Differenzorientierung in kommunikativen Situationen zwischen AussiedlerInnen und Einheimischen

17.11.1988 Der Parlamentarische Staatsekretär beim Bundesminister des Innern, Dr. Horst Waffenschmidt, besucht die Landesstelle Nordrhein-Westfalen für Aussiedler und Zuwanderer in Unna/Massen.

 Von Sarah Klotz und Burcin Cimen

Ulrich Reitemeiers Text „Zur kommunikativen Realisierung von Differenzorientierung in Situationen zwischen Aussiedlern und Einheimischen“ thematisiert die kommunikative Praxis zwischen AussiedlerInnen und Ansässigen und fragt aus einer soziologisch-interaktionistischen Forschungsperspektive danach, wie migrationsbedingte Differenzorientierung dabei zur Geltung kommt (vgl. S.245).

Die theoretische Perspektive: Differenzorientierung                           

Kommunikationssituationen zwischen AussiedlerInnen und Ansässigen sind oft durch das Wahrnehmen und Relevantmachen von Unterschieden geprägt, Gemeinsamkeiten kommen eher selten zur Sprache. Laut Reitemeier orientieren sich die InteraktionspartnerInnen meist an den „verschiedenen Gruppenzugehörigkeiten, verschiedenen ethnischen Identitäten oder auch an kulturellen Differenzen“ (S.245). Er beschreibt Differenzorientierung als „die erhöhte Aufmerksamkeit für disparate Gruppenzugehörigkeiten und für das Anderssein des Gegenübers“ (S.246).

Die besondere Fremdheitssituation von AussiedlerInnen 

AussiedlerInnen haben laut Reitemeier nicht immer dieselbe Fremdheitsposition inne. Fremdheitspositionen können sich bspw. darin unterscheiden, wie nah oder wie fern bspw. die aufnehmende Gesellschaft oder Kultur der eigenen ist (vgl.248). Die Fremdheitsposition von AussiedlerInnen ist zudem von zwei entscheidenden Aspekten geprägt: Zum einen wird AussiedlerInnen oftmals der Verdacht einer zweifelhaften Loyalität entgegengebracht (vgl. auch den Blogbeitrag zu Schütz). Zudem zeichnet sich die Fremdheitsposition von AussiedlerInnen durch den „besonderen Beweisdruck des Deutschseins“ (S.249) aus, unter dem diese stehen. AussiedlerInnen müssen, so Reitemeier, ihre Identität als „kulturell Deutsche“ (S.249) beweisen bspw. durch Abstammungsdokumente oder einer Bekenntnishaltung zum Deutschtum. Diese beiden Aspekte der Fremdheitsposition von AussiedlerInnen beeinflussen, wie diese ihre Rolle in kommunikativen Situationen mit Einheimischen gestalten. Laut Reitemeier werden zwei Strategien verfolgt, um mit den „Diskrepanzen zwischen der beanspruchten Identität als kulturell Deutscher und der faktisch gelebten Biografie“ (S.249) umzugehen. Zum einen ist dies „Demonstration von Anschlussfähigkeit an die nationale Identitätskategorie“ (S.250). Demnach bemühen sich AussiedlerInnen, ihre Zugehörigkeit zur deutschen Kultur zu demonstrieren, etwa durch das Singen deutscher Lieder, das Feiern deutscher Feste und dem Verbessern der Deutschkenntnisse. Zum anderen wird die „Differenzidentität“ (S.250) verborgen, indem lange Unterhaltungen mit Einheimischen vermieden, oder passive Kommunikationsrollen in den Gesprächen eingenommen werden.

Reitemeier macht die kommunikative Realisierung von Differenzorientierung zwischen AussiedlerInnen und Ansässigen anhand zweier Beispiele deutlich.

Differenzidentitäten in mündlicher Kommunikation

Im ersten Beispiel geht es um ein russischsprachiges Aussiedlerehepaar, das sich Hilfe in einer Beratungsstelle erhofft, um einen Widerspruch gegen einen nachteiligen Anerkennungsbescheid von der Eingliederungsbehörde einzulegen. Das Gespräch zwischen dem Ehepaar und dem Berater verläuft, wider den Erwartungen der Eheleute, eher erfolglos, da der Berater dem Anliegen mit großer Skepsis begegnet. Diese Skepsis wird durch eine „autoritative Form“ (S. 254) der Verstehenssicherung realisiert, die nach Reitemeier durch fünf Punkte erfolgt:

Erstens durch den „Entzug des Rederechts der Klientenpartei und [die] Zuweisung einer Gesprächsposition als Zuhörerin“ (S.245), da der Berater das Kommunikationsverhalten der Ehefrau als unangemessen einstuft. Zweitens durch die „ Zuschreibung einer Differenzidentität auf dem Wege der Fremdkategorisierung“ (S.255). Die Fremdkategorisierung erfolgt dabei durch den Ausdruck „die Leute“ (S.256), womit die ZuwandererInnen aus dem Osten bezeichnet werden. Der Berater vermeidet das direkte Ansprechen des Ehepaars, aber bezieht diese aufgrund der „Generizität“ (S.256) mit ein. Als dritten Punkt nennt Reitemeier das „Übergehen klientenseitiger Abwehrversuche der mittels Fremdkategorisierung vorgenommenen Identitätsbestimmung“ (S.258). Dieser Punkt wird deutlich, als der Berater die Abwehrversuche der Ehefrau zurückweist und dem Ehepaar den indirekten Vorwurf macht, dass ZuwandererInnen eine falsche Vorstellung von Deutschland haben. Die „Explizite Aufforderung, Verstehen zu dokumentieren“ (S.258) stellt den vierten Punkt dar. Die Eheleute werden vom Berater explizit dazu aufgefordert, ihr Verstehen zu dokumentieren, indem bspw. Verstehensanweisungen wie „verstehen sie“ (S.253) gemacht werden. Der fünfte Punkt ist die „Zuschreibung von Problemverantwortlichkeit“ (S.259). Laut dem Berater ist häufig das Herkunftsland schuld an auftretenden Problemen. Die falschen Vorstellungen von Deutschland sind außerdem kein individuelles, sondern ein für MigrantInnengruppen typisches Defizit (vgl. S.259).

Reitemeier zeigt an diesem Beispiel, dass es keinen common ground zwischen dem Berater und dem Ehepaar gibt.

Differenzidentitäten in schriftlicher Kommunikation

Im zweiten Beispiel werden Leserbriefe aus Leserbriefforen von Tageszeitungen analysiert. Dabei geht es um den Konflikt zwischen der Mehrheitsgesellschaft und AussiedlerInnen mennonitischen Glaubens aus der GUS. Die mennonitische Gemeinschaft bezeichnet sich selbst als „evangelische Freikirche“. Sie lehnt jegliche „Verquickung von Staat und Kirche“ ab und sieht die Bibel als einzige Autorität.[1]

In den Leserbriefen erheben die Mennoniten einen Anspruch auf eine Differenzidentität, wobei sie eine sprachliche und berufliche Integration (strukturelle Integration) befürworten, aber religiöse und kulturelle Integration zurückweisen. Dieser Anspruch wird kommunikativ unterstrichen durch Verweise auf politische, kulturelle und moralische Verhältnisse der Gesellschaft. In den Leserbriefen der Mennoniten wird deutlich, dass sie die Mehrheitsgesellschaft als „Gegner“ (S.262) ansehen und sich ihren Erwartungen der völligen Integration nicht unterwerfen möchten. 

Die Mehrheitsgesellschaft reagiert auf die „partielle Integrationsbereitschaft“ (S.262) der Mennoniten zum einen durch die „Geltendmachung einer […] Pflicht zur Integration“ und dem „Absprechen eines Rechts auf ein Weiterleben im Eigenkulturellen“, zum anderen durch die „Zuschreibung kultur- und gemeinschaftsschädigender Ziele“, die die Integrationsverweigernden verfolgen (S.263). Darüber hinaus wählen einige Verfasser eine aggressive Weise zu reagieren und drohen den Mennoniten offenkundig.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Differenzorientierung durch beidseitige Vorwürfe und Zuschreibungen sowie Unterstellungen und Zuweisungen erfolgt. Es werden Drohungen ausgesprochen und Feindschaft verdeutlicht. Die nicht hergestellte Intersubjektivität kann als „Ersetzung von Verstehensbereitschaft durch Feindwahrnehmung“ (S.264) beschrieben werden.

Abschließende Betrachtungen

Reitemeier thematisiert die kommunikativen Realisierungsweisen von Differenzorientierung zwischen AussiedlerInnen und Ansässigen aus der Zeit des Ankommens und Sich-Einlebens in Deutschland. Dabei werden die Beziehungskonstellationen, die von Ablehnung gegenüber den „fremden Deutschen“ (S.265) und zugewanderten Minderheiten geprägt sind, repräsentiert. Zusammenfassend kann man die kommunikative Praxis durch folgende Punkte beschreiben:

Erstens zeichnet sie sich durch Formen der Selbstpräsentation aus. ZuwandererInnen können entweder demonstrieren, dass sie sich um die „Deutschwerdung“ (S.260) bemühen und sich der nationalen Identitätskategorie anschließen wollen. Oder sie können durch kommunikative Selbstbeschränkung ihre Differenzidentität verbergen. 

Durch den Gebrauch von „abstrakten Normalform-Typisierungen für akzeptables/nichtakzeptables Verhalten von Migranten seitens der Ansässigen“ (S.256), werden zum Beispiel Schuldzuweisungen realisiert. Außerdem werden durch den Gebrauch stereotyper und diskriminierender Bilder Feindbilder und Drohkommunikation kenntlich gemacht.

Die kommunikative Praxis zeichnet sich zuletzt durch praktische Probleme der Herstellung von Intersubjektivität bzw. Reziprozität aus. Die Probleme der Intersubjektivität manifestieren sich im Gebrauch von Verfahren autoritativer Verstehenssicherung durch institutionelle FunktionsträgerInnen, wie bspw. durch den Berater aus dem ersten Beispiel. Auch zeigen sich diese Probleme in Akten demonstrativer Bekundung mangelnder oder nicht vorhandener Bereitschaft zum Fremdverstehen, die man im zweiten Beispiel aus den Leserbriefen deutlich erkennen kann.

Ulrich Reitemeier greift mit dem Text die Probleme der AussiedlerInnen auf, mit denen sie in Deutschland konfrontiert werden. Er zeigt somit, wie (migrationsbedingte) Differenzorientierung in kommunikativen Situationen zwischen Einheimischen und AussiedlerInnen zur Geltung kommt. Aber sind die Merkmale dieser kommunikativen Praxis nur dort zu finden oder gibt es weitere Situationen, in denen ebenfalls kommunikative Realisierungsweisen von Differenzorientierung deutlich werden?

Reitemeiers Text kann als Beispiel für weitere Untersuchungen bezüglich kommunikativer Realisierungsweisen von Differenzorientierung dienen, denn es ist zu vermuten, dass nicht nur „die Leute“ aus dem Osten davon betroffen sind, sondern auch MigrantInnen und aktuell Geflüchtete.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Reitemeier, Ulrich (2013): Zur kommunikativen Realisierung von Differenzorientierung in Situationen zwischen Aussiedlern und Einheimischen. In: Deppermann, Arnulf (Hrsg.): Das Deutsch der Migranten. Berlin/New York: de Gruyter, S. 245-268.

Bildnachweis: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F080187-0019,_Unna,_Landesstelle_für_Aussiedler_und_Zuwanderer.jpg


[1] https://www.mennoniten.de/mennoniten/

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