Klatschen über andere – Diskrete Indiskretion

Von Alisa Monçi und Manuela Grati

Der deutsche Soziologe Jörg Bergmann hat bereits 1987 über die Bedeutung des Klatschens für die Gesellschaft geschrieben. Ein Thema, das bis heute nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat. In seinem Buch „Klatsch – Zur Sozialform der diskreten Indiskretion“ widmet er sich einer Kommunikationsform, der auch für unseren Seminarkontext eine zentrale Bedeutung zukommt. Schließlich ist Klatschen, Tratschen, sich über Verfehlungen anderer Personen austauschen, oder wie es Wilhelm Busch treffend benennt – „Anderer Leute Sünden beichten“ (zitiert nach: Bergmann 1987: 137) – eine kulturell fest verankerte soziale Praxis des Redens über andere. 

Geschichte des Klatsches

Beschäftigt man sich mit dem Ursprung der Klatschkultur überrascht es, dass ihre Wurzeln in der männerdominierten Kaffeehauskultur des 16. Jahrhunderts liegen. Da die Presse zu diesem Zeitpunkt noch nicht so stark ausgeprägt war, dienten die Kaffeehäuser als wichtige Kommunikations- und Informationszentren, zu denen Frauen der Zugang verwehrt blieb. Im 18. Jahrhundert entwickelten diese sich sogar für Londoner Redakteure der Moralischen Wochenschriften zu Redaktionslokalen, von denen Frauen jedoch häufig ausgeschlossen waren. Diese Zeit markiert auch die Geburtsstunde des Kaffeekränzchens. Frauen etablierten hiermit die Kaffeekultur in der häuslichen Sphäre. Hierdurch bekam der Begriff „Kaffeeklatsch“ (99) von den Männern einen ironisch-abfälligen Unterton. Ein Alleinstellungsmerkmal dieser Form der geselligen Interaktion ist, dass dort ungeniert geklatscht wird. 

Klatsch als diskreditierende Tätigkeit

Auch wenn die Kaffeehauskultur heutzutage nicht mehr so stark ausgeprägt ist, findet man sich zum „sicheren“ Klatschen doch eher in einem Kreis von bekannten, gleichgesinnten Personen zusammen. Dabei setzen die Klatschakteur*innen (unbewusst) kommunikative Schutzmechanismen ein, um sich vor der Zuschreibung als „Klatschmaul“ (108) zu schützen. Daher muss das Klatschinteresse von allen Parteien zu Beginn, in einer „Prä-Sequenz“ (114) vor dem eigentlichen Klatsch, sichergestellt werden. Viele Klatschinteressent*innen verheimlichen zudem ihr Interesse am Klatsch und agieren eher vorsichtig und zurückhaltend, was sie zusätzlich auch als ein „verlässliche[*]r Klatschpartner[*innen]“ (126) wirken lässt, da diese Eigenschaften sie vertrauenswürdig erscheinen lassen. Genauso gut kann man eine Klatscheinladung aber auch einfach ablehnen. Kommunikationswissenschaftlich relevant ist zudem der Umstand, dass sich der Klatsch durch eine voraussetzungsreiche Sprache auszeichnet, welche für Außenstehende schwer zugänglich ist (vgl. 105). Ohne das geteilte Wissen der Klatschakteur*innen, können nicht beteiligte Personen den Klatsch nur schwer nachvollziehen. Diese Schutzmechanismen machen sich vor allem in Situationen, in denen man keinen Verpflichtungen nachgehen muss und selbst frei über seine Zeit verfügen kann, sowie im Handlungskontext der Arbeit bemerkbar: Neben dem Kaffeeklatsch sind dies zwei weitere Situationen des Klatschens die Bergmann identifiziert. Wenn man sich die Schutzmechanismen im Handlungskontext der Arbeit anschaut, so verwenden die Akteure bestimmte „Kontextualisierungstechniken“(108), um nicht in Verruf eines Klatschmaules zu geraten: Dadurch, dass die Akteure beim Klatschen auf der Arbeit stehenbleiben, indizieren sie die Nebensächlichkeit dieser Aktivität und ihre stetige Arbeitsbereitschaft.

Klatscheinladungen

Bergmann unterscheidet zwei Arten von „Klatscheinladungen“ (120f.), um dem Gesprächspartner Informationen zu entlocken: Zum einen wird durch den Verweis auf scheinbar unwichtige Details fortwährend das Interesse am Thema bekundet und der Andere dazu animiert fortzufahren. Die Zuhörer geben „indirekt zu verstehen, dass sie über zu wenig Informationen verfügen, um gezielter nach Klatsch fragen zu können […], was eine verdeckte Einladung an den potenziellen Klatschproduzenten“ (Bergmann 1987: 123) ist, seine Neuigkeiten weiter auszuführen.

Zum anderen werden durch „Unsicherheitsmarkierungen“ (124) (wie zum Beispiel: „ich bin mir zwar nicht ganz sicher, aber…“; „es scheint als ob…“) die Rezipienten „zur Bestätigung [und] Korrektur“ (124) des Klatschwissens motiviert. Zudem ist diese Technik „darauf gerichtet, vom Gesprächspartner Hintergrundinformationen, Vorgeschichten, inoffizielle Versionen“ (Bergmann 1987: 124), oder Ähnliches hervorzulocken.

Die Zeitlosigkeit des Klatsches

Von besonderer Bedeutung ist für Bergmann die Einführung des „Klatschobjektes“ (115), welches er anhand von Transkripten aufgezeigt hat. Hierbei spielt Vertrautheit und Vertrauen eine große Rolle: Zum einen muss ein gewisses Vertrauen in den Klatschpartner vorhanden sein und zum anderen muss das Klatschobjekt, über das gesprochen wird, allen Gesprächsteilnehmern bekannt sein. Auch die Klatschpresse berichtet nur über bekannte Persönlichkeiten, um die größtmögliche Reichweite ihrer Publikationen zu garantieren. Hierbei ist es vor allem wichtig – auch sprachlich – das Skandalöse und Einzigartige hervorzuheben, um die Klatschwürdigkeit des Ereignisses zu legitimieren. Klatsch ist gesellschaftlich jedoch so leicht zugänglich, dass auch der „moralisch-kontaminierte Charakter“ (138) der Handlung für die Teilnehmer*innen selten eine Barriere darstellt. Klatsch geschieht nämlich vorwiegend auch zum Vergnügen der Klatschenden. Trotzdem stellt sich hierbei die Frage, ob sich die Klatschenden ihrer Klatschhaftigkeit bewusst sind, oder diese sogar zur Schau stellen.

Betrachtet man die Klatschpresse oder – im Privatbereich – ein offensichtliches und zur Schau gestelltes Herziehen über jemanden im Beisein der betreffenden Person, so wird ersichtlich, dass sich dieser Dialog manipulativ und negativ für das öffentliche Ansehen des Klatschobjektes auswirken kann. Die Klatschenden sehen sich damit auch immer in der Gefahr als „Verleumder“ (137) angesehen zu werden, vor allem, wenn ihr Wissen nicht verifizierbar scheint. Zusätzlich könnte man Bergmanns Überlegungen fortführen, wenn man bedenkt, dass das Internet heutzutage gleichgesinnten Interessensgruppen, sogar in anonymisierter Form, schnell und einfach, über Zeit und Raum hinweg die Möglichkeit bietet, sich jederzeit und über jede beliebige Person auszutauschen und über sie zu klatschen. Man ist somit nicht mehr lokal an seine/n Klatschpartner gebunden, sondern kann mit Jedem/r, über alle Grenzen hinweg über Andere reden.

Über wen wird eigentlich gesprochen?

Es handelt sich beim Objekt des Klatsches nicht um einen generalisierten, anonymen Anderen. Das heißt, wir reden nicht von dem oder der Fremden wie das etwa Simmel oder Schütz tun, „den Ausländern“ oder „den Anderen“, die wir nicht genau spezifizieren können. Vielmehr sprechen wir beim Klatschen über uns wohl bekannte Personen oder Persönlichkeiten, die wir näher identifizieren können und die uns vertraut sind. Wir reden also damit auch immer ein wenig über uns selbst.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Literaturgrundlage:
Bergmann, Jörg (1987): Klatsch: Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. Berlin/New York: de Gruyter (Auszug: Die Klatschsequenz), 99-140.

4 Antworten

  1. Meike Kühl sagt:

    Das Klatschen hat bei den Männern begonnen? Das ist ja fast nicht zu glauben und heutzutage eher weniger zu erkennen.

    Als ich den Text gelesen habe, konnte ich mich mit bestimmten Aussagen identifizieren. Das Klatschen ist schon fast Alltag. So gut wie jeder in meinem Umfeld macht es regelmäßig. Diesem auszuweichen ist meiner Meinung nach unmöglich.

    Ein Thema wie Klatschen, das jeder mal macht, aber über das eigentlich nie wirklich gesprochen wird, einmal so vor Augen geführt zu bekommen, ist einerseits interessant und aufschlussreich, allerdings für mich auch ein bisschen erschreckend.

  2. Karoline Klotsch sagt:

    Ich finde die Referenzen zur Klatschpresse wirklich interessant, weil der Begriff auf Grundlage des Textes von Bergmann hinterfragt werden kann: Passt der Begriff “Klatsch”presse überhaupt zu dieser Form der öffentlichen Diskussion über prominente Personen?
    Wie im Blogbeitrag angemerkt, schreibt die Klatschpresse nur über allgemein bekannte Personen, was Bergmanns Klatschkonzept entspricht. Damit Klatsch funktioniert, muss das Klatschobjekt beiden Parteien bekannt sein. Würde die Klatschpresse über beliebige Nachbarn berichten, so würde es kaum eine*n Leser*in interessieren.
    Ebenfalls im Blogbeitrag erwähnt, ist die mögliche negative Auswirkung des Klatschens auf das Klatschobjekt. Auch das trifft auf die Klatschpresse zu, die mit ihren Berichten schon einigen Berühmtheiten das Genick gebrochen hat. Im Gegenzug kann dieser jedoch auch Verleumdung unterstellt werden, wenn ihre Informationen nicht ausreichend verifizierbar sind.
    Eine weitere Parallele sehe ich in der vermeintlichen Nebensächlichkeit der Klatschpresse. Sowie Kollegen auf der Arbeit nur so klatschen, dass es zufällig aussieht und jederzeit Arbeitsbereitschaft signalisiert, findet das Lesen von Klatschzeitungen ebenfalls zwischen Tür und Angel in Wartezimmern statt. Scheinbar niemand kauft sich aktiv ein Magazin, aber um die Wartezeit beim Arzt zu überbrücken, ist es durchaus legitim sich eines der Hefte zur Hand zu nehmen. Hier zeigt sich die stets verpönte Handlung des Klatschens.
    Was allerdings problematisch scheint, ist die triadische Beziehung zwischen Presse, Leser*innen und Klatschobjekten. Am auffälligsten ist hier wohl, dass Klatsch gewöhnlich hinter dem Rücken des Klatschobjektes stattfindet. Im Falle der Klatschpresse lässt sich jedoch nicht vermeiden, dass das Objekt vom Klatsch erfährt, da dieser in der Öffentlichkeit stattfindet. Hinzu kommt das nicht vorhandene Vertrauen zwischen den zwei Klatschenden, da diese sich überhaupt nicht kennen. Es fehlt auch ein aktiver Austausch zwischen den beiden Seiten, denn die Klatschpresse füttert zwar die Interessent*innen mit Klatsch, aber diese haben keine Möglichkeit unmittelbar darauf zu reagieren. Die klassische Prä-Sequenz von Einladung und Angebot fehlt.
    Ein Vorschlag wäre, dass die Klatschpresse also nicht aktiv klatscht, sondern eher Stoff liefert, über den geklatscht werden kann. Die Informationen, die übermittelt werden, werden von Leser*innen aufgenommen und dann beim Kaffeeklatsch mit den Freund*innen thematisiert.

  3. Olga Wagner sagt:

    Den Bergmann-Beitrag von Frau Monci und Frau Grati habe ich wirklich gerne gelesen, da er den Inhalt Bergmanns präzise und gut formuliert wiedergibt und insgesamt auch zum Nachdenken angeregt hatte.

    Wie auch Frau Kühl in ihrem Kommentar äußert, bin auch ich über die Tatsache gestolpert, dass der Klatsch seinen Ursprung in den Kaffeehäusern besitzt und es damals das männliche Geschlecht war, dass sich in diesem zum Klatsch zusammenfand. Interessant ist hierbei, dass „Klatsch“ stereotyp mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gesetzt wird, wobei doch das Kaffeekränzchen erst später und ausschließlich in Privaträumen erfolgte. Klatsch betrifft somit an dieser Stelle verschiedene Räume und Geschlechter, die voneinander abgegrenzt werden und erneut in ein hierarchisches Verhältnis zueinander gesetzt werden – damals wie auch heute.
    Das “Klatschen” zeigt somit zweierlei Machtverhältnisse auf: Einerseits stehen dem diejenige, die „klatschen“ in einer übergeordneten Position, während dem Klatschobjekt gewissermaßen eine subordinierte Position zukommt. Des Weiteren impliziert das Klatschen unterschwellig auch ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Realistisch betrachtet, tratscht jeder – ganz gleich welchen Geschlechts –, doch stets ist es die Frau, die sich zum Klatsch trifft oder stereotyp die alleinige Konsumentin der zahlreichen Klatschblätter darstellt. An der Praktik des Klatschens wird somit nicht nur das Klatschobjekt als „der Andere“ angegrenzt, sondern es ist eine weitere Unterscheidung erkennbar, nämlich die anhand von Geschlechter-Stereotypen, die über Jahrhunderte (re-)konstruiert und naturalisiert werden, sodass sie „klatschende Frau“ im Alltag ein vollkommen „normales“ Bild darstellt.

    Bereits zuvor angedeutet, wird auch unterschieden in „die Klatschenden/ die Klatschproduzenten“ und „das Klatschobjekt“. Auch hier ist ein Machtgefüge präsent, dem „das Klatschobjekt” zunächst einmal unterliegt. Nehmen wir nun das Beispiel der Boulevardblätter, so ist es Prominenten durchaus möglich, sich auf den Klatsch, der ihre Person betrifft, zu beziehen. Es gilt jedoch auch: “Bad news are good news.”
    Obwohl Klatsch gesellschaftlich verpönt ist, hängt die (berufliche) Existenz von Personen des öffentlichen Lebens häufig auch von Klatsch ab. Jeder Klatsch kann dem Image schaden, es aber auch bereichern, oder zumindest die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken, sodass es nicht verwunderlich wäre/ist, dass so mancher „Promi“ negativen Klatsch produziert bzw. inszeniert, um für sich zu werben.

    Deutlich wird an dem Beitrag von Frau Monci und Frau Grati der enorme gesellschaftliche Einfluss von Klatsch. Obwohl das Klatschen stets negativ konnotiert ist, erfolgt es häufig doch unbewusst bzw. intuitiv, wenn man mit bestimmten Freunden, etc. zusammenkommt. Interessant finde ich jedoch, dass man während des Klatschens (unbewusst) dennoch Abläufe und Sequenzen verfolgt, insbesondere um die Akzeptanz des Gegenübers zum Klatsch sicherzustellen. Man ist sich somit der Negativität des Klatschens bewusst, möchte dennoch tratschen, aber hat Sorge hiermit auf Ablehnung oder Kritik zu stoßen. Man möchte somit nicht „ausgeschlossen“ oder ausgegrenzt werden als „Klatschender“, sondern Teil einer übergeordneten Mehrheit bleiben – was interessant ist, da man dennoch bereit ist, jemanden durch das Klatschen auszuschließen und „herabzusetzen“.

  4. Marie Thauern sagt:

    Die Theorie, dass der Klatsch bei den Männern begonnen haben soll, fand ich sehr interessant, konnte es aber fast gar nicht glauben und habe daher mal recherchiert. Dabei bin ich auf die Theorie von dem Psychologen Robin Dunbar gestoßen, der sogar den Ursprung der Sprache mit Klatsch und Tatsch in Verbindung bringt. Seiner Theorie nach fing Klatsch und Tratsch an, als die Menschen anfingen in Gruppen zusammen zu leben und, um ihr Überleben zu sichern, wissen mussten, wer Freund und wer Feind ist. Da man das bei so vielen Menschen nicht alles alleine herausfinden kann, wurde geklatscht und getratscht. Dieses Verhalten, so denkt Dunbar, hat sich seitdem in die Köpfe der Menschen eingebrannt und ist bis heute in uns verankert.
    Das heißt natürlich nicht, dass es das Klatschen in der Kaffeehauskultur bei den Männern nicht gegeben hat, beide Theorien schließen sich natürlich nicht aus. Sie unterstreichen sogar beide sehr schön, dass (wie es auch viele Studien beweisen) das Klatschen und Tratschen nicht nur bei der weiblichen Weltbevölkerung ein Thema ist, sondern Männer und Frauen gleichermaßen gerne tratschen. Dunbars Theorie finde ich außerdem sehr spannend, weil sie die Frage aufwirft, ob Klatschen mit Lästern gleichzusetzen ist und beides ja eher negativ konnotiert ist in unserer heutigen Gesellschaft. Bei Dunbar hört es sich ja so an, als ob es etwas sehr Gutes früher war und überlebensnotwendig.

    Ich habe diesen Blogbeitrag sehr gerne gelesen, weil er mich sehr zum Nachdenken angeregt hat und auch Lust gemacht hat tiefer ins Thema einzudringen und noch weiter zu recherchieren.

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