Ricardo Lange – von einem (überabeiteten) Pfleger unter vielen zur Gallionsfigur des Pflegenotstands

von Veronique Meyer, Carolin Hambuch und Katharina Lefeld

Der Pflegenotstand ist besonders durch die Corona-Pandemie ins Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung gerückt. Seit etlichen Jahren klagen Angestellte des Gesundheitswesens über zu niedrige Löhne, zu viele Überstunden und körperliche wie psychische Überlastungen. Ganz zu schweigen von der geringen Wertschätzung des Berufes, welche sich dahingehend äußere, dass jenen Missständen keinerlei Beachtung geschenkt würde. Angestellte im Gesundheitswesen fordern deswegen, dass die Problematiken anerkannt und gelöst werden.

Im Rahmen unseres diskursanalytischen Projektes haben wir uns damit auseinandergesetzt, inwiefern diese durch die Corona-Pandemie sichtbar wurden. Wir wollten in Erfahrung bringen, wie sich der Diskurs um den Pflegenotstand seit Beginn der Pandemie entwickelt hat und welche die wichtigsten Aspekte dieser Debatte sind. Nach ersten Recherchen wurde deutlich, dass in diesem Zeitraum insbesondere ein Akteur eine zentrale Position eingenommen hat: der Intensivpfleger Ricardo Lange. Dieser hat vor allem über den Nachrichtendienst Twitter in kürzester Zeit eine große Bekanntheit erlangt. Einen Höhepunkt markierte seine Teilnahme an der Bundespressekonferenz im April 2021. In diesem Beitrag wollen wir zeigen, wie wir Ricardo Lange auf seinem Weg in den Diskurs um den Pflegenotstand gefolgt sind und welche Erkenntnisse sich über diesen Diskurs ableiten lassen.

Einem Diskursakteur folgen: auf den Spuren des Intensivpflegers Ricardo Lange

Da wir den Fokus unserer Untersuchung auf die Ereignisse um die Person des Intensivpflegers Ricardo Lange und seine Einflussnahme bei der Bundespressekonferenz am 29. April 2021 legten, berücksichtigten wir ausschließlich Presseartikel, in denen Lange thematisiert wurde. Anhand mehrerer Artikel analysierten wir, wie sich der Diskurs seit den Twitter-Postings von Ricardo Lange bis hin zur Bundespressekonferenz entwickelt hat. Ebenfalls berücksichtigten wir den darauffolgenden Monat Mai, um erste Reaktionen abbilden zu können.

Für die Erstellung unseres Korpus gaben wir bei der Online-Suchmaschine Google die Schlagwörter Pflegenotstand, Ricardo Lange und Corona ein und begrenzten die Ergebnisse auf den Zeitraum von Mai 2020 bis Mai 2021. Um den Verlauf des Diskurses genauer skizzieren zu können und seine Phänomene deutlicher herauszustellen, teilten wir jenen Zeitraum nochmals in drei Phasen auf, mit welchen sich jedes Gruppenmitglied intensiver auseinandersetzte (Mai 2020 bis August 2020, September 2020 bis Januar 2021 und Februar 2021 bis Mai 2021). Bei diesem Forschungsschritt konnten wir anhand von Feinanalysen konkreter Online-Artikel wesentliche Merkmale herausarbeiten, die den Diskurs geformt haben.  

Ereignisse und Kritik

In unserer Analyse haben wir uns auf zwei Aspekte konzentriert. Erstens wollten wir die zentralen diskursiven Ereignisse rekonstruieren, die Ricardo Lange als Kontexte seiner kritischen Äußerungen dienten. Zweitens wollten wir verstehen, welche Kritikpunkte Lange nennt und wie er diese kommuniziert. Dem Diskurs ‚beigetreten‘ ist Ricardo Lange mit seinen Twitter-Postings zu Anfang der Corona-Pandemie. Unmittelbar danach wurden die ersten Online-Artikel (Tagesspiegel) mit und über ihn verfasst, worin er äußert, dass er sich gerne mit Herrn Spahn zusammensetzen und die Problematiken diskutieren möchte, da ansonsten niemand auf jene Missstände aufmerksam wird. Das nächste zentrale Ereignis ist Ricardo Langes öffentliche Empörung darüber, dass Herr Spahn Prominenten mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt als den Betroffenen in der Pflege. Das nächste zentrale Ereignis stellt Ricardo Langes Teilnahme an der Bundespressekonferenz am 29. April 2021 dar sowie die mediale Berichterstattung darüber. 

Tweet von Ricardo Lange vom 3. Mai 2020: Ständige Film-Anfragen nerven ihn.

Ausgehend von dieser Chronologie der Diskursaktivitäten von Herrn Lange haben wir zusammengetragen, welche Diskussionsinhalte er in den Diskurs eingebracht hat. Die Missstände in der Pflege ziehen sich thematisch wie ein roter Faden durch die Twitter-Postings von Ricardo Lange. In einem Tweet vom 3. Mai 2020 spricht er an, dass er nicht mit der Kamera bei seinen Schichten auf der Intensivstation begleitet werden wolle, da dies nur die Sensationslust der Zuschauer befriedigen würde: „Eine #intensivstation ist keine Piep-Show”. Des weiteren zeigt das dem Tweet beigefügte Selbstporträt von Lange die deutlichen Spuren, welche die Schutzausrüstung (unter anderem Maske und Visier) in seinem erschöpft wirkenden Gesicht hinterlassen haben. In Interviews mit dem Tagesspiegel spricht Ricardo Lange konkret die Missstände der Pflege an, welche sich im Kontext der Corona-Pandemie verschlimmert haben, da diese beispielsweise direkte Auswirkungen auf die Patienten haben. So bestünde nicht die Möglichkeit, aufgrund vieler Einschränkungen durch Schutzmaßnahmen, Verstorbene die letzte Fürsorge adäquat zukommen lassen:  „Kein Waschen, kein Aufbahren in einem Abschiedsraum des Krankenhauses, kein Aussegnen, nichts!” (Tagesspiegel 14.05.2020). Physische und/oder psychischer Überlastung, Mangel an Schutzausrüstung und Zeit seien nur wenige der Problematiken, mit denen Pfleger*innen täglich konfrontiert sind. Hinzukommt, dass viele Pfleger*innen seit der pandemiebedingten Verschlimmerung der Missstände über berufliche Umschulungen nachdenken, was von der Presse auch „die Flucht aus der Pflege” genannt wird.   

Während der Bundespressekonferenz am 29. April 2021 gab der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Herrn Lange die Möglichkeit, auf die Missstände in der Pflege hinzuweisen und eindrucksvoll seinen Alltag auf der Intensivstation zu beschreiben. Lange erklärt, dass alle involvierten Akteure (Ärzt*innen, Pfleger*innen, Reinigungskräfte) weit über die Grenzen der eigenen Belastungen gehen würden und die Bedürfnisse wie Freizeit und Familie schon lange hintenanstehen. Betont wird das mangelnde Interesse an der Pflege der Gesundheitspolitik. Erkennbar wird dies auch daran, dass ein Intensivpfleger ein Jahr braucht, um sich für so ein wichtiges Thema Gehör zu verschaffen.

Fazit

Nach Betrachtung des Diskurses hinsichtlich seiner Akteure, seines Verlaufs und seiner bedeutungsvollen Ereignisse haben wir als Forschungsgruppe herausgearbeitet, dass Ricardo Lange als Akteur dieses Diskurses sehr engagiert war, diesen voranzutreiben. Immer wieder wies er reichweitenstark auf die Relevanz der Debatte hin. In der öffentlichen Figur des Ricardo Lange bündelten sich die Ansichten und Wünsche der Pfleger*innen in Deutschland. Er debattierte stellvertretend für eine Berufsgruppe die Missstände und Forderungen mit Politikern wie Jens Spahn und wurde so zum Gesicht und Sprachrohr gleichermaßen.

Welche Auswirkungen und Effekte der kritische Diskurs um den Pflegenotstand hat, bleibt zum jetzigen Stand offen. Da die mediale Berichterstattung über das Gesundheitssystem und Ricardo Lange nachgelassen hat, kann man annehmen, dass es zunächst zu keinem nachhaltigen Wandel in der Pflege kommen wird.

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Diskursanalyse“ (SoSe 2021) entstanden. Weitere Informationen zu dem Seminar finden sie hier.

Quellen:

https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/berlinerintensivpflegerueberdiel ageanklinikenichdarfkeinefehlermachenauchwennmeinkoerpersichimschla fmodusbefindet/25829560.html

https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Portraet-Ricardo-Lange-Der-

Krankenp flegerderSpahninVerlegenheitbrachteid59629121.html

https://www.waz.de/kultur/fernsehen/markuslanzcoronapflegerricardolangeid2 32218487.html

https://www.focus.de/gesundheit/news/soll-einen-tag-bei-mir-arbeiten-

intensivpfleg      erwirrennenvoneinerbauchlagerungzurnaechsten_id_12682621.html

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-spahn-lange-intensivstationpflege-100.html

Das könnte dich auch interessieren …

Eine Antwort

  1. Helena Karagatsulis sagt:

    Ich finde euren Blogbeitrag sehr gut gelungen. Der Text ist sehr gut strukturiert und die Bilder und Überschriften machen es leicht dem Text zu folgen. Ich finde es toll, dass ihr mit einer etwas allgemeineren Einleitung in das Thema und euren Text einführt, bevor ihr euch nur noch spezifisch auf Ricardo Lange bezieht. Sein Beispiel ist sehr anschaulich und gut gewählt. Eure Vorgehensweise für eure Diskursanalyse wird sehr gut deutlich. Ich finde es toll, dass ihr die Leser über Vorgehensweisen und Einschränkungen informiert. Dies macht euren Beitrag noch etwas verständlicher. Euer Fazit finde ich ebenfalls sehr gelungen. Kurz und knapp fasst ihr hier die Diskursstrukturen noch einmal zusammen. Ein rundum gelungener Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.