Bertolt Brecht


* 10.02.1898, Augsburg
+ 14.0 8. 1956, Berlin/DDR

Dramatiker und Regisseur, Lyriker, Essayist

Brecht zählt neben Franz Kafka und Thomas Mann zu den wenigen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, die eine dauerhafte weltliterarische Resonanz gefunden haben. Dabei hat er sein literarisches Schaffen - vor allem im Feld von Drama und Theater, aber auch in der Lyrik, der Literatur- und Medientheorie und der politischen Philosophie - besonders eng und bewußt mit der politischen Situation verbunden. Seit den späten zwanziger Jahren, als er die marxistische Theorie rezipierte, formulierte er seine Absicht, mit spezifisch literarischen Mitteln verändernd in Politik und Gesellschaft "einzugreifen". Brecht ist, nach einem Wort seines Freundes Walter Benjamin, der "Stratege im Literaturkampf". Das prägt den Stil seiner Arbeit vielfach: die mehrfache Umarbeitung von Texten, die kollektive Produktion, die Verwendung neuer Medien (Rundfunk, Film) betonen deren Projekt- und Prozeßcharakter.

Nach einer 'anarchistisch-nihilistischen' Phase (Carl Pietzcker), die Brechts erstes Drama Baal (1918/19) wie auch die Gedichtsammlung Hauspostille (1927) prägt, entwickelt Brecht in seinem wichtigsten Arbeitsfeld, der Dramatik, verschiedene - jeweils von den Zeitumständen abhängige - Modelle. Die sogenannten Lehrstücke (1929/30) sollten die zweieinhalbtausend Jahre alte Trennung von Bühne und Publikum auf radikale Weise aufheben: "Das Lehrstück lehrt dadurch, daß es gespielt, nicht dadurch, daß es gesehen wird." Seit Beginn der dreißiger Jahre, verstärkt im skandinavischen und amerikanischen Exil, entwickelt Brecht dann eine Theorie und Dramaturgie des 'antiaristotelischen' oder 'epischen' Theaters. Sie bricht mit der seit Aristoteles geltenden Annahme, die Zuschauer sollten sich ins Bühnengeschehen einfühlen, um 'Furcht und Mitleid' (Lessing) nachzuerleben. Das Brecht-Theater will dagegen durch Verwendung sogenannter Verfremdungs-Effekte die Theaterillusion zerstören und die analytische Intelligenz des Publikums, insbesondere den Blick auf den "gesellschaftlichen Kausalkomplex", zu schärfen. Besonders in den 'großen' Stücken, die rund um 1940 entstehen - Mutter Courage und ihre Kinder, Leben des Galilei, Der gute Mensch von Sezuan u.a. - wird diese Intention der "Ideologiezertrümmerung" mit einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik und einer Parabel-Dramaturgie kombiniert. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil erprobte Brecht sein Konzept vor allem in der praktischen Theaterarbeit am "Berliner Ensemble" und schuf mehrere Modell-Inszenierungen.

Während die Faszination des Brecht-Theaters gegenwärtig ein wenig verblaßt ist, hat seine Lyrik ihre poetische Frische und gedankliche Prägnanz behalten. Neben der Hauspostille ragen vor allem die Svendborger Gedichte (1939) aus der Exilzeit und die Altersgedichte - etwa der Zyklus der Buckower Elegien (1953) - heraus, in denen individuelle und historische Erfahrung auf unnachahmliche Weise verdichtet sind.

Von nachhaltigem Interesse erweisen sich weiterhin Brechts literatur-, theater- und medientheoretische Reflexionen seit den späten zwanziger Jahren. Sie liegen zumeist in Essayform vor - z.B. der Dreigroschenprozeß (1931) oder das Kleine Organon für das Theater (1948) - und untersuchen die Möglichkeiten bzw. Grenzen der Literatur im Griff der Politik wie auch in der Konkurrenz mit den neuen technischen Medien.

©JV/rein

Wichtige Schriften:

Sekundärliteratur:

  1. W. Benjamin: Versuche über Brecht, Frankfurt am Main 1981.
  2. J. Knopf: Bertolt Brecht, Stuttgart 2000.
  3. J. Vogt: Bertolt Brecht, in: Kritisches Lexikon zur Gegenwartsliteratur (1984).