Sehen und gesehen werden: Die Wahrnehmung von Studierenden und Dozierenden in Seminar-Videokonferenzen


von Amira Prison, Camille Rose, Pia Westerteicher und Long Do Hoang

Auch das universitäre Arbeiten und Leben konnte sich dem pandemiebedingtem Digitalisierungsprozess nicht entziehen. Was in der Zeitrechnung vor Corona undenkbar schien, ist nun universitärer Alltag: Forschung und Lehre müssen trotz geschlossenen Bibliotheken, Vorlesungssäle und Seminarräume im Homeoffice weiter stattfinden. Daher werden seit zwei Semestern Univeranstaltungen online gehalten.

Insofern hat die COVID-19-Pandemie den Universitätsalltag nachhaltig geprägt. Studierende und Dozierende sehen sich nun ausschließlich in Videokonferenzen via Zoom, Webex, Microsoft Teams oder Big Blue Button und müssen dementsprechend auch die Interaktion untereinander anpassen. Diese ist oftmals erschwert durch fehlenden direkten Augenkontakt, den Entfall kleiner sichtbarer Gesten und technische Komponenten wie das An- und Ausschalten des Mikrofons oder der Kamera.

Videokonferenzen wie Zoom und Microsoft Teams bieten demgegenüber digitale Funktionen wie Emojis, die Applaus oder einen Daumen hoch darstellen. Auch digital mithilfe eines Buttons die Hand zu heben und so die Aufmerksamkeit der Dozierenden auf sich zu ziehen, ist möglich.

Forschungsfrage und -design

Doch inwieweit wird die Interaktion zwischen den Studierenden und Dozierenden im Online-Raum beeinträchtigt? Bietet das Online-Format genug Möglichkeiten für eine vergleichbare Interaktion zu der Präsenzveranstaltung? Und wie empfinden beide Gruppen diese Umstellung?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir Vertreter beider Perspektiven zu einem qualitativen Interview von durchschnittlich 45 Minuten eingeladen. Die Interviews folgten einem gemeinsamen Leitfaden und wurden online erhoben. Vier Dozierende sowie sechs Studierende nahmen an den Interviews teil und teilten ihre Eindrücke und Erfahrungen über das Online-Seminar mit.

Die Ergebnisse

Alle Teilnehmenden bewerteten die Videokonferenz als Medium für Seminare als zunächst positiv. Weniger einig wurden die Antworten bezüglich der Bereitschaft zur Interaktion im digitalen Lehrformat. Innerhalb eines Online-Seminars ist hier eine Vielzahl von Studierenden zu beobachten, die sowohl ihre Kamera als auch ihr Mikrofon deaktivieren. Im Hinblick auf die Interaktion zwischen ihnen und den Dozierenden, entfallen in diesen Fällen jene, für die interpersonale Interaktion wichtigen, verbalen und nonverbalen, Ressourcen.

Die Studierendenperspektive

Wollen Studierende sich also im Seminar beteiligen, so müssen sie, mit der Aktivierung der Kamera sowie dem Einschalten des Mikrofons, gleich zwei Hindernisse überwinden. Sie berichten hierbei über ein Unwohlsein, das sie mit dem Aktivieren der Kamera verspüren. Zudem empfinden sie in diesem Zusammenhang einen gewissen Kontrollverlust und die Angst, von anderen Studierenden beobachtet zu werden.

„Ich möchte nicht, dass die Lehrperson seine Aufmerksamkeit auf mich legt […] deshalb mache ich dann die Kamera aus. Ich fühle mich angenehmer […] [und] nicht so sehr beobachtet“

Interview StudierendeR 1

Viele Studierenden ahnen, dass Dozierende ihre Aufmerksamkeit auf jene Studierende legen, die auch sichtbar sind. Sie fühlen sich daher neben ihren Kommilitoninnen auch von der Lehrperson beobachtet, was das Unwohlsein noch mal verstärkt.

„Aber jetzt, wenn ich vor meiner Kamera sitze und sie an ist, dann fühle ich mich die ganze Zeit [von dem Dozenten und den Studierenden] beobachtet […] Damals haben wir noch nebeneinandergesessen oder hintereinander – nicht so viele Leute haben mich angeguckt […] [d]as Gefühl ist jetzt auf jeden Fall anders“

Interview StudierendeR 2

Es ist nicht überraschend, dass viele Studierende ihre visuelle Präsenz weitgehend minimieren wollen. Durch das Ausschalten der Kamera erwerben sie Anonymität. Nun stellen die räumliche Distanz und das digitale Seminarformat, die den universitären Alltag aller Beteiligten seit nun einem guten Jahr prägen, nicht nur für die Studierenden herausfordernde Umstände dar. So mussten sich auch die Dozierenden an die vollständig digitale Gestaltung der, üblicherweise in räumlicher Ko-Präsenz durchgeführten, Seminare gewöhnen.

„Da ein Präsenzseminar digital ohnehin nicht 1:1 abzubilden ist, muss man auch didaktisch neue […] Wege gehen.“

Interview DozierendeR 1

Die Dozierendenperspektive

So wird insbesondere die eingeschränkte Sichtbarkeit der Studierenden während der Video- konferenzen von den Dozierenden als eine besondere Herausforderung für die Interaktions- und damit für die Seminargestaltung wahrgenommen. Zwar habe die Interaktionsbereit- schaft der Studierenden im Verlaufe der Zeit zugenommen. Auch lassen sich die meisten Studierenden zur Teilnahme, wenn auch z.T. nur mit deaktivierter Kamera, durchaus ermuntern.

Diese, auf das studentische Motiv der Anonymität zurückführende, Kameradeaktivierung erschwert es den Dozierenden jedoch, die Studierenden direkt zu adressieren – und damit einhergehend, die Interaktion zu initiieren. Durch diesen, mit der fehlenden Rezipienten Sichtbarkeit einhergehenden, Entzug der Zielgerichtetheit ihrer Adressierungen, gestalten sich die Interaktionsanstrengungen oftmals als herausforderndes Unterfangen.

Die fehlende Responsivität der nur zu erahnenden Rezipienten, in Bezug auf die somit gera- dezu „ins Leere“ laufenden Äußerungen, Adressierungen und Interaktionsinitiationen, stellt für die Dozierenden auch in weiterer Hinsicht eine Herausforderung dar. Ebenso stelle die fehlende Responsivität und Sichtbarkeit der Studierenden für die Dozierenden ein Hindernis im Hinblick auf die Wahrnehmbarkeit der Stimmung der Gruppe und einzelner Studierende dar. Das betrifft insbesondere etwaige Unklarheiten oder Fragen.

Durch die verbale Abwesenheit der Seminarteilnehmenden sowie die fehlende Wahrnehmbarkeit nonverbaler Responsivität in Bezug auf die eigenen Äußerungen, gestalte sich die Interaktion (und damit das digitale Seminar im Allgemeinen) für die Dozierenden erheblich umständlicher. Weiterhin konnten die Dozierenden die Erfahrung gewinnen, dass bei Bereitschaft der Studierenden, die Kamera im Seminar zu nutzen und sich aktiv zu beteiligen, in Videokonferenzen mit einer geringeren Teilnehmerzahl in wahrnehmbarem Maße zunehme, was wiederum der Seminarinteraktion zuträglich sei. Möglicherweise mildert die geringere An- zahl der Teilnehmer das, als unangenehm wahrgenommene, Gefühl der Beobachtung, oder aber die geringere (durch die niedrigere Teilnehmerzahl reduzierte) Anonymität erhöht den Druck zur Verwendung der Kamera.

Fazit

Bezugnehmend auf das Forschungsinteresse, haben sich die durchgeführten Interviews in der Gesamtschau als ergiebig – und hinsichtlich einer vertieften Auseinandersetzung (in Rahmen einer Seminararbeit) als geeignet erwiesen. In der vertieften Auseinandersetzung konnte ergriffen werden, welche Motivationen und Gründe sich hinter einer ausgeschalteten Kamera verbergen und welche Handlungen als Feedback wahrgenommen wurden. Insgesamt konnte die Seminararbeit die Organisation von Interaktion zwischen Studierenden und Dozierenden entschlüsseln.


[Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Kommunikation in Zeiten Coronas” (WiSe 2020/2021) entstanden. Weitere Informationen zu dem Seminar finden sie hier.]

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.