Johann Georg Jacobi

 

 

Ueber das Lied.

 

In meiner Abhandlung vom Singen (*) bat ich Sie, meine Damen, die kleinen Sänger in Felder und Büschen zu beobachten und ich wünschte, Sie möchten noch einmahl mit mir bey denselben verweilen. Es lassen viele Predigten sich über den Text halten: Sehet die Vögel unter dem Himmel an; denn von den ersten Lerchen oder Nachtigallen, welche dem ersten Braut-Paar den Hochzeit Gesang anstimmten, bis auf die Wachtel, die ein noch lebender Dichter so lieblich betrauerte, blieben sie getreu der Mutter Natur. Was also mag es seyn, das aus ihren hundertfältigen Kehlen auf so mancherley Weise tönt? Was ist der Geist ihrer Melodie? Um es recht zu beantworten, müssen wir die einzelnen Töne, den bloßen Ausdruck ihres Bedürfnisses; das, was ich gern die Sprache der Vögel nennte, von ihrem eigentlichen Singen unterschieden. Wenn das Männchen sein [442] Weibchen lockt, die Alten den Jungen rufen, wenn sie ein Nest zusammen bauen, oder einen Feind wittern, dann ist ihr Getriller oder Geschrey ganz anders, als der Gesang, mit welchem sie hoch in die Luft steigen, oder ins Grüne sich niedersetzen. Der Gesang ist Verkündigung ihres Daseyns, Uebung ihrer Fähigkeit; durch ihn bewillkommnen sie den Blüthen Mond, werben um eine Gattinn, freuen sich des besseren Lebens, und unterrichten, wie einige Naturforscher bemerkt haben, ihre Kinder. Wenn es Abend wird, dann schweigen die mehrsten Vögel, eben so, wenn es stürmt, aber sie beginnen wieder mit hellerem Schlage, so bald die erste Morgenröthe sich erblicken läßt, oder am blauen Himmel es ruhig wird. Je stiller und wärmer die Lüfte, je frischer das Grün nach dem Regen oder im Thau, desto mehr Lieder! Kein Zweifel, daß Gesang der Ausbruch eines fröhlichen Gefühls, eines innern Wohlbehagens sey: Lob der Schöpfung, und folglich des Schöpfers! die vornehmste Lieder-Zeit ist die, wo jeder Vogel sich eine Gespielinn sucht. Hat er sie gefunden, mit ihr ein kleines Völkchen erzogen, und dies Völkchen hat wieder gesucht und gefunden; alsdenn sind die Wälder und Auen beynahe stumm. Gesang ist Empfindung und [443] Lob der Liebe. Daß die Fähigkeit zu demselben schon an sich eine Wohlthat, ihr Gebrauch ein Vergnügen sey, das beweist uns die vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang singende Lerche, mit der auch im Finstern noch schlagenden Nachtigall. Von den Nachtigallen weiß man, daß sie einander im Singen zum Wettstreit fordern; und einige, wie man erzählt, ruhen nicht eher, bis der Gegner vor Mattigkeit von seinem Zweige taumelt. Scheint es nicht, als hätten die Vögel ihre Künstler?

Nun, meine Damen, lassen Sie einen von diesen Waldbewohnern gefangen werden. Zuerst bedauert er den Verlust der Freyheit; man hört seine Stimme nicht. Da sitzt er im engen Kerker! Für ihn kein Flug mehr ins offne Feld, kein Erwärmen der Sonne, kein Windes-Wehen, kein grüner Baum, kein Baden im kühlen Wasser; nicht das ferne Schallen seines Lieds, noch das Antworten der übrigen Vögel! Endlich, wie zu seinem Trost, hebt er an, und zwitschert, und singt wieder, und begrüßt den Morgen, der schwächer ihm durchs Fenster in sein Häuschen strahlt, ergötzt den Wirth für das im Tröglein gereichte Futter, und für den hingehängten lauen Trank. Viel[444]leicht gefällt es seinem Herrn, auf seiner Dreh-Orgel ihm ein Liedchen vorzuspielen: da horcht er, ahmt es nach, schlägt anfänglich etwas vom alten wilden Gesang dazwischen, bis er mit der Zeit es herausbringt, völlig rein, nach dem Takt, und sein ganzes Singen ein bloßes Kunststück geworden ist. Das Hirten-Mädchen wird nicht im künftigen May unter seinem Busche sich lagern, und neues Leben empfinden, wenn es ihn hört; aber die Städter bewundern ihn. Leider achten zuletzt auch diese nicht mehr darauf. Sein voriges Lied war, in Absicht der Zusammen-Setzung, einförmiger, als sein jetziges; aber das Zwanglose Verlängern und Verkürzen, Steigen und Fallen im Ton macht' es abwechslender. Zuweilen erfreut uns das gelernte Stück; an jenem haben wir täglich unsern Gefallen von Morgen bis Abend.

Und so hätten meine Leserinnen eine vollständige Geschichte der Lieder-Poesie jedes Volks. Der freye Vogel ist der Mann in der Wildniß; der im Käfig ....... Dieses läßt sich mit wenigen Worten nicht erklären. Zuvor müssen wir den ersteren etwas genauer beobachten.

[445] Ganz in das ursprüngliche Natur-Gefühl eines solchen Mannes hineinzugehen, ist uns Europäern schwer, oder besser zu sagen, unmöglich. Uns ahndet nur etwas davon; aber das ist zu meinem Zwecke genug.

Ein Freund des Capitains Hill, eines Engelländers, welcher lang unter den Wilden gelebt hat, und nach ihnen sich zurücksehnt, wie der Schweizer nach seinem Vaterland, erzählte mir ein merkwürdiges Gespräch mit demselben. "Wie können Sie, hatt er den Engelländer gefragt, der Sie von Kind auf an die feinsten Vergnügen der besten Gesellschaft gewöhnt wurden, insonderheit mit ihrem Hang zu den Künsten und Wissenschaften, wie können Sie dergestalt über den Abschied von jenen rohen, unwissenden Leuten sich grämen?" Das vermag ich nicht zu beantworten, versetzte Hill mit traurigem Ernst. O, wären Sie dort gewesen! Kennten Sie die Menschen mit ihrem geraden Sinn, mit ihrer Seele voll Wahrheit! Und dann, wann der Wilde mit Tages Anbruch aus seinem Walde tritt, und die Sonn' ihm aufgeht, und er, so weit das Auge trägt, sagen kann: dies alles ist mein....... [446] Ich empfand es. Sie, der Sie es nicht empfanden, begreifen mich nicht..... In wie fern Hill Recht oder Unrecht habe, das Glück jener Menschen vor dem unsrigen zu preisen, dies, meine Damen, wollen wir nicht untersuchen. Aber davon bin ich versichert, daß ein Mann, dem sein Cörper abgehärtet ist im heißen Mittags-Strahl und im kalten Nordwinde, sein Auge nicht geschwächt in engen Gemächern, sein Geist nicht beladen mit tausenderley Geschäften und Sorgen, noch befangen mit kleinem Vorurtheil, seine Phantasie leer von müßigen Neben-Bildern und Vergleichungen, daß ein Mann, wie dieser, den Wald, die fernen Berge, Morgen-Luft und Sonne viel anders sieht, und empfindet, als wir; einfältiger und stärker. Jeden Sinn hat er geläutert zum reinen Anschauen der Natur; alles würkt auf ihn unmittelbar und ganz. Dabey läßt er kein Werkzeug, keine Kraft in sich ungebraucht, um sein Gefühl auszudrücken. So steht er am frühen Morgen, hinter sich den bethauten Wald, vor sich das Röthen und Vergolden der Berg-Spitzen, den wehenden Wind im Haar, um sich die rauschenden Ströme sammt den erwachenden Thieren; so steht er, und freuet sich; und alles jauchzt; er mit; seine Freude wird Gesang. [447] Zuerst sind es bloße Töne: denn er empfindet nur, daß ihm wohl ist. Darauf fängt er an zu fragen: woher ihm das komme? sondert die Gegenstände von einander, benennt sie; und vereinigt mit den Tönen so viele Worte, als zum Ausdrucke seines Gedankens ihm nöthig ist. Lüftchen frisch! Sonn am Berge! Bäume grün! Dieses allein ist wegen dessen, was im Herzen des Sängers ist, zum Liede genug. Wenn er nun weiter fragt: wer läßt den Thau fallen? wer bewegt die Luft? wer zündet, wenn es dunkel wird, die Lichter am Himmel an? wer bringt die Sonne wieder? Wenn er vor dem großen Unsichtbaren in den Staub sinkt, den Herrlichen bewundert, vor dem Mächtigen sich fürchtet, dem Wohlthätigen vertraut: dann entsteht ein neues Lied, seinen Gott zu loben, ihm zu danken, ihn zu versöhnen, und von ihm zu bitten. Das Lied ist, wie obiges, einfältig; aber andächtig, wahr: denn es fließt aus dem Innersten, wird Bedürfniß. Endlich sieht er ein Geschöpf, ihm gleichend, jedoch schöner als er; dessen Blick ihm wohlthut, mehr, als grüner Wald und Morgenroth und Sternenschein, das ihn mächtiger anzieht, als seine liebste Frucht, als die klarste Quelle. Das Geschöpf, indem ers haschen will, fleucht. Er verfolgt es, wie er [448] noch kein Reh, keine Gems verfolgte; wird über dem Nachjagen immer eifriger. Auch dann, wann er gesättigt ist, quält ihn heftige Begier, heftiger, als Hunger und Durst. In dem Mädchen ist nun seine ganze Welt, alles, was er fürchtet und hoft. Wie sollt' ers nicht singen? Ohne zu suchen, findet er Wort und Ton auf seinen Lippen, hervorgedrengt aus der vollen Seele. Da stellt er sich dar, sich den Liebenden, wie er ist, rauh und stark; und neben sich die Geliebte, wie er sie empfunden hat.

Jetzt, meine Damen, lassen Sie mehrere Wilde sich näher zusammenthun, aus ihren zerstreuten Hütten Ein Dorf, aus den für sich lebenden Familien Ein Volk machen. Der Geist eines jeden wird durch den andern zum bessern Daseyn geweckt, die Kenntniß ausgedehnt, die Aufmerksamkeit angestrengt, die Phantasie ermuntert, die Empfindung vervielfältigt, der Witz aufgeboten, der innere Mensch durch und durch thätiger; und da wir zu allen neuen Gedanken und Gefühlen neue Worte gebrauchen, so muß sich die Sprache nothwendig bereichern. Mit der Sprache wird auch der Gesang vollkommner. Was ehedem ein bloßer Ausruf des Einsamen war, der sei[449]ner Bewegung folgte, das soll nun in andern eben die Bewegung hervorbringen, soll rühren und gefallen. Nach und nach entstehen Wettgesänge, bis man die Töne zu messen und einzutheilen versucht, und die Worte nach ihnen abzählt. Hierdurch wird das Singen zur Kunst.

Bey allen Völkern, deren Geschichte wir haben, sind Poesie und Gesang die ersten von allen Künsten, der Anfang aller Wissenschaft gewesen. Kein Wunder! weil der rohe Mensch in seiner Einfalt mehr empfindet als weiß, und was er wissen will, durch die Sinne sich erwerben, durch das Gedächtniß erhalten muß; Gesang und Poesie aber, aus der Empfindung gezeugt, mit ihr sich beschäftigen, für die Sinne tönen und mahlen, und dem Gedächtniß zu Hülfe kommen. Um dieses völlig zu verstehen, dürfen nur meine Leserinnen auf die Kinder achten, denen man die Wilden zu vergleichen pflegt. In ihrem Alter ist lauter Genuß, angenehmes oder schmerzhaftes Gefühl. Sollen sie von etwas einen Begriff erlangen: so müssen sie das Ding sehen, hören, betasten. Können sie nicht; so zeigen wirs in Bildern; oder wir bemühen uns, in Worten es darzustellen, so lebendig, als stünd' es vor ihnen. Deswegen unterrichten wir sie durch [450] Fabeln, worinn die Lehre durch Handlung sichtbar wird, der Geist, um sich mitzutheilen, einen Cörper annimmt; insonderheit durch Fabeln in Versen, die sich geschwinder und fester ihnen eindrücken, als die gemeine Rede. Noch bemerken wir, daß sie von selbst eine kleine fröhliche Begebenheit öfter zum Liede machen; singend einander schmeicheln, oder verspotten, oder mit Anklage drohen. Aber ich kehre zu den Wilden zurück.

Diese, nachdem sie die Vorzüge des geselligen Lebens gekostet haben, machen einen Bund mit einander, zu dessen Bestätigung und Dauer ihnen Gesetze nöthig sind und eine gemeinschaftliche Religion. Die Gesetze, können sie, bis zur Erfindung der Buchstaben, nirgend aufbewahren, als im Gedächtniß, und um sich die Arbeit zu erleichtern, verfertigen sie dieselbigen wie einen Gesang, welchen sie fleißig wiederhohlen, ihre Kinder lehren, und dergestalt auf die Nachkommen fortpflanzen. Die Religion des Volks ist nicht mehr jenes einfältige, dunkle Gefühl des Höheren, Mächtigeren, der alles erleuchtet und erwärmt, in den Wolken donnert, in den Bäumen lispelt, und Dinge thut, die kein Erden-Sohn versteht, geschweige denn auszurichten vermag. Sie bil[451]den sich einen Gott; dann mehrere Götter; benennen sie: bauen Altäre, bringen Opfer, weihen Priester, und verabreden einen förmlichen Gottesdienst. Die Stifter desselben werden von den Enkeln auch in den Himmel gesetzt, und den Göttern zugethan, oder mit ihnen verwechselt. Ein jeglicher hat sein eigenes Amt, eignes Opfer, und besonders Mährchen. Was für ein Anlaß zu Gesängen! Die Menschen erzeigen den Göttern das, was ihnen selber Freude macht; sie tanzen und singen um deren Altar.

So wie die Mädchen weniger flüchtig, und gefälliger; die Jünglinge weniger ungestüm, und achtsamer auf Schönheit werden, so muß die Liebe mehr zum Singen begeistern. Hierzu kömmt, daß, um Ordnung zu erhalten, und den für die Gesellschaft so wichtigen Verbindungen größern Werth, eine gewisse Heiligkeit zu geben, man die Hochzeiten feyerlich begeht. Daher die Braut-Lieder. Und eben daher, wenn der Tod solche Verbindung auflöst, die Klagelieder bey den Begräbnissen.

Das Haupt-Geschäft aller Wilden ist Krieg; die vornehmste von ihren Tugenden, Tapferkeit. Diese wünscht jede Mutter dem Säug[452]ling einzuflößen; an diese gewöhnt sie den Knaben, dem sie Waffen zum Spielwerk giebt; und jede Tochter lernt, den Muthigen allein ihres Kusses würdig schätzen. Wodurch aber können sie den Helden-Geist besser anfeuren, als durch Gesang, voll Liebe des Vaterlandes, voll Verachtung des Todes, Lob des Siegers und Schmähung der Feinde? Zugleich erzählt ein solcher Gesang die Thaten des Volks den Kindern und Kindes Kindern; wie denn ihre ganze Geschichte, mit dem Gesetz-Buch in Liedern sich forterben muß.

Wir dürfen nur unter uns einen ehrlichen Landmann hören, wenn er über Handlungen von seines gleichen sich ausdrückt, um uns einen Begriff zu machen, wie der gemeine Menschen-Verstand Recht und Unrecht erkennt. Da finden wir nicht die mannichfaltigen Stufen, Unterscheidungen, Ausflüchte, nicht die feinen Grenz-Linien, so fein, daß sie oft erlöschen, und Gutes und Böses zusammenfließt. Jegliches Ding ist gut oder bös, eins vom andern hart abgeschnitten. Darum wird der Landmann, der ohnehin durch falsche Höflichkeit nicht geschmeidig oder schlaff geworden, in seiner starren Seele von dem, was ihm vorkömmt, wahrhafter und inniger gerührt, an[453]gezogen, oder weggestoßen; und da er sich gewöhnt hat, jegliches bey seinem Nahmen zu nennen; so ist er augenblicklich zu vollem Beyfall oder zu vollem Tadel bereit. Ein gleicher Drang ist im Wilden. Er liebt oder verabscheut mit seiner ganzen Seele; muß es sagen und singen; macht Lob- und Spottlieder.

Noch haben wir obigen Gattungen die Sitten- und Tisch Lieder beyzufügen; erstere, wodurch die guten Haus-Väter sich selbst und ihren Kindern gewisse Lebens-Regeln ins Herz schreiben, und sie, wie ein nützliches Büchlein, den Enkeln hinterlassen; letztere, bey Gastgeboten angestimmt, wenn einer dem andern die gefüllte Schaale reicht, und ihn zum Trinken und zur Fröhlichkeit ermahnt.

In allen diesen Gesängen ist zwar Kunst; aber solche, die bloß der Natur zu Hülfe kömmt. Auch werden sie nicht um der Kunst willen gedichtet; sondern von würklichen Umständen veranlaßt, von der Empfindung eingegeben; sind lauter Wahrheit, Stimme des Herzens, Bedürniß. Die Gedanken ungesucht; die Bilder nicht aufgespürt; jedes aus der Nähe gegriffen, wie es von selber sich herzudrängt; so viele Worte nur, als die Darstellung des Ge[454]dankens begehrt; und so geordnet, wie sie den gewissesten, stärksten Eindruck machen, das Sylbenmaaß nebst der Melodie zu eben dem Zwecke sich vereinigend, voll des Lebens, das in der Seele des Sängers ist, Zusammenklang mit dessen Gefühlen, gleich den Veränderungen des Tons in der gewöhnlichen Rede.

Wenn irgend einer in Gesang und Poesie der Wilden tief eingedrungen, so ist es der Verfasser einiger fliegenden Blätter von deutscher Art und Kunst, die aber nur für Männer geschrieben sind. Unter andern sagt er von den Liedern jener Völker: "Sie weben um daseyende Gegenstände, Handlungen, Begebenheiten, um eine lebendige Welt. Wie reich und vielfach sind da nun Umstände, gegenwärtige Züge, Theil-Vorfälle! Und alle hat das Auge gesehen! die Seele stellet sie sich vor. Das setzt Sprünge und Würfe! Es ist kein anderer Zusammenhang unter den Theilen des Gesanges, als unter den Bäumen und Gebüschen im Walde, unter den Felsen und Grotten in der Einöde, als unter den Scenen der Begebenheit selbst. Wenn der Grönländer von seinem Seehund-Fang erzählt: so redet er nicht, sondern mahlet mit Worten und Bewegungen, jeden Umstand jede Bewegung: [455] denn alle sind Theile vom Bilde in seiner Seele. Wenn er also auch seinem Verstorbenen das Leichen-Lob und die Todten-Klage hält; er lobt, er klagt nicht: er mahlt, und das Leben des Verstorbnen selbst mit allen Würfen der Einbildung herbeygerissen, muß reden und bejammern." Was etwa in dieser Stelle den weniger geübten Leserinnen nicht vollkommen deutlich seyn möchte, das wird folgendes Beyspiel ihnen erklären. Es ist ein Grönländisches Trauerlied." Alle Grabbegleiter und Freunde des Verstorbnen sitzen im Trauerhause, den Kopf zwischen die Hände, die Arme aufs Knie gestützt: die Weiber auf dem Angesicht, schluchzen und weinen in der Stille; und der Vater, Sohn oder nächste Verwandte fängt mit heulender Stimme an:

"Wehe mir, daß ich deinen Sitz ansehen soll, der nun leer ist! deine Mutter bemühet sich vergebens, dir die Kleider zu trocknen!

Siehe! meine Freude ist ins Finstre gegangen, und in den Berg verkrochen.

Ehedem gieng ich des Abends aus, und freute mich: Ich streckte meine Augen aus, und wartete auf dein Kommen.

Siehe! du kamst! du kamst muthig angerudert mit Jungen und Alten.

[456] Du kamst nie leer von der See: dein Kaiack war stets mit Seehunden oder Vögeln beladen.

Deine Mutter machte Feuer und kochte. Von dem Gekochten, das du erworben hattest, ließ deine Mutter den übrigen Leuten vorlegen, und ich nahm mir auch ein Stück.

Du sahest der Schaluppe rothen Wimpel von weitem, und ruftest: da kommt Lars (der Kaufmann).

Du liefst an den Strand und hieltst das Vordertheil der Schaluppe.

Dann brachtest du deine Seehunde hervor, von welchen deine Mutter den Speck abnahm, und dafür bekamst du Hemde und Pfeileisen.

Aber das ist nun aus. Wenn ich an dich denke, so brauset mein Eingeweide.

O daß ich weinen könnte, wie ihr andern: so könnte ich doch meinen Schmerz lindern.

Was soll ich mir wünschen? Der Tod ist mir nun selbst annehmlich worden, aber wer soll mein Weib und meine übrigen kleinen Kinder versorgen?

Ich will noch eine Zeitlang leben: aber meine Freude soll seyn, in Enthaltung dessen, was den Menschen sonst so lieb ist."

[457] Welch ein Gesang! wie einfältig wahr alles darinn! wie anschauend! durch Aug' und Ohr geht es unmittelbar ins Herz. Man sieht die leere Stelle des Geliebten, der gewesen, und nicht mehr ist; auf ihr die Blicke des Vaters; und die Mutter, ihres süßen Geschäfts beraubt, seine Kleider zu trocknen. So gar der Seelen-Zustand des Vaters, wie sinnlich! Seine Freude ist weg, ganz weg; sie gleicht einem Menschen, wenn es Nacht um ihn geworden, oder ein Berg ihn umschließt...... Ehemals hatt' er Freude genug. Er am Ufer; der Sohn herankommend..... Aber für wen deut' ich es? Wer ohne mich es nicht fühlt, der wirds nimmer fühlen.

Noch aus eben der Schrift ein Liebes-Lied von einem Lappländer!

"O Sonne, dein hellester Schimmer beglänze den Orra-See!
Ich würde den Fichtengipfel ersteigen, könnt ich schauen den Orra-See!
Ich würd' ihn ersteigen, den Gipfel, meine Blumen-Freundinn zu sehn!
Ich würd' ihn bescheeren, ihm alle Zweige, seine grünen Zweige stümmeln –
Hätt' ich Flügel, zu dir zu fliegen, Flügel der Krähen,
[458] Dem Laufe der Wolken folgt' ich, ziehend zum Orra-See!
Aber mir mangeln die Flügel! Enteflügel! Füße der Ente!
Rudernde Füße der Gänse, die mich zu dir bringen!
O du hast lange gewartet, so viel Tage! schöne Tage!
Du mit erquickenden Augen, mit deinem freundlichen Herzen! –
Was ist stärker, als Flechte-Sehnen, als eiserne, mächtige Ketten?
So fesselt uns die Liebe, die Umschafferinn Sinns und Willens:
Denn der Wille des liebenden Jünglings ist Windesgang,
Die Gedanken des Liebenden lange Gedanken!
Folgt' ich ihnen allen, ich irrte vom rechten Weg' ab.
Drum bleibt mir Ein Entschluß, die sichre Bahn zu gehn!"

"Wie natürlich: setzt der Verfasser jener Blätter hin: wie sehnlich sinnet der junge begehrende Lappländer, dem sein Weg zu lang wird, dem alles, was er sieht, Sonne und Wipfel und Wolke und Krähe und Ruderfüße, sich zum Orra-See auf sein Mädchen bezie[459]hen muß! der auf die Schnelle und Langsamkeit seines Weges, auf sein Hineilen der Seele, auf seine vorwandernden Gedanken, auf seine Lust, Richtsteige zu suchen, wie natürlich, wie sehnlich zurückkommt!" –

Noch wohnen unsre Wilden, zwar vereinigt, aber nur in Hütten oder Zelten, haben kein Bollwerk, als ihren Arm, ihren Bogen, Spieß und Schild. Mit der Zeit werden sie Mauern und Thürme bauen, in Städte ziehen, größre Kriege führen, und andre Völker sich unterwürfig machen. Dann lernen sie deren Künste zu den ihrigen, studieren ihre Weisheit, und erfinden Buchstaben. Zwischen den Mauren und Thürmen erweitern sich die Tempel, vervielfältigen sich die Gebräuche des Gottesdienstes; mit der Zunahme der Menschen dehnen die Gesetze sich aus; mit der Kriegs-Beute vermehren sich die Bedürfnisse; die Erfindung der Buchstaben veranlaßt den Geist, auf seine Werke genauer zu achten, sie zu verbessern, in neue Regeln sie einzuschränken. Die einzelnen Sprüche: wie man gut und glücklich leben soll, erwachsen zu einer vollständigen Sittenlehre. Das Volk ist weniger einfältig. Es schwächt durch den Genuß erkünstelter Vergnügen den Sinn für die Reize der rohen Natur; es denkt [460] und grübelt beynahe so viel als es empfindet und handelt; und dichtet, was nicht da ist. Welche Veränderung in seinen Liedern! Jedoch bleiben ihm merkliche Spuren von der natürlichen Einfalt der Väter; denn oft wählt es seinen König unter den Hirten, und hohlt dem Ueberwinder aus dem nächsten Busch' einen Kranz. In ihren Gesängen grünen die Bäume, worunter sie lagen, wehen die Lüfte, von welchen sie erfrischt wurden. So ist ihnen der fromme, gerechte Mann, wie ein Baum gepflanzet an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelcken nicht. Ihr Gott ist der, welcher für alles lebendige unter dem Himmel sorgt. Wie Schaafe seiner Hand, weidet er sie auf einer grünen Aue, und führt sie zum frischen Wasser. Ihre zärtlichen Lieder sind mit gleichen Bildern belebt.

"Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundinn unter den Töchtern"

"Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen"

"Wer ist, die hervorbricht, wie die Morgenröthe, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne?"

"Mein Freund ist mein, und ich bin sein, der unter den Rosen weidet, bis der Tag kühle [461] werde, und der Schatten weiche. Kehre um, werde wie ein Reh, mein Freund, oder wie ein junger Hirsch auf den Scheide-Bergen."

Wenn meine Leserinnen mit den obigen Liedern diese Stücke zusammen halten; so finden sie schon in den letzteren mehr gedichtetes. Nicht Gesang auf grünen Auen, unter den Rosen, unter dem Apfelbaum; sondern alles hat die Phantasie zu Gleichnissen herbeygerufen, zum schönen Ganzen geordnet.

Endlich kömmt jenes Volk auf den höchsten Grad seiner Verfeinerung; aber zugleich wird es üppig, entnervt. Es betrachtet mehr als es thut; empfindet wenig und schwach. Obgleich einige brave Männer noch unter ihm auftreten, wie Hagedorn, den Frühling, wie Gleim, die Helden seines Zeit-Alters zu besingen, voll würklichen Feuers, voll des Anschauens der reinen Natur; so wird dennoch der Gesang der mehrsten bloße Kunst. Sie preisen die Morgenröthe, die sie nur selten in ihrem Leben sahen, die Quelle, woraus sie nicht trinken, die Luft, die nur beym Spatzieren-Gehen sie anfächelt. Im Lobe Gottes nicht das Säuseln seiner Gegenwart, das im Morgenwinde bey Sonnen-Aufgang den Waldbewohner durchschauert! der Liebes-Gesang, [462] kränkelnde Zärtlichkeit; der Strafgesang, kleine Spötteley; Aufmunterung zur Tugend, kalte Moral. Nachahmer lernen von Nachahmern; der Charakter des Volks ist im Liede nicht mehr zu erkennen; man singt nicht, sondern macht Verse – die Vögel sind insgesammt abgerichtet nach Einer Dreh-Orgel.

 

Meine Leserinnen würden mir Unrecht thun, wenn sie mich zu denenjenigen zählten, welche bey jeder Gelegenheit bedauren, daß sie nicht zwischen Klapper-Schlangen, Löwen und Tyger, unter dem ersten besten Baum in der Wildniß gebohren sind. Ich glaube vielmehr, daß wir es in unserm jetzigen Zustand auch gut haben. Zärtliches Mitleiden; süße Wehmut; die Wonne des Kusses, wenn der Liebhaber die Seele des Mädchens auf ihren Lippen sucht; alle die Thränen, alle die leiseren Schauder, womit Herzen sich trennen und wiederfinden; Sicherheit, wenn wir der Ruhe bedürfen; und die kleineren Gefälligkeiten des Lebens; die Bemerkung vieler Schönheiten der Natur, die einen feinern Sinn erfordern; die Beschäftigung der Wißbegierde; sogar ein Theil unsrer Schwärmereyen an Frühlings-Morgen oder in Sommer-Nächten – alles dieses, wenn [669] wir in unsren Städten gen Himmel sehen, ist dankens werth; und das empfindet und genießt der Wilde nicht. Auch hielt ichs für Thorheit, von dem gesitteten Mann in seinem Cabinett' eben das Lied zu verlangen, mit welchem der Ostindier aus seiner Hänge-Matte steigt. Jeder Sänger muß das Gefühl ausdrücken, das ihm eigen ist, und für das Volk dichten, worunter er lebt; sonst verläugnet er die Wahrheit, und niemand wird sein Lied wiederhohlen. – Wenn aber erst ein Schwarm von Jünglingen auftritt, der kein eignes Gefühl hat, ohne würklichen Beyfall lobt, ohne würklichen Unwillen tadelt, der, mit Versetzung weniger Noten, den Gesang der Meister nachtrillert; dann warlich ist es um die Poesie des Volks gethan.

Bis dahin unterscheidet sich immer ein gesittetes Volk in seinen Gesängen vom andern. Solchen Unterschied verursacht der Boden, worauf es geht, der Himmel über ihm; seine bergigten oder flachen Gegenden; die Gewässer, woran es gränzt (*); insonderheit aber [670] seine und seiner Nachbarn Religion, Gesetze, Gebräuche, Sitten, Gewerbe und ganze Lebens-Art. Je nachdem nun dasselbe Land und dasselbe Volk entweder verwildert, oder sich anbaut und besser wird; je nachdem kann der Ton seiner Lieder mit den Jahren sich verändern, und es selber sich ungleich werden.

So ist die Lieder-Poesie bey den Morgenländern Bilderreich, lebendig, kühn, hohen Schwunges; bey den Griechen, edel in Einfalt, anmuthig, lauter schöne Natur; bey den Römern, Nachahmung der Griechen, weniger einfältig, die Kunst darinn sichtbarer; bey [671] den neueren Griechen ist gesuchter Zierrath, Ueberfluß an Worten; bey den Italienern, lebhafte, blumichte Phantasie, die oft in ihren Spielen sich vergißt, und der Empfindung schadet; Zärtlichkeit, welche leicht in weiches Wesen zerschmelzt. Die Spanier wetteifern mit den Italienern, treiben das Spiel ihrer Phantasie noch weiter, häufen gemeiniglich Blumen auf Blumen, wollen die Empfindung verstärken, und fallen darüber nicht selten ins Abendtheuerliche. Den Franzosen gestattet ihre Sprache, seit deren Verfeinerung und genauern Bestimmung, nicht den kurzen Ausdruck, noch die kühnen Wendungen, die zur Vollkommenheit des höheren Gesangs erfordert werden; ihre übrigen Lieder sind fein, leicht, und fröhlich. Nichts ungekünstelter, wahrer, wärmer, und kräftiger, als viele von den alten Gesängen der Engeländer! Ihre späteren Lieder sind voll des ihnen angebohrnen Ernstes, und wiederum der ihnen angebohrnen Laune, stark in jenem und in dieser; oft zu sehr von Gedanken gedrängt, zu sehr mit Figuren und Beywörtern angefüllt. Wir Deutschen waren männlich, tapfer, einfach, offen und treu in That und Gesang – möge der Geist unsrer Väter nicht von uns weichen! Nicht von Ihnen, meinen Damen, der Geist [672] Ihrer Mütter! Damit das ehrliche deutsche Lied mit dem ehrlichen deutschen Kuße niemahls verlohren gehe!

Nach dem was ich von der Verschiedenheit des Liedes bey verschiednen Völkern überhaupt gesagt habe, wird es meinen Leserinnen nicht unangenehm seyn, wenn ich Ihnen solche Verschiedenheit durch Beyspiele zu bestätigen und fühlbar zu machen suche; besonders durch Beyspiele aus den Alten, von deren Schriften allzuwenig in Ihre Hände kömmt.

In Absicht des Morgenländischen Gesangs darf ich nur auf unsre heiligen Bücher, auf die Psalmen, Weißagungen der Propheten, und auf andre darinn vorkommende Stücke dieser Art sie verweisen. Von den Griechen führ ich zween Dichter an, den Pindar und Anakreon; jener sang Helden, und dieser Liebe. (*) Jenes Helden waren die Sieger in den Olympischen Spielen, welche Spiele im Ringen, Wettrennen u.s.w. bestanden. Wer in denselben vor den Augen der versammelten Nation den Preis erwarb, der machte nicht allein sich berühmt, sondern sein ganzes Geschlecht, Vorfahren und Nachkommen, so[673]gar die Stadt, worinn er Bürger war. Man unterhielt ihn auf öffentliche Unkosten; ihm wurd' eine Bildsäule und ein prächtiges Grabmahl errichtet. Pindar sang also Lieder, an welchen das ganze Griechenland Theil nahm: In diesem Bewußtseyn welche Begeisterung! Auch erhob er sich zum höchsten Gefühl seiner Kunst. Er selber redet so die goldne Cyther an:

"Goldne Cyther! würdiges Eigenthum des Apollo und der schwarzhärigten Musen! – Du löschest aus das ewige Feuer des spitzigen Donnerkeils. Auf Jupiters Zepter schläft der Adler, indem er den schnellen Fittig auf beyden Seiten herabsinken läßt; er, der König der Vögel! Du aber schüttest finstern Nebel über sein krumm geschnäbeltes Haupt, und schließest ihm sanft die Augenlieder zu. Da wölbt er im tiefen Schlafe den sträubigen (*) Rücken, durch deine fliegenden Töne gefesselt."

[674] Ein würklich großes Bild! der Adler neben dem Thron des obersten der Götter, dessen Gefährter im Streit gegen die Himmelsstürmer; immer wachsam, nimmer gezähmt, in seinen Krallen der Donnerkeil, das Schrecken der Welt! Da klingt die Cyther: das ewige Feuer erlischt; und der Adler schlummert auf dem Zepter des Allbeherrschers.

Aehnliche Bilder sind in diesem Dichter genug, aber dermaßen in seine Oden verwebt, daß es schwer fallen würde, sie einzeln herauszureißen. Mit ganzen Pindarischen Oden möcht' ich meine Leserinnen nicht belästigen, weil die kühnen Absprünge darinn, und noch mehr die häufigen Anspielungen auf besondre Personen, Oerter, Meynungen und Sitten der damahligen Zeit den Gelehrten selber Mühe verursachen. Welch eine Menge von Anmerkungen müßt' ich darunter setzen! welche Dame würde sie lesen? Nicht einmal wag' ichs, die Ode ganz Ihnen zu verdeutschen, die den Grazien gewidmet ist, den höheren Griechischen, von welchen der Dichter rühmt:

"Durch Euch kömmt alles Angenehme und Süße den Sterblichen: wenn ein weiser, wenn ein schöner, wenn ein vortreflicher Mann un[675]ter ihnen aufsteht. Auch die Götter halten ohne die ehrwürdigen Grazien nicht ihre Tänze, nicht ihre Gastmahle. Sie, die alles im Himmel austheilen und anordnen, haben jede ihren Thron neben dem Goldgewaffneten Apoll, und dienen der unvergänglichen Ehre des Olympischen Vaters."

Pindar theilte den Ruhm derer Sieger, die er besang, und diese betrachteten ihn, wie den einzigen, der bey der späteren Welt ihr Andenken erhalten könnte. Nach seinem Tode waren die Griechen stolz auf ihn, und die Römer nannten ihn den Unnachahmbaren. Als Alexander Theben, die Geburts-Stadt von Pindar, zerstöhrte, ließ er das Haus dieses Dichters verschont. Und ietzt ist von den Olympischen Spielen, von denen Oertern, wo sie gefeyert wurden, von den Geschlechtern der Ueberwinder nichts übrig, als der Geist des Sängers, welchem sie Gelegenheit gaben sich zu verewigen.

Mit Recht haben die Alten den Pindar einem von hohen Klippen herabstürzenden, brausenden Strom verglichen. Den zweeten Dichter, dessen ich erwähnte, Anakreon, möcht' ich einem rieselnden Bache vergleichen [676] worinn die Blumen des Ufers, mit Früchten vermengt, nebst dem blauen Himmel sich spiegeln, woraus die Hirtinn nach ihrem Tanz, und der Schnitter nach seiner Arbeit mit gleicher Wollust schöpfen, wo sie die Blumen am Rande pflücken, der Früchte genießen, und vergnügt von dannen gehen. Meine Leserinnen werden nach folgenden Uebersetzungen die Richtigkeit dieses Gleichnisses beurtheilen. Die Uebersetzungen sind getreu, und ein Geschenk meines Freundes Gleim, welcher längst von den besten Kennern unsrer Nation den Nahmen des deutschen Anakreons erhielt.

 


 

          [677] I.

"Die Natur gab Stieren Hörner,
Pferden Hufe, Haasen Läufte,
Fischen Schuppen, und dem Löwen
Einen zähnevollen Rachen;
Und dem Mann, den Muth zu streiten:
Was dem Weibe? nur die Schönheit!
Denn die Schönheit ist dem Weibe
Schild und Lanze. Mit der Schönheit
Ueberwindets seine Feinde."

 

          II.

"Amors Nachtbesuch.

Zur Zeit der Mitternacht,
Wann an Bootes (*) Hand
[678] Der Bär (*) gehorsam geht,
Und müde von der Last
Des Tags, die Menschen ruhn,
Zur Zeit der Mitternacht
Kam Amor vor mein Haus,
Und schlug mit aller Macht
Den Klopfer meiner Thür.
Was für ein Lärm? fragt' ich:
Wer ists? Wer störet mich
In meinem süßen Traum?
Mach' auf, befürchte nichts,
Sprach er, ich bin ein Kind,
Verirrt in dunkler Nacht
Bin ich, und kalt, und naß.

Ich hört' es alles, lief,
Schlug Feuer, macht ihm auf:
Ein Kind mit Flügeln trat
Zu mir herein, verklommt, (**)
Auf seinen Schultern hing
Ein goldner Köcher, und
[679] Ein schlaffer Bogen lag
In seiner kleinen Hand.

Komm mit, sagt ich, und nahms,
Und führts an meiner Hand
Zu meinem Heerd', drückt ihm
Die Regentropfen aus,
Aus seinem goldnen Haar
Und machte seine Hand
In meinen Händen warm.

Dann wieder aufgelebt,
Sprachs: o verdorben ist
Mein Bogen und mein Pfeil.
Laß sehen, sprachs und schoß
Mir mitten in das Herz.
Und hüpfte; lieber, sprachs,
O freue dich mit mir!
Mein Bogen ist noch gut:
Du hasts ja doch gefühlt?"

 


 

          III.

[680] "Der Dichter und das Täubchen. (*)

        Der Dichter.

    Liebes Täubchen, wo,
Wo denn kommst du her?
Wo denn her, gesalbt,
Daß du schwebend mir
Balsam duftest? Wer,
Täubchen ist dein Herr?
Hast du ein Geschäft?

        Die Taube.

Vom Anacreon
Werd' ich abgeschickt
Vom Bathyll, der itzt
Sein Geliebter ist,
Und gewaltig herrscht.
[681] Dem Anacreon
Gab Cythere mich
Für ein kleines Lied,
Und seit dem bin ich
Seine Dienerin,
Trag' ihm, wie du siehst,
Seine Briefe ietzt.
Täubchen, sprach er iüngst,
Bald geb' ich dich frey.
Frey seyn will ich nicht;
Immerhin bleib ich
Bey Anacreon.
Flög ich frey umher
Ueber Berg und Thal,
Ueber Busch und Feld,
Säß auf Bäumen dort
Und verzehrte frey
Mein gesuchtes Brodt;
Hätt ich was davon?
O, bey meinem Herrn
Leid' ich keine Noth!
Meinem lieben Herrn
Rupf' ichs aus der Hand;
[682] Reichlich giebt er mir
Selbst von seinem Wein,
Trinkt ihn oft mir zu;
Trunken tanz' ich dann,
Schwebe schattend dicht
Ueber meinem Herrn,
Schlummre, wann er dann
Seine Leyer spielt,
Ach, so süß auf ihr!
Sieh, da hast du's nun,
O du böser Mann!
Kann geschwätziger
Eine Krähe seyn?"

 


 

          [683] IV.

"Einst brachten die Musen
Den Amor, gebunden
Mit Blumen, der Schönheit;
Und eilend gieng Venus,
Mit Gold in den Händen,
Und wollt ihn befreyen.
Gern aber war Amor
Gefangen; er hatte
Schon dienen gelernt."

Den Gedanken dieses letzten Stücks hat mein Freund auch nach seiner eignen Weise bearbeitet, und kleine Umstände hinzugedichtet. Weil es angenehm ist, wenn zween Meister, deren Genies einander ähnlich sind, denselben Gegenstand, ein jeder nach seiner Manier, behandeln, zwischen beyden eine Vergleichung anzustellen; so füg' ich die Gleimische Nachahmung der Uebersetzung bey.

 

[684] "Die Musen bekamen
Den Amor, der sich
Der Mutter entschlich,
Gefangen, und nahmen
Von Blumen im Hain
Die vestesten Ketten,
Und legten ihn drein,
Und sagten ihm Spott,
Und sagten, sie hätten
Den bösesten Gott.
Die Mutter in Sorgen:
Weswegen ihr Sohn,
Am heitersten Morgen,
Der Mutter entflohn?
Trat unter die Musen
Mit ängstlichem Busen,
Und brachte viel Gold,
Und wollte den Bösen
Gefangnen erlösen,
Hätt' er es gewollt.
Die Musen befragten
Einander, und sagten:
Er wäre doch schön!
[685] Und banden den Losen
Noch vester mit Rosen,
Und hießen ihn gehn.
Und als sich mit Minen
Des Zornes von Ihnen
Die Mutter entfernt,
Da sagte der Knabe:
Frau Mutter ich habe
Schon dienen gelernt!"

 

Bey den Griechen war ein Hang zu allem Schönen mit dem feinsten Gefühl desselben vereinigt. Sie bewunderten und liebten in der Bildsäule den Jupiter, welchem ein Künstler alle die Gottheit gegeben hatte, womit ein Dichter ihn sein Ambrosisches Haupthaar bewegen, und den weiten Olymp erschüttern läßt. Sie bewunderten und liebten auch den auf einen Becher geschnitzten kleinen artigen Faun im Cranze von Epheu. Ueberdem wünschten sie, den Weg durchs Leben sich zu erleichtern; setzten ihre Würde nicht in unbedeutende Gravität; machten wenig Gebrauch von der Kunst, dem alltäglichen ein feyerliches Ansehen zu verschaffen; sondern bemühten sich um die bessere Kunst, hohe Wahrheiten zum gemeinen Menschen-Verstand herabzu[686]bringen, und demselben anschaulich darzustellen. Das Einfältige, Klare wurde nicht dunkel und räthselhaft; sondern Geheimnisse wurden klar und einfältig. Man lächelte, wo man lächeln durfte. Keine Stärke, wo nicht Stärke nöthig war! Kinder spotteten niemals bey ihrem Kinder-Spiel über ein scherzhaftes Lied; aber Männer, die zum nähern Umgang mit den Göttern sich vorbereiteten, oder solche, die fürs Vaterland stritten, erhohlten sich unter den scherzhaften Musen, und sahen dem Spiel der Nymphen und Amouretten zu. Darum hieß Anakreon den Griechen ein Weiser. In dem ersten und letzten der oben angeführten Stücke von ihm tragen uns wenige Verse zwo Wahrheiten vor, welche den Philosophen auf die würdigste Art beschäftigen können, und jedem andern sinnlich werden. Auf der ersten Wahrheit beruht fast die ganze Würksamkeit, alles Leben in unsrer Welt. Stärkeres, und schwächeres, Angriff und Vertheidigung, durch Widerstand, List, oder Flucht! Der Starke hat Waffen, der Schwache Behendigkeit; iedes etwas, das ihm einige Sicherheit gewährt. Unter den edleren Geschöpfen bekam der Mann wider seine Feinde Muth; das Weib bekam Schönheit, eben so mächtig, als Männer-Muth, wenn [687] Schaam und Zärtlichkeit sie begleiten: und hierinn liegt das ganze große Verhältniß beyder Geschlechter unter den Menschen. Die zwote Wahrheit ist: Schönheit macht die Liebe sich unterthan. Diese flattert im geflügelten Knaben mit Bogen und Köcher umher, wird gefangen, gebunden, nur mit Blumenketten von den Göttinnen des Gesangs; und bald sind auch die leichtesten Fesseln nicht mehr nöthig; das Löse-Geld wird umsonst geboten; Liebe will da bleiben, wo dienen zur Lust gereicht: denn Amor hat die Schönheit zur Wächterinn.

Was für ein anmuthiges Bild, mit ein Paar Strichen dahin geworfen; und welche Weisheit in demselben! Ueber Amors Nachtbesuch und über das Täubchen kann ich denenienigen nichts sagen, denen bey Lesung dieser Stücke nicht im Herzen wohl geworden ist. Freylich beweist das Eine so wenig als das andre, läßt sich auch kein Sittenspruch herausziehen; aber sollt' es nicht Verdienst seyn, in den groben Wollüstling ein geistigeres Vergnügen hinein zu zaubern; in rohen Seelen die Ahndung eines zarteren Gefühls zu bewürken; oder nur dem Mühseeligen durch ein lachendes Bild einen frohen Augenblick zu schaffen? Es ist warlich im menschlichen Leben des Ernstes [688] genug; überall sind Dornen und Disteln: Wohl dem gutherzigen Manne, welcher hier und dort einen Rosenbusch in die Wüste pflanzt!

Meine Leserinnen verzeihen mir diese Ausschweifung über einen Dichter, dessen Gesänge vorzüglich Ihrem Geschlechte gehören, weil die Liebe sie von den Huldgöttinnen empfieng, um der Schönheit sich gefällig zu machen. Sie werden in dem, was ich davon mittheilte, das Anwehen jener Göttinnen verspüren; und wahrer und inniger als die mehrsten Kunstrichter empfinden, wie lappische Tändeley mit Amor und Grazien von dem Scherze sich unterscheidet, der einem Weisen geziemt, von den zärtlichen Spielen Anakreons.

Die neueren Griechen haben, nach den Erzählungen der Reise-Beschreiber, sehr etwas Dichterisches in ihren Gesprächen, so bald sich einige Leidenschaft hineinmischt. Auch singen sie des Nachts unter den Fenstern ihrer Geliebten; aber von der schönen Einfalt der Vorfahren sind sie weit entfernt. Es mögen folgende Proben zum Beweise dienen. Beyde Lieder sind in denen Gegenden gedichtet, wo ehemals das reinste, süßeste Gefühl der Natur die Leyer stimmte. Das Türkische füg' ich der Seltenheit wegen bey, überzeugt, daß mir es manche Dame verdanken wird.

 

                        [689] Griechisches Lied.

"Ich kämpfe mit lauter Unglück: in Schmerzen versenkt bis an die Kehle
Bin ich, und schwebe in Gefahr, und nahe bin ich dem Untergange,
In diesem Ocean der Trübsale, mit diesem gebrechlichen Nachen,
Bey diesen ungestümen und widrigen Winden, welche den Garaus drohn,
Bey diesen Fluthen und Blitzen, welche mich seufzen machen.
Das Meer ist aufgeschwollen, überaus wild,
Schäumt und athmet häufige Sturmfische (*) hervor.
[690] Die Wolken sind finster und schmelzen in einander.
Ich arbeite, daß meine Hülfe erscheine, daß meine Augen Land sehen,
Daß ich süßes Wasser finde; und ich weiß nicht,
Wo ich Anker werfe, und kann es nicht, weil ich keinen Hafen sehe.
Mit Verzweiflung laufe ich in diese Seegel, welche ich umfasse,
Um mit ihnen vielleicht ins Meer gestürzt zu ersticken, oder glücklich
      zu entkommen.
Wenn diese mich tragen, können sie mich erretten."

 


 

                        [691] Türkischer Gesang.

"Wenn die Schönheit, die ich liebe, mich verlassen hat, so tröste ich mich darüber in der Hofnung, daß ich bald finden werde, die Augen der Gazelle auf mich zu ziehen.

Wenn die Ungetreue, indem sie mich verläßt, mein Herz entführet, werde ich nicht eine andere Gebieterinn mit Wangen von Rosen, und mit Zähnen von Perlen finden?

Weg aller Verdruß! Es lebe Konstantinopel, wo ich bald einen schönen alabasternen Hals mit Maalen von Mauritanien entdecken werde. (*)

Trotz dieser Entschließungen bringe ich die Nächte hin, ohne die Augen zu schließen, noch den mindesten Schlaf zu schmecken. Undank[692]bare, warum gewährst du mir nicht ein bloßes Lächeln?

Wenn ich dein Sclav geworden bin, warum willst du mich tödten? Siehst du nicht, daß es mir unmöglich ist, deiner Grausamkeit zu widerstehen?

Abdy (*) wird gezwungen werden, seine Klagen vor den Monarchen zu bringen. Du kennest das Sprichwort, welches saget, daß sich ein Weiser finden müße, um den Frieden zwischen zween Thoren zu machen, die sich nicht vertragen können. (**)

 


 

Welch ein Gebrause von Worten! welche Ueppigkeit in den Figuren! Wie der edle stille Geist der Alten so gänzlich dahin!

Mehr von dem alt-griechischen Geiste finden wir unter den Römern, welche nach ihm sich bildeten; iedoch fühlt man die Nachahmung. Es ist nicht unmittelbarer Hauch, nicht angebohrnes Leben, inwohnende Kraft. [693] So einfältig, wie sein Urbild, war ihr Gesang nimmer, und dieserwegen scheinen sie auch die Griechen nicht beneidet zu haben. Eher rechneten sie das ausschmücken sich zum Lobe. Was sie an ienen beneideten, war höherer Schwung, stäkeres Feuer, größre Weichheit und Lieblichkeit. Aus dem Horaz, ihrem vornehmsten Liederdichter, will ich ein Stück, das meine Leserinnen sonder Anmerkungen verstehen, so getreu als möglich übersetzen:

"Wer unschuldig im Leben und rein von Lastern ist, der bedarf nicht des Wurfspießes der Mauren, noch ihres Bogens, noch ihres Köchers von giftigen Pfeilen schwer;

Ob er durch brennende Sandwüsten reist, oder über den unwirthbaren Caucasus, oder in welcher Gegend der fabelhafte Hydaspes das Ufer bespühlt.

Denn im Sabiner-Walde, wo ich meine Lalage besing, und Sorgenfrey über die Grenze hinausgehe, flieht ein Wolf vor mir Unbewafneten;

Solch ein Ungeheuer, wie nicht das kriegerische Daunia nährt in den weiten Eichenwäldern, noch das Reich des Juba gebiert, der Löwen dürre Pflegerinn.

Bringe mich hin, wo keinen Baum auf erstorbnen Feldern die Sommerluft belebt, an [694] die Seite der Welt, die beständiger Nebel und ein feindlicher Himmel drückt.

Bringe mich unter den Wagen der Sonne, wo sie am nächsten ist, in das Land, das keinen Bewohner duldet; ich will Lalage lieben, sie, mit dem süßen Lächeln, mit der süßen Rede."

Von Italienischen Liedern wag' ich nicht, meinen Leserinnen Eins zu verdeutschen. Petrarchs Manier können Sie aus verschiednen Uebersetzungen ersehen; und der leichtere Gesang der Italiener verlöhr, mit dem musikalischen Ton seiner Sprache, mit dem Fall seines Verses, mit gewissen, keiner andern Nation vergönnten zärtlichen Ausdrücken und spielenden Verkleinerungs-Wörtern, allzuviel. In deutscher Prosa behielt er nichts von seiner Anmuth, und der Uebersetzer in Versen müßte zu große Freyheit sich nehmen: Da fände man nichts mehr vom eigenthümlichen Charakter des Originals. Ich will dasjenige nur, was ich vom Unterschiede zwischen den Italienern und Spaniern behaupte, durch ein Beyspiel aus einem Spanischen Dichter, und zwar aus einem der berühmtesten, bekräftigen.

Die Italiener machen sich viel mit den Thränen ihrer Mädchen zu schaffen, und vergleichen sie mit Perlen. Mein Spanier redet so die Thränen seiner Geliebten an:

[695] "Schöne Perlen, die, gebohren in der edlen Muschel des Orients, bis in den letzten Occident zerstreut werden, geben, auf Purpur gesetzt, nicht solchen Glanz von sich, als ihr auf der Rosenfarbe der Wangen."

Dies hätt' auch ein Italiener gesagt; aber hiermit ist jener bey weitem nicht zufrieden. An einem andern Orte läßt er die Thräne aus den Augen auf die Brust herabrollen und auf das Kleid: da verwandelt sie sich in gefrornen Schnee, und empfängt die Gestalt einer hellen Perle, dergleichen an Vollkommenheit der Orient nicht hervorbringt.

"Hätte Juno, die heilige Göttinn des stolzen Samos, diese glänzende Perle gehabt; ihr hätte Paris den Preis gegeben.

Mit dieser wäre Venus glücklicher, Diana blendender weiß, und mächtiger das Licht des Phöbus."

Noch nicht genug! Er nimmt die Perle voll Bewunderung in seine Hand – bringt sie an den Mund – Augenblicklich schmelzt sie, fließt in seine innersten Theile – der harte, kalte Schnee wird zu Feuer; und plötzlich geräth sein Herz in Brand. (*)

Um diesem Dichter Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, würd' ich eins von seinen besse[696]ren Liedern übersetzen, wären sie nicht entweder bloßer Nachklang der Petrarchischen Muse, oder so beschaffen, daß wer die sanfte Melodie von ihnen wegnähm, ihren Zauber zerstöhrte.

Mit unsren Nachbarn, den Liederreichen Franzosen, die zum Singen geschaffen sind, wie die Lerche in der Luft, mit ihnen darf ich wohl unsre Deutschen Damen nicht erst bekannt machen. Die fröhlichen Chansons, Ariettes und Vaudevilles derselben hört man bey uns häufiger, als unsren eignen Gesang. Was aber soll ich für ein Lied aus dem Englischen zum Beyspiel wählen? Verschiedne Sammungen hab' ich durchgeblättert; aber, ich gesteh' es, ein fremdes Lied in deutsche Verse getreu zu übersetzen, dazu fehlt mir die Begeisterung; und in Prosa – Wie kann ichs vor dem fremden Dichter verantworten? – Eins von denen mir bewußten Stücken, die am wenigsten in Prosaischer Uebersetzung verlieren, ist die Romanze in dem Landpriester von Wakefield; ein Stück übrigens, voll des National-Genie der Engelländer, ganz in ihrem Ton, und worinn mancherley Gattungen von Poesie, die schildernde, moralische und zärtliche zusammenkommen. Diejenigen, die es schon kennen, werden nicht unzufrieden seyn, es hier wieder zu finden. Ich [697] habe die wohlgerathne Uebersetzung desselben im älteren deutschen Landpriester mit dem Original sorgfältig verglichen, hier und dort geändert, und das Deutsche dem Englischen so nah als möglich zu bringen gesucht. Oft ist mirs gelungen, so gar die Stellung und den Fall der Wörter beyzubehalten. Diese Romanze hat zu dem Göthischen Singspiel: Erwin und Elmire Gelegenheit gegeben, und auch aus dieser Ursache wünsch' ich, sie der Iris mitzutheilen.

"Kehre zurück, lieber Einsiedler, aus deinem Thal, und leite meinen einsamen Gang dort hin, wo jener Schimmer die Tiefe mit einladendem Strahl erfreut:

Denn hier geh' ich verlassen und verirrt, mit langsamen und matten Schritten; und die unermeßlich ausgebreiteten Wüsten scheinen sich zu verlängern, je weiter ich komme."

Hüte dich ja, mein Sohn: schreyt der Einsiedler: es auf den gefährlichen Glanz zu wagen; denn jenes treulose Bild flattert, um dich in dein Verderben zu locken.

Hier ist dem Haus-losen Kinde der Dürftigkeit stets meine Thür offen; und ist gleich mein Vorrath nur gering, so geb' ich ihn doch mit gutem Willen.

So kehre denn zu Nacht ein, und theile [698] freymüthig mit mir alles, was meine Zelle vermag; mein Bette von Binsen, meine sparsame Kost, meinen Seegen und meine Ruhe.

Keine Heerden, welche frey das Thal durchirren, verdamm' ich zur Schlachtbank. Von jener Macht, die sich meiner erbarmt, lern' ich mich ihrer erbarmen.

Aber von der Gras reichen Seite des Berges hohl' ich ein Schuldloses Mahl; eine Hirtentasche voll Kräuter und Früchte, und Wasser aus der Quelle.

So komm denn, Pilger! entschlage dich deiner Sorgen. Alle von der Erde gebohrne Sorgen sind unrecht. Der Mensch bedarf nur eines wenigen hienieden, und auch des wenigen nicht lang.

Sanft, wie der Thau vom Himmel herabsteigt, entfielen seine freundlichen Worte den Lippen. Der sittsame Fremdling bückte sich tief, und folgte ihm nach der Zelle.

Tief in einer dunkeln Wildniß lag die einsame Wohnung; eine Zuflucht benachbarter Armen und verirrter Fremdlinge.

Kein Vorrath machte unter diesem niedrigen Strohdache die Wachsamkeit seines Herrn nöthig. Die kleine Thür durch eine Klinke geöfnet, empfieng das unschuldige Paar.

Und nun, als der Schwarm der Geschäfti[699]gen sich zur Abend-Ruhe begeben hatte, da legte der Einsiedler sein kleines Feuer an, und ermunterte seinen tiefsinnigen Gast.

Und breitete seinen Vorrath aus dem Gewächsreich aus, und nöthigte freudig, und lächelte, und täuschte die langsamen Stunden durch seinen geschickten Unterricht aus Legenden dahin.

Um ihn her versucht mit sympathetischer Lustbarkeit die Katze ihre Gauckelsprünge; die Grille schirpt auf dem Heerde; und das knatternde Reisgebund geht in die Luft.

Aber nichts konnt' einen Reitz verschaffen, der das Weh des Fremdlings besänftigte; denn Graam lag schwer an seinem Herzen, und Zähren begannen zu fließen.

Seinen wachsenden Kummer erforschte der Einsiedler, von antwortendem Kummer gedrückt. Und: woher unglücklicher Jüngling, schrie er, die Sorgen deiner Brust?

Streifst du, aus bessern Wohnungen verstoßen, wider Willen umher? Bekümmert dich unerwiederte Freundschaft, oder ungeachtete Liebe?

Ach! die Freuden, die das Glück bringt, sind nichtswürdig und vergänglich; und wer diese Armseligkeiten schätzt, ist nichtswürdiger noch, als sie.

Und was ist Freundschaft anders, als ein Name, ein Zaubermittel, das einschläfert, [700] ein Schatten, der dem Reichthum oder Ruhm folgt, aber den Elenden allein weinen läßt?

Und Lieb' ist noch ein leererer Schall, ist der heutigen Schönen Spott; auf Erden ungesehen oder nur gefunden, wo sie das Nest der Turteltaube wärmt.

Schäme dich denn, verliebter Jüngling! unterdrücke deine Sorgen, und verachte die Frauen: sagt er; aber, indem er sprach, verrieth eine aufsteigende Schamröthe seinen in Liebe verlohrnen Gast.

Erstaunt sieht der Einsiedler neue Schönheiten, schnell sich verbreitend, vor seinen Augen entstehen; gleich den Farben über dem Morgen-Himmel; eben so glänzend, und eben so flüchtig.

Der verschämte Blick, die steigende Brust vergrößern wechselsweise die Unruhen. Der Liebenswürdige Fremdling steht überwiesen da; ein Mädchen in allen seine Reitzen.

Und: Ach! vergieb, rief sie aus, einer unhöflichen Fremden, einer elenden Verlaßnen, deren ungeweihter Fuß sich da hineingeschlichen hat, wo der Himmel und du wohnen.

Vielmehr laß ein Mädchen Theil an deinem Mitleid haben, welches die Liebe irre geführt, welches Ruhe sucht; aber Verzweiflung findet, zur Gefährtinn seines Weges.

[701] Mein Vater wohnte jenseit der Tyne, war ein reicher Lord; und aller sein Reichthum ward als der meinige betrachtet; er hatte nur mich.

Mich aus seinen zärtlichen Armen zu gewinnen, kamen unzähliche Freyer, priesen an mir vermeinte Reitzungen, und fühlten oder gaben vor eine Flamme zu fühlen.

Jede Stunde bewarb sich eine lohnsüchtige Schaar mit den prächtigsten Erbietungen: unter den Uebrigen bückte sich der junge Edwin; redet' aber niemals von Liebe.

In demüthiges einfaches Gewand gekleidet; hatt' er weder Reichthum, noch Macht. Weisheit und Rechtschaffenheit war alles, was er hatte; aber das war auch alles für mich.

Die Blüthe, welche dem Tage sich öfnet, der eine Thau des Himmels, konnte nichts von Lauterkeit zeigen, das seiner Seele gleich kam.

Der Thau, die Blumenblüthe schimmern mit unbeständigen Reitzen. Ihre Reitze hatt' er; aber wehe mir! ihre Beständigkeit hatt' ich.

Denn stets versucht' ich jeden veränderlichen Kunstgriff des Ungestüms und der Eitelkeit; und indem seine Leidenschaft mein Herz rührte, frohlockt' ich über seine Quaal.

Bis er, durch meine Verachtung gänzlich niedergeschlagen, meinem Stolze mich über[702]ließ, und eine verlaßne Einöde suchte, worinn er heimlich starb.

Aber mein war der Kummer, mein die Schuld; und mein Leben soll dafür bezahlen. Ich will die Einöde suchen, die er suchte, und mich dahin strecken, wo er lag.

Und dort, verlassen, verzweifelnd, im Verborgenen, will ich mich niederlegen und sterben. So für mich starb Edwin, und so für ihn sterben will ich.

"Das wolle der Himmel nicht! rief der Einsiedler, und drückte sie an seine Brust. Die verwunderte Schöne kehrte sich um, zu schelten – Es war Edwin selbst, der sie drückte.

Wende dich her Angeline, du immer theures entzückendes Mädchen! wende dich, hier deinen Edwin zu sehen, wiedergeschenkt der Liebe und dir.

Also laß mich dich an mein Herz halten, und ieden Kummer vergessen! Und so wollen wir nimmer, nimmer uns trennen; du, mein Leben, mein Alles, was mein ist!

Nein, nimmer! – von dieser Stund' an wollen wir leben und treulich uns lieben. Derjenige Seufzer, welcher dein standhaftes Herz bricht, soll auch das Herz deines Edwins brechen.

 

Eine gute Geschichte des Deutschen Liedes zu schreiben, wär' in Deutschland ein verdienstliches Werk. Derjenige, der es unterfieng, müßte nicht nur ein gelehrter Mann, sondern auch dazu berufen seyn, dem Gang der Natur zu folgen, der Menschheit nachzuspüren. Er müßt' hinaufgehen, so weit man gehen kann; müßt' untersuchen, in wie fern ein neuer Historiker in Absicht unsrer ersten Barden *) Recht habe; die Zeiten [800] und Sitten der Minnesänger *); so gut als den Geist ihrer Poesie studieren, damit er entwickelte, wie jene auf diesen, und dieser auf jene gewürkt; endlich müßt' er das Biederwesen der Meistersänger **); sich eigen machen; von ihnen auf Vater Opitz, und bis zu uns herunterkommen. Da sähen wir in den verschiednen Zeiten, was Religion, Heldenthum und Liebe waren und wurden; sähen in den alten Kirchen- Ritter- und Lie[801]bes-Liedern, jenen ehrlichen, festen Glauben, wenn auch die Welt voll Teufel wär; jenes innige Vertrauen, mit welchem man um sein Bette sich eine ganze Wache von Engeln erbat; das Trutzen auf Recht und Freyheit, wovon das Gesicht glühend ward beym Annähern des Todes; und den bündigen Eid im bloßen Handschlag; und die Treue, die man nicht sonder öffentliche Schande verletzte. Alles das, öfter mit Aberglauben, grober Phantasie, rauhen Klang und harter Sprache gemischt, sähen wir, und hörten es singen aus Herzens-Grunde; und bemerkten, wie viel uns, bey unsrer Läuterung, Aufklärung, bey unsrem anmuthigeren Gesang in einer weicheren Sprache, davon geblieben sey. Beurtheilten dann die Klagen der Neuesten über die Neuen: ob ihnen allen das eben so rein aus dem Herzen fließe, wie den Vorvätern; oder ob einige nur deren Weise nachahmen? – Kurz: Eine solche Lieder-Geschichte wäre die Geschichte der Nation.

Aber hätt' ich auch Gelehrsamkeit, Geduld und Kenntniß des Herzens genug, um solch ein Werk zu beginnen, und auszuführen; so thät ichs dennoch in diesen Blättern nicht; weil ich versichert bin: Sie, meine Damen, [802] sängen lieber ein Lied von Hagedorn oder Gleim oder Uz, als daß Sie meine Abhandlung läsen. Und wohl Ihnen! Auch will ich Ihr natürliches Gefühl nicht durch kaltblütige Vergleichung unsrer besten Sänger, eines mit dem andern, stöhren; will eine jede Ihren Liebling darunter wählen, und singen lassen, was Ihrem Ohr am schönsten, Ihrem Geist am wohlthätigsten dünkt.

Das Einzige, was ich noch beyfügen muß, sind ein Paar Worte über diejenigen Gattungen der sangbaren oder lyrischen Poesie, die am meisten beym Lesen vorkommen, und in Gesellschaften genannt werden.

Als sich die Musik einigermassen vervollkommte, so, daß gezählte und gemessene Töne zu Einer Melodie sich vereinten, da wurd' es nothwendig, daß auch die Verse, welche zusammen Ein Sing-Stück ausmachen sollten, in gleiche Regeln sich einschränkten. Es gehörte dazu eine festgesetzte Anzahl derselben, die, wenn sie den Gedanken oder das Gefühl des Dichters über seinen Gegenstand nicht faßte, ein oder mehrere Mahl, nach Bedürfniß wiederhohlt wurde. Verschiedne Absätze von Versen stimmten zu eben [803] der Melodie; jene heißen wir mit einem griechischen Nahmen, Strophen; und das Ganze ein Lied

Wer aber pflegt Lieder zu singen? Gewiß nicht der, welchen der Schmerz bis zur Verzweiflung foltert; noch der, welcher vor Liebe rast, oder vor Unwissen bebt, oder bittern Hohn auf den Lippen trägt; aber der welcher einer kleineren oder gelinderten Betrübniß ruhiger nachhängt, und in Klagen Trost sucht; der Jüngling, der ein liebes Bild mit sich im Herzen herumträgt, bald in Freude, bald in Trauer, voll Hoffnung, Furcht, Sehnsucht und Ahndung; imgleichen der Mann, der nicht so wohl im Ernst über Unrecht böse wird, als seiner Laune Luft macht, und über Thorheiten spöttelt. Wenn also ein Dichter sich durch Begeisterung in eine von obigen Gemüthsbewegungen hinein setzt, und den ganzen Sturm einer heftigen Leidenschaft in ein Lied bringt, so kann dieses nie mit einiger Wahrheit gesungen werden. Ueberdem ist die Abwechslung der Empfindungen so gewaltsam, der Uebergang von einer zur andern so rasch; manches nur angedeutet, manches in der Mitte schnell abgebrochen, weniges geordnet, fast alles herbeyge[804]rissen; und dies mit einer solchen Menge von Ausrufungen, Fragen u.s.w. daß eben dieselbe Melodie unmöglich zu den verschiednen Strophen des Liedes paßt. Ein Gedicht welches sich dieser Art, mehr oder weniger, nähert, nennen wir eine Ode.

Zwar entsteht dieselbe nicht immer aus einer mächtigeren Begeisterung, aus dem stärkeren Eindrucke welchen ein Gegenstand auf den Dichter macht; sie kann auch von der bloßen künstlichen Behandlung des Gegenstandes ihre Form erhalten; wenn nehmlich der Plan verwickelter ist, der Haupt-Faden unsichtbarer durch das Ganze läuft, mehrere Fäden angeknüpft sind, die verlohren scheinen, aber endlich sich mit jenem verbinden; so wie in Rammlers herrlichem Gesang; auf einen Granat-Apfel, wo man gleich mit der Frage überrascht wird; find ich dich hier in deiner grünen Crone? dann bey Proserpinen verweilt, deren Lieblings-Apfel es war; dann zu der allgemeinen Betrachtung übergeht: der Erdball ändert sich; welches durch die Künste geschieht; von den Künsten dahin zurückkehrt, wo der Granat-Apfel zur Reife kam, und Berlin bewundert, Athen an Geist, voll Muth wie Sparta; [805] wieder bey Sparta sich aufhält; und nicht eher als am Schluß erfährt! dies alles sey der Gesang einer Muse. – Solch ein Gedicht ist eben so wenig singbar als eins, worinn sich Leidenschaft herumwälzt; es hat eben so wenig den leichten, beym ersten Anhören jedermann verständlichen Ton; die gleiche Weise mit bequemen Uebergängen; das Sinnliche in der Darstellung, was die Seele sofort auffängt, was sie ohne Anstrengung sich eigen macht. Hier ist immer Erwartung dessen, was kommen soll, und volle Befriedigung erst am Ende.

Ueberhaupt ist der Oden-Verfasser mehr Künstler, als der Lieder-Sänger. Ersterer sagt: Ich will singen! Man horcht; erstaunt über ihn, lobt ihn. Der andre stimmt an, weil es ihm so gemüthlich ist; und wir singen mit.

Wie die verschiedne Art, einerley Gegenstand anzusehen und zu empfinden, oder zu behandeln, bey diesem ein Lied, bey jenem eine Ode hervorbringt, erkennen meine Leserinnen am deutlichsten, wenn Sie Vergleichungen anstellen. Nehmen Sie zum Beyspiel die Genesung von Klopstock.

[806] "Genesung, Tochter der Schöpfung auch,
Obwohl der Unsterblichkeit nicht gebohren,
Dich hat mir der Herr des Lebens und des Todes
Vom Himmel gesandt!
Hätt' ich Deinen sanften Gang nicht vernommen,
Nicht Deiner Lispel Stimme gehört;
So hätt' auf des Liegenden kalter Stirn
Gestanden mit dem eisernen Fuße der Tod!"

Hören Sie dagegen, in seiner Einfalt, den treuherzigen, wohlgemuthen Asmus:

"Ich lag und schlief; da fiel ein böses Fieber
Im Schlaf auf mich daher,
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Es sprachen Trost, die um mein Bette saßen;
Lieb Weibel grämte sich,
Gieng auf und ab, wollt sich nicht trösten lassen,
Und weinte bitterlich.
Da kam Freund Hain: "Lieb Weib, mußt nicht so grämen,
[807] Ich bring' ihn sanft zur Ruh:"
Und trat ans Bett, mich in den Arm zu nehmen,
Und lächelte dazu."

Oder vergleichen Sie Klopstock an Fanny mit Gleim an Doris.

 

          Klopstock:

"Dann wird ein Tag seyn, den werd ich auferstehn!
Dann wird ein Tag seyn, den wirst Du auferstehn!
Dann trennt kein Schicksal mehr die Seelen,
Die Du einander, Natur, bestimmtest.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wenn dann Du dastehst jugendlich auferweckt,
Dann eil' ich zu Dir! säume nicht, bis mich erst
Ein Seraph bey der Rechten fasse,
Und mich, Unsterbliche, zu Dir führe."

 

          [808] Gleim:

"Dann werd' ich beym Auferstehen
Dich an meiner Seite sehen!
Dann mischt sich in meiner Brust,
Liebe zu der Himmelslust.
Dann wirst Du mich erst erquicken,
Wann Du nicht mehr irrdisch bist;
Dann wird mich Dein Kuß beglücken,
Wann mich erst ein Engel küßt,
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Doris, nun will ich Dich führen:
Sieh, dort ist Dein Vaterland!
Komm, Du sollst den Himmel zieren:
Zier ihn nur an meiner Hand!"

 

Meine Leserinnen begreifen, wie man auf diese Weise Gott in einem leichten Lied', und das Rosen-Knöspchen in der feyerlichsten Ode besingen könne.

Nachdem die Musik der Poesie gewisse Regeln vorgeschrieben hatte, so bekam auch erstere durch Hülfe der letzteren mehr Mannichfaltigkeit. Der Dichter gab ihr, in abwech[809]selnden langen und kurzen Versen, Erzählungen oder Betrachtungen; und sie ahmte die Freyheit desselben nach. So entstund das Recitativ. Die Empfindung, worinn die Sätze des Recitativs zusammen flossen, und die vielleicht, um sich lebendiger und voller auszudrücken, in der Näh ein Bild, ein Gleichniß ergriff; diese trug der Dichter in wenigen, abgezählten, untereinander genauer harmonierenden Versen vor. Man hieß es Arie. Die Verbindung eines Recitativs, oder mehrerer, mit einer oder mehreren Arien macht eine Cantate; und wenn die Sänger, als handelnde Personen, eine Geschichte auf der Bühne darstellen; so haben wir von sangbarer Poesie das vollständigste Ganze; die Oper.

 

 

[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern bezeichneten Seiten]

[441] (*) Iris, fünfter Band. S. 129.   zurück

[669] (*) Ohne mich in die Untersuchung einzulaßen, in wie fern das Clima fähig sey, auf den Geist und Charakter eines Volks zu würken, glaub' [670] ich wenigstens als ausgemacht annehmen zu können, daß ein freundlicher, oder finstrer Himmel, eine lachende, oder schreckende Landschaft, eine arme, einförmige, oder reiche, mannichfaltige Gegend auf die Einbildungskraft des Dichters verschiedentlichen Einfluß haben müße. Die anschauendsten Bilder und die lebhaftesten Vergleichungen empfängt er von den Gegenständen um ihn her. Ich rede von National-Gesängen, da man nicht in der Lüneburger Haide von den Wellen des Oceans, im flachen Kornlande von den Cedern auf Libanon, oder von dürren Sandwüsten auf luftigen Traubenhügeln singt.   zurück

[672] (*) Die griechische Dichterinn Sappho ist den Leserinnen der Iris bekannt.   zurück

[673] (*) Vielleicht: gebadeten.   zurück

[677] (*) Ein nordliches Gestirn, sonst der Bärenhüter genannt.   zurück

[678] (*) Gleichfalls ein Gestirn, oder vielmehr ein Theil des Bootes.   zurück

[678] (**) Von Kälte starr.   zurück

[680] (*) Man pflegte zu der Zeit durch abgerichtete Vögel Briefe zu bestellen.   zurück

[689] (*) Sind Fische des Hellesponts, eine ähnliche Art der Schollen, von flacher und fast runder Gestalt, mit starken, in der Mitte sich zuspitzenden Schuppen; sie werden im Sturme von dem Wasser in die Höhe getrieben.   zurück

[691] (*) Die Morgenländer kennen nicht die Muschen der Europäer, aber sie lieben die Muttermäler oder natürlichen Zeichen, die wahrscheinlicher Weise Gelegenheit zur Erfindung der Muschen gegeben haben. Dies nennt man im Türkischen Bengii.   zurück

[692] (*) Jeder Türkische Dichter nimmt einen Zunamen, den er gemeiniglich in der letzten Strophe seines Gesanges einrücket.   zurück

[692] (**) Aus der Litterarischen Reise nach Griechenland etc. von Hn. Guy, Th. 2. Deutsche Uebers. Leipzig, bey Schwickert 1772.   zurück

[695] (*) Versos de Fernande de Herrera. Impr. en Sevilla. 1619. L. I. Eleg. III. i V.   zurück

[799] *) Isländische Litteratur und Geschichte. Erster Theil. Göttingen und Gotha 1773. S. 61. u.f. Wo diese Barden für nichts gehalten werden, als für "Bänkleinssänger, die sich damit ihr Brodt bey kleinem und hohem Pöbel verdienten." Klopstock hat seine Barden aus denen Zeiten genommen, da sie [800] die Krieger, welche für deutsche Freyheit kämpften, zur Schlacht anfeuerten, hat sie vielleicht veredelt; aber nicht, wie einige seiner Nachahmer, ein Kinder-Spiel damit getrieben.   zurück

[800] *) Man sehe die Gedichte nach den Minnesingern. Berlin 1773.   zurück

[800] **) Eine Zunft von Dichtern, die bey öffentlichen Zusammen-Künften ihre Gedichte absungen, förmlich durch eine Reichs-Policey-Ordnung bestätigt, und vom Kayser mit einem Wappen beschenkt. Sie wurden von einigen Fürsten und Städten so gar besoldet. Hans Sachs, einen der berühmtesten dieser Zunft, können meine Leserinnen aus dem deutschen Merkur genauer kennen lernen. Sie finden ihn daselbst im Monath April 1776.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Iris.
1776:
Bd. 6, Stück 3, S. 441-462 [PDF]
Bd. 7, Stück 3, S. 668-702 [PDF]
Bd. 8, Stück 1, S. 799-809. [PDF]

Gezeichnet: J. G. J.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

Anger, Alfred: Deutsche Rokoko-Dichtung. Ein Forschungsbericht. Stuttgart 1963.

Anger, Alfred: Literarisches Rokoko. 2. Aufl. Stuttgart 1968 (= Sammlung Metzler, 25).

Anger, Alfred (Hrsg.): Dichtung des Rokoko. Nach Motiven geordnet. 2. Aufl. Tübingen 1969 (= Deutsche Texte, 7).

Aurnhammer, Achim: Johann Georg Jacobis Hallenser Tasso-Vorlesung (1767). In: Torquato Tasso in Deutschland. Hrsg. von A. Aurnhammer. Berlin u.a.1995, S. 398–422.

Aurnhammer, Achim: Johann Georg Jacobi und sein Freiburger Dichterkreis (1784 – 1814). In: Poeten und Professoren. Eine Literaturgeschichte Freiburgs in Porträts. Hrsg. von Achim Aurnhammer u.a. Freiburg i.Br. 2009, S. 131-151.

Eckel, Winfried: Lyrik und Musik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 180-192.

Huyssen, Andreas: Sturm und Drang. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 177-201.



Romanzen aus dem Spanischen des Gongora übersetzt von Hrn. J. G. Jacobi. Halle: Gebauer 1767.
URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-312628

Jacobi, Johann Georg: Ueber die Elegie.
In: Iris. 1774, Bd. 1, Stück 2, S.  53-76.
URL: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/iris/iris.htm

Jacobi, Johann Georg: Ueber das Schäfer-Gedicht, sonst Ekloge oder Idylle genannt.
In: Iris. 1776, Bd. 5, Stück 2, S.  112-128.
URL: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/iris/iris.htm

Jacobi, Johann Georg: Ueber das Lied.
In: Iris. 1776:
URL: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/iris/iris.htm
Bd. 6, Stück 3, S. 441-462 [PDF]
Bd. 7, Stück 3, S. 668-702 [PDF]
Bd. 8, Stück 1, S. 799-809. [PDF]

Aurnhammer, Achim / Klein, C.J. Andreas: Johann Georg Jacobi (1740 – 1814). Bibliographie und Briefverzeichnis. Berlin u.a.: de Gruyter 2012 (= Frühe Neuzeit, 166).



Kertscher, Hans-Joachim: "Amor" und die schönen Wissenschaften – Johann Georg Jacobis Aufenthalt in Halle. In: Anakreontische Aufklärung. Hrsg. von Manfred Beetz u.a. Tübingen 2005 (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung, 28), S. 239-274.

Krummacher, Hans-Henrik: Odentheorie und Geschichte der Lyrik im 18. Jahrhundert. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 77-123.

Manthey-Zorn, Otto: Johann Georg Jacobis Iris. Diss. Leipzig 1905.

Martin, Dieter: "Sagt, wo sind die Veilchen hin". Zur Entstehungs- und Erfolgsgeschichte von Johann Georg Jacobis "Kunstlied im Volksmunde. In: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture. Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg 46 (2001), S. 39-69.

Miller, Norbert: Das Lied in der Lyrik des 18. Jahrhunderts. In: Musikalische Lyrik. Hrsg. von Hermann Danuser. Bd. 1: Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert. Laaber 2004 (= Handbuch der musikalischen Gattungen; 8,1), S. 408-434.

Müller, Günther: Geschichte des deutschen Liedes. Vom Zeitalter des Barock bis zur Gegenwart. Darmstadt 1959.   –   Zuerst 1925.

Parsons, James: The eighteenth-century Lied. In: The Cambridge Companion to the Lied. Hrsg. von James Parsons. Cambridge u.a. 2004, S. 35-62.

Potthast, Barbara: Suchbewegungen im Grenzgebiet. Zum gedruckten Briefwechsel zwischen Johann Wilhelm Ludwig Gleim und Johann Georg Jacobi (1767/68). In: Euphorion 103 (2009), S. 403-425.

[Karl Wilhelm Ramler, Hrsg.]: Lieder der Deutschen. Berlin: Winter 1766.
URL: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10116685.html
S. 2r-4v: Vorbericht. [PDF]

Salmen, Walter: Johann Georg Jacobi, ein Protagonist des 'Liedes im Volkston'. In: Zwischen Josephinismus und Frühliberalismus. Literarisches Leben in Südbaden um 1800. Hrsg. von Achim Aurnhammer u.a. Freiburg i.Br. 2002, S. 283-296.

Sauder, Gerhard (Hrsg.): Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Stuttgart 2003 (= Universal-Bibliothek, 17643).

Sauder, Gerhard: Art. Jacobi, Johann Georg. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Hrsg. von Wilhelm Kühlmann. Bd. 6. Berlin u.a. 2009, S. 72-75.

Schwab, Heinrich W.: Sangbarkeit, Popularität und Kunstlied. Studien zu Lied und Liedästhetik der mittleren Goethezeit 1770 – 1814. Regensburg 1965 (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, 3).

Seiler, Sascha: Art. Lied, Chanson, Song. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 472-479.

Sulzer, Johann George: Allgemeine Theorie der Schönen Künste in einzeln, nach alphabetischer Ordnung der Kunstwörter auf einander folgenden, Artikeln abgehandelt.
Zweyter Theil, von K bis Z.
Leipzig: Weidemanns Erben und Reich 1774.
URL: https://archive.org/details/allgemeinetheor10sulzgoog
S. 713-718: Lied. [PDF]

Wappler, Gerlinde: Johann Georg Jacobi. In: G. W.: "Leben Sie wohl, geliebter Vater". Menschen um Gleim II. Oschersleben 2000, S. 50-74.

Zeman, Herbert: Die deutsche anakreontische Dichtung. Ein Versuch zur Erfassung ihrer ästhetischen und literarhistorischen Erscheinungsformen im 18. Jahrhundert. Stuttgart 1972 (= Germanistische Abhandlungen, 38).

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer