Jacob Michael Reinhold Lenz


* 12.01.1751, Seßwegen (heute Cesvaine, Lettland)
† 23.oder 24.05. 1792, Moskau

dt. Dramatiker, Erzähler, Lyriker, Verfasser moralphilosophischer und sozialreformerischer Schriften

In einem entlegenen Dorf des damals zum Zarenreich gehörigen Livland als Sohn eines vom Halleschen Pietismus geprägten Pfarrers geboren, wurde auch Lenz früh zum Predigtamt bestimmt. Doch der Königsberger Student lag Kant zu Füßen, las Rousseau, schrieb frühreife Verse und ergriff kurz vor dem Examen im Frühjahr 1771 die Gelegenheit, als Bursche zweier adliger Kommilitonen und Offiziersanwärter nach Straßburg zu entfliehen, in das Zentrum des literarischen Sturm und Drang. Der Vater reagierte, obgleich wiederholt um Verzeihung gebeten, mit unnachsichtiger Verstoßung und schuf dem Sohn einen lebenslangen, religiös überhöhten Gewissenskonflikt, über den ihn auch die kurze, euphorisch als Bruderschaft gefeierte Freundschaft mit dem bewunderten Goethe nicht hinweghelfen konnte.

Zunächst in wechselnden Garnisonen als besserer Stiefelknecht und postillon d'amour, dann stellungslos mit Stundengeben sein Dasein fristend und die soziale Hierarchie der zeitgenössischen Gesellschaft von unten her am eigenen Leibe erfahrend, schrieb Lenz in den Straßburger Jahren von 1771 bis 1776 seine durch gedankliche und formale Kühnheit alle damaligen Regeln sprengenden Werke. Dabei waren ihm die Bibel und die lutherische Orthodoxie ebenso präsent wie der literarische Kanon von der Antike über Shakespeare bis zu Lessing; er setzt sich mit der Leibnizschen Theodizee auseinander und korrespondiert mit Herder und Lavater. Als jedoch Goethe nach Weimar übergesiedelt war und den ihm nachgereisten früheren Weggenossen Ende 1776 schroff vom Hofe verweisen ließ, stürzte Lenz, zwischen wohlmeinenden Freunden im Badischen und in der Schweiz umherirrend, in eine schwere psychische Krise, von der er sich Anfang 1778 bei dem philanthropischen Pfarrer und Sozialreformer Johann Friedrich Oberlin im elsässischen Waldersbach vergeblich zu erholen versuchte. (Auf Oberlins Aufzeichnungen über diesen Besuch beruht Georg Büchners 1835 geschriebene Erzählung Lenz.) 1779 schließlich wurde Lenz, gebrochen und hilflos, von seinem Bruder in seine baltische Heimat zurückgeholt. Von dem eben zum Superintendenten aufgestiegenen Vater verleugnet, versuchte er vergeblich, in Riga, Dorpat und St. Petersburg beruflich Fuß zu fassen und begab sich 1781 nach Moskau, wo er, offensichtlich wieder bei Kräften und unterstützt von einem Zirkel aufgeklärter Historiker und Freimaurer, neben vereinzelten belletristischen Arbeiten russische Geschichtswerke übersetzte und soziale Reformprojekte entwarf, bis er in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai 1792 (nach dem alten Kalender) in einer Moskauer Straße tot aufgefunden wurde.

Das Problem, das Lenz existenziell umtrieb und über das er sich in mehreren theologischen, moralphilosophischen und sozialreformerischen Schriften wie Meinungen eines Laien, Vorlesungen für empfindsame Seelen, Über die Soldatenehen theoretische Klarheit zu verschaffen versuchte, das aber vor allem in seinem literarischen Werk künstlerischen Ausdruck fand, war der Widerspruch zwischen der theologisch und philosophisch verbürgten Bestimmung des Menschen zur Autonomie und Handlungsfreiheit einerseits und seiner täglich als ebenso empörend wie unvermeidbar erfahrenen Determination andererseits. Sie wird sowohl durch äußere Kräfte, besonders die gesellschaftlichen und politischen Zustände bewirkt als auch durch innere, schwerer faßbare Mächte, die für Lenz alle in der "Konkupiszenz" des Menschen wurzeln - also in seiner Triebnatur, letztlich in seiner Sexualität.

Diese Thematik durchzieht sowohl seine an die petrarkistische Liebeskasuistik und das Lehrgedicht der Aufklärung anknüpfende Lyrik als auch seine Erzählungen Der Landprediger und Zerbin oder die neuere Philosophie, welche die Tradition der "contes moraux" subjektivierend und psychologisierend fortführen. Ihre genuine Form aber gewinnt sie in Lenz' knapp zwanzig, teils Fragment gebliebenen dramatischen Arbeiten, vor allem in den großen Stücken der Straßburger Jahre. So handelt das im Manuskript als "Lust und Trauerspiel", im Druck als "Komödie" bezeichnete Drama Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung (1774) von der Entdeckung einer unerlaubten Liebesbeziehung zwischen einem mittellosen bürgerlichen Hauslehrer und der Tochter seines adligen Brotgebers, die damit endet, daß der Hofmeister sich selber kastriert, während die entehrte Jungfer samt ihrem unehelichen Kind am Ende von dem ihr verzeihenden standesgemäßen Bräutigam geheiratet wird. In Die Soldaten (1776) macht ein adliger Offizier einer Bürgerstochter, der er zunächst die Heirat verspricht, um sie dann einem Freund zu überlassen, zu einer "Hure", die am Ende von ihrem ruinierten und reumütigen Vater auf der Straße aufgelesen und in die Arme genommen wird.
Diese Stücke, die zu seinen Lebzeiten nicht aufgeführt worden sind und erst im 20. Jahrhundert, nicht zuletzt durch die Bearbeitungen von Bertolt Brecht (Der Hofmeister nach J.M.R. Lenz, 1951) und Heinar Kipphardt (Die Soldaten nach J.M.R. Lenz, 1968) sowie das Opernlibretto von Bernd Alois Zimmermann (Die Soldaten, 1966) wieder entdeckt worden sind, zeigen Lenz nicht nur als irritierendsten und wirkungsmächtigsten Dramatiker des Sturm und Drang, sondern auch als Vorbereiter einer modernen Dramatik der "offenen Form" (Volker Klotz), die das Bürgerliche Trauerspiel zum sozialen Drama weitertreibt, sich gegen die aristotelischen Regeln an Shakespeare orientiert, die strikte Trennung von Komödie und Tragödie aufhebt und eine neue, gestische Figurensprache präsentiert. Die konzeptionelle Begründung dieses Dramas skizzierte Lenz, wenn auch in unsystematischem Duktus, in seinen Anmerkungen übers Theater (1774), der nach Lessings Hamburgischer Dramaturgie wichtigsten deutschen dramentheoretischen Schrift des 18. Jahrhunderts.

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Wichtige Schriften:

 Sekundärliteratur:

  1. G.-M. Schulz: J. M. R. Lenz, Stuttgart 2001.
  2. Jakob Michael Reinhold Lenz im Urteil dreier Jahrhunderte. Texte der Rezeption von Werk und Persönlichkeit. 18.-20 Jahrhundert, hg. von P. Müller / J. Stötzer, 3 Bde., Bern 1995.
  3. http://www.jacoblenz.de