Der Fremde in der Weltgesellschaft – ein vielschichtiges Phänomen

Von Viktoria Schutschmann, Julia Steinke und Diana Tönsmann

„Am Ende ist diese Gesellschaft Weltgesellschaft, und daß heißt, daß sie kein soziales Außen mehr kennt, daß es niemanden mehr gibt, den man legitimerweise einen Fremden der Gesellschaft nennen könnte“

Stichweh 2010: 170


Um diese Aussage, die den Alltagserfahrungen besonders im gegenwärtigen Kontext von Migration und Flüchtlingsdiskurs zu widersprechen scheint, einordnen zu können, lohnt sich ein Blick in Rudolf Stichwehs systemtheoretisches Konzept von Fremdheit in der gegenwärtigen Weltgesellschaft. Der Soziologe widmet sich unter anderem folgenden Fragen: Was zeichnet Fremdheit aus? Kann es in einer globalisierten Gesellschaft so etwas wie Fremdheit überhaupt noch geben? Welche Strategien verfolgt die Gesellschaft, um mit Fremdheit umzugehen?


Der Fremdheitsbegriff

Wie konzipiert Rudolf Stichweh Fremdheit? Im alltagssprachlichen Gebrauch werden Andersheit und Fremdheit oft gleichgesetzt. Stichweh aber differenziert die beiden Phänomene: Andersheit ist demnach eine „universelle soziale Erfahrung“ (ebd.: 162), die jeder Mensch macht, um sich selbst von Anderen abzugrenzen, währenddessen Fremdheit nur dann vorliegt, „wenn die Andersheit eines alter Ego als Irritation oder Störung empfunden wird“ (ebd.). Die empfundene Irritation oder Störung, die durch die Erfahrung von Fremdheit hervorgerufen wird, kann in vielen Fällen Handlungsbedarf auslösen. Häufig treten zusätzlich Gefühle von Ambivalenz und Ungewissheit auf. Diese Ambivalenz wird besonders deutlich im Fall von Fremdenfeindlichkeit. Für rechtsradikale, rassistische Menschen bzw. soziale Gruppen wird die Fremdheit Anderer als eine massive Störung erfahren. Der Handlungsbedarf wird in extremen Fällen als politisch motivierte Straftat ausgelebt, wie etwa der rassistisch motivierte Anschlag auf zwei Shishabars in Hanau im Februar 2020 vor Augen führt.

Modi der Auffassung und Behandlung von Fremdheit

In der Auseinandersetzung mit der Zuweisung von Rollen und dem Mitgliedsstatus für Fremde in verschiedenen (historischen) Gesellschaften identifiziert Stichweh fünf sozialstrukturelle Varianten, mit Fremdheit umzugehen. Erstens existiert die Möglichkeit, dass die Gesellschaft den Fremden nicht als solchen erkennt, keine Irritation vorliegt und somit auch kein Handlungsbedarf etabliert wird. Zweitens gibt es Fälle, in denen die Gesellschaft Fremdheit als Irritation erfährt und sofort beginnt, gegen die Fremdheitserfahrung vorzugehen. In stratifizierten Gesellschaften etablierte sich, drittens, eine Pluralität möglicher Auffassungen von Fremdheit. So wurden beispielsweise „innere und äußere Fremde; geduldete, privilegierte und unterworfene Fremde“ (ebd.: 164) unterschieden. Den vierten Modus zeichnet die aufkommende Reduzierung dieser Diversität auf die Identifizierung eines Fremden anhand von Staatszugehörigkeit im 19. und 20. Jahrhundert aus. Der fünfte Modus wird von Stichweh als „Universalisierung des Fremden“ (ebd.) beschrieben. Fremdheit ist aus dieser Perspektive eine alltägliche und selbstverständliche Angelegenheit. Dieser Modus bildet den Kern von Stichwehs Analyse.

Indifferenz als Folge der Unsichtbarkeit des Fremden

Den Prozess der Universalisierung des Fremden kann schon an Burkes Zitat von 1796/7 festgemacht werden, der äußert

„No European can be a complete exile in any part of Europe“

Burke 1796/7, zitiert nach Stichweh 2010: 165

Es handelt sich um ein Phänomen, das sich aufgrund von Globalisierung, Urbanisierung und Technisierung mittlerweile auf die Weltgesellschaft übertragen lässt und die alltägliche Interaktion mit Personen, die man Fremde nennen könnte, heute selbstverständlich macht. Der Andere wird nicht ausschließlich auf seine Andersheit einem selbst gegenüber reduziert, sondern als Individuum wahrgenommen und innerhalb „der Individualisierung aller Teilnehmer an Interaktion und Gesellschaft“ (Stichweh 2010: 167) müssen Differenzen aktiv erarbeitet werden. Dies geschieht nur dann, wenn sie situativ wichtig sind, ansonsten prägt die Moderne „das Phänomen der Indifferenz gegenüber fast allen sozialen Differenzen“ (ebd.: 166). Man begegnet der Mehrheit der Menschen mit neutraler Gleichgültigkeit.

Mechanismen der Indifferenz

Wie aber ist es möglich, tagtäglich unpersönliche Beziehungen auszuhalten und tausendfach Menschen unbeachtet zu lassen? Es gibt im Sozialisationsprozess erworbene Verhaltensweisen, die zum Teil ständig, zum Teil situativ eingesetzt werden. So wird die Fähigkeit, nicht zu jedem in einer großen Menge Menschen einen Selbstbezug herzustellen, normativ erwartet, um ein funktionsfähiger Teil der Gesellschaft zu sein. Dass die Leistung zugleich nicht selbstverständlich ist, ist an der Tatsache festzumachen, dass bei Fehlschlagen des Mechanismus von einer psychischen Störung gesprochen wird. Stichweh unterscheidet hier verschiedene situative Techniken: die „Prätention der Nichtanwesenheit“ (ebd.: 169), die „Kunst der Vermeidung“ (ebd.), die „Nichtkommunikation trotz unbestreitbarer Wechselseitigkeit des Wahrnehmens“ (ebd.) und die „Institutionen der minimalen Akzeptanz des Anderen“ (ebd.). Die einstige Dualität von Beziehungen als vertraut oder fremd wird um die neue gesellschaftliche Institution der Bekanntschaft ergänzt, die eine Erweiterung personeller Beziehungen ermöglicht und zur Bildung lokal unabhängiger sozialer Netzwerke führt.
Hinsichtlich Stichwehs Ausführungen ist es interessant zu beobachten, dass die inhaltliche Definition des Begriffs der Bekanntschaft in der Alltagssprache große Diskrepanzen aufzeigt. Was für den einen zu Freundschaft zählt, mag für den anderen eine Bekanntschaft sein. Besonders durch die stetige Globalisierung und den vermehrten Gebrauch von Social Media erscheint es durchaus schwierig, soziale Beziehungsstatus intersubjektiv adäquat zu benennen.

Indifferenz und Moral

Die moralischen Grundlagen der Indifferenz werden von Stichweh durch die Existenz einer Minimalmoral (einer basalen Akzeptanz aller anderen) und die Anzeichen einer Minimalsolidarität unter allen Menschen bestimmt. Die Minimalmoral ist etwas, das sich alter Ego nicht erst verdienen muss. Das aber geht einher mit einer Form von Minimalsympathie: Demnach hat alter Ego keinen weiteren Anspruch auf Aufmerksamkeit oder Engagement von Ego.
Im Hinblick auf die zahlreichen Flüchtlingslager und den anhaltenden Konsum von Gütern, die offenkundig unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wurden, bleibt offen, inwiefern dieses Konzept von Minimalsolidarität und einer neutral konnotierten Indifferenz noch Aktualität aufweist und ob das von Stichweh selbst erwähnte Moment räumlicher Distanz positiven oder negativen Einfluss auf indifferentes Verhalten haben kann.

Fazit

Stichwehs Auseinandersetzung mit Fremdheit beleuchtet die Diversität des Phänomens und zahlreiche Strategien im Umgang mit Fremdheit. Kritisch anzumerken ist ein Fehlen der Ausdifferenzierung des binären Fremdheitsstatus, denn in einer multikulturellen und heterogenen Gesellschaften zeigt sich, dass auch Personen als anders oder fremd empfunden werden können, die dieselbe Staatsbürgerschaft und Mitgliedschaftsrechte teilen. Ein Beispiel hierfür ist die Differenzierung von Ost- und Westdeutschen, die zum Teil auch über dreißig Jahre nach dem Mauerfall noch vollzogen wird. Sie verdeutlicht, dass das Gefühl von nationaler Mitgliedschaft und Zusammengehörigkeit zusätzlich an Personen und ihre Geschichte gebunden ist und somit ein soziales Außen auch in der Weltgesellschaft existieren kann. Des Weiteren wird der fünfte Modus, die Universalisierung des Fremden, als moderne Errungenschaft in den Vordergrund gestellt, in welcher es nicht möglich ist, eine konkrete Person als fremd zu bezeichnen. Doch gerade die Anerkennung und bewusste Auseinandersetzung mit Andersheit kann oft einen positiven Wandel herbeiführen. Kann also die Einnahme einer indifferenten Position gegenüber sozialen Unterschieden ein Hindernis für zukünftigen Fortschritt darstellen?

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Literaturgrundlage:
Stichweh, Rudolf (2010): Fremdheit in der Weltgesellschaft: Indifferenz und Minimalsympathie. In: Ders. (Hrsg.): Der Fremde. Studien zur Soziologie und Sozialgeschichte. Berlin: Suhrkamp, S. 162-176.

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2 Antworten

  1. Helena Titz sagt:

    An diesem Blogbeitrag zu Stichwehs Text über die Fremdheit in der Weltgesellschaft gefällt mir vor allem der kontinuierliche Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen.
    Die Kritik, die außerdem an Stichwehs Aussage geübt wird, dass es niemanden mehr gibt, den man legitimerweise einen Fremden der Gesellschaft nennen könnte, ist schlüssig und auf jeden Fall wichtig zu äußern. Denn aus heutiger Sicht, also zehn Jahre nachdem der Text veröffentlicht wurde, ist diese Aussage tatsächlich schwierig nachzuvollziehen.

    Die von Stichweh differenzierten Begriffe der Fremd- und Andersheit werden in dem Blogbeitrag schlüssig erklärt und auch hier überzeugt der Bezug auf aktuelle Ereignisse, wie den Anschlag in Hanau.
    Bei den „Modi der Auffassung und Behandlung von Fremdheit“ hätte sich vielleicht etwas vom Text entfernt werden können. Außerdem hätten Beispiele für die verschiedenen Varianten, mit Fremdheit umzugehen, gegeben werden können, um diese ebenso anschaulich zu machen wie die Differenzierung von Fremd- und Andersheit im Abschnitt zuvor.

    Zu betonen ist die im Blogbeitrag klar geäußerte (Gesellschafts-)Kritik, die zu bedenken gibt, ob die Minimalsolidarität, von welcher Stichweh spricht, wirklich existiert.
    Die aktuellen Ereignisse, die zur „Black Lives Matter“-Bewegung führten, machen es schwer, an etwas wie eine Minimalsolidarität/-moral oder -sympathie, wie Stichweh es nennt, zu glauben. Und auch andere Aspekte wie der Anstieg von Fremdenfeindlichkeit, Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte, Morde an People of Color in den USA oder Femizide in lateinamerikanischen Ländern lassen Stichwehs Erläuterungen zwar philanthropisch, aber möglicherweise sogar etwas naiv wirken.

    Im Fazit des Blogbeitrags wird berechtigterweise betont, dass auch Personen als anders oder fremd empfunden werden können, die dieselbe Staatsbürgerschaft und Mitgliedschaftsrechte teilen. Das Beispiel der Differenzierung von Ost- und Westdeutschen, das genannt wird, ist gerade im Zusammenhang des Seminars interessant, da zu einem späteren Zeitpunkt in einer Sitzung ebendiese Ost-/West-Beziehung thematisiert wurde.

    Um abschließend auf die Frage einzugehen, die am Ende des Blogbeitrags gestellt wird: Auch ich halte die Anerkennung und bewusste Auseinandersetzung mit Andersheit für wichtig, um einen Wandel überhaupt erst einleiten zu können. So zeigt ja, um erneut auf die „Black Lives Matter“-Bewegung zu verweisen, dass die bewusste Beschäftigung mit und das klare Benennen von bestehendem, strukturellem Rassismus erst einen Diskurs anstößt, der (hoffentlich) zur Bekämpfung von Rassismus führt. People of Color werden scheinbar, beispielsweise von Teilen der US-amerikanischen Polizei, als fremd oder anders wahrgenommen und auch anders behandelt als Weiße.

  1. 11. Juli 2020

    […] und freie Entfaltung des Individuums setzt, nicht zielführend. In diesem Punkt lässt sich auf Rudolf Stichwehs Text verweisen, der auch im Seminar diskutiert wurde. Darin untersucht er den Einfluss der […]

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