Johann Heinrich Merck

 

 

[Rezension]

 

Oden. Bey Johann Joachim Christoph Bode. 1771. 4. 294. S. Postpapier.

 

Endlich hat Klopstock eingewilligt, daß die zerstreuten Waysen Deutschlands gesammlet würden. Er, der Schöpfer unsrer Dichtkunst, des deutschen Numerus, der Seelensprache des Vaterländischen Genius hat lange mit Geduld seine beste Werke in Monat- und Wochenschriften, in fliegenden Blättern eingerückt, geschrieben und gedruckt mißhandelt gesehen. Und noch lange vielleicht – wenn sie der Patriotische Ungestümm des Herrn Bode dem Dichter nicht entrissen hätte. Bey einem Werke der Ewigkeit, wie dieses, gilt weder Lob noch Tadel, und alles, was der Liebhaber und Verehrer am Altar sagen kann, ist dieses: Hier steht es. Weg also mit dem geschwätzigen Cicerone, der uns Gefühl an den Fingern darzählt, und den Blitzstrahl des Genies mit der Hand greifen lehrt! – Aber wenn mit einer Sammlung solcher Werke wichtige Veränderungen von dem Verfasser selbst vorgenommen werden, wenn sie den letzten Grad der Vollendung von seiner Hand empfangen, so ist es dem Cicerone wenigstens erlaubt, die Geschichte der Ergänzungen, den Anblick eben desselben Ideals unter Veränderungen [58] des Styls, den Zuwachs der neuen Stücke zu berühren. In dem ersten Buche sind die Empfindungen gesammlet, die der Dichter dem Höchsten sein ganzes Leben durch geweihet hat, und wir überlassen es dem Herzen des Kunstrichters, der hier

– – – mit Klüglingsblicken
Höret, und kalt von der Glosse triefet,

ob hier eine Vertraulichkeit herrsche, die dem höchsten Wesen nicht anständig sey? Die Ode an Gott, wo der Dichter um eine Geliebte bat, sucht man hier vergebens. Dem Recensenten sind nur wenige neue Stücke in diesem Buche vorgekommen, die aber an Psalterflug, Höhe und Tiefe der Seele den älteren vollkommen gleich sind. Diejenigen, die er kennt, haben an Rhythmus und poetischer Sprache unendlich gewonnen. Der Gedanke, die Deklamation durch das bemerkte Sylbenmaaß zu unterstützen, macht in der Ausbreitung des wahren Geschmacks Epoche, und man versuche mit der Ode auf die Genesung des Königs gegen das fühlloseste Gehör, ob nicht durch alle Strophen mit jeder Veränderung des musikalischen Abschnitts, die ihm eigne Abänderung der Empfindung gleichschreite?

Mit dem zweyten Buche verlassen wir ihn,

Wie der Adler zu der Wolk itzt steigt

und sehen ihm nach, wie er

Dann herunter zu der Eiche Wipfel sich senkt,

in den Hayn der Freundschaft, wo er seine Cidli die geheimere Tugend, die Liebe lehrt.

Die Ode an seine Freunde erscheint hier unter dem Namen Wingolf auf die vortreflichste Art verändert. Die griechische Mythologie ist als Beywerk behandelt, und gegen sie die alte deutsche verpflanzt, und mit solcher Kunst und Geschmeidigkeit des Genies, daß nicht allein kein einziger Zug gelitten, sondern alles zum Ganzen gleichgestimmt, und der Cha[59]rakter des Werks einzig geworden. Wer wird die Empfindungen an Cidli zergliedern, und diese zarte Blume berühren wollen? Sie sind dem Recensente fast alle neu. Man trete herzu und empfinde! Es ist Grandisons Liebe zu Clarissa! Alle Stücke dieses Buchs gehören nach der Jahrzahl ohngefähr in einen Zeitpunkt, und wahrscheinlich war es der glücklichste in dem nie unglücklichen Leben des Dichters, wo die von Freundschaft und Liebe trunkne Seele aufgerichtet in der Schöpfung umhersieht.

Im dritten Buche, wo nichts als Vaterländische Empfindung spricht, haben wir die lauten Accente des warmen Herzens, die Schätze der Sprache und die Geheimnisse des Musikalischen Ohrs insbesondre bewundert. Welche Pfeile in der Hand des Starken sind hier nicht die Bilder der Nordischen Götterlehre. Dem Barden der Herrmannsschlacht ist es erlaubt, mit diesen Zeugnissen der thätigen Seele der Vorfahren, die träge Sinnen ihrer Enkel zu erschüttern, ihnen Freundschaft, Freyheit und Vaterlandsliebe, die Grazien ihres Landes vorzuführen – Nur werde der Name Braga, Tialf, Alyna, und Wingolf kein Schellenklang vor den Nachahmerhaufen, und ein Nahl und Oeser helfe des Dichters neuerweckte Bilder durch ihre Kunstwerke ausbreiten! Welche Schöpfung der übernatürlichen Wesen, in der Erscheinung des Braga und Thuiskon, die weit über Milton und Shakespearist, und in dem letztern insonderheit eine Musik, die die ganze Natur in stille Feyer kleidet!

Die Kunst Tialfs finden wir gegen ein Manuscript, das wir vor uns haben, im Plan, in Anordnung der Empfindung meisterhaft verändert, und diejenigen Züge, welche schon ehedem unserm Gefühl gegen die Würde des Dichters und seines Gegenstands schienen, weggestrichen. Welcher Text zu Vorlesungen unsrer Dichtkunst und Sprache, wenn [60] durch Varianten Klopstock mit sich selbst verglichen, und dadurch der angehende Dichter gebildet würde! In der Ode, Unsre Sprache, welche Sammlung von Tönen, die alle dem deutschen Genius nur eigen sind, und wie angemessen dem ganzen Flug dieser kühnen Gedanken! In Sponda wie feine Bezeichnungen der Gränzen und Kräfte eben dieser Sprache, in die feinste dichterische Diktion gekleidet! Wie schwer wird es uns, daß wir hier nur anzeigen, nur Winke geben dürfen, besonders was das Sylbenmaaß, und die esoterische Geheimnisse der Dichtersprache angeht. Nur noch einige historische Anzeigen erlaube man uns, um die Aufmerksamkeit einiger Leser unsrer Gegenden rege zu machen. Außer den von dem Dichter selbst erfundnen, und unsrer Sprache mehr angemessenen, findet sich das horazische Sylbenmaaß häufig. Im Alcäischen sind geschrieben, die Oden: dem Erlöser, Wingolf, an Fanny, die Fragen, die beyden Musen, an Cidli, S. 157. Der Rheinwein, Kayser Heinrich. Friedrich der fünfte in dem Asklepiadeischen Sylbenmaaß, das aus abwechselnden Asklepiadeischen Versen und Glykonischen besteht. In den Oden, Bandale, Cidli, S. 134. an Young, der Zürchersee, Friedensburg ändert es sich nur in so fern ab, daß der dritte ein Pherekrazischer Vers wird; und in der Ode an Gleim, sind die zwey ersten Verse Asklepiadeisch und die beyden letzteren Pherekrazisch. In Herrmann und Thusnelda ist der erste und zweyte Vers ein umgekehrter Alcäischer, so daß der zweyte Abschnitt, statt des ersten zu stehen kömmt, der dritte Pherekrazisch und der vierte Archilogisch. An Cidli S. 156 und in der Ode für den König, desgleichen in der Ode an Cidli, S. 162. Clarissa, Selmar und Selma ist ein etwas abgeändertes Sapphisches Sylbenmaaß, wieder aus zwey umgekehrten Alcäischen.

[61] Wir beschließen diesen Artikel mit der einzigen Anmerkung, daß eine Zeit war, wo Waller an St. Evremond schrieb: "Der lyrische Dichter Milton hat auch ein Episches Gedicht, das verlohrne Paradies geschrieben," und wir überlassen es unsern Lesern zur Ueberlegung, ob nicht eine Zeit bey der Nachwelt möglich ist, daß das Rad der Dinge da stehen bleibt, wo es heißt: Klopstock, der gröste lyrische Dichter der Neuern, schrieb auch den Messias.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Frankfurter gelehrte Anzeigen.
1772, Nr. 8, 28. Januar, S. 57-61. [PDF]

Ungezeichnet.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Für die Zuschreibung vgl. Johann Heinrich Merck: Briefwechsel. Hrsg. von Ulrike Leuschner. Bd. 1. Göttingen 2007, S. 359-360 (Brief Nr. 113; 7. Febr. 1773) u. Bräuning-Oktavio 1966, S. 602.

Frankfurter gelehrte Anzeigen online
URL: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/frankfurter_gelehrte_anzeigen

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgaben

 

Das besprochene Werk

 

 

Literatur

Alexandre, Didier u.a. (Hrsg.): L'ode, en cas de toute liberté poétique. Actes du colloque organisé à l'Université de Toulouse-Le Mirail les 14-15-16 janvier 2004. Bern u.a. 2007 (= Littératures de langue française, 3).

Anz, Thomas: Art. Rezension. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 606-612.

Berghahn, Klaus L.: Von der klassizistischen zur klassischen Literaturkritik. In: Geschichte der deutschen Literaturkritik (1730 – 1980). Hrsg. von Peter U. Hohendahl. Stuttgart 1985, S. 10-75.

Bräuning-Oktavio, Hermann: Herausgeber und Mitarbeiter der Frankfurter Gelehrten Anzeigen 1772. Tübingen 1966 (= Freies Deutsches Hochstift; Reihe der Schriften, 20).

Bräuning-Oktavio, Hermann: Wetterleuchten der literarischen Revolution. Johann Heinrich Merck und seine Mitarbeiter an den Frankfurter gelehrten Anzeigen 1772 in Bild und Wort. Darmstadt 1972 (= Darmstädter Schriften, 31).

Dahnke, Hans-Dietrich: Intentionen und Resultate des Jahrgangs 1772 der Frankfurter Gelehrten Anzeigen. In: Sturm und Drang. Geistiger Aufbruch 1770 – 1790 im Spiegel der Literatur. Hrsg. von Bodo Plachta u.a. Tübingen 1997, S. 233-247.

Dethlefs, Hans J.: Ästhetisches Glücksversprechen. 'Haltung' in der Kunstanschauung von Johann Heinrich Merck. In: Das achtzehnte Jahrhundert 32,1 (2008), S. 74-95.

Fechner, Jörg-Ulrich: Art. Merck. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Hrsg. von Wilhelm Kühlmann. Bd. 8. Berlin u.a. 2010, S. 174-176.



Frankfurter gelehrte Anzeigen vom Jahr 1772. Hrsg. von Bernhard Seuffert. [Einleitung von Wilhelm Scherer]. Heilbronn: Henninger 1882/83 (= Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, 7/8).
URL: https://archive.org/details/frankfurtergele00schegoog
URL: https://archive.org/details/frankfurtergele01schegoog

Frankfurter gelehrte Anzeigen vom Jahr 1772. Reprint Bern: Lang 1970.
Mit einem Vorwort von Hermann Bräuning-Oktavio und einer Konkordanz zu Bernhard Seufferts Nachdruckausgabe von 1883.

Frankfurter gelehrte Anzeigen 1772. Hrsg. von Hans-Dietrich Dahnke u. Peter Müller. Leipzig: Reclam 1971 (= Reclams Universal-Bibliothek, 374).



Grieger, Astrid: "Sie freuen sich über das, was sie verstehen". Kriterien bürgerlicher Kunstanschauung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Beispiel Johann Heinrich Mercks. In: Lenz-Jahrbuch 3 (1993), S. 163-182.

Haas, Norbert: Spätaufklärung. Johann Heinrich Merck zwischen Sturm und Drang und französischer Revolution. Kronberg Ts. 1975 (= Monographien; Literaturwissenschaft, 24).

Habel, Thomas: Gelehrte Journale und Zeitungen der Aufklärung. Zur Entstehung, Entwicklung und Erschließung deutschsprachiger Rezensionszeitschriften des 18. Jahrhunderts. Bremen 2007 (= Presse und Geschichte – Neue Beiträge, 17).

Haenelt, Karin: Die Verfasser der "Frankfurter Gelehrten Anzeigen" von 1772. Ermittlung von Kriterien zu ihrer Unterscheidung durch maschinelle Stilanalyse. In: Euphorion 78 (1984), S. 368-382.

Hilliard, Kevin u.a. (Hrsg.): Klopstock an der Grenze der Epochen. Berlin u.a. 1995.

Hurlebusch, Klaus: Klopstock, Hamann und Herder als Wegbereiter autorzentrischen Schreibens. Ein philologischer Beitrag zur Charakterisierung der literarischen Moderne. Tübingen 2001 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, 86).

Huyssen, Andreas: Sturm und Drang. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 177-201.

Jansen, Claus: Frankfurter gelehrte Anzeigen (1736 – 1790). In: Deutsche Zeitschriften des 17. bis 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Heinz-Dietrich Fischer. Pullach bei München 1973 (= Publizistik-historische Beiträge, 3), S. 61-73.

Karthaus, Ulrich: Sturm und Drang. Epoche – Werke – Wirkung. 2. Aufl. München 2007 (= Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte).

Krummacher, Hans-Henrik: Odentheorie und Geschichte der Lyrik im 18. Jahrhundert. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 77-123.

Leuschner, Ulrike: Johann Heinrich Merck. Hannover 2010 (= Meteore, 2).

Leuschner, Ulrike: Wissenschaftliches Edieren in der deutschsprachigen Literatur des 18. Jahrhunderts am Beispiel Johann Heinrich Mercks: Prozesse und Herausforderungen. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 86 (2015), S. 167-186.

Luserke-Jaqui, Matthias: "Der Teufel hole die ganze Poesie". BeMERCKungen über Johann Heinrich Merck als Lyriker. In: Netzwerk der Aufklärung. Neue Lektüren zu Johann Heinrich Merck. Hrsg. von Ulrike Leuschner u.a. Berlin u.a. 2003, S. 1-20.

Luserke-Jaqui, Matthias (Hrsg.): Handbuch Sturm und Drang. Berlin 2017.

Martus, Steffen: Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert; mit Studien zu Klopstock, Tieck, Goethe und George. Berlin u.a. 2007 (= Historia Hermeneutica; Series Studia, 3).
Vgl. S. 357, 484-485.

McCarthy, John A.: Literarisch-kulturelle Zeitschriften. In: Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700 – 1800. Hrsg. von Ernst Fischer u.a. München 1999, S. 176-190.



Merck, Johann Heinrich: Werke. Hrsg. von Arthur Henkel. Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1968.

Merck, Johann Heinrich: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Ulrike Leuschner unter Mitarbeit von Amélie Krebs. Bd. 1 ff. Göttingen: Wallstein Verlag 2012 ff.

Merck, Johann Heinrich: Briefwechsel. Hrsg. von Ulrike Leuschner. 5 Bde. Göttingen: Wallstein Verlag 2007.
Bd. 5, S. 133-168: Schriftenverzeichnis.



Sauder, Gerhard (Hrsg.): Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Stuttgart 2003 (= Universal-Bibliothek, 17643).

Schneider, Ute: Literaturkritische Zeitschriften. In: Von Almanach bis Zeitung. Ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700 – 1800. Hrsg. von Ernst Fischer u.a. München 1999, S. 191-206.

Schübler, Walter: Johann Heinrich Merck (1741 – 1791). Biographie. Weimar 2001.

Seidel, Robert: Literarische Kommunikation im Territorialstaat. Funktionszusammenhänge des Literaturbetriebs in Hessen-Darmstadt zur Zeit der Spätaufklärung. Tübingen 2003 (= Frühe Neuzeit, 83).
Merck passim.

Urban, Astrid: Kunst der Kritik. Die Gattungsgeschichte der Rezension von der Spätaufklärung bis zur Romantik. Heidelberg 2004 (= Jenaer germanistische Forschungen; N.F., 18).

Vogel, Christian: Berufsleben, Pariser Mission und Freitod von Johann Heinrich Merck. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde 72 (2014), S. 83-132.

Wolf, Norbert Chr.: Heinrich Christian Boies Göttinger Musenalmanach und Johann Heinrich Mercks Frankfurter gelehrte Anzeigen. Medienkämpfe im literarischen Feld des Sturm und Drang. In: Sturm und Drang. Epoche – Autoren – Werke. Hrsg. von Matthias Buschmeier u.a. Darmstadt 2013, S. 10-28.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer