Geschlechtliche Körper: Die Macht des Geschlechts auf Gesellschaft & Individuum

Von Jolin Nieleck & Olga Wagner

Judith Butler ist eine US-amerikanische Philosophin und Professorin und gehört zu den einflussreichsten Denkerinnen unserer Zeit. Butler verdeutlicht in Arbeiten wie Körper von Gewicht (1997) den enormen Stellenwert von Geschlechtlichkeit innerhalb der Gesellschaft.
In ihrem kontroversen Werk Gender Trouble (1990) fokussiert sie bereits mit Hilfe einer poststrukturalistischen Orientierung, Sprache, gesellschaftliche Diskurse sowie die Heteronormativität als maßgebliche Faktoren für den gesellschaftlichen Ein- bzw. Ausschluss von Individuen.

Die Kategorie Geschlecht bleibt häufig als etwas scheinbar natürlich-Gegebenes unhinterfragt. Butler vertritt jedoch die These, dass die Geschlechtereinteilung ein soziales Konstrukt ist. Mit Hilfe von normierten, routinierten sowie sanktionierten performativen Akten und Diskursen werden demnach die heteronormative Matrix, die Idealtypen von Männlichkeit und Weiblichkeit und somit auch „das Fremde“ konstruiert (vgl. Butler 1997, 21-41).

Geschlecht als diskursiv-performatives Konstrukt

Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.

S. de Beauvoir, „Das andere Geschlecht“, 1949

Wie radikal und entscheidend diese Feststellung de Beauvoirs sowie die Unterscheidung in sex und gender für den Feminismus auch waren, so setzt eben hier Judith Butlers Kritik an. Denn entgegen der Annahme, sex stelle das biologische Geschlecht dar, das auf naturwissenschaftlichen Feststellungen basiert, während gender kulturell hervorgebracht und erzeugt wird, perpetuiert Butler die Ansicht, dass auch sex stets ein diskursiv-performatives Konstrukt darstellt, das mit Hilfe von Normen und Sanktionen erzwungen wird. Denn wäre das Geschlecht eine natürliche Gegebenheit, so bedürfe es keines aktiven, sich wiederholenden Handelns der Individuen (vgl. S. 25 f., 35-37). Bereits die Benennung des Geschlechts eines neugeborenen Kindes stellt einen ersten performativen Akt dar, der das (geschlechtliche) Leben prägt. „Das Benennen setzt […] eine Grenze und wiederholt einschärfend eine Norm“ (S. 29).  

Materialität und Performativität des (geschlechtlichen) Körpers

Laut Butler ist die Gesellschaft binär unterteilt in ein männliches und weibliches Geschlecht. Dies geht mit einer heterosexuellen Norm einher. Butlers Ansicht ist, dass unser biologisches Geschlecht eine kulturelle Norm ist, mit der wir uns zwangsläufig identifizieren, um als Subjekte anerkannt zu werden. Nur durch die Annahme und die Identifikation mit dem biologischen Geschlecht werden wir zu Subjekten. Diese Materialisierung des Geschlechts geschieht durch „höchst regulier[ende] Praktiken“ (S. 21), also durch sich ständig wiederholende und zitierende Geschlechternormen, die auf performative Weise das benennen, was sie erschaffen (vgl. S. 22). Subjekte bekommen stets Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale vorgeführt. Ihre Aufgabe liegt letztlich darin, diese zu imitieren sowie normierte Praktiken zu zitieren (vgl. S. 21-24, 36). Zudem handelt es sich bei Performativität um einen lebenslangen Prozess (vgl. S. 21). Die prozesshafte, routinierte Geschlechtskonstruktion verläuft unbemerkt, da sich jener Prozess der Wiederholung alsbald naturalisiert. Im Alltag erfährt die Konstruktion eine Verschleierung durch die Bezugnahme auf scheinbar natürliche Tatsachen (vgl. ebd.).            
Butlers Performativitätskonzept orientiert sich u.a. an der Diskurstheorie M. Foucaults sowie J. L. Austins Sprechakttheorie. Performativität ist nie als freiwillige, absichtsvolle Leistung eines Individuums anzusehen, sondern Ausdruck der Macht des Diskurses. Diskurse fungieren stets als (gesellschafts-)regulierende und wirklichkeitsschaffende Größen (vgl. S. 32 f.).

Heterosexuelle Matrix

Festzuhalten ist, dass durch den Prozess der Annahme eines Geschlechts ein Subjekt gebildet wird. Butler sagt nun, dass hier eine ausschließende heterosexuelle Matrix gegeben ist, die nur diejenigen Identifizierungen zulässt, die mit dem idealen Konstrukt des biologischen Geschlechts (männlich und weiblich) übereinkommen. Alle anderen Identifizierungen werden verworfen oder auch geleugnet und es entsteht eine Zone von „Wesen“, die im konstitutiven Außen verortet werden, da diese nicht in das ideale Konstrukt von Geschlecht hineinpassen.

Das konstitutive Außen

Es existieren damit zwei Zonen: Einmal die Zone der Subjekte. Diese müssen die Identifizierungen in sich selbst zurückweisen, die nicht mit den Geschlechternormen übereinstimmen, um nicht in die zweite Zone, des „Nicht-Lebbaren“ (S. 23), scheinbar „‘unbewohnbaren‘ […] sozialen Lebens“ (ebd.)  – das Außen-  zu geraten. Die Subjekte nehmen dieses Außen als „Ort gefürchteter Identifizierung“ (ebd.) war, das in dem Sinne konstitutiv ist, als dass es den Bereich der Subjekte abgrenzt und dadurch definiert.            

Dadurch, dass durch die performativen Benennungen Subjekte gebildet werden, wird auch gleichzeitig benannt, was das „mehr oder das weniger ‚Menschliche‘, das Unmenschliche und menschlich Undenkbare“ (S. 30) darstellt (vgl. S. 30-35). Diese Benennungen verorten sich auf der Seite des konstitutiven Außen, um den ‚Menschlichen‘ Raum des Subjekts zu begrenzen (vgl. ebd.). Diese Grenze versuchen die „Wesen“ (S. 23), wie Butler die Bewohner des Außen betitelt, da sie keinen Subjektstatus besitzen, zu durchbrechen und die Grenze neu zu artikulieren (vgl. S. 31). In der Zone des Außen wird physische und psychische Gewalt durch Kräfte „des Ausschlusses, der Auslöschung, der gewaltsamen Zurückweisung und [der] Verwerflichmachung“ (S. 30) ausgeübt. Die notwendige Produktion des Außen erschafft somit nicht bloß einen Raum zur Abgrenzung der Subjekte, sondern auch einen Bereich des ‚unlebbaren‘, in dem die „Wesen“ keine Möglichkeit der kulturellen Artikulation besitzen (vgl. ebd.). Deswegen erscheint es notwendig, das Außen zu erkennen und die Kräfte, die es erschafft, aufzuheben.

Möglichkeiten der Neukonzeption

Eine Möglichkeit der Neukonzeption der Auffassung, „welche Körper von Gewicht sind“ (S. 24) und der Mobilisierung von feministischer und Queer-Politik sieht Butler in der Instabilität der Subjekte selbst. Da diese durch Zurückweisung entstanden sind, droht die Aufdeckung der „geleugnete[n] Verwerflichkeit“ (ebd.) der Subjekte. Diese Drohung soll als kritisches Hilfsmittel genutzt werden, um die Bedingungen „der symbolischen Legitimität und Intelligibilität neu zu fassen“ (ebd.). Im politischen Kontext bedeutet dies, dass Praktiken, die Desidentifizierungen hervorbringen, gefördert werden sollen. Hierbei deutet Judith Butler darauf hin, dass sich Körper nie vollständig den gesellschaftlichen Normen fügen, Performationen stets Brüche bzw. Risse enthalten und demnach eine Instabilität der Geschlechternormen existiert (vgl. S. 32 f.). In dieser Instabilität erkennt sie nun eine de-konstituierende Möglichkeit des Wiederholungsprozesses, der die ursprünglichen Wirkungen aufhebt, durch die das biologische Geschlecht stets stabilisiert wird.

Eigene Einschätzung

Butlers Werk Körper von Gewicht stellt einen gesellschaftlich bedeutenden Beitrag dar, der viele unterschiedliche Wissenschaftsbereiche prägt(e), wie z.B. die Gender Studies und seit seiner Veröffentlichung wenig an Aktualität eingebüßt hat. Der Text zeigt auf, wie sehr unsere Gesellschaft von einer heterosexuellen Norm vereinnahmt ist und inwieweit Menschen körperlich und geistig unter diesen Normen leiden. Insgesamt erscheint die Aufdeckung dieser Tatsache und die Forderung einer Neuartikulation der Normen wichtiger als die Diskussion um die kontroverse These, ob das biologische Geschlecht sozial konstruiert ist oder nicht.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt/M.: Suhrkamp, Einleitung, 21-49 (hier S. 21-41).

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4 Antworten

  1. Sarah Klotz sagt:

    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag!
    Schon während des Lesens wurde ich zum Nachdenken angeregt. Was sind meine eigenen Geschlechternormen und sind es wirklich meine eigenen Geschlechternormen, oder habe ich diese tatsächlich einfach übernommen, oder wurden sie mir gerade zu übergestülpt?
    Butlers Gedanke, dass auch das vermeintlich biologische Geschlecht kulturell und gesellschaftlich geprägt wird, war mir bis vor kurzem selbst fremd. Der Gedanke, dass erst durch die wiederholenden Akte, seien es sprachliche oder sonstige Akte, das Geschlecht eines Menschen konstruiert wird, macht für mich eine ganz eigene Dynamik für das gesamte Leben deutlich. Inwiefern sind die Menschen wirklich frei über ihr Leben und ihr Geschlecht zu entscheiden?
    Der Widerstand, denn ich auch teils in meinem Umfeld spüre, sich mit diesem Gedanken Butlers auseinander zusetzten und über Neukonstellationen der Geschlechtlichkeit nachzudenken, ist für mich ein Zeichen dafür, dass die bestehenden Geschlechternormen größtenteils tradiert und unreflektiert übernommen werden, und es keine selbstbestimmte und aktive Auseinandersetzung hiermit gibt, bzw. schwer möglich ist.
    Für mich wird durch diesen Blogbeitrag noch einmal deutlich, dass es für die Personen, die sich aktiv mit Geschlechternormen auseinandersetzen (wollen) und diese hinterfragen oftmals sehr schwierig ist, einen Weg zu finden dies zu tun, da sie es sind, die ihre Meinung und Einstellung behaupten und rechtfertigen müssen, da die Mehrheitsgesellschaft die für sie geltenden Geschlechternormen als wahr ansieht und keine anderen Vorstellungen oder Denkweisen akzeptiert/akzeptieren will.
    Die Unterscheidung der Zone der Subjekte und der Zone des „Nicht-Lebbaren“ bezieht sich bei Butler zwar vermehrt auf die Identifizierung mit Geschlechternomen oder eben auf das Ablehnen bzw. Kämpfen gegen dieses Geschlechternormen, ich bin jedoch der Meinung, dass diese Zonen in weiteren Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zu finden sind. AussiedlerInnen, Personen mit Migrationshintergrund und generell Menschen, die von der Mehrheitsgesellschaft als anderes oder fremd gesehen werden, geraten oftmals auch in die Zone des konstitutiven Außens und werden dazu gedrängt bestimmte gesellschaftliche Normen anzuerkennen und anzunehmen, um nicht ausgegrenzt zu werden. Was würden Praktiken des Desidentifizierung in diesem Kontext bedeuten und vor welche Herausforderungen würde dies die Politik stellen? Welche Auswirkungen können Butlers Überlegungen zur Neukonzeption der Geschlechterverhältnisse und -normen für die Thematisierung anderer gesellschaftlicher Probleme und die zahlreichen Diskriminierungsdebatten haben?

    Der Blogbeitrag hat bei mir offensichtlich zu vielen weiteren Fragen geführt, mit denen ich mich weiter beschäftigen werden, um Antworten, Ideen oder auch noch weitere Fragen zu finden. Vielen Dank für diese spannenden und zahlreichen Anregungen und für den sehr interessant verfassten Blogbeitrag.

  2. Jil Josten sagt:

    Schöner Beitrag zu einem wichtigen Thema!
    Ich denke das Thema “sex” und “gender” ist heute wichtiger denn je, denn die Forderungen nach einem dritten Geschlecht haben sich ja vor nicht allzu langer Zeit endlich durchgesetzt. Auch ich persönlch finde das Thema durchaus spannend und habe durch Butler nochmal eine neue Perspektive dazu gewinnen können.
    Natürlich sind die Benennungen der Gesellschaft bezeichnend und binär und können dadurch bisher nicht die Gesamtheit aller biologischen oder gefühlstechnischen Geschlechter ausdrücken. Viele Menschen bringen immernoch das Argumet hervor, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt und sie aus diesem Grund nichts anderes anerkennen. Mit dem Blogbeitrag und Judith Butlers Text jedoch wird eine neue Perspektive geboten, denn sie weißt darauf hin, dass auch diese Geschlechter in gewisser Weise an Traditionen gebunden sind. Ich denke es ist wichtig, sich mit diesem Thema intensiv auseinander zu setzen, um auch den “Außenstehenden” (und davon gibt es leider auch noch heute viel zu Viele) endlich einen Subjektstatus zu geben und wie im Beitrag schon gesagt wird,die Grenzen neu definieren zu können, denn Butler bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt: Geschlechter werden wie Traditionen übernommen!
    Ich denke dieser Beitrag stellt eine schöne Argumentation dar, die zum Nachdenken anregen kann. Denn “das Außen” ist nicht einfach nur schriftlich gemeint, wie es dort steht, sondern betrifft viele Menschen, die täglich eine Ausgrenzung aus unserer Gesellschaft erfahren, weil sie traditionellen Rollen nicht entsprechen. Aus diesem Grund finde ich den Blogbeitrag einen wichtigen Text, für ein sehr wichtiges und aktuelles Thema!

  3. Jennifer Engler sagt:

    Danke für das kommentierte Zusammenfassen dieses doch sehr komplexen Themas.
    Zum Nachdenken angeregt hat mich vor allem Butlers These, dass auch das vermeintlich biologische Geschlecht als normatives Konstrukt angesehen werden kann. Dies ist ein für mich neuer Blick auf die klare Unterscheidung zwischen gender und sex, die sich zum Glück durchgesetzt hat, obwohl es diese Unterscheidung trotz Notwendigkeit leider noch nicht allzu lange gibt. Lässt man sich aber auf den Gedanken Butlers ein, dass die Gendernormen auch auf das biologische Geschlecht zurückwirken, führt dies zu weiteren Fragestellungen. Warum ist es beispielsweise wichtig, dass man sich überhaupt irgendeinem Geschlecht zuordnet? Die von zahlreichen Personen gewählte nichtbinäre Geschlechteridentität zeigt hierbei klar den Wunsch und auch die Möglichkeit, dass außerhalb des Männlichen und Weiblichen gedacht werden kann. In unserer Gesellschaft scheinen Menschen auch hauptsächlich durch das biologische Geschlecht in Gruppen unterteilt zu werden. Und auch wenn dies in einigen Bereichen, wie in der Medizin, die aufgrund geschlechterspezifischer Gegebenheiten unterschiedliche Behandlungen erfordert, sinnvoll erscheint, könnten beispielsweise im Sport auch andere Merkmale berücksichtigt werden, wie die Körpergröße oder das Gewicht. Die Frage, ob sex vollkommen konstruiert ist, vermag ich nicht zu beantworten, aber klar wird, dass die Gesellschaft das biologische Geschlecht als einfache Unterscheidung nutzt. Auch wenn wir immer toleranter und freier im Denken werden, sodass gender mittlerweile in jedem Fall als Spektrum angesehen wird, scheint es beim biologischen Aspekt immer noch nur zwei Felder zu geben, in die man eingeordnet werden kann.

  4. Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

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