Herausforderungen im Kontext von Flucht- und Asylforschung

Von Jennifer Engler und Tamara Endberg-Krenn

Im Rahmen eines Gastvortrags gibt Sabine Lehner von der Universität Wien, den Studierenden des Seminars „Über andere reden“ Einsicht in ihr laufendes Projekt über Narrative von Geflüchteten. Sie berichtet über ihre Forschung und geht insbesondere auf den Forschungskontext von Flucht und Asyl, die Methode des semistrukturierten Interviews und irritierende Momente durch Abweichungen in der Interaktionsordnung ein. Dabei nimmt sie Bezug auf Andrea Fritsches (2016) Aufsatz „Kultur(en) und Sprache(n) der Asylwirklichkeit“. Im Anschluss steht sie für eine Diskussion und offene Fragen zur Verfügung. Die zentralen Ergebnisse des Vortrags sind im Folgenden zusammengefasst. 

Forschen im Kontext von Flucht- und Asylwirklichkeit

Das Reden über andere ist nicht nur eine alltägliche Praxis, sondern ebenso ein Bestandteil sozialwissenschaftlichen Arbeitens. Bei Forschung in einem komplexen sowie politischen Spannungsfeld ist es für die forschende Person wichtig, sich ihrer eigenen Position bewusst zu werden und mögliche Gefahren oder ethische Fragestellungen zu erkennen.

Sabine Lehner (2020 unv. Diss.) führte für ihre Dissertation „Grenz- und Raumrepräsentationen in österreichischen öffentlichen Diskursen und in Narrativen von Geflüchteten“ teilnehmende Beobachtungen in einer Grundversorgungseinrichtung für Geflüchtete und semistrukturierte Interviews sowie Fotobefragungen mit einigen Bewohnerinnen und Bewohnern durch. In diesem Kontext von Flucht- und Asylforschung besteht beispielsweise die Gefahr einer Sensationalisierung und des Otherings. Herausfordernd können ebenfalls mögliche retraumatisierende und marginalisierende Momente sein, die durch die Forschenden ausgelöst werden.  So ist ein sensibler und ernster Umgang mit der Thematik gefordert.

Methode des Interviews

Einführend erinnert Lehner daran, dass das Interview als Forschungsmethode verwendet wird, um Meinungen und Einstellung aus der Sicht von Individuen zu erheben. Dabei kann sich der Grad der Strukturiertheit von Interviews unterscheiden – von standardisiert bis offen. Interaktionsordnungen, wie die Rollenverteilung oder Frage-Antwortsequenzen sind zum Teil festgelegt und bei den Interviewenden sind implizite Erwartungen zu Themen und Antworten gegeben. Unerwartete Abweichungen von der Interaktionsordnung können zu Unbehagen führen und als Diskrepanzen, Brüche oder ‚Scheitern‘ wahrgenommen werden. Gerade diese brüchigen und irritierenden Momente können in der späteren Auswertung sehr ergiebig sein, da sie Hinweise über den Umgang mit Erzählungen aus dem Fluchtkontext geben.

Planung, Konzipierung und Kontaktaufbau

Bereits mit der Auswahl des Forschungsgegenstandes und der Interviewpartnerinnen und -partner kommt es zu einer Zuschreibung von Annahmen, wie Lehner am Beispiel ihrer Forschung beschreibt. Darüber sollte sich die interviewende Person bewusst sein und dies beim Zugang zum Feld und Beziehungsaufbau beachten. Gerade in dem ausgewählten Kontext erfordert jedes Interview eine sorgfältige Vorbereitung.

Die Sicht auf den Forschungsgegenstand schwingt laut Lehner ebenfalls in der Konzipierung des Interviews mit. Hier werden Fragetypen, Formulierungen und Begriffe hinterfragt, um beispielsweise keine Ähnlichkeit zu den Gesprächen während eines Asylverfahrens aufzubauen. Denn dort haben die Interviewten keine Möglichkeit, ihre Antwort zu verweigern oder die Befragung abzubrechen.

Beziehungsgestaltung: Rollenverteilung, Gegenleistungen & Erzählimpulse

Die Interviewenden befinden sich in der herausfordernden Situation, mit Menschen zu arbeiten, denen sie zum Teil nicht helfen können. Sabine Lehner beschreibt, wie sie sich hier ihrer eigenen Position und Privilegien bewusst wurde. Sie konnte, im Gegensatz zu den Befragten, die Unterkunft jederzeit freiwillig betreten und verlassen. Dabei stellt sie den richtigen Grad von Nähe und Distanz, das Setzen von eigenen Grenzen und das Abstecken von Rollen als wichtig heraus.  Darüber hinaus unterstütze sie die Befragten beispielsweise bei Bewerbungsanschreiben und konnte so den Kontakt zu den weiter ausbauen. Auf Dolmetscher verzichtete sie, um die Beziehung der Beteiligten nicht zu beeinflussen. Die Interviews wurden somit auf Deutsch oder Englisch durchgeführt.

Für einen einfachen Gesprächseinstieg wurde eine Fotobefragung gewählt. Dabei wurden von den Interviewten im Vorfeld zu einem vorgegeben Thema Fotos angefertigt, wodurch sie eigene Schwerpunkte setzen konnten.

Datenauswertung – Wenn es doch mal zu Brüchen kommt?

Bei der Analyse der Interview-Daten empfiehlt Lehner einen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, um einer eigenen „Betriebsblindheit“ entgegenzuwirken. In ihrer Datenauswertung zeigten sich an einigen Stellen Brüche und Diskrepanzen durch das Abweichen von der Interaktionsordnung. Diese im Interview unbehaglichen Momente kamen aus unterschiedlichen Gründen zustande und stellten sich als zentrale Analyse- und Reflexionsmomente heraus, da sie Hinweise auf die Positionierung und den Umgang mit den Erzählungen erkennen lassen.  

Solche irritierenden Momente können beispielsweise durch unangemessene Fragen entstehen. Laut Lehner können vermeintlich harmlose Fragen eine epistemologische Differenz aufweisen. Zuschreibungen sind jedoch wechselseitig zu verstehen, so kann der interviewenden Person illegitimes Sprechen vorgeworfen werden. Oder es kommt zu Korrekturen und das Zurückweisen von Annahmen durch die interviewte Person. Darüber hinaus unterscheidet sich der Umgang mit den Erzählungen über Flucht und Grenzerfahrungen von Person zu Person. Es reichte vom Erzählabbruch, der nur inhaltlich eine Leerstelle bildet und konstitutiv für das Sprechen über eigene Erfahrungen ist, über Sarkasmus bis hin zu Reaktionen der Abwehr.

Gemeinsamkeit und Fremdheit

Es zeigt sich, dass die unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und Lebenswelten der beiden Interviewpartner Spannungen erzeugen können. Der Interviewkontext und die Beziehungsgestaltung vor und während des Interviews sind relevant für die Bedeutungserschließung, Analyse und Interpretation. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich die forschende Person Wissen über andere aneignet und damit die eigene Position hinterfragen muss. Dabei entwickelt sich laut Lehner eine Ambiguitätstoleranz, d.h. eine Toleranz dazu, dass Fragen von den Interviewten eben nicht immer genau so beantwortet werden, wie der Interviewende erwartet oder erhofft.

Fazit

Dieser interessante Einblick in das Thema der Flucht- und Asylforschung zeigt auftretende Schwierigkeiten in verschiedenen Interviewsituationen. Es wird deutlich, dass bei einem solchen sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekt ein gewisses sprachliches Feingefühl notwendig ist, da mitunter über traumatisierende Erlebnisse gesprochen wird. Dabei kann dieselbe scheinbar harmlose Frage bei verschiedenen Befragten vollkommen unterschiedliche Reaktionen auslösen, da jeder gänzlich andere Erfahrungen macht. Als lehrreicher Moment erscheint die Erkenntnis darüber, dass ein vermeintlich gescheitertes Interview, wenn Fragen nicht wie erwartet beantwortet werden oder bei Abbruch, dennoch in der anschließenden Analyse interessantes Wissen bereithält. Die Erlebnisse Sabine Lehners mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Unterkunft regen zum Nachdenken an und lassen das eigene kommunikative Handeln im professionellen Kontext aber auch im Alltag hinterfragen. So sollte ein sensibler Umgang mit dem Gegenüber, das Zurücknehmen der eigenen Personen in gewissen Situationen, sowie mehr Geduld in Gesprächen in die eigene Sprachpraxis integriert werden.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Fritsche, Andrea (2016): Kultur(en) und Sprache(n) der Asylwirklichkeit – Herausforderungen empirischer Forschung im Kontext von Unsicherheit, Verrechtlichung, Interkulturalität und Mehrsprachigkeit. IN: Österr. Zeitschrift für Soziologie, S. 165–190.
Lehner, Sabine: Grenz- und Raumrepräsentationen in österreichischen öffentlichen Diskursen und in Narrativen von Geflüchteten. unv. Diss., Universität Wien 2020.

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