Johann Wilhelm Ludwig Gleim:
Preussische Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757
von einem Grenadier

 

 

Gotthold Ephraim Lessing

 

Vorbericht.

 

Die Welt kennet bereits einen Theil von diesen Liedern; und die feinern Leser haben so viel Geschmack daran gefunden, daß ihnen eine vollständige und verbesserte Sammlung derselben, ein angenehmes Geschenk seyn muß.

[2] Der Verfasser ist ein gemeiner Soldat, dem eben so viel Heldenmuth als poetisches Genie zu Theil geworden. Mehr aber unter den Waffen, als in der Schule erzogen, scheinet er sich eher eine eigene Gattung von Ode gemacht, als in dem Geiste irgend einer schon bekannten gedichtet zu haben.

Wenigstens, wenn er sich ein deutscher Horaz zu werden wünschet, kann er nur den Ruhm des Römers, als ein lyrischer Dichter überhaupt, im Sinne gehabt haben. Denn die charakteristischen Schönheiten des Horaz, setzen den feinsten Hofmann voraus; und wie weit ist dieser von [3] einem ungekünstelten Krieger unterschieden!

Auch mit dem Pindar hat er weiter nichts gemein, als das anhaltende Feuer, und die Υπερβατα der Wortfügung.

Von dem einzigen Tyrtäus könnte er die heroischen Gesinnungen, den Geitz nach Gefahren, den Stolz für das Vaterland zu sterben, erlernt haben, wenn sie einem Preussen nicht eben so natürlich wären, als einem Spartaner.

Und dieser Heroismus ist die ganze Begeisterung unsers Dichters. Es ist aber eine sehr gehorsame Begeiste[4]rung, die sich nicht durch wilde Sprünge und Ausschweifungen zeigt, sondern die wahre Ordnung der Begebenheiten zu der Ordnung ihrer Empfindungen und Bilder macht.

Alle seine Bilder sind erhaben, und alle sein Erhabnes ist naiv. Von dem poetischen Pompe weis er nichts; und prahlen und schimmern scheint er, weder als Dichter noch als Soldat zu wollen.

Sein Flug aber hält nie einerley Höhe. Eben der Adler, der vor in die Sonne sah, läßt sich nun tief herab, auf der Erde sein Futter zu suchen; und das ohne Beschädigung sei[5]ner Würde. Antäus, um neue Kräfte zu sammeln, mußte mit dem Fusse den Boden berühren können.

Sein Ton überhaupt, ist ernsthaft. Nur da blieb er nicht ernsthaft – wo es niemand bleiben kann. Denn was erweckt das Lachen unfehlbarer, als grosse mächtige Anstalten mit einer kleinen, kleinen Wirkung? Ich rede von den drolligten Gemählden des Roßbachischen Liedes.

Seine Sprache ist älter, als die Sprache der jetztlebenden grössern Welt und ihrer Schriftsteller. Denn der Landmann, der Bürger, der Soldat und alle die niedigern Stände, die [6] wir das Volk nennen, bleiben in den Feinheiten der Rede immer, wenigstens ein halb Jahrhundert, zurück.

Auch seine Art zu reimen, und jede Zeile mit einer männlichen Sylbe zu schliessen, ist alt. In seinen Liedern aber erhält sie noch diesen Vorzug, daß man in dem durchgängig männlichen Reime, etwas dem kurzen Absetzen der kriegerischen Trommete ähnliches zu hören glaubet.

Nach diesen Eigenschaften also, wenn ich unsern Grenadier ja mit Dichtern aus dem Alterthume vergleichen sollte, so müßten es unsere Barden seyn.

[7] Vos quoque, qui fortes animas belloque peremtas
Laudibus in longum vates dimittitis aevum,
Plurima securi fudistis carmina Bardi *

Carl der grosse hatte ihre Lieder, so viel es damals noch möglich war, gesammelt, und sie waren die unschätzbarste Zierde seines Büchersaals. Aber woran dachte dieser grosse Beförderer der Gelehrsamkeit, als er alle seine Bücher, und also auch diese Lieder, nach seinem Tode an den Meistbiethenden zu verkauffen befahl? Konnte [8] ein römischer Kayser der Armuth kein ander Vermächtniß hinterlassen * ? – O wenn sie noch vorhanden wären! Welcher Deutsche würde sich nicht, noch zu weit mehrerm darum verstehen, als Hickes ** ?

Ueber die Gesänge der nordischern Skalden scheinet ein günstiger Geschick gewacht zu haben. Doch die Skalden waren die Brüder der Bar[9]den; und was von jenen wahr ist, muß auch von diesen gelten. Beyde folgten ihren Herzogen und Königen in den Krieg, und waren Augenzeugen von den Thaten ihres Volks. Selbst aus der Schlacht blieben sie nicht; die tapfersten und ältesten Krieger schlossen ein Kreis um sie, und waren verbunden sie überall hinzubegleiten, wo sie den würdigsten Stoff ihrer künftigen Lieder vermutheten. Sie waren Dichter und Geschichtschreiber zugleich; wahre Dichter, feurige Geschichtschreiber. Welcher Held von ihnen bemerkt zu werden das Glück hatte, dessen Name war unsterblich; [10] so unsterblich, als die Schande des Feindes, den sie fliehen sahen.

Hat man sich nun in den kostbaren Ueberbleibseln dieser uralten nordischen Heldendichter, wie sie uns einige dänische Gelehrte aufbehalten haben * , umgesehen, und sich mit ihrem Geiste und ihren Absichten bekannt gemacht; hat man zugleich das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen Zeitalter, seiner Aufmerksamkeit werth geschätzt, und ihre naive Sprache, ihre ursprünglich deutsche Denkungsart studirt: so ist man einigermassen fähig über unsern neuen preus[11]sischen Barden zu urtheilen. Andere Beurtheiler, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allen ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.

Noch besitze ich ein ganz kleines Lied von ihm, welches in der Sammlung keinen Platz finden konnte; ich werde wohl thun, wenn ich diesen kurzen Vorbericht damit bereichere. Er schrieb mir aus dem Lager vor Prag: "Die Panduren lägen nahe an den Werken der Stadt, in den Hölen der Weinberge; als er einen gesehen, habe er nach ihn hingesungen:"

[12] Was liegst du, nackender Pandur!
    Recht wie ein Hund im Loch?
Und weisest deine Zähne nur?
    Und bellst? So beisse doch!

Es könnte ein Herausfordrungslied zum Zweykampf mit einem Panduren heissen.

Ich hoffe übrigens, daß er noch nicht das letzte Siegeslied soll gesungen haben. Zwar falle er bald oder spät; seine Grabschrift ist fertig:

Ειμι δ᾽εγω ϑεραπων μεν Ενυαλιοιο ἀνακτος
    Και Μουσεων ἐρατον δωρον ἐπισαμενος.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[7] * Lucanus.   zurück

[8] * Eginhartus in vita Caroli M. cap. 33. Similiter & de libris – statuit, ut ab his, qui eos habere vellent, justo pretio redimerentur, pretiumque in pauperes erogaretur.   zurück

[8] ** Georg. Hickesius in Grammatica Franco-Theodisca c. 1. O utinam jam extaret augusta Caroli M. Bibliotheca, in qua delicias has suas reposuit Imperator! O quam lubens, quam jucundus ad extremos Caroli imperii fines proficiscerer, ad legenda antiqua illa, aut barbara carmina!   zurück

[10] * Andreas Vellejus und Petrus Septimus.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

[Johann Wilhelm Ludwig Gleim] Preussische Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757 von einem Grenadier. Mit Melodien. Berlin: Voß o.J. [erschienen: August 1758].

Hier: "Vorbericht" (ungez.): 12 Seiten (unpag.). [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).
Benutztes Exemplar:  Das Gleimhaus: G 143.

Ein zweiter Druck mit geringfügigen Abweichungen in Orthographie sowie Titelkupfer und Vignette erschien, ebenfalls ohne Jahreszahl, zur Ostermesse 1759.
Vorhanden:  Das Gleimhaus: G 23. [PDF]

Zur Identifizierung der Erstausgabe vgl.

Für Hinweise zur Identifizierung danke ich Annegret Loose (Das Gleimhaus).

 

 

Kommentierte Ausgaben

 

 

Literatur

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Alt, Peter-André: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. 3. Aufl. Stuttgart 2007.

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Fick, Monika: Lessing-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 4. Aufl. Stuttgart 2016.

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Genette, Gérard: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt a.M. 2001 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1510)



[Gleim, Johann Wilhelm Ludwig:] Preussische Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757 von einem Grenadier. Mit Melodien. Berlin: Voß o.J. [erschienen: August 1758].
URL: http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb00073537-3

Gleim, I. W. L.: Preussische Kriegslieder von einem Grenadier [Hrsg. von August Sauer]. Heilbronn: Henninger 1882 (= Deutsche Litteraturdenkmale des 18. Jahrhunderts, 4).
URL: https://archive.org/details/preussischekrieg00gleiuoft



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Voß, Torsten: Grenadier und Skalde. Johann Wilhelm Ludwig Gleims Preußische Kriegs- und Siegeslieder. Das Kriegerische als maskulin-ästhetische Haltung und (galantes) Rollenspiel in der Lyrik des 18. Jahrhunderts. In: Wirkendes Wort 63 (2013), S. 179-202.

Wilke, Jürgen: Das Zeitgedicht. Seine Herkunft und frühe Ausbildung. Meisenheim am Glan 1974 (= Deutsche Studien, 21).

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