Johann Peter Titz

 

Zwey Bücher
Von der Kunst Hochdeutsche Verse und Lieder zu machen

 

 

Von den Carminibus oder Liedern.

 

1.   Also haben wir bisher / was von den Versen vnd Reimen / vnd ihrem Zugehör zuerinnern höchstnöthig scheinete / angemercket. Nun folgen wir ferner der ordnung / welche vns die Sache selbst an die Hand giebet / vnd wenden vns rechtes weges zu den Carminibus oder Liedern / vmb von denselben gleichfalls hinfüro etwas zu melden.

2.   Ein Carmen ist eine aus Versen / nach den Regeln der Poeterey / zusammengesetzte Rede.

3.   Diesen Namen hat es bey den Lateinern à canendo bekommen / gleich wie es bey vns Deutschen / von singen / ein Gesang / genennet wird. Die ursache dessen ist / weil das Versmachen anfangs durch veranlassung der Singekunst entsprungen / oder ja besser außgeübet ist / wie solches droben / in der Vorbereitung a. weitläuffiger erwiesen worden. Sonst pflegen wir es auch ein Lied zu nennen. Welches Wort / (ob es zwar nicht gantz unreimlich von den Lydiern / die in der Music sonderlich berühmt sind / hergeholet werden könte /) sonder zweifel von dem Grichischen [M8r] Λιτὴ das so viel als Supplicatio, eine demütige Bitte / heisset / seinen ursprung hat. Denn durch die Lieder pfleget man auch GOtt anzuruffen / vnd vmb allerley gute Gaben demütig zu bitten. Vnd daher hat auch die Litany / vnd das Lateinische Lito oder Litor, den Namen bekommen. In einem engern verstande aber werden absonderlich Getichte / so man singen kan / Lieder vnd Gesänge genennet.

4.   Es werden aber die Carmina auf vielerley weise abgetheilet / und bekommen von ihren Zufällen vnterschiedliche Namen.

5.   Erstlich werden sie von der Zahl ihrer Verse / (die im Grichischen στίχοι heissen /) Disticha, Tetrasticha &c. das ist / Zweyversige / Vierversige etc. genennet.

6.   Ein Distichon ist ein solches Carmen / das aus zweenen Versen bestehet / als

Ist Gott ein reiner Geist / wie die Poeten lehren /
So solstu gleichfalls ihn mit reinem Hertzen ehren. b.

Vnd:

Wer lose Worte giebt / der leide schmach und fluchen.
Wenn einer glimpf nicht braucht / so darff er glimpf nicht suchen. c.

7.   Ein Tetrastichon ist ein aus vier Versen zusammengesetztes Carmen. Im Latein werden solche Verse Quatrini, vnd daher von den Franzosen Quatrains, im Deutschen aber von vnserm Opitz Vier-verse genennet / derer er aus dem Herrn von Pibrack 126 verdeutscht hat / vnter welchen der erste dieser ist: d.

[M8v] Du solt zum ersten Gott / darnach die Eltern ehren /
Solt recht sein vnd gerecht / solst trew und unverwandt /
Dem der in Vnschuld schwebt / stets biten deine Hand.
Denn du wirst auch hernach von Gott dein urtheil hören.

Vnd also sind auch Tristicha, Pentasticha, Hexasticha, Heptasticha, Octosticha &c. das ist / Drey-Fünff-Sechs-vnd mehr-Versige / zufinden. Auch könten auf solche art die Sonnete e. nicht unfüglich insonderheit Vierzehenversige Lieder genennet werden.

8.   Nach den Arten der Verse / aus welchen die Carmina gemacht sind / pflegt man sie in Monocola vnd Polycola, oder Gleich- vnd Vngleich-Versige / (denn κῶλον heisset bisweilen auch so viel / als ein Vers /) zu unterscheiden.

9.   Carmen Monocolon ist / welches aus solchen Versen bestehet / die an Länge / Art der Pedum, vnd in allem anderm / was zur Abmessung gehöret gantz und gar gleich sind / als

Jtzund kommt die Nacht herbey etc. f.

Denn da sind die Verse durch vnd durch Siebensylbige Trochaische. So sind in dem Aites g. lauter Zwelfsylbige Jambische.

10.   Carmen Polycolon ist / in welchem die Verse nicht alle einander gleich sind. Dieses bekommt / von der Zahl der vnterschiedlichen Verse / wiederumb andere Namen / vnd wird Dicolon, Tricolon, Tetracolon &c. genennet. Dicolon, in welchem zweyerlei Arten Verse beysammen sind / als /

Dorinde / willstu mich verlassen?
Halt an / und eile nicht so sehr etc. h.

[N1r] Tricolon, da Dreyerley Art Verse beysammen stehen / als /

Geht meine Seufftzer hin etc. i.

Tetracolon / wo Viererley Art Verse sind / als /

Du grosser Gott / der du den Fewerwagen
Rings umb den schönen Himmel führst /
Der du den Tag / so offt es pflegt zu tagen /
Mit einem gülnen Mantel zierst.
Daß der helle Schein sich dringet
Durch der finstern Nächte ruh /
Daß uns klares Licht umbringet /
O Apollo / das machst du. k.

Wobey zu mercken / daß die Zusammenfügung solcher Vngleicher Verse entweder durch vnd durch in gleicher ordnung geschiehet; wie in den Liedern so in Strofen abgetheilet sind / zusehen: oder ohn gewisse ordnung / als im 2. 3. vnd 4. Act der Dafne. l.

 

 

[Die Anmerkungen sind im Original als Marginalien gesetzt]

a.  cap. I § 5.   zurück

b.  pag. 232. (291)   zurück

c.  pag. 601   zurück

d.  pag. 650. & seqq.   zurück

e.  V. § 5. c. 16.   zurück

f.  p. 249 (314)   zurück

g.  p. 204 (255)   zurück

h.  p. 251 (316)   zurück

i.  p. 251 (316)   zurück

k.  p. 487 (595)   zurück

l.  p. 488 (596) & seqq.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Zwey Bücher Von der Kunst Hochdeutsche Verse und Lieder zu machen.
Dantzig: Hünefeld 1642.

Unpaginiert.
Unser Auszug: M7v - N1r (= Buch 1, Kap. 14).

URL: https://books.google.de/books?id=xvZOAAAAcAAJ

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur

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