Die Konfliktlinien im Diskurs um das Gendern

von Elisa John, Moritz Karrer, Brian Kelter, Johanna Patyk, Yue Zhao

Gendern, also die Verwendung bestimmter Formen wie Studierender oder Student*in in der Annahme, mit der Verwendung des entsprechenden generischen Maskulinums (Student) Frauen und Menschen, die sich als nichtbinär empfinden, auszuschließen, ist in den letzten Jahren immer bekannter geworden. Und der Diskurs um dieses Phänomen hält seitdem an: man spricht darüber innerhalb von Freundeskreisen und mit der Familie, Dozenten gendern – der Diskurs ist einfach überall und kaum noch zu übersehen. Aufgrund dessen soll es im folgenden Beitrag darum gehen, den Diskurs rund um das Gendern zusammenfassend wiederzugeben. Worum geht es eigentlich genau? Welche Strategien verfolgen die verschiedenen Akteure in diesem Diskurs und welche Koalitionen bilden sie? Bewegt sich der Diskurs, steuert auf eine „Lösung“ zu?

Unser Textkorpus   

Im Rahmen unserer Datenerhebung beschäftigten wir uns ausschließlich mit über das Internet öffentlich zugänglichen Meinungsartikeln, herausgegeben von deutschsprachigen Medien. Da wir eine qualitative und nicht quantitative Untersuchung anstrebten, filterten wir die zum Diskurs gehörigen Texte nach der Stärke ihrer Aussagekraft. Artikel, die den Diskurs zusammenfassten, ließen wir außen vor. Mit fortschreitender Arbeit präzisierte sich im Verlauf des Arbeitsprozesses auch unsere Fragestellung und wir führten eine zweite Datenerhebung, diesmal unter anderem mit einem zeitlichen Fokus, durch. Das gesammelte Korpus unserer Untersuchung besteht aus neun Meinungsartikeln deutschsprachiger Medien aus den Jahren 2018 und 2020. In diesen beiden Jahren gab es aufgrund verschiedener Ereignisse einen Anstieg an Diskursbeiträgen. Der deutsche Rechtschreibrat beriet 2018 über das Gendern und 2020 flammte die Diskussion aufgrund der Entscheidung verschiedener öffentlich-rechtlicher Medien, zu gendern – zuvorderst bei Anne Will – erneut auf.   

Der von uns gewählte methodologische Zugang zum Feld ist wie erwähnt ein qualitativer. In diskursanalytischer Tradition beschäftigten wir uns mit der intertextuellen Phänomenstruktur und mit Deutungsmustern zum Thema Gendern, aber auch mit Darstellungen möglicher und vermuteter Diskurskoalitionen, sowie deren Diskursstrategien. Anhand einer feinanalytischen Zergliederung unseres Textkorpus nach Keller (2011, S. 97ff.) konnten wir die im Folgenden genannten Schlüsse ziehen und einen weitreichenden Einblick in diverse Facetten des Diskurses erlangen.  

Generisches Maskulinum, Sprachwandel und die Realität

Anhand unseres Textkorpus lässt sich zunächst zeigen, dass der Genderdiskurs eine diversifizierte Phänomenstruktur aufweist. Konkret wird das Gendern entlang dreier Konfliktlinien thematisiert: grundlegend sind Konflikte um den Gebrauch des generischen Maskulinums, um Sprachwandel und die Beziehung zwischen Sprache und Realität.

Bezüglich des generischen Maskulinums als Sprachform kreist der Konflikt um die Frage, ob sein Gebrauch inkludierend oder exkludierend wirkt. Gegner des Genderns nehmen das generische Maskulinum als inkludierend wahr. So wird argumentiert, dass mit den Wörtern Bäcker und Ärzte stellvertretend Männer und Frauen gemeint seien (Schröder 2018). Befürworter des Genderns hingegen nehmen das generische Maskulinum als exkludierend wahr.

Beim Phänomen Sprachwandel stehen sich zwei Deutungen gegenüber: Einerseits wird Sprache als etwas gesehen, das einem Ökonomieprinzip (ähnlich der Evolution in der Natur) folgt. Gendern wird hier als künstliche Herstellung „unnötiger Komplexität“ (Trutkowski 2020) bewertet. Andererseits wird der Sprachwandel als etwas betrachtet, das die Absicht ausdrücken soll, angenommene intersektionale Ungleichheiten sichtbar zu machen. Dies kommt etwa in folgendem Datenfragment zum Ausdruck:

„Es ist heute selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, (…) nur weibliche Lehrer und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese Information darf niemals nicht gesagt werden.”

Pollatschek 2020

Schließlich ist auch die Beziehung zwischen Sprache und Realität zentral. Befürworter des Genderns sehen Sprache als die Realität beeinflussend an: „Da die Sprache unser wichtigstes Verständigungsmedium ist, prägt es auch unser Bewusstsein” (Schröder 2018). Gegner des Genderns wiederum verneinen diesen Zusammenhang:

„Zu glauben, durch eine veränderte Sprachnorm politische Versäumnisse zu heilen und soziale Realitäten umstülpen zu können ist eine Illusion”

Trutkowski 2020

Akteure und ihre Strategien

Bisher haben wir von befürwortenden und ablehnenden Positionen gegenüber dem Gendern gesprochen. Doch welche Akteurskonstellationen finden sich in diesem Diskurs genau? Es wird sehr deutlich, ob das Gendern befürwortet oder abgelehnt wird, doch wenn es darum geht, welche einzelnen Gruppierungen miteinander eine Koalition in diesem Diskurs bilden, wird es komplex: die sich gegenüberstehenden Koalitionen nehmen oft Fremdkategorisierungen vor,  die mit den Selbstkategorisierungen der Diskursteilnehmer nicht übereinstimmen.

Hinsichtlich politischer Positionierungen bemerkten wir dies, als wir auf die Ergebnisse einer Umfrage aus dem Mai 2020 stießen (Infratest-Dimap 2020), die auf der Seite der politischen Linken (im Sinne von progressiv) viele Gegner des Genderns sieht – in den Texten unseres Korpus jedoch werden die Gegner des Genderns von den Befürwortern im konservativen Lager (im Sinne von an alten Konventionen festhaltend) verortet (bspw. Trutkowski 2020). Eine ablehnende Haltung gegenüber dem Gendern wird auch als Scharnier zwischen Konservativen und Reaktionären gesehen (Bednarz 2020). 

Da es sich beim Gendern um ein sprachliches Phänomen handelt, sind Positionierungen von Linguisten als Experten zu diesem Thema besonders interessant: sie treten sowohl als Gegner des Genderns als auch als Befürworter in Erscheinung. Befürwortende Linguisten werden dabei bisweilen in einer Koalition mit moralisch argumentierenden Aktivisten verortet:

„(…) am meisten freut es diejenigen, welche schon immer der Meinung waren, Gendern mache sie zu moralisch besseren Menschen. Auch einige Linguisten möchten sich hier einreihen (…)” 

Trutkowski 2020

Nicht zuletzt wird auch die Jugend generell zu den Befürwortern gerechnet: „Für die jüngeren ist Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache ein großes Thema” (Kabukcu 2020).

Entlang der Konfliktlinie zwischen Befürwortern und Gegnern lassen sich schließlich verschiedene Diskursstrategien ermitteln. Gegenderte Sprachformen unterliegen einem Framing (Matthes 2014) als gerecht und inkludierend, wie in der folgenden Aussage zum Ausdruck kommt:

„Denn wer kann schon gegen Gleichberechtigung sein und die sprachliche angemessene Anerkennung aller Menschen ablehnen?”

Schröder 2018

Die Verwendung dieser Formen wird darüber hinaus von Befürwortern moralisiert, der Ausgang der Diskussion wird als „moralisch und gesellschaftlich vorbestimmt” (Schröder 2018) gesehen. Wie bereits erwähnt werden angenommene, gegnerische Diskurskoalitionen beiderseitig ohne Bezug zur entsprechenden Selbstpositionierung politisch verortet. Gegner des Genderns argumentieren grundsätzlich auf Basis der Konventionen der deutschen Sprache als leitende Regelstruktur (z.B. Trutkowski 2020). Auch verwenden die Gegner Ironie, um das Gendern ins Lächerliche zu ziehen, so sieht etwa Pollatschek (2020) Deutschland als „besessen (…) von Genitalien“

Fazit

Aus unserer Analyse ergibt sich eine klar verlaufende Konfliktlinie zwischen Befürwortern und Gegnern des Genderns. Der Diskurs lebt von den vermuteten Diskurskoalitionen entlang dieser Konfliktlinie und weniger von (wahrscheinlich) tatsächlichen Diskurskoalitionen. Diskursstrategien wie die politische Verortung der jeweiligen Gegner ergeben sich dabei aus jenen vermuteten Diskurskoalitionen.

Eine Nebenerkenntnis unserer Analyse ist, dass der Diskurs sich zwischen 2018 und 2020 in Hinblick auf die verwendeten Deutungsmuster und die zugrundeliegende Phänomenstruktur nicht wesentlich entwickelt hat. Ebenso verhält es sich mit den vermuteten Koalitionen und auch die Strategien beider Seiten. Ist Periodizität in diesem Diskurs tatsächlich gegeben, so wäre es ein Schlagabtausch, der bei jedem Anlass erneut auf dieselbe Weise geführt wird. An dieser Stelle sehen wir weiteren Forschungsbedarf.

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Diskursanalyse“ (SoSe 2021) entstanden. Weitere Informationen zu dem Seminar finden sie hier.

Literatur:   

Keller, Reiner (2011): Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. 4. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

Matthes, Jörg (2014): Framing. Baden-Baden: Nomos.     

Infratest-Dimap  (2020):  Vorbehalte  gegenüber genderneutraler Sprache,  https://www.infratest

dimap.de/umfragenanalysen/bundesweit/umfragen/aktuell/vorbehaltegegenuebergenderneutralersprache/, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Korpusliteratur:   

Bednarz, Liane (05.06.2020): Wer hat Angst vor dem “Genderwahn”?, DER SPIEGEL, https://www.spiegel.de/kultur/werhatangstvordemgenderwahnkommentarvonlianebednarza948ed8f6fa1f465c9b0786cfcf34ccb0, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Dittrich, Monika (15.11.2018): Er, Sie, *. Die Genderfrage im Rechtschreibrat, Deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/ersiediegenderfrageimrechtschreibrat.724.de.html?dram:article_id=433109, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Kabukcu, Özge (20.08.2020): Radio Fritz führt gendergerechte Sprechweise ein, Rheinische  Post,  https://rp online.de/panorama/deutschland/jugendsenderrbbradiofritzfuehrtgendergerechtesprechweiseein_aid52874927 , zuletzt abgerufen am 03.07.2021.    

Pollatschek, Nele (30.08.2020): Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer,  DER TAGESSPIEGEL,  https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschlandistbesessenvongenitaliengendernmachtdiediskriminierungnurnochschlimmer/26140402.html, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Schmidt, Marie  (29.05.2018): Droht uns die Sprachzensur ? Nein!, Die Zeit, https://www.zeit.de/2018/23/gendernspracheschreibweisedeutschsprachzensurnein , zuletzt aufgerufen am 03.07.2021.    

Schröder, Lothar (17.11.2018): Gender-Debatte: Kampf um geschlechtergerechte Sprache, Rheinische Post, https://rponline.de/panorama/deutschland/genderdebattekampfumgeschlechtergerechtesprache_aid34542293, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Stefanowitsch, Anatol (03.09.2020): Warum Sprachwandel notwendig ist. Der Professor, die Professor, das Professor, DER TAGESSPIEGEL, https://www.tagesspiegel.de/wissen/warumsprachwandelnotwendigistderprofessordieprofessordasprofessor/26155414.html, zuletzt abgerufen am 03.07.2020   

Trutkowski, Ewa (22.07.2020): Vom Gendern zu politischen Rändern, Neue Zürcher Zeitung,  https://www.nzz.ch/feuilleton/gendergerechtesprachediediskussionistpolitischvergiftetld.1567211?reduced=true, zuletzt abgerufen am 03.07.2021.   

Eine Antwort

  1. Laura Schniesko sagt:

    Die Überschrift Eures Blogbeitrags gibt bereits Aufschluss darüber, was Euch im Rahmen der diskursanalytischen Untersuchung sehr gut gelungen ist: Die Darstellung der Konfliktlinien im Diskurs um das Gendern. Nach der kurzen, aber präzisen Beschreibung und nach der zeitlichen Eingrenzung des Popularisierungsprozesses des Diskurses gelingt es Euch, die von Euch extrahierten drei Konfliktlinien mit der Gegenüberstellung zweier “weniger von (wahrscheinlich) tatsächlichen Diskurskoalitionen” in Beziehung zu setzen. Ein Ergebnis dessen ist die differenzierte Herausarbeitung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, die vor allem die Diskursstrategien (Fremdkategorisierung vs. Selbstkategorisierung) betreffen, die zusätzlich durch inhaltlich treffende Diskursfragmente hervorgehoben wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie es zur Zusammensetzung genau dieser Diskurskoalitionen kommt. Weiterhin ist die Gegenüberstellung verschiedener Argumentationen positiv anzumerken, die es ihrerseits ermöglicht, diese einer Diskurskoalition zuzuordnen.
    Insgesamt handelt es sich hierbei um einen wirklich interessanten Beitrag, der nähere Einblicke in die Konflikte um das Gendern sowie Informationen über die Akteure und Konstellationen bietet, in dem es Euch außerdem gelingt, weiteren Forschungsbedarf hinsichtlich einer Periodizität in diesem Diskurs zu nennen.

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