Romantik


(1793-1830)

Die Romantik gilt den Literaturhistorikern als eine literarische Epoche, die vornehmlich Romane, Erzählungen, Gedichte und einige Dramen hervorbrachte, in denen die Sehnsucht nach dem Verlorenen, nach einer verloren Zeit, einer verlorenen Harmonie des Menschen mit der Welt artikuliert wird. Der ‚romantische‘ Mensch sei rückwärtsgewandt, er wolle sich mit dem Verlust der religiösen Weltordnung (Säkularisierung) und mit der neu entstehenden Arbeitswelt (Industrialisierung, Rationalisierung) nicht abfinden. Das Mittelalter, das ‚goldene Zeitalter‘ wird ihm zur Projektionsfläche seiner Wünsche und Sehnsüchte. All dies ist richtig, trotzdem ist die Romantik eine Epoche, die nicht nur den Blick zurück wirft, sondern Ausdruck ihrer Zeit ist und Neues geschaffen hat.

Die Romantik zeigt den Menschen an der Schwelle zur Moderne. Sie zeigt ihn in seiner Verunsicherung, auf der Suche nach sich selber und nach neuen Wegen. Sie versucht ihn und seine Welt – die immer komplexer wird – möglichst vollständig zu erfassen. Der Roman erscheint hier als die angemessenste literarische Form. Jahrhundertelang von der Poetik als minderwertig eingestuft, wird er aufgewertet. Er ist formlos genug, um sich der unüberschaubaren, irregulären, geheimnisvollen, wunderbaren, chaotischen, dunklen Wirklichkeit anpassen zu können. Kennzeichen des romantischen Romans ist die Vermischung der Gattungen. "Ja ich kann mir einen Roman kaum anders denken, als gemischt aus Erzählung, Gesang und anderen Formen", schreibt Friedrich Schlegel in seinem Gespräch über die Poesie. Die Romane und Erzählungen von Tieck, Novalis, Eichendorff, Hoffmann, Brentano oder Arnim kombinieren folgenreich erzählende Abschnitte, Lieder, Märchen, Gedichte, Briefe und dialogische Sequenzen. Diese Darstellungstechniken sollen eine Unabschließbarkeit des Erzählens suggerieren, die der Unendlichkeit des Weltgeschehens gerecht wird. Immer wieder werden neue Erzählstränge in die Haupterzählung eingeflochten, immer wieder eröffnen sich neue Perspektiven, auf neue, einzigartige Individuen und Lebensläufe. So besteht der Roman Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores [1810] von Achim von Arnim aus annähernd 100 eigenständigen Elementen. Die Geschichte der Gräfin hat kaum zehn Seiten in Anspruch genommen, als sie von einer anderen Geschichte überlagert wird. Goethe verglich den Roman mit einem Faß, "das überall ausläuft, weil der Böttcher vergessen hat, die Reifen festzuschlagen."

Romantiker wie Friedrich Schlegel verabschieden sich endgültig von den Beschränkungen der Regelpoetiken. Der Künstler ist frei tätig und schafft sich nach selbst gegebenen Regeln seine eigene künstlerische Wirklichkeit.

Der romantische Roman, der uns heute als eine revolutionäre Innovation in der Geschichte des Romans und der Poetik erscheint, ist nicht unbedingt diejenige literarische Gattung, die mit der Literatur der Romantik gleichgesetzt wird. Viel bekannter und erfolgreicher geworden aus der Perspektive des Publikums – teilweise aber auch aus der der Literaturwissenschaft - sind die Novellen und Gedichte. Romantische Natur- und Liebeslyrik ist aus keinem Schulbuch wegzudenken. Wahrscheinlich lag dies gerade an der komplexen Darstellungsweise, an der ‚Vermischung der Gattungen‘, die eine unübersichtlich gewordene Wirklichkeit darzustellen versuchte und hohe Anforderungen an den Leser stellte und stellt.

©rein

Sekundärliteratur:

  1. D. Kremer: Prosa der Romantik, Stuttgart u. a. 1996.
  2. L. Pikulik: Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung, München 1992.
  3. E. Ribbat (Hg.): Romantik. Ein literaturwissenschaftliches Studienbuch, Königstein/ Ts. 1979.