Episches Präteritum


Die Theorie des epischen Präteritums hat Käte Hamburger in ihrem Buch Die Logik der Dichtung (zuerst 1957) entwickelt. Dabei geht es in erster Linie darum, Kriterien für die Fiktionalität eines Textes aus seiner eigenen Logik heraus zu entwickeln (vgl. fiktionale und faktuale Texte). Während der Gebrauch des Präteritums in einem Wirklichkeitsbericht das Erzählte als etwas Vergangenes qualifiziert, bewirkt das epische Präteritum in einem fiktionalen Text durchaus keine zeitliche Distanzierung. Die im Präteritum erzählten Ereignisse vermitteln den Eindruck, in einer - fiktiven - Gegenwart stattzufinden. Dabei verliert das Präteritum "seine grammatische Funktion, das Vergangene zu bezeichnen". (Hamburger, S. 61)

Hamburger hat dieses Phänomen an einem berühmt gewordenen Beispielsatz demonstriert: "Aber am Vormittag hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachten." In einem Wirklichkeitsbericht würde die Kombination eines Verbs im Vergangenheitstempus mit der in die Zukunft verweisenden Zeitangabe Verwirrung stiften. In einem fiktionalen Text jedoch wird diese Kombination ohne weiteres akzeptiert. Da das epische Präteritum nach Hamburger keine Vergangenheit anzeigt, sondern nur die Fiktionalität des Textes, wird die Verbindung von Vergangenheitstempus und deiktischem (zeigendem) Zeitadverb möglich. Dadurch, daß in einem fiktionalen Text eine (fiktive) Gegenwart im Tempus der Vergangenheit erzählt wird, "verschiebt" sich aber das gesamte Zeitgefüge in der erzählerischen Fiktion. Wenn als gegenwärtig vorgestelltes Geschehen im Präteritum erzählt wird, muß eine Vorzeithandlung, also etwas in der Fiktion Vergangenes, konsequenterweise im Plusquamperfekt erscheinen: "Am Vormittag hatte sie noch den Baum zu putzen, weil sie gestern so lange in der ´Einladung zur Literaturwissenschaft´ gelesen hatte."

Hamburgers Bestimmungen des epischen Präteritums und ihre These von der "Zeitlosigkeit der Fiktion" ist in der Folge von vielen Seiten teils bestritten, teils ausgebaut worden. Zunächst läßt sich bezweifeln, daß das epische Präteritum seine temporale Qualität gänzlich verliert. Denn auch innerhalb einer erfundenen Geschichte muß "der Akt des Erzählens den Ereignissen der erzählten Geschichte zeitlich nachgeordnet sein" (Martinez / Scheffel, S. 72). Mit anderen Worten: Im Normalfall kann nur erzählt werden, was bereits vergangen ist.

Außerdem wurde eingewendet, daß auch im Wirklichkeitsbericht einzelne Sätze in der Form des epischen Präteritum vorkommen können. Allerdings geschieht das meist, wenn Wirklichkeitsaussagen im Interesse einer bestimmten Wirkungsabsicht fiktionalisiert werden, was Hamburgers These, das epische Präteritum sei Indikator fiktionaler Prosa, mehr bestätigt als widerlegt. Harald Weinrich hat in seinem wichtigen Buch Tempus. Besprochene und erzählte Welt (zuerst 1964) versucht, Hamburgers Gedankengang zu erweitern. Nicht nur das Präteritum, sondern alle Tempora haben demnach Signalfunktionen, die nicht immer oder nicht nur Informationen über die Zeit vermitteln. Gemeinsam mit dem Plusquamperfekt und dem Konditional gehört das Präteritum der "Tempusgruppe" der 'erzählten Welt' an, signalisiert die Sprechhandlung des Erzählens. Die zweite "Tempusgruppe" (gebildet aus Präsens, Perfekt und Futur) realisiert hingegen kommunikative Handlungen wie Beschreiben, Erörtern und Kommentieren, läßt sich also der 'besprochenen Welt' zuordnen.

Aus einem anderen Blickwinkel hat Klaus Weimar die Theorie Hamburgers kritisiert. Die ungewöhnliche Konstruktion "morgen war Weihnachten" komme zustande, weil sich zwei zeitliche Bezugssysteme überlagern: Während das Präteritum ("war") aus der Perspektive eines Erzählers gesprochen ist, kann das deiktische Zeitadverb ("morgen") der Perspektive der Figur zugeordnet werden. Erst und gerade in der sprachlichen Verbindung oder Überlagerung dieser beiden Perspektiven wird der fiktionale Charakter eines Textes deutlich.

Wenn man das Phänomen des epischen Präteritums aus einer anderen Perspektive, nämlich der Wiedergabe von Bewußtseinsvorgängen literarischer Figuren betrachtet, fällt seine Nähe zur sogenannten erlebten Rede auf, deren wichtigstes Charakteristikum in eben dieser Doppelperspektive von Figurenrede und Erzählerbericht besteht.

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Sekundärliteratur:

  1. K. Hamburger: Logik der Dichtung, Stuttgart 1968.
  2. K. Martinez und M. Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, München 1999.
  3. H. Weinrich: Tempus. Besprochene und erzählte Welt, Stuttgart 1971.