Von Hatern und ‘Höhlenscheißern’

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Von Emily Beyer, Moritz Karrer, Jako Plaß

ich kann nur raten das land zu verlassen denn schon bald stehen wir vor ihnen grünes dreckspack und amischlampe ihr gehört alle am nächsten baum aufgehangen.

Kommen dir Kommentare wie diese bekannt vor? Dann hab keine Angst, denn damit bist du nicht allein und du musst nicht gleich das Land verlassen oder dich von Bäumen fernhalten.

Hasskommentare sind alltäglicher Bestandteil auf Social Media Plattformen. Konstanze Marx hat untersucht, wie Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens mit Anfeindungen umgehen. Sie erklärt anhand von Beispielen verschiedene Strategien, Hass aus seinem feindlichen in einen veränderten und lächerlich anmutenden Kontext zu bringen. Im Folgenden werden wir anhand von Konstanze Marxs Analysen verschiedene Positionierungsverfahren zu Hate Speech darstellen.

Mach’s wie Renate

https://m.facebook.com/renate.kuenast/photos/a.427734509050/10157008234349051/?type=3
Die Bild und Filmrechte Renate Künasts sind die einer Person des öffentlichen Lebens.

Das erste Beispiel, dass die Sprachwissenschaftlerin Marx diskutiert, ist die Facebook-Seite von Renate Künast. Da die, Politikerin der Grünen, häufiger Hasskommentare erreichen, hat sie ein „Hass-Tool“ auf ihrer Facebookseite etabliert. Dort können sich potenzielle Hater*innen informieren, wie man einen gelungenen Hasskommentar schreiben kann.

Sie wollen mir einen Hass-Kommentar schicken? Sich mal so richtig auskotzen? Vielleicht weil ich in einer Talkshow nicht das erzählt habe, was Sie hören wollten? Oder weil Ihnen meine Politik nicht passt? Oder weil Sie meine Frisur nicht mögen? Sie wissen aber noch nicht genau, was Sie schreiben sollen? Oder Sie haben eine ausgeprägte Rechtschreibschwäche? Dann gebe ich Ihnen hier ein paar Hinweise, die Ihnen das Schreiben und mir das Lesen erleichtern.

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/?ref=page_internal, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:20

Sie gibt in ihrer Netiquette Vorschläge zur adäquaten Grußformel, einem angemessenen Stil, Sozialem und eventuellen Konsequenzen. Damit zeigt sie, dass Hassnachrichten generisch und selten individuell sind. Marx analysiert wie durch die (sarkastische) Rahmung Netiquette Hate Speech verharmlost wird und den Hater*innen die Möglichkeit, eine Machtposition ihr gegenüber einzunehmen, genommen wird.

Die Netiquette kannst du dir hier durchlesen:

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/

Der Lehrer*innenmove

Marx zeigt, wie Dunja Hayali, Journalistin, sich von Hater*innen distanziert, indem sie orthografische Mängel beanstandet und eine korrigierte Version der Hassbriefe veröffentlicht. So wird der*die Hater*in aus der selbst gegebenen Machtposition in die Rolle eines*r  zu belehrenden Schüler*in gesteckt und die Inkompetenz der Verfassenden öffentlich zur Schau gestellt. Laut Marx kann sie auf diese Weise den persönlichen Angriff von sich weisen und erhebt sich demonstrativ über die Verfassenden. Durch die Veröffentlichung der Briefe unter der Kategorie Lieblingshassbrief der Woche festigt sie das neugeordnete Rollengefüge und stellt sich klar über die Hater*innen.

Ausschnitt der korrigierten Fassung eines Briefes an Dunja Hayali
https://m.facebook.com/DunjaHayali/posts/1006800829374417/?_rdr, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:23

Fraglich bleibt jedoch, ob eine solche, teils arrogant anmutende Haltung, wirklich dazu führt, dass Hate Speech Nachrichten weniger werden oder ob dies nicht dazu führt, den Hass sogar noch vergrößern.

Hey du alter Zerstörer…

Du musst ja nicht gleich ein Antwortvideo wie der liebe CDU-Politiker Phillip Amthor machen, aber die Macht eines Videos solltest du nicht unterschätzen. Eine weitere Reproduktionsform von Hate Speech analysiert Konstanze Marx anhand des Videos von der Grünen Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Diese zeigt in besagtem Video, dass sie Hate Speech ernst nimmt und der Hass ihr nahe geht. Sie solidarisiert sich mit anderen Empfängern von Hate Speech und nutzt ihre öffentliche Reichweite, um Hasskommentare anzuklagen:

Viele Menschen, die sich da draußen engagieren, die können das nicht und deswegen mach‘ ich das hier für all diejenigen, die sich weniger wehren können. […] Ihr kriegt mich nicht klein, dass das klar ist.

Sie verdeutlicht, dass sie sich von solchen Nachrichten nicht einschüchtern lässt, sondern in ihrem Weg bestärkt fühlt. Konstanze Marx schlussfolgert über Katrin Göring-Eckardts Methode:

„Derartige Hass-Tiraden gegen die eigene Person öffentlich zu rezitieren, erfordert Mut und Gefasstheit. Durch das audiovisuelle Medium und die damit transportierbare Symptomfülle (Atem, Blick, Mimik, Körperhaltung) wird dieser Mut körperlich. Das Lesen ist eine performative Vorführung dessen, was behauptet wird: KGE lässt sich nicht einschüchtern und macht das sichtbar.“

Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und    Positionierungsverfahren in Sozialen Medien, S. 141

Schau dir das Video doch einfach selbst einmal an.

Katrin Göring-Eckardt: #NoHateSpeech

Parodierend Paroli p/bieten

Neben den oben aufgeführten Methoden gibt es aber noch viele andere Möglichkeiten, Hass zu entkräften. Eine letzte Art die Marx analysiert sind so genannte Hate Poetry Slams Preisverleihungen für die dümmsten/rassistischsten Leserbriefe. Solche Inszenierungen als Satire-Shows können persönliche Verletzungen in aktiven Widerstand umwandeln. Das kollektive Lachen ist ein Zeichen von Solidarität und als Stellungnahme gegen Hetze einzuordnen.

Hass lächerlich machen? – Wir feiern’s! Es bleibt, dennoch fraglich, ob das Problem dadurch langfristig gelöst wird oder nicht noch zu mehr Hass führt…

Die Bild- und Filmrechte an der Serie „Mr. Bean“ liegen bei Tiger Aspect Productions Ltd.

Wie sind deine bisherigen Erfahrungen mit Hate Speech? Hast du Strategien mit Anfeindungen umzugehen?

Der vorliegende Beitrag ist im Bachelor-Seminar „Digitale Kommunikation“ (WiSe 2019/20) entstanden. Weitere Informationen zum Seminar finden Sie hier.

Lektüregrundlage:
Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und Positionierungsverfahren in Sozialen Medien. In: Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, Jg. 63, Nr. 13, S. 132-147.

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Eine Antwort

  1. Besten Dank fuer die wertvollen Infos

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