Perspektivenumkehrung – ein Mittel zur Anerkennung von Minderheiten?

Von Helena Titz und Eva Wülfing

Werner Kallmeyer beschäftigt sich in einem Text (Kallmeyer 2001) mit dem rhetorischen Verfahren der Perspektivenumkehr. Er erklärt:

„‚Perspektivenumkehrung‘ bezeichnet das rhetorische Verfahren, im Rahmen der wechselseitigen Wahrnehmung und Identitätsdefinition von Interaktionsbeteiligten bzw. von sozialen Gruppen das Verhältnis zwischen eigener und fremder Perspektive zu vertauschen und die Fremdperspektive auf sich selbst als Eigenperspektive auf den Anderen zu übernehmen.“

Kallmeyer 2001, S. 401

Das Verfahren zielt darauf ab, Fremddefiniertheit durch Selbstdefiniertheit zu ersetzen: Also sich von der Definition anderer und wie diese einen wahrnehmen, unabhängig zu machen und sich selbst zu definieren. Dies ist ein Mittel indominanter Gruppen und Minderheiten, um eine selbstbestimmte soziale Identität zu etablieren und dominante Gruppen dazu zu bringen, die Minderheitenperspektive anzuerkennen (Vgl. Kallmeyer 2001, S. 401). 

Kallmeyers Untersuchung beschäftigt sich vor allem mit folgenden Fragen: Welche Rolle spielen Formen von Perspektivenumkehrung für die Verarbeitung von Diskriminierungserfahrungen in Migrantengruppen? Inwieweit ist Perspektivenumkehrung als ein Kernelement für die Herausbildung eines emanzipatorischen Kommunikations- und Handlungsstils anzusehen? Welche Eigenschaften hat dieser Stil?

Kommunikativer sozialer Stil

Kommunikativer sozialer Stil definiert sich dadurch, dass betrachtet wird, wie bzw. auf welche Weise kommunikative Handlungen durchgeführt werden. Sozial bedeutet dabei, dass die Stilformen zur sozialen Positionierung der Sprecher*innen entwickelt und eingesetzt werden. Sie dienen dazu, die soziale Präsenz der Sprecher*innen z. B. im politischen, kulturell-politischen, institutionellen oder öffentlichen Bereich zu verdeutlichen (Vgl. Kallmeyer 2001, S. 402 f.). 

Die Stilbildung ist dabei auch kulturell abhängig bzw. vorgegeben, was es schwierig gestaltet, bestimmte Stileigenschaften zu verändern. Wenn Stil also voraussetzt, wie eine Handlung durchgeführt wird, dieses „wie“ aber kulturell vorgegeben ist, so hat das Individuum keine Wahl, anders als vorgegeben zu handeln. Andernfalls würde es negativ auffallen und vielleicht sogar sozial ausgeschlossen werden (Vgl. Kallmeyer 2001, S. 403).

Stilistische Arbeit, so Kallmeyer, ist in Gruppengesprächen zu beobachten, z. B. bei externen Problemen oder wenn negative Gegenbilder des sozialen Handelns der Gruppe auftauchen. Der Bezugsrahmen für Stilbildung ist dabei jedoch nicht die Gruppe bzw. die soziale Identität dieser, sondern die soziale Welt, in der die Gruppenbildung stattfindet. Dabei stellen vor allem die Arenen die entscheidenden Faktoren für die Stilbildung dar, weil in diesen z. B. Bewertungen von Stilformen stattfinden. Die Sprecher*innen berücksichtigen die Eigen- bzw. Fremdperspektive und es wird klar, was der eigene Stil ist (Vgl. Kallmeyer 2001, S. 404 f.).

Umgang mit Diskriminierung als zentrales Anliegen in Migrantenwelten

In den Arenen der Migrantenwelten ist die Auseinandersetzung mit Diskriminierung und die Ausbildung von Bewältigungsstrategien ein zentrales Thema. Kallmeyer führt die wichtigsten Elemente von Diskriminierungserfahrungen auf: Dazu zählen die offene Ausgrenzung, positive Diskriminierung, Status-Asymmetrie, Asymmetrie der Sensibilität für Diskriminierungssachverhalte und die Sehnsucht nach Normalität (Vgl. Kallmeyer 2001, S. 406 f.).

Für Migrantengruppen ist der emanzipatorische Stil relevant, um mit Diskriminierungserfahrungen umgehen zu können. Die sozialen Welten, in denen sich der emanzipatorische Stil entwickelt, sind vor allem durch politische Aktivitäten geprägt. Diese zielen auf Bewusstseinsbildung, politische Präsenz in der Öffentlichkeit und ein neues Selbstbewusstsein von Migrant*innen ab, die sich nicht als „Ausländer*innen“ ansehen, sondern normale Rechte einer Beteiligung am gesellschaftlichen Leben beanspruchen. 

Zentrale Elemente des emanzipatorischen Stils

Anhand einer von ihm betrachteten Migrantengruppe definiert Kallmeyer zentrale Elemente des emanzipatorischen Stils. Diese sind das Spiel mit kulturellen Symbolen, das Spiel mit Zugehörigkeitskategorien, die Übernahme und Umwertung von negativen Fremdstereotypen bzw. -kategorien, die Umkehrung von Dominanzverhältnissen und die Normalitätsdemonstration aus der Eigenperspektive, ggf. auch als Spiel mit der Normalitätsunterstellung.

Kritisch anzumerken ist eine im Seminar aufgetretene Unstimmigkeit: Dem von Kallmeyer gewählten Beispiel des türkischen Ausdrucks „almalça“ als positive Selbstkategorisierung von Deutschtürk*innen wurde widersprochen. Im allgemeinen türkischen Sprachgebrauch sei das Wort erstens nur als „almancı“ existent und zweitens eher negativ konnotiert.

Perspektivenumkehr heute

Dialog und Austausch rund um die Fremdheitsdebatte sind wichtige Elemente, um Verständnis rund um die Lebenswelt von Migrant*innen zu schaffen und sich darüber klar zu werden, welche Eigenheiten das Fremdheitsgefühl hat, wie es geschaffen wird und in welcher Form Aus-bzw. Abgrenzung stattfindet. Der betrachtete Text stammt aus dem Jahre 2001, was mittlerweile fast 20 Jahre her ist. Wird sich auf den Aspekt Austausch fokussiert, so haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten insbesondere durch die sozialen Medien vermehrt Möglichkeiten entwickelt, international in Austausch zu treten, Einblicke in Lebenswelten zu geben und Foren für Diskussion zu schaffen. Als aktuelles Beispiel lässt sich die Black Lives Matter Bewegung nennen, wie sich Betroffene zu Wort melden, ihre Erfahrungen schildern, sich mit schwarzen Profilbildern solidarisiert wird und ein Austausch angeregt wird. Demzufolge ist die mediale Entwicklung definitiv ein Punkt, der Einfluss auf kommunikativen Stil nimmt und neue Möglichkeiten der Perspektivenumkehr schafft. Den Aspekt der sozialen Medien betrachtet, wäre es weiterhin interessant, ergänzende aktuellere Forschung miteinzubeziehen, die sich beispielsweise auf neue Formen interkulturellen Austauschs fokussiert.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage: Kallmeyer, Werner (2001): Perspektivenumkehrung als Element des emanzipatorischen Stils in Migrantengruppen. In: Jakobs, Eva-Maria/Rothkegel, Annely (Hrsg.): Perspektiven auf Stil. Tübingen: Niemeyer, S. 401-422.

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