Grosses vollständiges Universal-Lexicon
Aller Wissenschafften und Künste

 

 

[Artikel: Ode]

 

Ode,   Lat. Oda, Gr. ὠδή, Frantz. Ode, war bey den Griechen und Römern der allgemeine Name aller Lieder, und begreifft vielerley Gattungen unter sich, wovon bald ein mehrers. In heutiger Poesie ists ein Gedicht, welches mit etlichen Absätzen, die alle ein gleiches Zeilen- und Reimenmaaß halten, durchgeführet wird: Ein Lied. Sie werden gemeiniglich zu Lobgesängen gebraucht, und wollen mit hohen Worten und scharfsinnigen Gedancken ausgearbeitet seyn. [447] Diese Gesänge und Lieder, welche die Hebräer Psalmen nannten, sind sehr alt. Man hat bey den Hebräern Lieder gesungen, ehe vielleicht bey den Griechen und Lateinern daran gedacht worden: ja sie sind das eintzige Volck, das sich mit Wahrheit rühmen kan, daß ein Theil ihrer Poeten, sonderlich aber David, durch den Trieb des Geistes Gottes fertigte. Die Griechen hatten vielerley Oden, nemlich Hymnos, Encomia, Threnos, und Versus Bachicos oder Bacchica. Die Hymni waren geistlich, und den Göttern zu Ehren gemacht. Die Encomia waren weltlich, und hielten das Lob der Könige, Helden und Sieger bey den Griechischen Spielen, in sich. Die Threni waren betrübt, und beklagten die unglückseligen Schicksale der Poeten in der Liebe. Endlich die Versus Bachici waren lustig, und wurden beym Truncke gebrauchet. Die ersten hiessen auch Pæanes, die andern wurden auch Scolia genennet, die dritten nannte man auch Melos, und die vierten hiessen auch wohl Dithyrambi, darinnen offt was satyrisches vorkam. Wiewohl man diese Namen nicht immer so genau unterschieden hat. Scaligers Poetik. Dacier in den Anmerckungen über des Horazens Artem Poeticam p. 137. Eben derselbe meynet, die erste Poesie sey nichts anders gewesen, als ein Lied, damit die Menschen ihrem Gotte vor eine glückliche Erndte gedancket. Welche Meynung aber er mit nichts beweiset, in der Vorrede zu der Poetique d'Aristote. Die ältesten Griechischen Dichter, welche Hymnos verfertiget, und daher Theologi genennet worden, (Augustin de Civit. Dei L. XVIII. c. 14.) sind Orpheus, Linus und Musäus. Doch ist nichts, oder wenigstens nichts gantzes mehr von ihnen vorhanden. Siehe J. C. Scaligern Poetices Lib. I. c. II. und sonderlich Fabricii Bibl. Græc. L. I. c. XVIII. u. ff. c. XIV. §. 6. 7. und c. XVI. §. 3. u. ff. ingleichen Lambecii Prodr. Hist. Litt. p. 166. u. ff. Von der so hochberühmten Sappho haben wir noch zwey Oden, welche die gelehrte Dacier ins Frantzösische übersetzet, und mit Anmerckungen versehen hat. Die erste ist ein Hymnus an die Venus, und die andere eine Ode an ihre Geliebte. Hingegen von Anacreon und Pindarus haben wir mehrere Oden übrig. Jener schreibet gar delicat und lieblich, wovon insonderheit seine III und XI Ode zeugen; aber er singet lauter Sauff- und Buhler-Lieder, welche die gedachte Dacier mit einer Frantzösischen Ubersetzung in Prosa und ihren Anmerckungen herausgegeben. Sonst ist des Barnesii Edition von diesem Poeten die beste. Von seiner Delicatesse und Lieblichkeit lese man Ludwig Christian Crells Dissertation, de eo, quod in Anacreonte venustum & delicatum est, Leipzig 1706. Der Pindarus ist ein Schmarotzer, der in seinen Versen sehr affectiret, und seine Gedancken übel zusammen gehangen hat. Bißweilen mag er wohl selbst nicht gewust haben, was er sagen wollen. Fabricius Bibl. Græc. L. II. c. XV. Baillet Jugem. P. I. p. 139. u. f. le Fevre in Abregé des Vies des Poet. Grecs p. 64. Chevreau Hist. du Monde T. I. L. I. c. VII. p. 179. Perrault. T. I. p. 27. u. ff. T. III. p. 160. u. f. p. 184. Von de[448]nen Griechischen Oden kommen wir zu denen Lateinischen, unter welchen die Oden des Horatz zu allererst zu nennen sind. Er schreibt nicht so dunckel und affectirt. Dabey fehlt es ihm, wenn er sich hat angreiffen wollen, gar nicht an Krafft, hohen Gedancken und auserlesenen Worten. Wie aber die Wollust seine herrschende Leidenschafft war, so hat er manchmahl seine Oden mit Unflat besudelt, auch sonst ein und andre Mängel aus Ubereilung begangen. Stollens Historie der Heydnischen Moral p. 380. u. f. Was den Prudentius betrifft, so verstößt selbiger in seinen Hymnis offt wider die Prosodie, und trifft man darinnen mehr Christenthum als Poesie an. Joh. Per. von Ludewig Diss. de vita Aurelii Prudentii, Principis inter Christianos Poetæ, Wittenb. 1692. Wie denn Nicolaus Heinsius in der Dedication dieses Poeten erzehlet, daß Holsteinius denselben so hoch gehalten, daß er sich in seiner Sterbens-Stunde den hymnum X ex Cathemerinis Prudentii zu einem Trost vorlesen lassen, und darauf gestorben. Besser als Prudentius singen Georg Buchananus, Matthias Casimirus Sarbievius und Jacob Balde. Des ersten Ubersetzung der Psalmen in Lateinische Verse, hat vor allen andern den Preiß behalten. Von dem Sarbievius, dessen Libri IV Lyricorum cum uno Epodon & altero Epigrammatum zu Antwerpen 1632 herausgekommen sind, urtheilen Hugo Grotius und Daniel Heinsius, er habe nicht nur dem Horatz gleich gesungen, sondern ihn zuweilen gar übertroffen, wie denn Borrichius und andere ihn den andern, oder den wieder auferstandenen Horatz nennen, dagegen Rapin meynt, er habe erhaben genug, aber nicht rein geschrieben. Endlich der Balde war auch ein trefflicher Poete, der wegen seiner Lateinischen Oden der Horatz der Deutschen genennet wird. An Feuer und Geist hat es ihm nicht gefehlet, aber wohl zuweilen an der Connexion und an reinem Latein. Inzwischen ist doch gewiß, daß man sowohl in des Balde, als in des Sarbievii Oden einige antreffe, die unverbesserlich, auch gar erbaulich sind. Die Spanier halten viel auf den Ferdinand von Herrera, siehe Baillet Jugem. L. III. p. 340. u. ff. Die Welschen rühmen den Gabriel Chiabrera, dessen Lieder unter seinen übrigen vielerley Gedichten den Preiß erhalten, und er selbst wird von dem Vittorio Roßi mit dem Pindar verglichen; ferner den Fulvio Testi, welcher über alle andere Lyrische Poeten Italiens erhoben wird, er hat in seinen Gedichten, so zu Modena 1648 in 12. herausgekommen, gewiesen, daß ein Poete, der Verstand hat, auch mit einer gantz neuen Schreibart die Gemüther der Menschen einnehmen könne, und ob er wohl so gravitätisch und erhaben als Statius schreibt, so hat er doch die Anmuth recht geschickt damit zu verbinden wissen; und endlich den Angelino, dessen Lyrischen Poesien, gedruckt zu Venedig in 12, fehlet es nicht am Ingenio, ob wohl Baillet ihrer nicht gedencket. Die Frantzosen erheben den Malherbe, dessen Poesien Menage 1666 mit Anmerckungen herausgegeben; den Theophile, dessen Oden ihres gleichen nicht haben würden [449] wenn er so viel Verstand als Ingenium gehabt hätte; den Voiture; den Sarazin, welcher glücklich in Einfällen war, und sich auf eine gar leichte und delicate Art ausdrucken konnte; und den de la Motte. Siehe Baillet Jugem. P. IV. p. 2. u. ff. Rapin Reflex. sur la Poesie p. 151. Was endlich die Deutschen anlanget; so sind von selbigen unter andern vornehmlich bekannt 1) Simon Dach, der in geistlichen Liedern unvergleichlich, und in Ubersetzung der Psalmen ungemein glücklich; 2) Paul Gerhard, dessen Lieder gar geistreich, aber nicht allezeit regelmäßig; 3) Hofmannswaldau, von dem man so wohl geistliche und moralische, als verliebte Lieder hat, und sind die von der ersten und andern Gattung lieblich, sinnreich und erbaulich, dennoch aber ist er mehr wegen der letztern berühmt worden; 4) Christ. Gryphius, der in geistlichen Liedern vortrefflich ist, indem nicht nur seine Verse was hurtiges und gravitätisches an sich haben, sondern die Gedancken auch so lebhafft und ungezwungen sind, daß man wohl siehet, es habe ihm ein recht andächtiger Eifer seine Arien in die Feder dictiret, wie er denn auch seine Redens-Arten und Allusionen meist aus der heiligen Schrifft zu entlehnen pflegen; 5) Christian Weise, von dem bekannt, daß er so wohl in geistlichen und moralischen, als lustigen Liedern, eine ungezwungene Artigkeit gewiesen, erhaben hat er nicht geschrieben, was er gemacht, ist leicht und fliessend, jedoch nicht ohne Gedancken; 6) Menantes oder Christian Friedrich Hunold, dessen Gedichte mancherley Art viele Liebhaber gefunden; und 7) Benjamin Schmolcke, von dem gar viele Sammlungen geistlicher Lieder in vielen Händen sind und mit vielem Vergnügen gebrauchet werden. Stolle in der Historie der Gelahrheit, I Th. V Cap. §. 47. u. ff. Von denen Lobgedichten, (Encomiis) als der andern Art der Oden, siehe einen besondern Artickel, im XVIII Bande, p. 24. Von den Threnis, als der dritten Art der Oden, siehe den Artickel: Elegie, im VIII Bande, p. 764. u. f. Von den Versibus Bacchicis, als der vierten Art der Oden, siehe den Artickel: Trinck-Lieder. Was endlich wieder überhaupt die Oden betrifft, so müssen wir von denen annoch lebenden noch zweyer Männer gedencken, deren der eine zu Oden gebohren, und in der Praxi vor allen andern excelliret; der andere aber noch zur Zeit die beste Nachricht von der Beschaffenheit der Oden der Welt mitgetheilet hat, und also besonders in der Theorie seine Meriten hat. Jener ist Samuel Seidel; dieser aber Johann Christoph Gottsched. Dieser letzte handelt in seinem Versuche einer Critischen Dichtkunst in dem I Cap. des II Th. von den Oden oder Liedern, aus welchem wir nun, nach der erzehlten Historie der Oden, auch derselben Beschaffenheit beybringen müssen. Weil ein Lied muß gesungen werden können, so gehöret eine Melodie darzu: und weil der Text und die Musik sich zu einander schicken sollen, so muß sich eines nach dem andern richten. Es versteht sich aber leicht, daß sich zuweilen die Poesie nach der Weise, zuweilen aber die Weise nach der Poesie bequemen wird, nachdem entweder je[450]nes oder dieses am ersten fertig gewesen ist. Zwar die alten Poeten, weil sie zugleich auch Sänger waren, und weder in einem noch in dem andern Stücke gar zu viel Regeln wusten, mögen wohl zuweilen aus dem Stegreiffe gantz neue Lieder gesungen haben, davon vorher weder die Melodie noch der Text bekannt gewesen. Sie nahmen es weder in der Länge der Zeilen, noch in dem Sylbenmaaße so genau; und konnten auch leicht so viel Töne dazu finden, daß es einem Gesange ähnlich wurde. Ihre Texte waren so ungebunden, als ihre Melodien: Nach der Zeit hat man sie allmählich Regelmäßiger zu machen angefangen, und theils die Texte, theils die Melodien gebessert. Man erfand gewisse Gesang-Weisen, die sehr schön ins Gehör fielen, und bemühte sich, dieselben nicht wieder zu vergessen. Der Text ward darnach eingerichtet; und das war ein Lied von einer Strophe. Wolte der Poet noch mehr Einfälle und Gedancken ausdrücken, so hub er seine Melodie von vorne wieder an. Und weil seine Verse sich auch darnach richten musten, so entstund abermahl eine Strophe, die der ersten ohngefähr ähnlich war. Und damit fuhr man so lange fort, bis das Lied lang genung schien, oder der Dichter nichts mehr zu sagen hatte. Die ersten Melodien werden vermuthlich nur auf eine Zeile gelanget haben, und in der andern hat man sie schon wiederhohlen müssen. Hernach hat man sie etwa auf zwey Verse verlängert: und dabey werden sonderlich unsere Vorfahren, die eine gereimte Poesie liebten, geblieben seyn; weil wir sonst keine Spuren von abgetheilten Strophen bey ihnen finden. Zwo Zeilen machten also einen Vers, darauf sie eine Melodie hatten; alsdenn huben sie dieselbe von neuen wieder an. Die Griechen aber waren bessere Sänger und Spielleute, und erfunden also bessere Melodien, die sich auf vier, fünf, sechs, auch nach Gelegenheit auf mehr Zeilen erstreckten: Wie man aus ihren Poeten siehet. Dadurch wurden auch die Poetischen Strophen länger, die sie denn unter sich einander gleich machten; weil man am Ende der einen, die Melodie wieder von Anfang anheben muste. Das Wort στροφή zeigt solches zur Gnüge, weil es von στρεφω, ich kehre um, seinen Ursprung hat, und eine Wiederkehr bedeutet. Wenn man es einen Vers heißt, ist es eben so viel; weil versus von vertere hergeleitet wird. Zwar giebt man andere Erklärungen von diesem Lateinischen Worte, z.E. weil man offt was ändern, verkehren oder versetzen müste, wenn man Verse macht. Allein das sind Wortspiele. Besser ist es noch, wenn man sagt, das Umkehren im Schreiben am Ende einer Zeile habe diesen Lateinischen Namen zuwege gebracht. Denn wir finden bey den Alten, daß sie auch die Zeilen Prosaischer Schrifften Verse genennet haben. Das kommt aber auf eins mit dem obigen hinaus. Die Homerischen Zeilen sind Verse in diesem Verstande, und sind sie es auch, weil man alle Zeilen nach einer und derselben Melodie gesungen, und also dieselbe Gesangweise immer von neuen wieder angefangen hat. Die Strophen einer Ode, oder wie unsere Alten sagten, die Gesetze derselben, müssen also auch, bey unserer heutigen künstlichen Musick, [451] eine gewisse Länge und Anzahl der Zeilen beybehalten; wenn sie sich auf eine gewisse Melodie sollen singen lassen. So habens die Griechen und Römer gemacht, und so machens auch heute zu Tage alle Nationen. Nur die Pindarischen Oden machen hier eine Ausnahme. Die beyden ersten Verse derselben, στροφή und αντιστροφή, die wir den Satz und Gegensatz nennen, sind zwar einander vollkommen ähnlich, aber die dritte schickt sich nicht mehr dazu. Folglich kan man daraus schlüssen, daß man darzu zweyerley Melodien gesungen habe, eine zu Anfang zweymal, die andere zum Beschluß nur einmal; welches gewiß so übel nicht klingen kan. Exempel solcher Oden kan man in Opitzen und andern Deutschen finden. Wenn die Oden nicht eben zum Singen gemacht werden, oder auch von zweyen Chören gegen einander, als ein Gespräche, gesungen werden sollen: so kan man auch Strophen von zweyerley Art mit einander abwechseln, und sie nach verschiedenen Melodien in die Musick setzen lassen. Amthor hat auf der 187 und 188 Seite seiner Gedichte ein solches Exempel gegeben, und man singt auch an gewissen Orten das Lied: Nun laßt uns den Leib begraben; auf die Art, daß, nach Endigung einer jeden Strophe, ein Sänger, im Namen des selig verstorbenen, einen Vers von dem Liede: Gehabt euch wohl ihr meine Freund; dazwischen singt. Wie nun dieses sehr angenehm klinget, also ist zu verwundern, daß man nicht mehr solche Wechseloden, wie man sie nennen könnte, so wohl in geistlichen als weltlichen Stücken eingeführet hat. Solches ist insonderheit bey langen Liedern um desto rathsamer, weil durch die Abwechselung zweyer Melodien, eine grössere Mannigfaltigkeit in den Gesang gebracht, und der Eckel also vermieden werden kan, der aus der gar zu offtmaligen Wiederholung einer und derselben Weise, leicht entstehen könnte. Die Alten pflegten bey dem Ende jeder Strophe den völligen Verstand nicht allemal zu schlüssen, wie man aus Horatzens Ode sehen kan. Bey uns aber hat mans mit gutem Grunde eingeführt, und es klingt gewiß noch einmal so gut, als wenn man das Ende eines angefangenen Satzes erst in der folgenden Strophe suchen müste, ja man bemüht sich auch den Schluß jeden Verses allzeit nachdrücklich und sinnreich zu machen. Nicht eben als wenn allemal eine epigrammatische Spitzfündigkeit darinn stecken müste; dieses würde zu gekünstelt seyn, und sehr gezwungen klingen; Sondern darum, daß die letzte Zeile nicht kalt und matt abfalle, und also das vorhergehende Feuer gleichsam dämpffe. Eben deswegen klingt es am Schlusse der Strophen sehr selten gut, wenn die letzte Zeile für sich einen eigenen Satz macht, der mit der vorhergehenden, wenigen, oder gar keinen Zusammenhang hat. Es ist aber allezeit besser, wenn die letzten Zeilen hübsch in einem hinter einander fort rollen, daß man im Lesen nicht eher stille halten oder aufhören kan, als am Ende der gantzen Strophe. Z.E. wenn Canitz in der Ode auf seine Doris singet:

Soll ich meine Doris missen?
Hat sie mir der Tod entrissen
    [452] Oder bringt die Phantasey
    Mir vielleicht ein Schrecken bey?
Lebt sie? Nein, sie ist verschwunden,
    Meine Doris deckt ein Grab.
Reiß, Verhängniß, meinen Stunden
    Ungesäumt den Faden ab.

So siehet man wohl, daß der Schluß deswegen so schön klappt, weil die zwey letzten Zeilen in einem Stücke fort lauffen. Doch muß man hiervon eine Ausnahme machen: denn zuweilen erlaubet ein hefftiger Affect auch einen kurtzen und abgebrochenen Spruch am Ende. Als z.E.

    Ein Jüngling, dessen hoher Geist
Aus Augen, Mund und Wesen lachte,
Der offt das Alter stutzig machte,
    Das sonst der Jugend Lehrer heist:
Der unsrer Welt zu Nuz gebohren,
    Der Seinen Zier und Freude war,
    Betritt die schwartze Todten-Bahr:
Gewiß, das heißt zu viel verlohren!

Amthor.

Was sonst die andern Schlußpuncte in der Mitte einer Strophe anlangt, so muß man darinnen einen besondern Wohlklang beobachten. In den beyden angeführten Exempeln achtzeiliger Strophen, muste nothwenig an der vierdten Zeile ein Punckt stehen; und es würde sehr übel geklungen haben, wenn man den Sinn biß an die fünffte Zeile gezogen hätte. Wäre aber die Einschränckung der Reime dergestalt gewesen, als in folgender Strophe von sechs Zeilen:

Auf! ihr klugen Pierinnen,
Lasset uns ein Lied beginnen,
    Einem Helden der euch liebt;
Der bey seinen schönen Flüssen,
Welche sich hierum ergiessen,
    Uns auch eine Stelle giebt.

Opitz.

So hätte nach der dritten Zeile der Verstand vollkommem seyn müssen, und so auch in andern Arten allezeit anders. Diese Regel ist von unsern ältesten Poeten nicht durchgehends beobachtet worden. Opitz, Flemming, Dach, Gryph u.a.m. schliessen den Verstand in den Strophen ihrer Oden zwar offtmals recht; aber auch vielmals unrecht. Neukirch hat dieses fast zu erst wahrgenommen, und in dem Stücke einen bessern Wohlklang eingeführt: welchem denn Günther glücklich gefolget ist. Man sehe in den Hoffmannswaldauischen Gedichten die Exempel des erstern nach. Die Zeilen in den Oden dürffen nicht alle von einer Länge seyn. Man kan allerley Vermischungen von drey, vier, fünf, ja sechsfüßigen Versen in der ersten Strophe machen, und darff nur das Gehör zu Rathe ziehen, ob sie wohl klingen. Daraus entstehen nun unzählige Gattungen der Oden, die doch, dem Sylbenmasse nach, nur entweder jambisch oder trochäisch sind. In Weidners Ubersetzung von Horatzens Oden kan man unzählige Gattungen finden und sich die besten davon wählen. Ja auch im Hübnerischen Handbuche kan man sich zur Noth eine Menge möglicher Veränderungen von trochäischen und jambischen Strophen bekannt ma[453]chen. In Gottschedens Gedichten wird man gleichfalls an den grössern Heldenoden auf den Kayser, den hochsel. König in Pohlen, auf des ietzigen Königs Maj. ingleichen auf den Printzen Eugen und auf das Jubel-Fest eben dergleichen Arten antreffen. Die Materien, so in Oden vorkommen können, sind fast unzählig, ob gleich im Anfange die Lieder nur zum Ausdrucke der Affecten gebraucht werden. Dieser ersten Erfindung zu Folge, würde man nur traurige, lustige und verliebte Lieder machen müssen. Aber nach der Zeit hat man sich daran nicht gebunden; sondern kein Bedencken getragen alle mögliche Arten von Gedancken in Oden zu setzen. Zwar Horatzens Regel nach, würden nur wenige Classen darinnen vorkommen.

Musa dedit fidibus Divos, puerosque Deorum,
Et pugilem victorem, & equum certamine primum,
Et iuvenum curas, & libera vina referre
.

Aber seine Exempel zeigen, daß er es dabey nicht hat bewenden lassen, indem er wohl so gar Briefe in Form der Oden geschrieben, ja Satyren, Gespräche und Lehrgedichte darinn abgefaßt, Fabeln erzählt, sich selbst in einen Schwan verwandelt und unzählige andere Erfindungen darinnen angebracht. Doch wenn man die Natur der Sachen ansieht, so ist es wohl am besten, wenn man sich von der ersten Erfindung so wenig entfernt, als möglich ist, und das Lob der Helden und Sieger, den Wein und die Liebe darinn herrschen läßt. Daraus ist nun auch leicht abzunehmen, in was vor einer Schreibart die Ode abgefasset werden müsse. Nach ihren verschiedenen Gattungen muß sich dieselbe auch ändern. Die Loboden müssen in der pathetischen und feurigen, die Lehrreichen in der scharffsinigen, die lustigen und traurigen in der natürlichen Schreibart gemacht werden. Die Ursache sieht man leicht. In der ersten Art beherrscht die Bewunderung und Erstaunung den Poeten, die ihm alle Vorwürffe vergrössert, lauter neue Bilder, Gedancken und Ausdrückungen zeiget, lauter edle Gleichnisse, reiche Beschreibungen, lebhaffte Entzückungen würcket; kurtz alle Schönheiten zusammen häuffet, die eine erhitzte Einbildungs-Krafft hervor bringen kan. Und dieses ist denn die so genannte Begeisterung, das berühmte göttliche, so in den Oden stecken soll, weswegen Pindar so bewundert worden. Unser Günther hat wohl in dieser Art von Oden ein Meisterstück auf den Printzen Eugen gemacht: wenn er sich nur nicht so tief herunter gelassen hätte, als er vorhin hoch gestiegen war, da er auch Nachbars Hanns in seiner Dorff-Schencke zum Vorwurffe seiner Gedancken genommen. Im Frantzösischen ist Roußeau glücklich darinn, wie auch aus der Ode auf die Weltbezwinger, die Amthor übersetzt hat, schon zu sehen ist. Des la Grange drey philippische Oden auf den verstorbenen Regenten in Franckreich, sind zwar in einem gantz widrigen Affecte geschrieben; aber eben so feurig, und so zu reden, rasend. Und das ist kein Wunder. Er hat es vermuthlich in seinen Schimpffen und Schelten ernstlicher ge[454]meynet, als andere, die im Loben aus dem Schmeicheln ein Handwerck machen. In geistlichen Oden ist Simon Dach dieser Schreibart sehr mächtig gewesen, und insonderheit ist das Lied: Ich bin ja Herr in deiner Macht; für ein vollkommenes Meisterstück anzusehen. Die lustigen Lieder, die beym Truncke oder sonst zum Schertze statt finden, müssen so wohl als die traurigen, zärtlichen und beweglichen, in der natürlichen Schreib-Art gemacht werden, die nicht mehr so edel, feurig und verwegen klinget; sondern mit wenigern Zierrathen zu frieden ist. Zu dieser Classe gehören denn auch die Schäfer-Lieder, von denen ein besonderer Artickel. Zum Exempel der lustigen kan Günthers Tabacks-Lied dienen, nebst verschiedenen, die in Flemmings und Opitzens Gedichten vorkommen. In dieser Schreibart läßt sich auch bey Hochzeiten und andern fröhlichen Veranlassungen bequem ein Gedichte verfertigen. Von zärtlichen oder traurigen Liedern ist schon oben Canitzens Klagode gelobt worden, wozu noch Bessers Ode auf denselben Todes-Fall, und als er 40 Jahr alt war, hinzu zu setzen ist. In geistlichen Gesängen müssen die Bußlieder und andere, wo ein trauriges Wesen herrschet, so abgefasset werden, wie Dach, Rist, Gerhardt und Francke; von neuern aber Rambach und Schmolcke uns gewiesen haben. Endlich die sinnreiche Schreibart kan in moralischen Oden statt finden, ja auch in allen andern Oden, wo wir anfangen ernsthaffte Betrachtungen anzustellen. Günthers Ode auf Graf Sporcken, ingleichen Andr. Gryphii über den Gottesacker und viele in Amthors Gedichten sind hierinn unvergleichlich. In Canitzens geistlichen Gedichten sind auch einige treffliche Muster davon. In dem Liede: Herr, ich denck an jene Zeit; hat Mylius ein Meisterstück einer sinnreichen Betrachtung der Sterblichkeit gewiesen, dergleichen auch Simon Dach sehr viele verfertiget hat. Will man mehr neue und wohlgerathene geistliche Lieder beysammen finden: so nehme man M. Gottschaldts Universal-Gesangbuch zur Hand. Verlangt man aber von weltlichen, moralischen, lustigen und galanten Oden, zu erlaubter Ergötzung, etwas beysammen zu haben; so schaffe man sich diejenige Sammlung an, die Herr Gräfe neulich im grossen Formate mit neu gesetzten sehr schönen Melodien in Halle ans Licht gestellet hat. Aus allen den angeführten Oden aber wird man wahrnehmen, daß darinnen durchgehends eine grössere Lebhafftigkeit und Munterkeit als in andern Gedichten herrschet. Dieses unterscheidet denn die Ode von der gemeinen Schreibart. Sie machet nicht viel Umschweiffe mit Verbindungs-Wörtern oder andern weitläufftigen Formuln. Sie fängt jede Strophe so zu reden mit einem Sprunge an. Sie wagt neue Ausdrückungen und Redensarten; sie versetzt in ihrer Hitze zuweilen die Ordnung der Wörter: Kurtz, alles schmeckt nach einer Begeisterung der Musen. Wer ausführlichere Regeln und gute Exempel davon sehen will, der darf nur die Oden der Deutschen Gesellschaft in Leipzig nachschlagen, wo er von allen Gattungen einige antreffen wird.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Welche bishero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden. [...] Fünf und Zwantzigster Band, O. Leipzig und Halle, Verlegst Johann Heinrich Zedler. 1740, Sp. 446-454. [PDF]

Ungezeichnet.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Enzyklopädien-Repertorium

 

 

Literatur

Alexandre, Didier u.a. (Hrsg.): L'ode, en cas de toute liberté poétique. Actes du colloque organisé à l'Université de Toulouse-Le Mirail les 14-15-16 janvier 2004. Bern u.a. 2007 (= Littératures de langue française, 3).

Alt, Peter-André: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. 3. Aufl. Stuttgart 2007.

Bareikes, Robert P.: Die deutschen Lyriksammlungen des 18. Jahrhunderts. In: Die deutschsprachige Anthologie. Bd. 2: Studien zu ihrer Geschichte und Wirkungsform. Hrsg. von Joachim Bark u.a. Frankfurt a.M. 1969 (= Studien zu Philosophie und Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, 2/2), S. 48-139.

Burdorf, Dieter: Art. Ode, Odenstrophe. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. II. Berlin u.a. 2000, S. 735-739.

Dorn, Nico: Zedlers Universal-Lexicon und das Problem seiner inhaltlichen Erschließung. In: Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Ulrich J. Schneider. Berlin u.a. 2008, S. 183-190.

Dorn, Nico / Oetjens, Lena / Schneider, Ulrich J.: Die sachliche Erschließung von Zedlers Universal-Lexicon. In: Das achtzehnte Jahrhundert 32,1 (2008), S. 96-125.

Eisenhauer, Robert: Ode Consciousness. New York u.a. 2009 (= Studies on Themes and Motifs in Literature, 100).

Große, Wilhelm: Aufklärung und Empfindsamkeit. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 139-176.

Kaminski, Nicola: Die Musen als Lexikographen. Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexicon im Schnittpunkt von poetischem, wissenschaftlichem, juristischem und ökonomischem Diskurs. In: Daphnis 29 (2000), S. 649-693.

Kohl, Katrin: Art. Ode. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 549-558.

Krummacher, Hans-Henrik: Poetik und Enzyklopädie. Die Oden- und Lyriktheorie als Beispiel. In: Enzyklopädien der Frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung. Hrsg. von Franz M. Eybl u.a. Tübingen 1995, S. 255-285.

Krummacher, Hans-Henrik: Principes Lyricorum. Pindar- und Horazkommentare seit dem Humanismus als Quellen der neuzeitlichen Lyriktheorie. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 3-76.

Krummacher, Hans-Henrik: Odentheorie und Geschichte der Lyrik im 18. Jahrhundert. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 77-123.

Löffler, Katrin: Wer schrieb den Zedler? Eine Spurensuche. In: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 16 (2007), S. 265-283.

Lohsträter, Kai u.a. (Hrsg.): Die gesammelte Welt. Studien zu Zedlers Universal-Lexicon. Wiesbaden 2013 (= Schriften und Zeugnisse zur Buchgeschichte, 19).

Michel, Paul / Herren, Madeleine: Unvorgreifliche Gedanken zu einer Theorie des Enzyklopädischen. Enzyklopädien als Indikatoren für Veränderungen bei der Organisation und der gesellschaftlichen Bedeutung von Wissen. In: Allgemeinwissen und Gesellschaft. Akten des internationalen Kongresses über Wissenstransfer und enzyklopädische Ordnungssysteme, vom 18. bis 21. September 2003 in Prangins. Hrsg. von Paul Michel u.a. Aachen 2007, S. 9-74.

Prodöhl, Ines: "Aus denen besten Scribenten". Zedlers Universal-Lexicon im Spannungsfeld zeitgenössischer Lexikonproduktion. In: Das achtzehnte Jahrhundert 29,1 (2005), S. 82-94.

Scherpe, Klaus R.: Gattungspoetik im 18. Jahrhundert. Historische Entwicklung von Gottsched bis Herder. Stuttgart 1968 (= Studien zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft, 2).

Schmidt, Ernst A.: Horaz und die Erneuerung der deutschen Lyrik im 18. Jahrhundert. In: Helmut Krasser u.a. (Hrsg.): Zeitgenosse Horaz. Der Dichter und seine Leser seit zwei Jahrtausenden. Tübingen 1996, S. 255-310.

Schneider, Ulrich J.: Die Konstruktion des allgemeinen Wissens in Zedlers 'Universal-Lexikon'. In: Wissenssicherung, Wissensordnung und Wissensverarbeitung. Das europäische Modell der Enzyklopädien. Hrsg. von Theo Stammen u.a. Berlin 2004 (= Colloquia Augustana, 18), S. 81-101.

Schneider, Ulrich J.: Zedlers Universal-Lexicon und die Gelehrtenkultur des 18. Jahrhunderts. In: Die Universität Leipzig und ihr gelehrtes Umfeld 1680 – 1780. Basel 2004 (= Texte und Studien, 6), S. 195-213.

Schneider, Ulrich J. (Hrsg.): Seine Welt wissen. Enzyklopädien in der Frühen Neuzeit [Katalog zur Ausstellung der Universitätsbibliothek Leipzig und der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel]. Darmstadt 2006.

Schneider, Ulrich J.: Der Aufbau der Wissenswelt. Eine phänotypische Beschreibung enzyklopädischer Literatur. In: Kulturen des Wissens im 18. Jahrhundert. Hrsg. von Ulrich J. Schneider. Berlin u.a. 2008, S. 81-100.

Schneider, Ulrich J.: Die Erfindung des allgemeinen Wissens. Enzyklopädisches Schreiben im Zeitalter der Aufklärung. Berlin 2012.

Tilkin, Françoise (Hrsg.): L'encyclopédisme au XVIIIe siècle. Actes du Colloque organisé par le Groupe d'étude du XVIIIe siècle de l'Université de Liège (Liège, 30-31 octobre 2006). Genf 2008 (= Bibliothèque de la Faculté de Philosophie et Lettres de l'Université de Liège, 296).

Vöhler, Martin: Pindarrezeptionen. Sechs Studien zum Wandel des Pindarverständnisses von Erasmus bis Herder. Heidelberg 2005 (= Bibliothek der klassischen Altertumswissenschaften; Reihe 2, N.F., 117).

Wichter, Sigurd: "Sprache, Rede, Loquela" in Zedlers Universal-Lexikon. In: Alles was Recht war. Rechtsliteratur und literarisches Recht. Festschrift für Ruth Schmidt-Wiegand zum 70. Geburtstag. Hrsg. von Hans Höfinghoff u.a. Essen 1996 (= Item Mediävistische Studien, 3), S. 235-246.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer