Interaktion ohne Gegenüber: Ist das möglich?

Von Viviana Krajewski, Joshua Ryan Partyka, Jan Olmes, Phillipp Over

Eine gelungene kommunikative Interaktion kann nur dann erfolgen, wenn zwei menschliche Interaktionspartner an der sozialen Handlung aktiv beteiligt sind. Über Alter und Ego konstituiert sich somit also die Kommunikation: So war das bisherige soziologische Verständnis von eben dieser. Durch den technologischen Umbruch des digitalen Zeitalters jedoch, änderte sich dies drastisch, da immer mehr technische Hilfsmittel den Weg in unseren Haushalt finden und somit mehr vermeintliche Interaktion mit Smartphones und Co. stattfinden kann. Demnach agieren wir als Menschen immer öfter mit Geräten, die dabei ebenso in der Lage sind, wechselseitige Kommunikation herzustellen.
In dem Text „Interaktion ohne Gegenüber“ (S.33-49) befasst sich Ruth Ayaß genau mit dieser Auseinandersetzung und stellt sich die Frage: Zählt die kommunikative Nutzung von technischen Geräten als Interaktion? Beziehungsweise ist die Art der Wechselseitigkeit von digitalen Geräten und Menschen mit Mensch-zu-Mensch Kommunikation gleichzusetzen?

Erste Annäherung an ein digitales Face-to-Face

Für die Realisierung von digitaler Kommunikation nennt die Autorin unterschiedliche Wege. Darunter fällt z.B. die Erstellung eines Avatars, also einem humanoiden Charakter in einer virtuellen Welt, über den man mit dann anderen Avataren interagieren kann. Ebenso erfolgt immer mehr non-virtuelle Kommunikation mit Avataren in Form von Siri oder Alexa, dabei handelt es sich um computergesteuerte Sprachassistenten, die sich als stetiger Begleiter im Alltag herausgestellt haben und diesen für ihre Nutzer in vielerlei Hinsicht erleichtern. Man stellt Siri oder Alexa eine Frage und schon erhält man seine passende Antwort, also genau nach dem Prinzip einer gängigen Face-to-Face-Interaktion.
Des Weiteren greifen Medien auf vielerlei Methoden zurück, die einem persönlichen Gespräch deutlich ähneln. Beispielsweise dafür wäre eine Begrüßung in einer Nachrichtensendung wie: „Guten Abend, meine Damen und Herren”. Hierbei spricht Ruth Ayaß von parasozialen Beziehungen (S.35). Besonderes Merkmal dieser ist die auftretende Folgenlosigkeit, die sich daraus ergibt, dass Alter abwesend ist. Der Nachrichtenmoderator wendet sich also in diesem Fall direkt an den Zuschauer, ohne dass er natürlich eine Antwort erwartet, der Zuschauer denkt auch nicht daran eine zu geben, da diese auf einen bloßen Bildschirm treffen würde. Doch würde der Nachrichtensprecher ohne seine Begrüßung die Sendung einleiten, so würde der Zuschauer sich weniger adressiert fühlen, zudem würde dem Sprecher ein gewisses Maß an Sympathie genommen werden und ebenso wäre das Publikum verwirrt, da wir schließlich mit Begrüßungen rechnen als Form von Höflichkeit.
Neben dieser Technik, die Ayaß beschreibt, gibt es ebenso „anthropomorphisierende“ (vermenschlichende) Interaktion mit Geräten, bei denen man z.B. sein Auto motiviert anzuspringen, wenn dieses streikt oder man über seinen PC flucht. Wir sind so daran gewöhnt mit Menschen zu interagieren, dass wir uns auch wenn wir alleine sind mit Worten zu helfen versuchen. “Anthropomorphisierende” Interaktion bedeutet nicht, dass wir zu jedem leblosen Gegenstand eine Beziehung pflegen, wobei dies nicht ausgeschlossen werden kann, doch heißt es, dass wir in vielen Dingen einen Gegenüber suchen mit dem wir interagieren können. Schließlich können in diesem technischen Zeitalter unsere vermeintlichen Interaktionspartner auch antworten, eben z.B. wenn das Auto nach einer Panne endlich anspringt oder der PC genau das tut was wir von ihm wollen.

„Solche „anthropomorphisierende“ Interaktionen betreffen aber mehr und mehr technische Geräte. Fast jeder hat schon einmal einen technischen Gegenstand als „Gegenüber“ behandelt und zum Beispiel ein Auto zum Anspringen ermutigt.“

Ruth Ayass

Was uns ebenfalls eine quasi Face-to-Face-Interaktion ermöglichen kann, sind Videochats oder Videokonferenzen, wobei es auch hier zu verschiedenen Problemen kommen und man aus diesem Grund nicht von einer vollkommen traditionellen Interaktion mit zwei Menschen reden kann. Zum einen kann das Gespräch durch Übertragungsverzögerungen gestört werden. Eine schlechte Internetverbindung auf der einen Seite des Gesprächs genügt und beide Sprecher reden zeitversetzt, womöglich reden sie dabei auch schon aneinander vorbei. Mit technischen Schwierigkeiten kann nicht immer gerechnet werden und somit entstehen auch wahrscheinliche Schwierigkeiten auf der Seite der Kommunikation, hierbei müssen Abbrüche von jeweiligen Sequenzen fast schon eingeplant werden. Ein weiteres Problem wäre das „eye contact dilemma“ bei dem es durch die technischen Gegebenheiten der Geräte nie zu konkretem Augenkontakt kommen kann. Schaut einer der Teilnehmer der Videokonferenz in die Augen des anderen Teilnehmers, so kann der andere keinen wirklichen Blickkontakt mit seinem Gegenüber halten. Doch schaut man, um diesem Problem zu entgehen, in die Kamera, so schaut man schließlich seinem Partner nicht mehr in die Augen. Blickkontakt wird in der Face-to-Face-Kommunikation als wichtiger Punkt angesehen. Jemand der den Blickkontakt des Anderen nicht wiedergibt kann man eher weniger als guten Interaktionspartner sehen, verschiedene Emotionen können nicht so gut gedeutet werden und ebenso wird dies als eher unhöflich betrachtet.

Entmenschlichung des Interaktionsbegriffs

Der Text von Ayaß regt dazu an, den Begriff der Interaktion genauer zu differenzieren und vor allem zu definieren. Wir denken, dass gegenwärtig über eine Entmenschlichung dieses Begriffes zumindest diskutiert werden sollte. Wie festgestellt und bereits erläutert, ist es in der modernen Gesellschaft immer häufiger zu beobachten, dass der Großteil der Interaktion durch technische Hilfsmittel erfolgt oder dass unsere Interaktionspartner in vielen Fällen sogar technische Geräte sind. Dingliche Artefakte, also technische Geräte, sollten somit als Interaktionspartner definiert werden können, da wir uns unserem Zeitalter stets anzupassen versuchen sollten und wir nicht außer Acht lassen können, dass vor mehreren Jahrzehnten nicht die Rede davon sein konnte, dass die Technik so deutliche Fortschritte vollzieht. Es muss anerkannt werden inwiefern sich der Begriff der Interaktion bzw. Kommunikation auf mehrere verschiedene Ebenen transferiert und somit auch verändert werden kann.

Was genau heißt das also?

Insgesamt lässt sich sagen, dass der Text von Ayaß den aktuellen Wandel des Interaktionsbegriffes innerhalb der modernen Soziologie zeigt. Digitale Kommunikation nähert sich immer weiter der klassischen Mensch-zu-Mensch Kommunikation an, jedoch fehlt hierbei der entscheidende Schritt, um von einer vollständigen Übereinstimmung zu sprechen, die problemlos erfolgen kann. Sie ist bisher aufgrund von verschiedenen fehlenden bzw. problemaufweisenden Faktoren nicht mit menschlicher Kommunikation gleichzusetzen – jedenfalls noch nicht.
Mit dem provokanten Titel „Interaktion ohne Gegenüber?“ versucht Ruth Ayaß eine kontroverse These aufzustellen, die aber nicht gänzlich zutreffend ist, denn schließlich gibt es einen Gegenüber, der sich in den letzten Jahren durch den technischen Fortschritt nur verändert und immer weiter angenähert hat. Das technische Gerät wird also schließlich erst durch die Interaktion zum Gegenüber, somit ist es also ein Produkt aus der jeweiligen entstehenden Handlung. (S. 46-47)

„Das Gegenüber ist genau genommen ein Produkt von interaktiven Vorgängen. Insofern gibt es keine Interaktion ohne Gegenüber.“

Ruth Ayass

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Digitale Kommunikation“ (WiSe 2019/20) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Ayaß, Ruth (2005: Interaktion ohne Gegenüber? In: Jäckel, Michael/ Mai, Manfred (Hg.) Online Vergesellschaftung? Mediensoziologische Perspektiven auf neue Kommunikationstechnologien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.33-49.

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