Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch.

Von Caroline Schneider und Marie Thauern

Alfred Schütz gilt als Begründer der phänomenologischen Soziologie. Die Theorien des 1959 verstorbenen Soziologen finden in der Wissenschaft bis heute große Beachtung. Doch wieso werden seine Texte noch gelesen? Inwiefern besitzen seine Aushandlungen über den Fremden noch aktuelle Relevanz und wo finden sich Parallelen zu heute? Fragen, die im Folgenden beantwortet werden. In einem seiner bekanntesten Texte untersucht Schütz die Figur des Fremden. Er fragt aus einer sozialphänomenologischen Perspektive heraus, wie sich dieser einer neuen sozialen Gruppe annähert, in die er sich dauerhaft eingliedern möchte. Diese sozi­ale Gruppe bezeichnet Schütz als die „in-group“ (S. 57). Der Fokus liegt auf der Situation der sozialen Annäherung. Als Fall wählt Schütz den Immigranten. Der Ausdruck „Zivilisati­ons­muster des Gruppenlebens“ (S. 54) bezeichnet dabei „alle besonderen Wertungen, Institu­tionen sowie Orientierungs- und Führungssysteme“ (S. 54) der „in-group“.

Das System des Wissens und „Denken-wie-üblich“

Schütz beginnt mit einer grundlegenden Analyse des (Alltags-)Wissens. Das Wissen des Menschen, der in seiner Welt handelt und denkt, ist nicht homogen, sondern inkohärent, nur teilweise klar und nicht konsistent. Das erworbene System des Wissens fungiert für den Men­schen als standardisiertes Schema kultureller und zivilisatorischer Muster, welches als Anweisungs- und Auslegungsschema gilt. Schütz bestimmt dieses Wissenssystem wie folgt:

„Es ist ein Wissen von vertrauenswerten Rezepten, um damit die soziale Welt auszulegen und um mit Dingen und Menschen umzugehen, damit die besten Resultate in jeder Situation mit einem Minimum von Anstrengung und bei Vermeidung unerwünschter Konsequenzen erlangt werden können.“ (S. 58)

Alfred Schütz

Dieses Wissen fasst Schütz auch im Ausdruck des „Denken-wie-üblich“ (S. 58) zusammen. Es ist an gewisse Grundannahmen gebunden. Wird eine dieser Annahmen gebrochen, ist das „Denken-wie-üblich“ nicht mehr möglich und es entsteht eine „Krisis“ (S. 53).

Die „Krisis“ des Fremden 

Der Fremde befindet sich in einer „Krisis“, da er mit der „in-group“ weder das „Denken-wie-üblich“ noch die „Kultur- und Zivilisationsmuster“ (S. 60) teilt. Aus diesem Grund legt er die soziale Welt der neuen Gruppe nach dem „Denken-wie-üblich“ seiner „Heimat“ (S. 56) aus. Hier findet er fertige Vorstellungsmuster, die sich jedoch als ungeeignet darstellen. Die Gültigkeit seines „Denken-wie-üblich“ erlischt, wenn der Fremde entdeckt, dass die Dinge in seiner neuen Umgebung nicht der Vorstellung entsprechen, die er noch zu Hause besessen hat. Er muss zunächst ein bestimmtes Wissen über die neuen „Kultur- und Zivilisationsmuster“ sammeln, bevor er sie als sein eigenes Ausdrucksschema anwenden kann. Doch einige Grundzüge des neuen Ausdrucksschemas sind für den Fremden nicht leicht zu erlernen. Diese Züge sind vorerst nur die „in-group“ zugänglich und können von dem Fremden erst mit der Zeit, durch eigenes Erleben, erlernt werden. Als Beispiel nennt Schütz hier das Erlernen einer Sprache: Um sie frei zu beherrschen, müssen dem Sprecher auch die verschiedenen Konnotationen und Implikationen geläufig sein.

Handlungsrezepte

Die Zivilisationsmuster beinhalten „Rezepte“ (S. 59) mit typischen Lösungen für typische Probleme, die jedem typisch Handelnden aus der „in-group“ zugänglich sind. Die Chancen für die Wirksamkeit eines „Rezeptes“ sind umso größer, je weniger Abweichungen vom ano­nymen typisierten Verhalten geschehen. Doch für den Fremden funktionieren diese komplexer: Er muss sich jedes Mal vor der Anwendung vergewissern, ob die „Rezepte“ für Lösungen auch die gewünschte Wirkung für ihn in seiner speziellen Position erzielen. Dies führt zu Verunsicherung: Der Fremde findet somit noch keinen Schutz in den Mustern. Er entwickelt zwei Grundzüge gegenüber der „in-group“: Objektivität und zweifelhafte Loyalität. Somit bleibt er ein am Rande der Gesellschaft stehendes Individuum, „ein kultureller Bastard an der Grenze von zwei verschiedenen Mustern des Gruppenlebens, der nicht weiß, wohin er gehört“ (S. 68).

Wann der Fremde kein Fremder mehr ist

Die Angleichung des Fremden an die „in-group“ ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem er die „Kultur- und Zivilisationsmuster“ der neuen Gruppe untersucht. Wenn der Prozess fort­schreitet, werden diese Muster für den Fremden eine Selbstverständlichkeit, ein Lebensstil und bieten ihm Schutz. Erst dann ist der Fremde kein Fremder mehr, sondern ein vollwertiges Mitglied der Gruppe.

Zur Theorie von Alfred Schütz

Schütz hat seine Untersuchung der sozialen Annäherung des Fremden Mitte des 20. Jahrhun­derts verfasst. Damit stellt sich die Frage nach der Aktualität. Eine Parallele lässt sich nach unserer Meinung zwischen Schütz‘ Theorie und der wachsenden Zahl der Flüchtenden der letzten Jahre in Deutschland ziehen. Auch hier kommen Fremde als Immig­rierende in eine neue soziale Gruppe und müssen sich dieser zunächst annähern. Schütz liefert bereits vor 80 Jahren Konzepte und Analysen, die sich auch im aktuellen öffentli­chen Diskurs finden. Ein Beispiel ist die Thematisierung des Aspekts der fehlenden Dankbarkeit, welches auch in der Debatte um Flüchtende verwendet worden ist. So beschreibt Schütz: „Der Fremde wird undankbar genannt, da er sich weigert anzuerkennen, daß die ihm angebotenen Kultur- und Zivilisationsmuster ihm Obdach und Schutz garantieren.“ (S. 68-69)

Ein weiterer kritischer Aspekt liegt unserer Meinung darin, dass der Fremde laut Schütz‘ Untersuchung all seine heimischen „Kultur- und Zivilisationsmuster“ ablegen und eine vollständige „soziale Assimi­lation“ (S. 54) vollziehen müsse, um seine „Krisis“ zu lösen. Denn auch, wenn die Anwen­dung der Muster seiner Vergangenheit in der neuen sozialen Gruppe nicht mehr funktioniert, so gehören sie doch zu seiner Biographie. Der „in-group“ begegnet der Fremde zwar als „Mensch ohne Geschichte“ (S. 60), jedoch bleibt seine Vergangenheit für ihn erhalten und auch zukünftig Teil seiner selbst. Ist es in der Praxis für den Fremden überhaupt umsetzbar, alle ursprünglichen „Rezepte“ sowie „Kultur- und Zivilisationsmuster“ vollständig abzu­legen? Eine vollständige Anpassung als Voraussetzung für das Lösen der „Krisis“ und eine erfolgreiche Integration in die „in-group“ ist fragwürdig. Darüber hinaus wäre diese soziale Anpassung als Voraussetzung der erfolgreichen Integration in einer Gesellschaft, die auf Diversität und freie Entfaltung des Individuums setzt, nicht zielführend. In diesem Punkt lässt sich auf Rudolf Stichwehs Text verweisen, der auch im Seminar diskutiert wurde. Darin untersucht er den Einfluss der gesellschaftlichen Orientierung für die Positionierung des Fremden.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Schütz, Alfred (1972): Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze II. Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 53-70.

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Eine Antwort

  1. Claudia Altrogge sagt:

    Dieser Beitrag gefällt mir sehr gut! Die Autorinnen haben Schütz’ Theorie gut erklärt, auf ein aktuelles Beispiel bezogen und sie schließlich kritisch hinterfragt.
    Die Grenzen einer Theorie aufzuzeigen bzw. zu zeigen, in welchen Punkten sie nicht aktuell anwendbar ist, ist ihnen gut gelungen. Mit dem Verweis auf den Text von Rudolf Stichweh wird deutlich, wie wissenschaftliche Theorien ergänzt und erweitert werden.
    Ich möchte auf den Punkt der Integration in einer diversen und auf freie Entwicklung des Individuums setzenden Gesellschaft weiter eingehen. Wenn man Schütz’ Theorie folgt und annimmt, dass die Kultur- und Zivilisationsmuster einer “in-Group” genau diese Diversität und freie Entwicklung des Individuums sind, inwiefern verändert sich dann die Integration? Ich gehe davon aus, dass der Integrationsbegriff ohne sozialen Anpassungsdruck definiert werden muss. Mit einem umfassenden Demokratieverständnis, in dem diverse Mitbürger zusammen leben und lernen, dürfte das funktionieren.

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