Vom Zwitschern und Zirpen

Von Christine Ropertz, Franziska Klinkert, Alexandra Jaksa

140 Zeichen seit 2006, eine Verdopplung auf 280 Zeichen seit 2016. Jeder kennt den kleinen blauen Vogel. Kaum ein anderes soziales Netzwerk bietet ein so begrenztes Zeichenlimit wie Twitter, trotzdem erfreut sich die Mikroblogging-Plattform großer Beliebtheit. Ob der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika oder Beauty-Blogger; zahlreiche Prominente verwenden die Kurznachrichten, um sich Gehör zu verschaffen. Sei es als Medium für narzisstische Selbstdarstellung oder als modernes Flugblatt für politische Themen, Twitter ist ein Ping-Pong-Spiel bei dem jeder durch Äußerung seiner eigenen Meinung, und durch das Teilen und Kommentieren anderer Statements mitspielen darf.

Mit diesem Kommunikationsmedium haben sich Johannes Paßmann, Thomas Boetschoten und Mirko Tobias Schäfer in ihrem Text „The Gift of the Gab: Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter“ auseinandergesetzt. In ihrer Studie haben die Autoren die Funktion von Retweets und Replies vor dem Hintergrund sozio-kultureller Kontexte untersucht. Dabei wurde deutlich, dass Twitter als Plattform für verschiedene Personengruppen unterschiedliche Bedeutung haben kann. In ihrer Studie gehen die Autoren besonders auf die unterschiedliche Nutzung von Twitter durch Politiker und Mitglieder der sog. Favstar-Szene ein.

Online Politik?!

Als Erstes widmeten sich Paßmann et al. in ihrer Arbeit dem Twitter-Verhalten von Politikern des niederländischen Parlaments und untersuchten zunächst quantitativ den Austausch von Nachrichten, um Gemeinsamkeiten und Muster im Verhalten der Politiker herauszuarbeiten. Dabei stellten die Forscher fest, dass Parlamentsmitglieder regelmäßig in Replies (Antworten) aufeinander bezugnehmen, aber die Parteizugehörigkeit der Kommunizierenden kaum eine Rolle spielt. Zwischen den Politikern entsteht ein ausgeglichenes Antwort-Netzwerk, welches keine klaren Gruppierungen aufweist. Anders sieht das jedoch bei den Retweets aus, bei denen die Forscher eine Regelmäßigkeit feststellten: Niederländische Politiker teilen hauptsächlich Tweets der eigenen Parteimitglieder. Man kommt zu folgendem Resultat:

„While replying is widely unaffected by party affiliation, retweeting is very much structured by it. Dutch politicians tend to prefer retweeting their own party members‘ messages than retweeting messages by members from opposition parties.“

Paßmann et al. 2014

Aber warum ist das so? Paßmann et al. kommen zu dem Ergebnis, dass Replies von den Politikern als eine gängige Art der Unterhaltung aufgefasst werden, Retweets jedoch eine Befürwortung oder Unterstützung der ausgedrückten Meinung darstellen. Letzteres stelle eine spezifische Form der Homophilie dar: die allgemeine Tendenz des Menschen, ihm Gleichgesinnte zu bevorzugen. Die Forscher stellen die Vermutung auf, dass Nutzer, die die selben Wertvorstellungen und einen ähnlichen sozialen Status teilen, sich eher in Gruppen zusammenfinden und sich z.B. auch eher gegenseitig retweeten.  Das Besondere im Falle der Politiker ist, dass sie die geteilte Meinung der Partei, der sie angehören, verbreiten und Tweets der Parteiangehörigen teilen. Sie beziehen sich nicht auf User, die ihnen als Individuum gleichgesinnt sind. Der Soziologe und Ethnologe David Emilé Durkheim beschreibt dieses Phänomen als „mechanische Solidarität“ (Durkheim, 1984, K. 2). Die Kameradschaft beim Retweeten sei somit auf die gemeinsame Mitgliedschaft zurückzuführen, weise jedoch nicht unbedingt auf eine persönliche Beziehung oder Gemeinsamkeit hin und reflektiert Strukturen der Interaktion von Politikern im Alltag.

Einer für alle, alle für einen

Eine weitere Gruppe der untersuchten Twitter Nutzer bildet die sogenannte Favstar-Szene. Ein Fav funktioniert wie ein Like oder Gefällt mir auf Facebook und war ursprünglich als eine Art Lesezeichen für die Nutzer gedacht. Da in der Favstar-Szene Aufmerksamkeit die erstrebenswerteste Art der Anerkennung ist, wird der Favstar mittlerweile exzessiv genutzt um Aufmerksamkeit zu demonstrieren und selbst zu erlangen.  Die Mitglieder der Szene bauen ihre Twitter-Existenz ganz auf diesen Favs auf:

„While the politicians mentioned above have the advantage of being known to a large audience through their mainstream media appearances, Favestar members frequently have to build up their audience from scratch after setting up what are often pseudonymous accounts.“

Paßmann et al. 2014

Eine weitere Möglichkeit der Popularisierung des eigenen Accounts bietet eine Art Tauschgeschäft unter einzelnen Mitgliedern der Favstar-Szene, welches die Autoren in einem Selbst-Experiment sichtbar gemacht haben: Durch die Vergabe vieler Favs wurde ihr Account überdurchschnittlich häufig weiterempfohlen. Aufgrund dieser Beobachtung beschreiben die Autoren die Favstar-Szene als eine Gift Economy in der ein Fav, als Gabe gilt. Hier findet das Konzept des  Opening of Gifts Verwendung. Diesen Begriff prägte der Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski und beschreibt einen ritualisierten Vorgang, bei dem ein Partner einem anderen ein Eröffnungsgabe macht. Der Beschenkte hat nun die Option eines Clinching Gift, mit welchem die Beziehung gefestigt werden würde. Wenn der Interaktions-Partner die Eröffnungsgabe annimmt, entsteht eine Allianz zwischen beiden Partnern und beide können vom anderen und dem Zugang zu dessen Auditorium profitieren. Während bei Malinowskis ursprünglicher Bedeutung der Austausch von Gaben durch Traditionen und sozialem Zwang geformt ist, sind Mitglieder von Twitter frei eine Gabe zu erwidern; jedoch hat der Schenkende eine gewisse Erwartung eine Gabe im Gegenzug zu erhalten. Allerdings sind diese Gaben keine uneigennützigen: Das verschicken von Nachrichten oder Favs dient nur dem Selbstzweck, um den eigenen Account zu popularisieren und kann daher als ein übergeordnetes Ziel dieser Szene angesehen werden. Daher hat die Community einen außergewöhnlich starken Zusammenhalt, der zwar durch die Gift-Economy entstanden ist, jedoch durch die extreme Abhängigkeit der Mitglieder voneinander aufrechterhalten wird. Je mehr Gifts ausgetauscht werden, desto populärer und erfolgreicher wird ein Account. Dadurch entsteht dieser frequentierte Austausch zwischen einzelnen Mitgliedern.

Und jetzt?

Beachtlich ist, dass Twitter unterschiedliche Relevanzen im Leben seiner Nutzer hat. Während Mitglieder der Favstar-Szene sich auf ihr Publikum einstellen müssen und ihr öffentlicher Auftritt ausschließlich auf dem sozialen Netzwerk stattfindet, dient Twitter den Politikern lediglich als weiterer Kanal, um ihre politischen Interessen zu vertreten und mit anderen Politikern öffentlich in Kontakt und Diskussion zu treten. Folgender Gedanke, den wir bei der Bearbeitung des Textes hatten: Der Text erweckt den Anschein, dass Politiker Twitter ausschließlich als seriöses Kommunikationsmedium nutzen; während es Privatpersonen nur der Unterhaltung dient. Wir sind der Meinung, dass eine so genaue Trennung nicht möglich ist. Privatpersonen können bedenkenlos ihre Meinung durch Tweets kundtun; während grenzwertige Statements von Personen des öffentlichen Lebens, wie z.B. Politiker, immer auch auf ihre Privatperson zurückfallen. Paradebeispiel dafür ist der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump. Es scheint, Trump nutze Twitter, um jeden seiner Gedanken mitzuteilen, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Durch dieses Verhalten ist Trump nicht nur als Politiker, sondern auch als Privatperson höchst umstritten. Erstaunlich fanden wir auch, dass die Konzepte der Gift-Economy und des Opening-Gifts bereits zu Zeiten ohne Internet in nigerianischen Stämmen gemacht wurden und trotz des gesellschaftlichen Wandels in der heutigen Zeit immer noch zu finden sind.

Literaturnachweis:
Paßmann, Johannes, Boeschoten, Thomas und Schäfer, Mirko Tobias (2014): »The Gift of the Gab: Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter«. In: Katrin Weller et al. (Hrsg.): Twitter and Society, New York, S. 331-344.

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