Pinky Gloves – wenn ein Diskurs aus Diskursen besteht

Von Emma Marder, Tabea Geiger, Katherina Manolakis, Janine Wedzinga

Im April 2021 erregte ein Produkt extreme Aufmerksamkeit: die „Pinky Gloves“. Bei diesem handelt es sich um pinke Einweghandschuhe, die das Entsorgen von Tampons für menstruierende Personen hygienischer machen sollen, indem der direkte Kontakt beim Entnehmen vermieden wird. Der öffentliche Diskurs um die Pinky Gloves begann am 12.04.2021 mit der Ausstrahlung der Sendung Die Höhle der Löwen des Fernsehsenders VOX, einem TV-Format, bei dem Menschen ihre Geschäftsideen vor einer Gruppe potentieller Investoren präsentieren. Hier führten die Hersteller André Ritterswürden und Eugen Raimkulow ihre Produktidee vor, um die Pinky Gloves erfolgreicher vermarkten und in mehr Läden verkaufen zu können. Das Ergebnis war aber nicht nur die Zusage eines Investors, sondern auch eine Massendiskussion die rasant wuchs und insbesondere in den sozialen Medien ausgetragen wurde. Innerhalb kurzer Zeit wurde Kritik laut und über Bilder, Videos, Texte und Kommentare verbreitet. Nach nur einer Woche beugten sich die Produktentwickler der immensen Kritik und kündigten an, ihr Produkt wieder vom Markt zu nehmen.

Kritik diskursanalytisch analysieren

In einem diskursanalytischen Projekt haben wir uns mit dem kurzen, aber intensiv geführten Diskurs um die Pinky Gloves auseinandergesetzt. Schnell konnten wir feststellen, dass die Artikulation von Kritik ein zentrales Phänomen in diesem Diskurs ausmacht. Bei der Beobachtung der sozialen Medien zeigte sich, dass in der Diskussion um die Pinky Gloves verschiedene gesellschaftliche Diskurse aufgegriffen und in Form kritischer Argumente in den Diskurs eingespeist wurden. Daraus entstand die Fragestellung: Inwieweit wird der Pinky Gloves-Diskurs und insbesondere die kritische Positionierung darin von anderen Diskursen geprägt? Für eine tiefergehende Analyse legten wir uns zunächst auf die vier Social Media Plattformen Instagram, Twitter, Facebook und Tik Tok fest, um ein Korpus aus verschiedenen Kommentaren zusammenzustellen. Diese stammen alle aus dem Zeitraum zwischen der Ausstrahlung der Serie am 12.04.2021 bis Ende April. Unsere Analyse zeigte schließlich, dass für die Äußerung von Kritik am Produkt drei besonders präsente gesellschaftliche Diskurse relevant wurden: Gender, Umwelt und Ökonomie. 

Gender

Der Genderdiskurs, der gegenwärtig an sich bereits große Aufmerksamkeit auf sich zieht, dient auch dem Diskurs um die Pinky Gloves als Ressource. „2 Männer und ein Frauenproblem“ – diesen Titel nutzten die Gründer auf ihrer ehemaligen Website und traten damit eine Welle an genderbezogener Kritik los. Diese bezieht sich erstens auf das fehlende Wissen der beiden als männlich adressierte Produzenten. So wird die Kritik vorgetragen, dass sie sich als Menschen ohne Periode nicht mit den Problemen von Menstruierenden auskennen und demnach auch nicht wissen können, was sie zur Lösung der Probleme benötigen, wie z.B. dieser Kommentar verdeutlicht:

„Ich finds als Mann so komisch, dass dieses Produkt von Personen ohne Periode „entwickelt“ wird.“

Zweitens bezieht sich Kritik wie „Können wir EINMAL daran denken, dass nicht nur Frauen ihre Periode kriegen? EINMAL? #PinkyGloves“ auf die unproblematisierte Zurechnung Frauen=Menstruation. Es sei lange überholt und beleidigend für andere menstruierende Personen, die Menstruation als ein Frauenproblem zu bezeichnen.

Eben diese menstruierenden Personen kritisieren drittens das Marketing der Pinky Gloves. Kommentare wie „Auch keine Lust mehr auf #Gendermarketing-Müll wie #PinkyGloves, rosa Ü-Eier und Co?“ zielen ab auf die pinke Färbung des Produktes, welche das bestehende Genderklischee – Pink für Frauen – unterstreicht. „Gender hat keine Farbe“ meinen im Gegenzug die Kritiker:innen. Interessant dabei ist, dass beide Kritikpunkte – an der vorgestellten Binarität von Geschlechtern wie auch am Gendermarketing – auch von Seiten der Kritiker:innen bedient werden, wenn ironisch mit den Klischees gespielt wird. So schlagen einige Kommentator:innen vor, für anscheinend männliche Probleme, wie das Entsorgen von Kondomen, einen blauen Handschuh auf den Markt zu bringen, das Pseudoäquivalent mit dem Namen „Bluey Gloves“. 

Schließlich lässt sich noch auf eine weitere Diskursfraktion hinweisen, die sich auf die Seite der Produzenten schlagend Kritik an den Kritiker:innen übt und sich auch hier wieder auf das Geschlecht der Kommentator:innen bezieht. Oftmals werden die Verfasser:innen als Feministen beschimpft oder es fallen ebenfalls Kommentare mit wertenden Adjektiven, bei denen die Kommentarverfasser:innen von den Kritikübenden auf ihr, überwiegend weibliches, Geschlecht reduziert werden.

„Es ist erschreckend dass eine kleine, unverhältnismäßig laute Feministen Gruppe, es tatsächlich schafft die Existenz von zwei Menschen in sozialen Netzwerken komplett zu vernichten. (…).”

Umwelt und Nachhaltigkeit

Ein weiterer Diskurs, der in der Debatte um die Pinky Gloves eine zentrale Rolle spielt, ist der Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitsdiskurs. Grundsätzlich wird in den meisten Kommentaren zum Thema kritisiert, dass das Produkt nicht nachhaltig und umweltschädlich sei, da es zusätzlichen Plastikmüll erzeugt. Ein wichtiger Punkt, der des Öfteren angemerkt wurde, ist das Unverständnis darüber, dass immer noch umweltschädliche Produkte erfunden werden und auf den Markt kommen. Daran knüpft oft das Argument an, dass es im Bereich der Menstruationsartikel bereits nachhaltigere Alternativen zu den Pinky Gloves gibt, wie der folgende Kommentar zeigt:

„Einweghandschuhe: seit Jahren gibt es das steigende Bewusstsein bei vielen, dass Einwegplastik eigentlich Nichts als Müll ist, und selbst bei Hygieneprodukten für Frauen setzt sich inzwischen mehr und mehr der wiederverwendbare Cup durch, und ihr zwei haut einfach mal im Jahr 2021 ein Wegwerfplastikprodukt auf den Markt.“

Ein Teil der Kommentare kritisiert außerdem, dass es bei einer nachhaltigeren ähnlichen Erfindung, die bei der ‚Höhle der Löwen‘ vorgestellt wurde, zu keinem Deal gekommen ist.  Damit werden nicht nur die Produzenten, sondern auch die am TV-Format beteiligten Investoren zur Verantwortung gezogen:

„Ihre Erfindung ist nicht umweltfreundlich und für die meisten Frauen, unnutz. Schlimmer allerdings ist, dass bei einer Folge dieser Sendung hatten 2 Mädels umweltfreundliche PeriodPanties vorgestellt und wurden von den “Löwen” nicht unterstützt. Das hat mich am meisten genervt.“

Ökonomie

Eine letzte Ressource zur Äußerung von Kritik am Produkt stellt der ökonomische Aspekt dar. Im Zentrum steht hier die Kritik, dass die Handschuhe zu teuer und ihren Preis nicht wert sind. Dabei scheinen die Kritiker:innen den Unterschied im Preis-Leistungs-Verhältnis zwischen den Pinky Gloves und herkömmlichen Handschuhen nicht nachvollziehen zu können, wie der folgende Kommentar zeigt: „Dann kann ich auch die normalen Handschuhe benutzen, die sind dann nur weiß, statt Pink“. Ein Paar Pinky Gloves kostete beim Netto Markendiscount 2,99 Euro. Im Vergleich dazu kosten 100 herkömmliche Einweghandschuhe 6,95 Euro. Besonders deutlich tritt die Kritik am ökonomischen Kalkül der Produzenten in Kombination mit dem Genderaspekt hervor. So wird im folgenden Kommentar die Kritik am Produkt mit der generellen Kritik an den Kosten für Menstruationsartikel verknüpft:

„Yay, jetzt haben wir noch zusätzlich einen Grund zu viel Geld für Damenhygieneprodukte auszugeben und haben als Belohnung dafür noch ein geringeres Einkommen“

Fazit

Der Diskurs um die Pinky Gloves ist ein Beispiel dafür, wie ein Diskurs durch andere bereits virulente Diskurse beeinflusst wird bzw. gar durch sie entsteht, indem diese Diskurse als Ressourcen dienen, um Äußerungen zu produzieren. Die drei Diskurse um Gender, Ökologie und Ökonomie bilden den Kern des Pinky Gloves Diskurses und haben ihn in Form einer kritischen Debatte um das Für und Wider des Produktes im Prinzip erst entstehen lassen. Der Diskurs entstand sehr schnell, innerhalb weniger Stunden nach der Ausstrahlung der Sendung wurde die erste Kritik laut und binnen kürzester Zeit hat sich die Debatte über die sozialen Medien verbreitet. Dabei haben die drei identifizierten Diskurse auch als eine Art Reaktionsbeschleuniger gewirkt, besonders durch geteilte Beiträge, wodurch mehr Personen mit entsprechendem Vorwissen und Meinungen auf das Thema aufmerksam geworden sind und es weiter verbreitet haben. Am Ende ist die Masse an Kritik so groß geworden, dass sich die Gründer nur eine Woche nach Ausstrahlung, am 19.04.2021, dazu entschlossen haben das Produkt vom Markt zu nehmen. Sie haben dazu ein Statement auf ihrer Website veröffentlicht, womit sie sich bei allen entschuldigen wollen, deren Gefühle verletzt wurden, aber auch auf den Hass eingingen, den sie als Gründer erfahren haben. Auch dieses Statement blieb nicht unkommentiert und wurde mit ein Teil des Diskurses, da viele Kommentator:innen der Meinung waren, die Gründer wären nicht wirklich auf die geäußerte Kritik eingegangen und hätten sie noch immer nicht richtig verstanden. So schnell wie der Diskurs entstand, verschwand er dann schließlich auch, nachdem das Produkt vom Markt genommen wurde. Die letzten Kommentare und Beiträge in den sozialen Medien sind mehrere Wochen alt und man liest nur noch vereinzelt etwas über das Produkt. Man könnte fast sagen, dass die kritischen Teilnehmer:innen am Diskurs am Ende, durch die Art und Weise wie sie bestehende gesellschaftliche Diskurse aufgegriffen haben, „gewonnen“ haben.

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Diskursanalyse“ (SoSe 2021) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.   

Eine Antwort

  1. Daniel Terfurth sagt:

    Euer Ansatz, den Diskurs um die Pinky Gloves auf seinen Bezug zu drei größeren gesellschaftlichen Diskursen zu analysieren finde ich äußerst gelungen. Diesen Bezug herzustellen und hinreichen zu erklären ohne dabei zu tief auf diese anderen Diskurse einzugehen ist eine starke Leistung. Besonders da ihr ebenfalls die Verbindung zwischen dem Gender- und dem Ökonomie-Diskurs aufzeigt.
    Sowohl die Zusammenfassung des Inhalts und Verlauf des Diskurses, als auch die Informationen zu den Akteuren sind selbst für jemanden, an dem der Diskurs komplett vorbeigegangen ist, gut verständlich.
    Die für den Blogbeitrag gewählten Diskursfragmente unterstreichen eure Analyse ohne den Lesefluss zu stören.
    In eurem Fazit schafft ihr es mit der zusammenfassenden Analyse der Beziehung des Pinky Gloves Diskurs zu den größeren Diskursen und dem Blick auf das rasante verschwinden des Pinky Gloves Diskurses euren Beitrag gut abzurunden.
    Den einzigen Kritikpunkt den ich habe ist, dass ich eine nähere Betrachtung der Reaktion der Gründer des Pinky Gloves Projekts interessant gefunden hätte. Dies wäre aber eher weniger relevant für den Fokus, den ihr gesetzt habt gewesen, von daher kann ich die Entscheidung nicht intensiv darauf einzugehen verstehen.
    Insgesamt ein wirklich interessanter Beitrag, mit dem ihr es geschafft habt nicht nur diesen Diskurs an sich, sondern auch eine Rolle von Diskursen untereinander zu analysieren.

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