Ronald Hartz über Pegida, vier Fantasien und die Anderen

Von Jil Josten und Meike Kühl

Ronald Hartz setzte sich mit der Pegida-Bewegung und dem Gruppengefühl hinter dieser und ähnlichen Bewegungen auseinander. An dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, dass PEGIDA für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ steht und eine Gruppierung ist, die für die (aus ihrer Sicht) bedrohten Rechte und Kultur der Deutschen (wobei auch „die Deutschen“ im Pegida-Verständnis eine eingeschränkte Gruppe sind, dazu später) einsteht.

Hartzs Ziel dabei ist es, dessen diskursiven Artikulationen zu untersuchen. Er spricht von der „Empfindung einer schleichenden Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas, welche sich nicht zuletzt in einer sprachlichen (und ethischen) Verrohung im Reden über den ‚Fremden‘, den Anderen anzeigt“ (Hartz, 2016: 1).

Vorbemerkung zum Vorgehen

Für seine Auseinandersetzung mit Pegida bezieht sich Hartz auf zwei verschiedene Untersuchungen, um einen Rahmen für seine Betrachtung zu setzen.

Zum einen benennt er das poststrukturalistische Gedankengebäude. Hierbei wird davon ausgegangen, dass es paradoxe Ordnungen gibt, deren Bemühungen um die Herstellung um Eindeutigkeit, Stabilität und Berechenbarkeit prekär bleiben. Ebenso gibt es die klassischen Überlegungen, wobei es sich um eine Vorstellung von Organisationen als arbeitsteilige, hierarchische Gebilde, welche durch rationalen Einsatz von Mitteln bestimmte Ziele erreichen, handelt.

Zum anderen bezieht sich Hartz auf die Argumentation von Laclau und Mouffe zur Hegemonialisierung, welche in fünf Punkten geschildert wird. Punkt 1 besagt, dass Versuche der Hegemonialisierung attraktive Identitätsangebote für die adressierten Subjekte bereitstellen. Ein weiteres Indiz für die Hegemonialisierung wird in den „leeren Signifikaten“ gesehen. Diese lassen sich durch unterschiedliche Inhalte auffüllen (beispielweise durch „den Anderen“) und geben beispielsweise Gruppierungen oder auch Einzelpersonen die Chance, eine gesellschaftliche Identität zu stiften. Ein drittes Indiz für die Hegemonialisierung findet sich häufig darin wieder, dass eine Gruppierung ihre Sichtweise als universell darstellt, unabhängig davon, ob es sich hierbei um eine Partikulare handelt. Auch die diskursiven Mechanismen Differenz, Äquivalenz und Antagonismus spielen in der Ausführung von Laclau und Mouffe eine Rolle, was den Rahmen dieses Beitrages jedoch sprengen würde.

Pegida-Facebook Gruppe im Fokus

Das von Hartz untersuchte Objekt ist die öffentliche Facebookgruppe Pegida Chemnitz-Osterzgebirge, welche seit dem 22. Dezember 2014 besteht. Zuerst wurde eine chronologische Querlektüre der „kompletten Postings und Kommentare der Facebook-Seite der Gruppe PEGIDA Chemnitz-Erzgebirge im Zeitraum 22.12.2014-11.09.2015“ (Hartz, 2016: 7) vorgenommen, um einen ersten Eindruck von Inhalten und sprachlichen Aspekten der Postings und Kommentare zu bekommen. Hiernach wurden die Informationen in zwei Ebenen unterteilt. Einmal inhaltlich (worüber wird geschrieben?) und formal (Wie wird darüber geschrieben?).

In einem letzten Schritt hat Ronald Hartz die vorläufigen Befunde verdichtet, um eine Charakterisierung jener diskursiven Konstitution vor dem Hintergrund der skizzierten konzeptionellen Überlegungen vorzunehmen.

Vorläufige Befunde

Die Adressierung von (Kollektiv-) Subjekten

In einem ersten Schritt konnte die Adressierung von spezifischen Kollektivsubjekten identifiziert werden. Hierbei geht es darum, welche Gruppen angesprochen werden und wo diese im sozialen Raum verortet sind.

Des Weiteren waren die sozialen Antagonismen erkennbar. Dies bedeutet die Konstruktion eines „konstitutiven Außens“ bzw. der „Wir“-Gruppe. Die Mitglieder der Gruppierung werden durch ihre soziale Zusammengehörigkeit (i.d.F. dass sie Deutsche sind) verbunden und haben dadurch ein Zusammengehörigkeitsgefühl.

Zuletzt sind positive und negative Attributierungen festzustellen. Andere, wie zum Beispiel Flüchtlinge, die Politik, Medien und Antifa, sind hierbei negativ. Die Polizei hingegen wird als positiv angesehen.

Gruppengefühl durch die vier Fantasien

Die Innen-Außen Differenz zwischen Pegida-Anhängern*innen und „den Anderen“ lässt sich laut Hartz durchaus durch Fantasien betiteln (Vgl. Hartz 2016: 10). Hierzu stellt er vier diskursive, miteinander verschränkte Strategien vor, welche die analytische Funktion haben, die Anhänger der Bewegung zu motivieren und dominante Elemente im Pegida-Diskurs darstellen, sprich, Motive, welche den Anhängern das Gefühl von Zusammenhalt und einem gemeinsamen Feind (Anderen) vermitteln. 

Hartz beginnt mit der Bedrohungsfantasie. Diese wird in vier unterschiedlichen Ebenen vorgestellt (Vgl. Hartz 2016: 10f.). Die erste Ebene stellt die Form der Bedrohung dar, womit die Bedrohung des deutschen Volkes, der deutschen Kultur und Deutschlands selbst gemeint ist. Das Innere ist an dieser Stelle das deutsche Volk, die Bedrohung wird durch Übervölkerung und der Bedrohung des Volkes dargestellt. Symbolisiert wird dies durch naturwissenschaftliche Metaphern (z.B. Ausdünnung des deutschen Volkes), Kampfmetaphoriken (z.B. Zurückdrängung) und naturalisierende Symboliken (z.B. Flut, hereinströmen). Die zweite Ebene umfasst alltägliche, lebensweltliche Bedrohungen durch „Andere“. Besonders häufig wird dabei auf die Sicherheit von Frauen und Kindern angespielt, die durch die Bedrohung von außen scheinbar nicht mehr gesichert ist. Auf der dritten Ebene der Bedrohungsfantasie finden sich Bedrohungen, wie der soziale und ökonomische Abstieg der deutschen Bevölkerung wieder. Als Untermauerung wird dem gegenüber gesetzt, dass die Flüchtlinge scheinbar jegliche Unterstützung zugesagt bekommen. Die vierte und letzte Ebene stellt die Bedrohung im Inneren des deutschen Volkes dar. Ausgemachte „Andere“ sind in diesem Fall die Antifa, Politiker und andere linke Gruppierungen. In diesem Kontext fallen häufig die Schlagworte Gesindel, Dreck, Verräter, Pack, Gutmenschen oder auch Volksverräter. 

Eine weitere Fantasie stellt die Überlegenheitsfantasie dar. Sie symbolisiert die Überlegenheit der eigenen Gruppe / Nation (Vgl. Hartz 2016: 13f.). Hartz teilt diese Fantasie in drei analytische Bereiche ein. Zum einen findet sich hier der Wahrheitsanspruch, der immer wieder durch Aufforderungen wie „nicht manipulieren lassen“ oder „Situationen realistisch sehen“ entfacht wird. Hinzu kommt die Selbstbeschreibung. Die Pegida selbst sieht sich als Vertreter demokratischer Werte an, sprich friedfertig, tolerant und unparteiisch. Zuletzt folgt die charakterliche Superiorität, welche die typisch deutschen Werte (Pünktlichkeit, Fleiß…) als positiv und alles andere als negativ auswertet. 

Die dritte vorgestellte Fantasie ist die Ermächtigungsfantasie. Hierbei geht es um Selbstermächtigung. Pegida sieht sich als Stimme für das Volk und als Vorbote einer deutschlandweiten Bewegung. Diejenigen, die sich noch nicht angeschlossen haben werden als „noch nicht mutig genug“ bezeichnet (Vgl. Hartz 2016: 15).

Die letzte Fantasie die Hartz in seinem Text zur Ansprache bringt ist die Schließungsfantasie, in der es darum geht, das Soziale zu schießen. Die deutsche Kultur soll als eine Besondere von den anderen abgegrenzt werden und nicht von andersartigen Kulturen, wie beispielsweise dem Islam, beeinflusst werden. Es findet eine Superiorität der deutschen Kultur statt. Das Normale (die deutsche Kultur) soll von dem Anormalen (andere Kulturen) klar differenziert werden (Vgl. Hartz 2016: 15f.).

In einem Schaubild stellt Hatz anschließend die Verbindung der 4 Fantasien zueinander bildlich dar.

Unser Fazit

Hartz beschreibt in seinem Text sehr methodisch die Untersuchung der genannten Pegida-Gruppe. Vor allem in Bezug auf die Fantasien wirkt der Ansatz durchaus schlüssig und scheint die Ansätze derartiger Gruppierungen, um ein konstruktives Außen zu kreieren, zu erfassen. Die Fantasien in vier Kategorien einzuteilen, scheint sinnvoll zu sein, auch wenn diese Fantasien miteinander verknüpft sind. Durch die Verbindung, in der diese Fantasien miteinander stehen, unterstützen diese sich gegenseitig und pushen nicht nur die jeweils anderen Fantasien, sondern auch die Motivation und den Zusammenhalt der Mitglieder, wie auch die Abneigung gegen Außenstehende, also „Andere“.

Der vorliegende Beitrag ist im Master-Seminar „Über Andere reden“ (SoSe 2020) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Hartz, Ronald: Die unerfüllte Gemeinschaft und ihr Anderes – Eine explorative Untersuchung zur diskursiven Konstitution der Pegida-Bewegung. 2016

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Eine Antwort

  1. Caroline Schneider sagt:

    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Solche Untersuchungen sind für die öffentliche und auch für die politische Kommunikation sehr wertvoll. Diese kommunikativen Konstruktionen von Eigenheit und Fremdheit sowie die vier Fantasien, die Hartz definiert, sind Phänomene, die nicht nur in dieser spezifischen Pegida-Facebook-Gruppe auftauchen; leider sind sie oft gewählte Argumentationsmuster in radikalisierter, fremdenfeindlicher (usw.) Kommunikation. Deshalb ist es sehr interessant, diese Phänomene anhand realer Konversationen zu beleuchten und Schlüsse auf die zugrundeliegende Struktur und die Gruppendynamik zu ziehen.

    Ein sehr interessanter Aspekt ist, dass Ronald Hartz seine Untersuchung auf eine Facebook-Gruppe stützt, denn gerade heutzutage bieten Soziale Medien praktische Plattformen für radikale Kommunikation. Die herrschende Anonymität und die Möglichkeit einer großen Reichweite bieten dabei wahrscheinlich eine günstige Grundlage, um Menschen mit ähnlicher Gesinnung zu finden, in den Austausch zu treten und sich gegenseitig hochzuschaukeln.

    Gerade die Bedrohungsfantasie, die Hartz herausstellt, lässt sich nicht nur bei Pegida finden, sondern auch bei anderen Organisationen, die ähnliches Gedankengut verfolgen. Eine solche Argumentationsstruktur nach dem Motto: „Wir gegen die anderen“ bildet für mich ein eindeutiges Beispiel für Othering der heutigen Zeit. Sie richtet sich nicht nur gegen den Islam, auch gegen Geflüchtete und Migrant*innen. Pauschalisierungen und Vorurteile sind Probleme, die dabei entstehen. Rassismus und Gewalt sind die Folge, der entgegenzutreten ist.

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