hegemonial, da diese das Leitbild für die übrige Welt wurde und andere Kulturen, wie die arabische, untergrub und abwertete. 

Was meint Orientalismus?

Jeder, der über den Orient schreibt, unterrichtet oder zum Orient forscht ist ein/e OrientalistIn und was OrientalistInnen machen ist Orientalismus (2). So fasst Said Orientalismus vorerst zusammen. Es ist dabei zu beachten, dass Said den Begriff nutzt, um die eurozentrische Forschung zum Nahen Osten darunter zusammenzufassen und es sich nicht um eine tatsächliche wissenschaftliche Disziplin handelt. Der Autor geht zu Beginn seines Buches auf die grundlegendere Bedeutung des Begriffs ein: Im weiteren Sinne sei Orientalismus eine Denkweise, die eine ontologische und epistemologische Unterscheidung zwischen dem Orient und dem Okzident voraussetzt (2). Der Orient definiere hier die Regionen im Osten, während der Okzident für das Abendland, den Westen, stehe. Said bezieht sich auf das Argument des britischen Historikers Denys Hays, dass Orientalismus mit dem Verständnis der EuropäerInnen als „wir EuropäerInnen“ zu tun habe, mit dem sie versuchen, sich von „diesen Nicht-EuropäerInnen“ abzuheben (7). Die Unterscheidung zwischen „wir EuropäerInnen“ und „diesen Nicht-EuropäerInnen“ ist keineswegs aus einem neutralen Blickwinkel zu verstehen, sondern in ihr schwingt eine Überlegenheit mit, mit der die WestlerInnen dem Orient gegenübertreten und begegnen (3).  Said übernimmt den Begriff der Hegemonie, der vom italienischen Marxisten Antonio Gramsci geprägt wurde, um das Verhältnis zwischen Orient und Okzident deutlicher zu machen. Hegemonie beschreibt, dass bestimmte Kulturen in einer Gesellschaft priorisiert werden und andere Kulturen damit verdrängen (7). Im Fall des Verhältnisses der EuropäerInnen gegenüber den Nicht-EuropäerInnen, vor allem den BewohnerInnen des Orients, argumentiert Said, dass die europäische Kultur hegemonial wirke, weil ein wichtiger Bestandteil der Kultur die Idee europäischer Überlegenheit sei (7). Zusammenfassend ist das Verhältnis zwischen Orient und Okzident, laut Said, also geprägt von der Macht des Okzidents über den Orient. Der Orientalismus sei die herablassende Sichtweise des Westens auf den Osten, die sich in westlichen Werken über den Orient manifestiert habe. 

Strategic location und strategic formation

Um seine These, der Orient sei eine Idee und kein Ort, zu untermauern, macht Said von der Diskursanalyse Gebrauch, mit der er literarische Texte aus Zeiten des Kolonialismus untersucht und in Beziehung setzt. Dass er fiktionale Texte untersucht, soll aber nicht heißen, dass seine Untersuchung nicht auch politischer Natur sein kann. Said möchte vielmehr den Austausch zwischen einzelnen AutorInnen der Kolonialzeit und politischen Gegebenheiten durchleuchten (14). Um das autoritäre Verhältnis zwischen Okzident und Orient in Texten zum Orient herauszustellen, führt er eine Unterscheidung zwischen der strategic location und der strategic formation ein.

Mit der strategic location möchte Said das Verhältnis eines/r Autors/in zu dem Material, über das er schreibt, analysieren. Das sei aufschlussreich, weil sich AutorInnen, die über den Orient schreiben wollen, auch immer selbst zum Orient positionieren müssten – sie nehmen einen Standpunkt beziehungsweise eine location ein. Diese location manifestiere sich in der Sprache der AutorInnen, den Bildern und Stilmitteln, die sie nutzen (20). So wie der/die AutorIn den Orient sehe, werde das Objekt auch an die LeserInnen herangetragen und der/die AutorIn setze sich in eine Position, in der er/sie stellvertretend für den Orient spreche. Dass ein europäischer Mann/eine europäische Frau, der/die mit imperialem Gedankengut großgeworden ist, nicht einfach ein/e StellvertreterIn des Nahen Ostens werden kann, und die Region authentisch und ohne Überlegenheitsideen darstellen kann, liegt dabei auf der Hand.

Mit der strategic formation möchte Said das Verhältnis zwischen Texten und der Art und Weise wie Texte und Textgenres „mass, density, and referential power among themselves and thereafter in the culture at large“ generieren, herausarbeiten (20). Jeder produzierte Text über den Orient bette sich selbst in den Kontext anderer Werke und Institutionen, die sich mit dem Orient befassen und die ein Publikum aufnimmt. Diese bilden eine formation, ein dichtes Netz, dass sich durch seine Größe und Masse selbst validiere und die Idee des Orients stärke und unterstütze (20). So macht es also Sinn, sich das große Netz der Werke zum Orient näher anzuschauen und darauf hinzuweisen, dass sie sich gegenseitig eine Existenzberechtigung schaffen. So kann nachvollzogen werden, wie sich die europäische Bevölkerung ihre eigenen Vorstellungen erschaffen hat, die lange unerschütterlich blieben.

Wie sich Orientalismus heute noch auswirkt

Said selbst beschreibt in seiner Einleitung, wie ihn das Thema Orientalismus als arabischer Palästinenser betrifft. Er würde im Westen politisch nicht existieren, und wenn er ausnahmsweise doch angesehen werde, dann höchstens als Ärgernis oder Orientale (27). Das zeigt, dass zu Saids Zeiten, in den 1970er Jahren, immer noch Einflüsse des Kolonialismus bzw. dessen Denkweisen zu spüren waren. Auch heute noch wirkt die westliche Kultur hegemonial auf andere Kulturen und Rollenbilder aus der damaligen Zeit sind in den Köpfen der Menschen verankert.

Said bezieht seine Theorie nun explizit auf das Verhältnis zwischen Okzident und Orient, doch schafft er damit auch ein Modell des Selbst und des Anderen. Das Konzept der Hegemonie und die Sichtweise des Selbst als dem Anderen überlegen anzusehen, lassen sich auf viele andere Debatten übertragen, wie zum Beispiel der Beziehung zwischen der heterosexuellen Mehrheit und der homosexuellen Minderheit. Homosexuelle Personen werden von der überwiegend heterosexuellen Gesellschaft oft als nicht normal und minderwertig betrachtet. Auch dieser Zwiespalt kann sich in literarischen Texten manifestieren, wenn heterosexuelle AutorInnen beispielsweise heterosexuelle Charaktere in ihren Bücher sprechen lassen und sie sich damit selbst positionieren. Diese Werke können ebenfalls eine formation bilden und somit ein starkes Netz, dass von der Minderheit kaum durchbrochen werden kann. Diese Debatte hat den Begriff der Heteronormativität hervorgebracht, bei der Heterosexualität als Norm betrachtet wird, sowie beim Orientalismus Europa den Maßstab setzte. Wie Europas Fantasien die arabische Welt prägten.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Literaturgrundlage:
Said, Edward ([1978] 2019): Orientalism. Penguin, 1-28 (Introduction).

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Eine Antwort

  1. Julia Steinke sagt:

    Vielen Dank für den spannenden Blogbeitrag! Ich finde es besonders interessant zu sehen, wie der Effekt von Literatur auf die gesellschaftlichen Denkmuster beschrieben und im Fall des Orients an einem vermeintlich geografischen Ort festgemacht wird. Dass sich dabei allgemeine Erkenntnisse über das Verhältnis von Eigenheit und Fremdheit erkennen lassen und diese auch auf andere Bereiche übertragbar sind, wurde sehr nachvollziehbar dargelegt. Besonders die Erkenntnis, dass Othering nicht nur die Anderen degradiert, sondern auch zur Selbstdarstellung und Identifikation beiträgt, ist ein spannender Punkt. Schließlich bedarf es einer gezogenen (staatlichen/gesellschaftlichen/ideellen …) Grenze, um sich als Gemeinschaft von anderen Gemeinschaften abgrenzen zu können. Dass dies auch innerhalb von geografischen Grenzen passiert, verdeutlicht das angesprochene Beispiel der Exklusion Homosexueller. Dass auf solche Denkmuster aufmerksam gemacht wird und zur Reflektion angeregt wird, halte ich für eine wichtige Aufgabe.

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